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Hatte Hitler einen Schutzengel? Ausgerechnet Hitler? In Dieter Kühns ebenso provozierenden wie brillanten historischen Szenarios über das Ende Adolf Hitlers wird der Lauf der Geschichte umgekehrt: die Attentate von Georg Elser und Henning von Tresckow gelingen, der Krieg kommt zum Stillstand und Hitlers Schutzengel ins Grübeln. Vier sehr verschiedene Varianten von Geschichte und ein faszinierendes Gedankenspiel gegen alle historische Überlieferung…mehr

Produktbeschreibung
Hatte Hitler einen Schutzengel? Ausgerechnet Hitler? In Dieter Kühns ebenso provozierenden wie brillanten historischen Szenarios über das Ende Adolf Hitlers wird der Lauf der Geschichte umgekehrt: die Attentate von Georg Elser und Henning von Tresckow gelingen, der Krieg kommt zum Stillstand und Hitlers Schutzengel ins Grübeln. Vier sehr verschiedene Varianten von Geschichte und ein faszinierendes Gedankenspiel gegen alle historische Überlieferung
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 206
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 206 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 120mm
  • Gewicht: 330g
  • ISBN-13: 9783100415158
  • ISBN-10: 3100415159
  • Best.Nr.: 26760537
Autorenporträt
Dieter Kühn, geboren 1935, war freier Schriftsteller. Für seine Romane, Biographien, Erzählungen, Kinderbücher, Hör- und Schauspiele ausgezeichnet u. a. mit dem Hermann Hesse-Preis und dem Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er war Stadtschreiber von Bergen-Enkheim und Mainz. 2013 wurde Dieter Kühn mit der Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz geehrt. Dieter Kühn verstarb im Juli 2015 in Brühl bei Köln.
Rezensionen
Besprechung von 01.02.2010
Staatstrauer, und Göring übernahm

Entfesselung des Möglichkeitssinns gehört zu Dieter Kühns Poetik, seit er 1970 seinen ersten Roman veröffentlichte. Jetzt stellt er sich vor, Hitler wäre ermordet worden.

Gerade erst hat Quentin Tarantino unter großem Hallo Hitler in die Luft gesprengt. Jetzt stellt Dieter Kühn gleich mehrere Attentate auf den "Führer" nach und lässt sie gegen die historische Wahrheit gelingen. Tarantino mag es um blutsprudelnden historischen Trash gehen, um Rache des Kinos an der stupiden Realität und die Genugtuung, den Schurken noch einmal zur Strecke zu bringen. Kühn dagegen liebt literarische Denkspiele, das Erzählen gegen die Fakten. Er geht zurück an die Weichenstellungen, von denen aus andere Geschichtsverläufe möglich gewesen wären.

Es beginnt mit Georg Elser. Aus klarer politischer Einsicht wollte er Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller töten. In dreißig Nächten baute er heimlich in eine Säule des Saals eine genialisch ausgeklügelte Bombe ein, verdeckte alle Spuren und dachte sogar an die Kork-Isolation, die das Ticken des Zeitzünders unhörbar machte. Alles funktionierte bestens, nur dass der Dauerredner Hitler sich am Tag seines prospektiven Todes ausnahmsweise kurzfasste, um rechtzeitig zum Zug nach Berlin zu kommen. Man kann sagen, dass das schlechte Wetter jenes Novemberabends, das den Start von Hitlers Flugzeug verhinderte, Millionen Menschen zum Verhängnis wurde und unsere Geschichte bis heute bestimmt.

