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Auf derselben Wiese, auf der im 15. Jahrhundert Holzstangen den Ort verschiedener Untaten markieren, steht heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, das Mietshaus, in dem Heinz und Selena die kühle Endphase ihrer Beziehung erleben. In den Zwanzigerjahren befindet sich auf der Wiese das Bauernhaus der Familie Schacher, aus dem der junge Schacher davonläuft und mit Bruns Ein-Mann-Varieté auf Wanderschaft geht. In den Sechzigerjahren wohnen die neunjährige Mari und ihr Vater in dem Mietshaus, auch sie ein seltsames Paar: Mari ist in ständiger Angst vor Krieg und Geheimpolizei, aber auch vor der…mehr

Produktbeschreibung
Auf derselben Wiese, auf der im 15. Jahrhundert Holzstangen den Ort verschiedener Untaten markieren, steht heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, das Mietshaus, in dem Heinz und Selena die kühle Endphase ihrer Beziehung erleben. In den Zwanzigerjahren befindet sich auf der Wiese das Bauernhaus der Familie Schacher, aus dem der junge Schacher davonläuft und mit Bruns Ein-Mann-Varieté auf Wanderschaft geht. In den Sechzigerjahren wohnen die neunjährige Mari und ihr Vater in dem Mietshaus, auch sie ein seltsames Paar: Mari ist in ständiger Angst vor Krieg und Geheimpolizei, aber auch vor der neugierigen Nachbarin, und Vater Ferenc faßt im neuen Land nicht Fuß. Auf vier Zeitebenen über sechs Jahrhunderte hinweg zeichnet Im April die Geschichte ein und desselben Ortes und seiner einander ablösenden Bewohner nach. Durch alle Zeiten hindurch läßt der Ort sein grundlegendes Geheimnis spüren. Diesen Ort, die Menschen und Geschichten einzeln und zusammenzusehen zugleich ihr Geologe, Soziologe und ihr Historiker zu sein ist die Leistung dieses Romans, eine Leistung, wie sie nur von wahrer Literatur erbracht werden kann.
  • Produktdetails
  • Meridiane Bd.94
  • Verlag: Ammann
  • Seitenzahl: 332
  • Erscheinungstermin: August 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm
  • Gewicht: 466g
  • ISBN-13: 9783250600947
  • ISBN-10: 3250600946
  • Artikelnr.: 20856257
Autorenporträt
Christina Viragh, geboren 1953 in Budapest, emigrierte 1960 in die Schweiz und lebt heute in Rom. Sie ist Schriftstellerin und übersetzt aus dem Ungarischen und Französischen. 2012 wurde sie mit dem Hauptpreis des Europäischen Übersetzerpreises Offenburg für ihre Übersetzungen aus dem Ungarischen ausgezeichnet.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 16.04.2007

