Humanität und Diplomatie - Haunfelder, Bernd; Schmitz, Schmitz
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Im Mittelpunkt dieser Stadt- und Staatsgeschichte verbindenden Darstellung steht das vielseitige humanitäre und diplomatische Engagement der Schweiz im Köln der vierziger Jahre. Unter Einbezug bislang unveröffentlichten, eindrucksvollen Fotomaterials wird dabei erstmals die Geschichte des Hilfswerks »Schweizer Spende« aufgearbeitet, das sich mit aller Kraft der Linderung der bedrückenden Not in der zerstörten Rheinmetropole verschrieb. Empfänger der umfangreichen Hilfsleistungen waren Kölner Kinder, Frauen und Senioren. Der zweite Teil des Bandes behandelt die mit feiner Beobachtungsgabe und…mehr

Produktbeschreibung
Im Mittelpunkt dieser Stadt- und Staatsgeschichte verbindenden Darstellung steht das vielseitige humanitäre und diplomatische Engagement der Schweiz im Köln der vierziger Jahre. Unter Einbezug bislang unveröffentlichten, eindrucksvollen Fotomaterials wird dabei erstmals die Geschichte des Hilfswerks »Schweizer Spende« aufgearbeitet, das sich mit aller Kraft der Linderung der bedrückenden Not in der zerstörten Rheinmetropole verschrieb. Empfänger der umfangreichen Hilfsleistungen waren Kölner Kinder, Frauen und Senioren. Der zweite Teil des Bandes behandelt die mit feiner Beobachtungsgabe und aus Kölner Sicht verfassten Berichte des Schweizer Generalkonsuls Franz-Rudolf von Weiss aus der gedrängt dramatischen Epoche vom Kriegsbeginn bis zur Wahl Konrad Adenauers zum ersten Bundeskanzler. Diese Rapporte eines der wenigen engen Freunde Adenauers stellen ein beredtes und aufrüttelndes Zeitdokument dar.
  • Produktdetails
  • Verlag: Aschendorff
  • Deutsch
  • Gewicht: 892g
  • ISBN-13: 9783402053850
  • ISBN-10: 3402053853
  • Artikelnr.: 09751033
Rezensionen
Besprechung von 03.08.2001
Als in der Domstadt die Sirenen tönten
Köln in den vierziger Jahren: Generalkonsul Franz-Rudolf von Weiss und die "Schweizer Spende"

Markus Schmitz/Bernd Haunfelder (Bearbeiter): Humanität und Diplomatie. Die Schweiz in Köln 1940-1949. Aschendorff Verlag, Münster 2001. 320 Seiten, 49,80 Mark.

Zahlreichen älteren Kölnern wird vielleicht noch der erste Becher Ovomaltine in Erinnerung sein, den sie als Kind nach Kriegsende getrunken haben. Das nahrhafte Malzgetränk war Teil der humanitären Hilfsaktion der Schweiz im Nachkriegsdeutschland, der sogenannten "Schweizer Spende". Diese teilt mit vielen Hilfsaktionen kleinerer Länder das Schicksal, im Schatten der größeren amerikanischen Hilfsorganisation "Care" zu stehen und daher weniger bekannt zu sein.

Der karitativen Arbeit der Schweiz in der zerstörten Rheinmetropole Köln in den Jahren 1946 bis 1948 ist der erste Abschnitt dieses Buches gewidmet. Neben umfangreichen Kinderspeisungen bildeten die zahlreichen Möglichkeiten zur Selbsthilfe in den Baracken der Schweizer Helfer (Näh- und Flickstube, Schreinerei, Schuhmacherwerkstatt), dem sogenannten Schweizer Dorf am Venloer Wall, einen weiteren Schwerpunkt. Eine Lesestube mit Kinderbüchern, dazu hatte man eine Baracke im Stil einer alpenländischen Bauernstube hergerichtet, gehörte ebenfalls zum Angebot, und auch die "hungrigen" Leser erhielten jedesmal einen Teller heiße Suppe. Der reichbebilderte Text über das Wirken der "Schweizer Spende" in Köln wird durch längere Quellenzitate sehr anschaulich, in denen die damaligen Leiterinnen Lilly Tschudin und Iris Vuilleumier zu Wort kommen.