Entfesselung des Möglichkeitssinns gehört zu Kühns Poetik, seit er 1970 seinen ersten Roman über Napoleon veröffentlichte. Was wäre gewesen, wenn Hitler den ihm zugeschobenen Zettel mit der Abfahrtszeit des Zuges einfach ignoriert hätte mit dem Hinweis, dass er selbst bestimme, wann in Deutschland die Züge abfahren? Kühn malt es aus: Staatstrauer, Beethovenmusik, feierliche Radioansprachen des Nachfolgers Göring - Goebbels, Himmler und Bormann wurden beim Attentat gleich mit beseitigt. Dann folgt die historische Komödie der Rücknahme: Die Aggression und Radikalität der Hitler-Politik wird unter dem martialisch-jovialen Genussmenschen entschärft. Die Ausweitung des Polenfeldzugs zum Weltkrieg wird glücklich vermieden, der Holocaust findet nicht statt. Deutschland erlebt in der Folge Nationalsozialismus light, mit Zügen neowilhelminischer Restauration. Weil der Kulturbruch ausbleibt, bricht auch die Kultur nicht mit der Vergangenheit: Der Geist der Dreißiger weht weiter; keine "Stunde null", kein "Kahlschlag". Stattdessen wird Carl Orff mit einem Gegenwerk zu Mahlers 8. Sinfonie beauftragt: Es gelte, Goethes Faust II "in deutsche Tonsprache" zurückzuholen.

Der Reiz von Kühns "Fiktionen" besteht darin, dass die Ereignisse in pseudodokumentarischem Tonfall beglaubigt werden, mit sprachspielerischem Geschick bei der Konstruktion offizieller O-Töne. Offen bleibt nur die Frage, wie Göring-Deutschland ohne Raubzüge seine maroden Finanzen saniert hätte. Vom ersten Verschwender des Reiches wäre da wohl keine Lösung zu erwarten gewesen.

Auch dem Attentatsversuch Henning von Tresckows widmet Kühn eine Erzählung. Am 13. März 1943 schmuggelte er ein Sprengstoffpaket in Hitlers Flugzeug - wegen der russischen Eiseskälte im Frachtraum versagte der Zündmechanismus. Bei Kühn nicht; und nachdem Himmler Göring (auf der Pirsch erschossen) und Goebbels (als Blaubart verhaftet) ausgeschaltet hat, wird er selbst vom künftigen Reichspräsidenten Rommel übervorteilt, dem Wunschpartner Churchills für die Rettung Mitteleuropas vor dem Zugriff Stalins. Mag sein, dass Kühn alten Landser-Träumen vom fortgeführten Kampf gegen den "Bolschewismus" bedenklich nahe kommt. Beunruhigender ist seine Ausformulierung eines neuen politischen Biedermeier, in dem auch die nachmaligen Widerständler vom 20. Juli 1944 - deren Aufgabe sich ja erledigt hat - ihren Platz und ihre Ämter gefunden hätten.

Die beiden historischen "Fiktionen" erzählen möglichst realistisch, wie es hätte sein können. Die Titelgeschichte dagegen führt auf phantastische Weise aus, wie es wirklich war. Sie nimmt die Rede von der "Vorsehung", die Hitler selbst gern bemühte, wörtlich und macht dessen "Schutzengel" zur literarischen Figur. "Seit mehr als einem halben Jahrhundert werde ich von Selbstzweifeln geplagt, gequält, gepeinigt", beichtet der Geflügelte, der doch immer nur seine "Pflicht" erfüllt hat. Er verrät, wie es ihm gelang, "eigentlich todsichere Attentate" knapp zu vereiteln. Dabei erfährt man interessante Einzelheiten über die tatsächlichen Maßnahmen zum Schutz Hitlers. Allerdings kann Kühn dem Leser die Gewissensnöte des Engels nicht wirklich nahebringen.