Wohin führt die Spur des Igels, der 1415 über die Wiese lief?
Wie man der Zeit ein Schnippchen schlägt, um von ihr erzählen zu können: Christina Viraghs Roman „Im April”
Christina Viraghs Roman „Im April” trägt eine Zeitbestimmung im Titel. Doch die Zeit ist in diesem Buch kein Maßstab der Orientierung, sondern der Untersuchungsgegenstand. Fest liegt nur der Ort, eine Wiese in der Nähe von Luzern, die von den Menschen „die Matte” genannt wird. Von hier aus wird die Geschichte über einen Horizont von 600 Jahren hinweg beobachtet. Die Perspektive fixiert den Moment, doch die Jahrhunderte wechseln. Der selbe Aprilabend kann 1415 und 1963 sein. „Jetzt” ist ein dehnbarer Begriff.
Im 15. Jahrhundert markieren drei Holzstangen die Stelle, an der sich gleich mehrere Verbrechen ereignet haben sollen. Sie wirken wie ein literarischer Vermessungspunkt – poetisches Gerät zur Tiefenbohrung durch die Schichten der Zeit. In den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts steht hier das Bauernhaus der Familie Schacher, deren Sohn vor dem trinkenden und prügelnden Vater davonläuft, um sich einem fahrenden Künstler anzuschließen, der ihn, so raunt man im Dorf nach seiner Rückkehr, missbraucht habe. Vierzig Jahre danach endet das Familiendrama mit einem Doppelselbstmord. Kurz darauf wird das Schacher-Haus abgerissen, an seiner Stelle entsteht mit viel Lärm ein Neubau, beobachtet von dem aus Ungarn geflohenen Intellektuellen Ferenc und seiner Tochter Mari, die im Nebenhaus wohnen. Noch einmal vierzig Jahre später spielen sich hier Beziehungsdramen zwischen Heinz und Selena ab, zwei hypernervösen Bewohnern des frühen 21. Jahrhunderts: Ihn plagt der Wahn, von einem Doppelgänger verfolgt zu werden. Sie erträgt es während ihrer Schwangerschaft nicht, allein zu sein.
Christina Viragh entwickelt diese Geschichten als übereinander geschichtetes Material. Sie erzählt das zeitlich so weit Auseinanderliegende gleichzeitig und konsequent im Präsens. Damit versucht sie etwas, das Literatur kaum leisten kann, weil Sprache alles, was sich im selben Moment ereignet, in ein Nacheinander auflösen muss, um es erzählbar zu machen. Das weiß auch Christina Viragh, doch will sie die Dominanz der Zeit brechen. In den ersten Kapiteln operiert sie kleinteilig, erzählt minutiös vom Verstreichen der Zeit. Und dann, und dann, und dann. Absatz für Absatz springt sie zwischen den Epochen und Geschichten hin und her. Im mittleren Teil konzentriert sie sich kapitelweise auf die einzelnen Geschichten, um am Schluss wieder die fragmentierte Totalität zu suchen.
Erstaunlicherweise produziert der rasant geschnittene Text eine große Ruhe. Das hat mit der allwissenden Erzählstimme zu tun, die sich durch nichts ablenken lässt und über allem schwebt. Dieser Stimme ist alles gleich wichtig: ob im Jahr 1415 ein Igel über die Wiese läuft oder 550 Jahre später ein Mädchen krank im Bett liegt und ängstlich auf den Vater wartet, macht keinen Unterschied. Ob Wolken oder Pflanzen oder Bratwürste auf dem Teller oder die Gedanken eines Menschen im inneren Monolog – alles ist für diese Stimme gleich real, gleich dinglich, gleich wichtig.
Christina Viragh erzählt so, als blicke sie selbst durch das Fernrohr, das ein Nachbar aus seinem Dachfenster auf das Schacher-Haus richtet, weil er dort einen Goldschatz in einer Truhe vermutet. Es ist ein forschender, neugieriger Blick, der aber eher Geheimnisse produziert, als dass er Rätsel auflöste. Zu sagen, die Geschichten relativierten sich gegenseitig, wäre falsch. Aber die historische Tiefendimension erzeugt eine entspannte Gelassenheit – und eine Ent-Traumatisierung des Biographischen. Denn im Zentrum des Roman steht die Geschichte der Autorin. Als Siebenjährige kam sie 1960 mit ihrem Vater aus Ungarn nach Luzern. Das Hineingeworfenwerden als Flüchtling in eine fremde Welt prägte ihre Lebensgefühl. In ihren Büchern hat sie das immer wieder zur Sprache gebracht. Auch wenn sie nun schon seit 12 Jahren in Rom lebt, bleibt Luzern der Nukleus ihres Erzählens.
Es ist deshalb kein Wunder, dass die Geschichte von Ferenc und Mari in „Im April” am lebhaftesten nachwirkt. Mari hat immer noch Angst vor Geheimpolizei und Roter Armee. Ihr Vater findet keinen Bezug zu den Bewohnern der kleinstädtisch-spießigen Welt. Die beiden sind aufeinander angewiesen, voneinander abhängig, und bekämpfen sich liebevoll-verzweifelt. Dass aus Mari eines Tages eine Schriftstellerin werden könnte, deutet sich an, als sie ihr erstes Schulheft vollschreibt. Vierzig Jahre später liest Selena Maris ersten Roman mit dem Titel „Alles zeigt sich, wenn man will.” Dieser Titel enthält das erzählerische Credo Christina Viraghs.
Mit ihrer leisen Stimme und der Präzision ihrer Schilderungen gelingt es ihr, das Verborgene ans Licht zu holen: all die Geheimnisse, Mythen, Gerüchte und Ängste, die im Boden der Geschichte stecken. „Alles ist in eine alte Zeit hinausgeredet, aber noch sitzen wir da”, sagte einer der Bewohner des 15. Jahrhunderts im Bewusstsein seiner Vergänglichkeit. Und der Bauer Schacher hat vor seinem Untergang das Gefühl, „das man beim Hören von einzelnen Sätzen immer hat, nämlich dass sie in eine riesige Flut hineingesagt sind, in die Flut der vielen Sätze, die man während eines Lebens sagt, eine Flut, in der all das Gesagte bald unkenntlich wird. Und doch gibt es dann einzelne Sätze, die Jahrzehnte überdauern.” Es ist die Sprache selbst, in der die Geschichten Christina Viraghs überdauern, auch dann, wenn die Figuren, die sie bevölkerten, schon längst verschwunden sind. JÖRG MAGENAU
CHRISTINA VIRAGH: Im April. Roman. Ammann Verlag, Zürich 2006, 334 Seiten, 19,90 Euro.
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.07.2007

Das Gras ist immer grüner
Betreten verboten: Christina Viragh sieht die Welt als Wiese

Über der Wiese, welche die Menschen wie magisch anzieht, liegt ein Schatten. Im späten Mittelalter hat hier ein Mord stattgefunden. Man spricht von Gold und dunklen Kräften. Christina Viragh schildert einen seltsamen Ort, indem sie das Schicksal der Anwohner auf vier Zeitebenen verfolgt: ein Aprilabend des Jahres 1415, zwanziger und sechziger Jahre des zwanzigsten und Anfang dieses Jahrhunderts. Die anfänglich etwas unübersichtliche Montage gewinnt schnell an Reiz.