Im umfangreicheren und wissenschaftlich bedeutenderen Teil des Buches kommt der Großteil der Berichte des Schweizer Generalkonsuls in Köln, Franz-Rudolf von Weiss, aus den Jahren 1940 bis 1949 - mit Kürzungen - zum Abdruck. Jene seiner Berichte, die infolge des freundschaftlichen Verhältnisses zu Konrad Adenauer eine wichtige Quelle der Lebensumstände und Aktivitäten des späteren Bundeskanzlers in der unmittelbaren Nachkriegszeit darstellen, waren bereits 1984 und 1986 Gegenstand der zwei Quellenpublikationen von Hanns Jürgen Küsters und Hans Peter Mensing. Sie werden nur teilweise wieder abgedruckt, was die Überlieferung der Berichterstattung von Weiss, der unter anderem in den letzten Kriegstagen an der friedlichen Übergabe von Bad Godesberg und Königswinter an die Amerikaner beteiligt war, für die Nachkriegszeit nicht übersichtlicher macht.

Der Schwerpunkt der jetzt veröffentlichten Berichte, die entweder an die Gesandtschaft der Schweiz in Berlin oder an das Eidgenössische Politische Departement in Bern gingen, liegt auf den Kriegsjahren. Im Mittelpunkt steht der Luftkrieg mit seinen verheerenden Auswirkungen für Köln und seine Bevölkerung. Die Qualität der Berichte von Weiss liegt in ihrer nüchternen und direkten Schilderung der Vorgänge und Meinungen in Köln und im Rheinland insgesamt, gerade auch der nationalsozialistischen Verbrechen. Dies veranlaßte den Schweizer Gesandten beim Deutschen Reich, Hans Fröhlicher, dazu, sie häufiger gegenüber dem Berner Außenministerium zu relativieren.

So schilderte Weiss in den Jahren 1940 bis 1942 detailliert die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen gegenüber der katholischen Kirche, die Euthanasieaktionen und Kölner Judendeportationen. Über den am 13. Juni 1942 abgegangenen Transport von Juden der Stadt Köln in den Osten hieß es wenig später: "Von meinem Gewährsmann, der die deutsche Stelle in dieser Judenfrage vertritt, wird angenommen, daß dieser Transport inzwischen vergast worden ist, da seitdem keine Nachrichten in Köln über dessen Verbleib eingetroffen sind. Hier muß ich diesen kurzen Bericht unterbrechen, da im Augenblick beim Diktieren dieser Zeilen, um 12.35 Uhr, die Sirenen tönen, ein Zeichen des Alarms."

Häufiger Gegenstand seiner Berichterstattung waren ferner die Zwangsarbeiter, deren immer größere Zahl der Stadt "vor allem an Sonn- und Feiertagen ein immer eigentümlicheres Gepräge" gebe. Er berichtete über deren menschenunwürdige Behandlung, aber auch von der Furcht der einheimischen Bevölkerung vor Aufständen der ausländischen Arbeiter bei einer eventuellen Wendung des Krieges. Besonders beeindrucken einzelne Details seiner Beobachtungen, wie die Menschenschlangen vor den Samenhandlungen, die im April 1942 die sich rapide verschlechternde Ernährungslage belegen, oder die Stimmungsänderung in der Bevölkerung angesichts des plötzlichen Auftauchens zahlreicher Beinamputierter von der Front in den Krankenhäusern.

Nach dem Fall Stalingrads schrieb Weiss, es falle auf, daß man kaum mehr uniformierte Parteigenossen sehe. In verschiedenen Charakterisierungsversuchen der Mentalität des Kölners beziehungsweise Rheinländers nahm er deren antipreußischen und gegen Berlin gerichteten Affekt auch als gewisse Distanz gegenüber dem Nationalsozialismus wahr. 1944/45 werden seine Rapporte von der Apathie und Gleichgültigkeit der Bevölkerung grundiert, die nur noch das Kriegsende herbeisehnte.