Gelungener ist die Bewältigungs-Burleske "Gitler kaput?": "Hiermit bewerbe ich mich um den Kurt-Gerstein-Preis für Political Correctness" - so beginnt es. Ein so akribischer wie paranoider Querulant legt dar, wie er sich als Metallspezialist bei der verantwortungsvollen Entsorgung von Hitler-Büsten preiswürdige Verdienste erworben habe. Er macht Vorschläge zur Volksaufklärung durch die Sprengung von Hitler-Betonköpfen. Er erzählt, wie er in den Besitz der zerfetzten Hose kam, die Hitler am 20. Juli 1944 trug - und weiß, wie man sie mit pädagogischem Nutzwert der Öffentlichkeit zugänglich macht. Vor allem aber ist er gekommen, um sich zu beschweren. Die Komik zielt auf den vor lauter Korrektheitsanstrengung verkrampften Umgang mit der Geschichte. Kühn, der heute 75 Jahre alt wird, lässt es verspielt zugehen. Er riskiert etwas, weil er weiß: Die "Tiefenttrümmerung" der nationalsozialistischen Geschichtslast hat längst stattgefunden.

WOLFGANG SCHNEIDER

Dieter Kühn: "Ich war Hitlers Schutzengel". Fiktionen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 206 S., 17,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 04.06.2010