Zunächst umkreist ein unerschrockener Adeliger die in der Nähe seines Landgutes gelegene Wiese, um sich ihrem Geheimnis zu nähern. Aber seinem forschenden Verstand steht der Unwille seines Pferdes entgegen, die "Matte" auch nur zu betreten. Dies löst die abergläubische Furcht eines Freundes aus, die sich durch unerklärliche Feuersbrünste steigert. Der Leser wird durch den meisterlichen Einsatz erlebter Rede in Weltuntergangsängste hineingezogen. Über das wahre Wesen der Wiese und der Welt kann niemand etwas Verbindliches sagen. Christina Viragh setzt ihre erkenntniskritische Einsicht in die Perspektivität aller Erkenntnis mit technischer Finesse um. Ihre Erzählerin verzichtet auf jede Bewertung, nur manchmal betrachtet sie die Figuren mit Ironie, spielt mit ihnen und den Zeitebenen, die sie entweder hart aneinander schneidet oder geschickt miteinander verbindet.

In den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts lebt die Familie Schacher auf einem Hof am Rande der "Matte". Wie die Wiese, so ist gewissermaßen auch das Schicksal der Familie von tiefen Furchen geprägt. Deren trunksüchtiges Oberhaupt treibt seine Frau in den Tod und den Sohn mit dem Gewehr aus dem Haus. In seiner Verzweiflung schließt der Junge sich einem fahrenden Varietékünstler in zierlichen Damenschuhen an, was zu rührenden und komischen Szenen führt. Ist dieser Herr Brun ein Retter oder ein Kinderschänder? Das Gerede der Leute bleibt ebenso uneindeutig wie die Aussagen des einfältigen Ausreißers, der aus seiner trüben Wirklichkeit in Phantasien flüchtet.

Es gelingt Christina Viragh, über Assoziationsketten, Träume und Selbstgespräche selbst in verwickelte Seelenlagen Einblick zu gewähren. In ihrem neuen Roman geht sie aber weiter als bisher über Einzelschicksale und auch über ihre eigene Biographie hinaus. Zwar sind Mari und ihr Vater, die in den sechziger Jahren in einem am Rande der "Matte" hochgezogenen Neubau wohnen, wie die Autorin ungarische Emigranten, deren Angst vor einem neuen Krieg und der Geheimpolizei die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts anklingen lässt. Aber der Blick der Autorin öffnet sich für alle, die durchs Treppenhaus laufen, für die Nachbarin im Morgenmantel hinter dem Spion und den Kneipenwirt. Christina Viragh bündelt die Lebensgeschichten der Menschen am Rande dieser mysteriösen Wiese, auf der nun gebaut wird. Der Anblick eines grauen Wohnklotzes stürzt Selena Anfang dieses Jahrhunderts in Depressionen und zwingt sie, ihren Mann zu verlassen. Was löst diese Krise wirklich aus? Und was fürchten die Anrainer der ehemaligen Wiese? Das bleibt ungelöst. Klar wird nur, dass die Schicksale der Epochen einander ähnlich sind. Die historisch exakt gezeichneten Zeiten gleiten ineinander über, werden zu einer großen grünen Fläche mit menschlichen Spuren. Viele Wege führen durch die Wiese, aber zu keinem Ziel - eine Metapher fürs Dasein. Bleibt man aber einen Moment stehen, spürt man jene Zeitlosigkeit, die keine Deutung mehr braucht und das Gerede der Menschen verstummen lässt.

SANDRA KERSCHBAUMER

Christina Viragh: "Im April". Roman. Ammann Verlag, Zürich 2006. 340 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rolf-Bernhard Essig kommt angesichts dieses Romans aus dem Schwärmen, Staunen und Loben gar nicht mehr heraus und preist das Buch in seiner Wirkung als ebenso magisch, wie es die Schweizer Wiese ist, auf der sich die vielschichtigen Geschichten ereignen. Nicht zuletzt sieht er sich wegen der bildmächtigen Sprache von Christina Viragh an Filme wie Peter Weirs "Picknick am Valentinstag" oder Andrej Tarkowskijs "Stalker" erinnert, wobei ihn besonders fasziniert, dass Viragh genauso wie diese Filmemacher ihren Figuren und Episoden nicht das Geheimnis nimmt. Als an romantische Literatur anknüpfend und damit einmalig in der Gegenwartsliteratur erscheint ihm die Prosa der Schweizer Autorin, sowohl was ihre Motive als auch ihre verschachtelte und fragmentarische Erzählweise angeht. Bei allen Hinweisen auf eine "höhere Realität" bleibe Viragh aber dennoch der Wirklichkeit verpflichtet, so Essig, der sich mit diesem Roman gleichermaßen gefesselt, in Bann geschlagen und intellektuell gefordert sieht.

© Perlentaucher Medien GmbH