Nach dem Ende des Krieges, so Weiss, habe die Bevölkerung Straßen und Häuser geputzt, um anschließend den Einzug der Amerikaner im Sonntagsstaat zu erwarten. Um so größer war dann auch seine eigene Enttäuschung über die Disziplinlosigkeit der amerikanischen Soldaten. Neben Adenauer wird der Kölner Kardinal Joseph Frings in seinen Auseinandersetzungen mit der inzwischen britischen Besatzungsmacht zunehmend zum Protagonisten seiner Berichte. Geradezu lokalpatriotische Züge enthielt ein Bericht vom August 1945, in dem Weiss bedauernd konstatierte, daß es Köln wohl auch jetzt nicht gelingen werde, gegenüber dem schon von Preußen bevorzugten Düsseldorf die ihm eigentlich gebührende Vorrangstellung als Metropole des Westens einzunehmen. Er begründete dies neben der starken Zerstörung Kölns auch mit der Mentalität des Domstädters, nämlich daß der "Typ des Kölners langsamer, geruhsamer und nachlässiger im Unternehmen ist als der Düsseldorfer oder der ,Ruhrpreuße'". Auf den Gedanken, Weiss wegen dieser Charakterisierung ein Denkmal zu setzen, käme man in Köln sicher nicht. Anlaß dazu bestünde aber, denn die Bearbeiter können nachweisen, daß Weiss im Krieg in zahlreichen Fällen jüdischen Familien die Ausreise aus dem Deutschen Reich und damit das Überleben ermöglicht hatte.

Die Krönung seiner diplomatischen Laufbahn blieb Weiss versagt, der den Gründungsakt der Bundesrepublik am Rhein und die Entscheidung für Bonn als Bundeshauptstadt 1949 zugleich als bedeutende Aufwertung Kölns verstand ("Köln-Marienburg wird in Zukunft das Diplomatenviertel der Bundeshauptstadt Bonn sein"). Die Berner Zentrale, die ihn häufig als unbequem, wohl auch als arrogant empfunden und ihm mangelnde Distanz gegenüber seinem Gastland attestiert hatte, akkreditierte ihn nach der Wahl Adenauers zum Bundeskanzler nicht bei der Alliierten Hohen Kommission und berief ihn im September 1949 ab. Tief enttäuscht kehrte er in die Schweiz zurück, wo er 1960 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.

KARL-ULRICH GELBERG

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Karl-Ulrich Gelberg hat diesen Band offenbar mit großem Gewinn gelesen - zumal die kleineren ausländischen Hilfsorganisationen in der Nachkriegszeit sonst oft im Schatten der amerikanischen "Care" stünden. Und so könne sich der Leser hier informieren, welche Hilfseinrichtungen die Schweizer in Köln eingerichtet haben, etwa Werkstätten, Suppenküchen und sogar eine Lesestube "im Stil einer alpenländischen Bauernstube". Dabei lobt der Rezensent die - auch aufgrund guter Quellenarbeit und reicher Bebilderung -sehr große Anschaulichkeit der Darstellung. Interessanter noch findet Gelberg jedoch die Berichte des damaligen Schweizer Generalkonsuls Franz-Rudolf von Weiss aus der Zeit von 1940-1949, die hier zum Bedauern des Rezensenten nur teilweise abgedruckt werden. Gelberg lobt hier besonders die "nüchternen und direkten Schilderungen der Vorgänge und Meinungen in Köln", etwa zum Nationalsozialismus, zur Euthanasie, Zwangsarbeit, aber auch Hunger, Verzweiflung und zu der typischen antipreußischen Haltung der Kölner. Unabhängig vom Buch merkt Gelberg zum Schluss an, dass Weiss selbst vielen Juden das Leben gerettet hat, dass er jedoch weder von Kölner noch von Schweizer Seite eine Anerkennung dafür erfahren hat, im Gegenteil: Er wurde 1949 von der Berner Zentrale aus Köln abberufen, womit seine Karriere weitgehend beendet war.

© Perlentaucher Medien GmbH…mehr