Die Grablegung in Carinhall
Ein Beitrag zur Was-wäre-wenn-Geschichtsschreibung? Dieter Kühns Buch „Ich war Hitlers Schutzengel“
Die federweiße Schwinge auf dem Umschlag wird nicht verhindern können, dass der Leser das Buch mit Hitler auf dem Titel in der U-Bahn lieber versteckt , er wollte denn in den Verdacht geraten, Revisionistisches zu lesen oder gleich ein Nazi-Nostalgiker zu sein. Hitler ist peinlich. Gleichzeitig ist er auf eine erschreckende Weise präsent: Er spaziert wie der Leibhaftige durchs Nachtprogramm, hilft als ewigjunger Coverboy den Spiegel zu verkaufen und hält im heute befreundeten Ausland die Erinnerung an vergangene Zeiten wach.
Längst, sollte man denken, ist alles gesagt über Autobahnen und Führerkult, ist jeder Täter bis ins Einzelne analysiert und auch die Rolle der Reichsbahn gründlichst erforscht. Hitler geht trotzdem nicht weg. Und wenn doch? Das Unmögliche ist eine Spielerei, ein Hobby Horse für den Feierabend, es ist aber doch ernst genug, um sich die Weltgeschichte und ihre großen Männer, erst recht ihre großen Verbrecher, in anderen Bahnen zu denken. Dass das produktiv sein kann, hat Robert Harris in seinem Roman „Vaterland“ (1992) vorgeführt. Darin hat Hitler tatsächlich ganz Europa erobert und erwartet 1964 zu seinem 75. Geburtstag einen ihm recht freundlich gesonnenen amerikanischen Präsidenten namens Joseph Kennedy, den Vater jenes John F. Kennedy, der tatsächlich statt des wegen seiner nazifreundlichen Neigungen diskreditierten Vaters Präsident wurde.
Die Lizenz zur Fiktion
Die Frage „Was wäre gewesen, wenn?“ verbietet sich dem Historiker aus guten Gründen. Der Gedankenflug gilt hier als frivol, und so bleibt die Phantasie auf dem Boden der Tatsachen, wo alles immer schon geschehen und immer schon vergangen ist. Nur der Schriftsteller darf sich mit dem Möglichkeitssinn an das Faktische herantrauen und es in eine andere Wirklichkeit umfälschen. Der „Möglichkeitssinn“ ist ein Begriff von Robert Musil, über den Dieter Kühn 1964, erstaunlicherweise bei dem Klassizisten Benno von Wiese, promoviert hat. „So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren“, schreibt Musil gleich zu Beginn im „Mann ohne Eigenschaften“, „alles, was ebensogut sein könnte, zu denken, und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist“.
In den letzten vier Jahrzehnten hat Kühn ungeheuer erfolgreich die Biografien von Josephine Baker, Bettina von Arnim, Beethoven und so weiter nachgeschrieben, nachgedichtet, nachempfunden und sich den Möglichkeitssinn weitgehend verboten. Der schlichten Option, „Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein“, die Musils ironischer Erzähler vorschlägt, folgt er erst in den vier „Fiktionen“ dieses Bandes wieder.
In seinen „Anmerkungen zu Hitler“ spricht Sebastian Haffner, absichtlich das Missverständnis suchend, von Hitlers „Erfolgen“ und seinen „Leistungen“. Es wird deshalb die Vermutung nicht ganz falsch sein, dass Hitler der Platz in der deutschen Heldengeschichte – noch vor Bismarck! – sicher gewesen wäre, wenn er rechtzeitig vor Kriegsbeginn einem Attentat zum Opfer gefallen wäre.
Leider hat er bis zum Schluss alle überlebt, und seine letzte Tat, der Selbstmord im Bunker, war keine Heldentat mehr, auch wenn die nachfolgende Regierung Dönitz sogleich verkünden ließ, der Führer habe „den Heldentod in der Hauptstadt des Deutschen Reiches“ gefunden. Weder der Sprengstoffanschlag Georg Elsers, der ihn 1939 im Münchner Bürgerbräukeller töten sollte, noch Stauffenbergs spätes, unglückseliges Unternehmen war erfolgreich, und auch die Bombe, die ihm Oberst Henning von Tresckow zugedacht hatte, versagte kläglich.
Dieter Kühn spielt die Haffner’sche Idee durch und lässt einmal Elsers und einmal Tresckows Attentat gelingen. In dem einen Fall wird – da die Kumpane Bormann, Goebbels und Himmler zusammen mit ihrem Führer umgekommen sind – Hermann Göring der Nachfolger Hitlers. Göring lässt die Verfolgung der Juden einstellen, macht Carl Goerdeler, den Leipziger Bürgermeister, der in der realen Geschichte als Mitverschwörer nach dem 20. Juli hingerichtet wurde, zu seinem Kabinettschef und verzichtet auf den Krieg gegen Frankreich und England. Geschickt zelebriert er einen aufwendigen Totenkult um Hitler und nimmt ihm zugleich die Basis, indem er ihn auf seinem Grundstück, in Carinhall, beerdigt und für die Heldenverehrung unerreichbar macht.
Der Pour-le-Mérite-Träger aus dem Ersten Weltkrieg, der Deutschland in letzter Minute – wie von Elser beabsichtigt – einen weiteren Weltkrieg erspart, wird ein faschistischer, aber längst nicht ekelhafter Herrscher, bloß ein barocker Potentat, und zu dem Zeitpunkt ein Segen für Deutschland und die Menschheit. Oder wäre es gewesen.
Wesentlich weniger erfreulich die Fiktion, dass Tresckows Bombe zwar Hitler getötet, aber den Kriegshelden Rommel an die Macht gebracht hat (nachdem der mit Hilfe der Wehrmacht Heinrich Himmler rasch aus dem Weg geräumt hätte). Allein die Kostprobe aus einem hexametrischen Heldenepos mit dem Titel „Der Stoßtrupp“ – ein vermutlich aus Gerhart Hauptmann, Dwinger, Kolbenheyer, Evers usw. zusammengeschustertes Machwerk – lässt einem das Blut gefrieren. Der große Dichter Hanns Erckmann bekommt dafür von Reichspräsident Rommel einen Preis überreicht und bedankt sich, indem er aus den Kriegserinnerungen Rommels liest: ein literarischer Tag von Potsdam im Soldatenkaiserreich Rommel. Das reine Grauen.
Die hypothetische Geschichtsschreibung, wie Kühn sie in diesen längeren Gedankenspielen betreibt, kann das wenig erfreuliche Unterfutter nicht bloß der Diktatur, sondern auch ihrer Nutznießer zum Vorschein bringen. Es bleibt dabei, dass erst das schlimmstmögliche Elend, die totale Niederlage nach dem totalen Krieg wenigstens halbwegs die Ablösung der für viele doch recht kommoden Diktatur brachte. In der religiösen Verehrung, die Hitler nach seinen zweifelhaften Erfolgen genießen durfte, wollte man ein Werk der Vorsehung darin sehen, dass der Führer jedem Anschlag entging. Der dafür gern angerufene „Allmächtige“ sparte ihn doch auf, für Deutschland, für die Welt.
Die schwächste dieser „Fiktionen“ ist die titelgebende, in der ein Angelos über die Aporie deliberiert, wie er denn anders als auftragsgemäß hätte handeln sollen, als Schutzengel? Kühn erreicht hier kaum das Reflexionsniveau der fünfziger Jahre, als händeringend die Theodizee beschworen werden musste, um Hitler in seiner ganzen Furchtbarkeit doch noch in den göttlichen Heilsplan einzupassen.
Wie und mit welch hoher Frequenz Hitler und das „Dritte Reich“ weiterspuken, ist bis heute am Erfolg von Guido Knopps buntem Reigen an Naziana abzulesen, der demnächst beim Bekenntnis „Ich war Hitlers Unterhose“ angekommen sein dürfte. Diese Art der anhaltenden Hitler-Adoration ist die Basis für die letzte Geschichte, „Gitler kaputt?“ Ein Metallwerker findet drei Hitler-Statuen Breker’scher Machart, tief im Schlick eines Mecklenburger Sees versenkt. Vielleicht träumt er es auch nur, denn er ist in der Lage, die im Metall aufbewahrten Hitler-Reden herauszuhören.
Der abgetrennte Grußarm
Es ist eine absurde Geschichte mit Nacktbaden, dem Ressentiment der ostdeutschen Brüder und einem Preis für politische Korrektheit, um den sich der Erzähler bewirbt. Er hat nämlich zwei der drei Statuen zerstört: eine in der Mitte durchgesägt, von oben nach unten zerteilt, den Grußarm abgetrennt, den Schädel mit deutschem Gruß à la Anselm Kiefer begleitet in der Nordsee versenkt – und damit das Faszinosum, das selbst intelligente Menschen wie Hans-Jürgen Syberberg und Bruno Ganz fesselt, eskamotiert. Oder doch nicht?
Kühns Buch endet mit einer weiteren Phantasie: dass Hitler zum Schluss doch noch mit einer Panzerfaust aus dem Bunker nach oben gekommen wäre, um vor dem Haus von Max Liebermann am Brandenburger Tor tatsächlich im Kampf um Berlin zu fallen. Russische Soldaten würden ihn mit einem T-34 in Stücke schießen, ein wahres Freudenfeuer und, ja, endlich: „Gitler kaputt.“ Aber so leicht geht der nicht weg.
WILLI WINKLER
DIETER KÜHN: Ich war Hitlers Schutzengel. Fiktionen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 206 Seiten, 17,95 Euro.
Mit Szenen wie dieser Beerdigung Karin Görings 1934 spielt Kühn. Foto: Scherl
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Dass der Autor mit seinem Erzählen gegen die Fakten ein Risiko eingeht, rechnet Wolfgang Schneider ihm an. Schließlich geht es gegen den "vor lauter Korrektheitsanstrengung" verkrampften Umgang mit der Geschichte. Kann Schneider die Gewissensnöte des titelgebenden Engels auch nicht in allen Einzelheiten nachvollziehen und gerät ihm der Autor mitunter auch bedenklich in die Nähe "alter Landser-Träume" vom fortgeführten Kampf gegen den Bolschewismus, so liest er Dieter Kühns Was-wäre-wenn-Geschichten über die hier endlich gelingenden Hitler-Attentate von Georg Elser und Henning von Tresckow dennoch mit einigem Genuss. Das von Kühn verwendete Stilmittel des entfesselten Möglichkeitssinns gibt dazu Gelegenheit. Was alles nicht geschehen wäre - für Schneider ergibt dieses Gedankenspiel eine historische Komödie, erfundene O-Töne des "martialisch-jovialen Genussmenschen" Göring, Nachfolger Hitlers, inklusive.

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