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Hitlers Bombe - Karlsch, Rainer
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Das Deutsche Reich stand kurz davor, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen
Unter Aufsicht der SS testeten deutsche Wissenschaftler 1944/45 auf Rügen und in Thüringen nukleare Bomben. Dabei kamen mehrere hundert Kriegsgefangene und Häftlinge ums Leben. Nach jahrelanger Recherche entschlüsselte der Berliner Historiker Rainer Karlsch eines der größten Rätsel des Dritten Reiches. Neben Belegen für die Kernwaffenversuche fand er auch einen Entwurf für ein Plutoniumbombenpatent aus dem Jahre 1941 und entdeckte im Umland Berlins den ersten funktionierenden deutschen Atomreaktor.…mehr

Produktbeschreibung
Das Deutsche Reich stand kurz davor, den Wettlauf um die erste einsatzfähige Atomwaffe zu gewinnen

Unter Aufsicht der SS testeten deutsche Wissenschaftler 1944/45 auf Rügen und in Thüringen nukleare Bomben. Dabei kamen mehrere hundert Kriegsgefangene und Häftlinge ums Leben. Nach jahrelanger Recherche entschlüsselte der Berliner Historiker Rainer Karlsch eines der größten Rätsel des Dritten Reiches. Neben Belegen für die Kernwaffenversuche fand er auch einen Entwurf für ein Plutoniumbombenpatent aus dem Jahre 1941 und entdeckte im Umland Berlins den ersten funktionierenden deutschen Atomreaktor.

  • Produktdetails
  • Verlag: DVA
  • Seitenzahl: 415
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 732g
  • ISBN-13: 9783421058096
  • ISBN-10: 3421058091
  • Artikelnr.: 13687488
Autorenporträt
Rainer Karlsch: Jahrgang 1957, Studium der Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, dort 1982-1991 Assistent am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte, 1986 Promotion. 1992-1994 Mitarbeiter der Historischen Kommission zu Berlin, 1995-1998 Mitarbeiter eines DFG-Schwerpunktprogramms. Seit 1999 Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte der FU Berlin.
Rezensionen
Besprechung von 26.07.2005
Die Bombenbastler Hitlers
Kurt Diebner trieb die atomaren Versuche im "Dritten Reich" am weitesten voran

Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005. 415 Seiten, 24,90 [Euro].

Die Bombe platzte am 3. März 1945 auf dem Gelände des KZ Ohrdruf im Thüringischen - dann 60 Jahre später als "medialer Super-GAU", wie ein Journalist meinte. Von "Sensation" bis "Scharlatanerie" reichen die Wertungen des Buchs von Rainer Karlsch. Die einen glauben, die Geschichte des "Dritten Reiches" müsse umgeschrieben werden, die anderen sehen im Autor schlicht einen "Spinner". Es gibt Physiker und physikalische Anstalten, die Karlschs Thesen bestätigen, andere bestreiten sie. Am 12. Oktober 1944 auf Rügen, am 3. März 1945 in Ohrdruf unter der formalen Leitung der SS (Hans Kammler) seien zwei nukleare Explosionen ausgelöst worden; letztere habe Hunderte von Menschenleben gefordert. Gerade deswegen hätten alle Beteiligten über Farm Hall (das englische Internierungslager für deutsche Atomforscher) hinaus bis zu ihrem Lebensende sich gehütet, davon zu sprechen. Diese Behauptung ist Höhe- und Endpunkt des Buches zugleich.

Einige Indizien (Bodenproben) sprechen für, andere gegen diese nuklearen Ereignisse. Die Phalanx der heutigen deutschen Atomphysiker scheint sich nur in einem Punkt einig zu sein: Was, wenn überhaupt, immer da explodierte, eine Atombombe vom Typ Hiroshima war es nicht, denn es ist unbestritten, daß den Deutschen die dafür benötigte Menge hochangereicherten Urans 235 nicht zur Verfügung stand. Vielleicht aber war es eine nach dem Hohlladungsprinzip gezündete kleine "Atomgranate" (Karlsch in einem Interview), vermutlich vom Typ einer Neutronenwaffe. Weitere Untersuchungen seien notwendig, dies der einhellige Tenor der Fachleute. Wie es zu der Explosion vom 3. März 1945 kam oder kommen konnte, ist der eigentliche Inhalt dieses Buches - umständlich, langatmig, aber nicht unlogisch erzählt, ein mixtum compositum aus harten Quellen, physikalischen Untersuchungen, klugen Überlegungen, gewagten Spekulationen und bloßen ondits, die 60 Jahre später in den Legendenschatz zur Geschichte des "Dritten Reiches" vorzüglich passen. Karlsch hat ein verdienstvolles Buch geschrieben - es ließe sich unschwer unter die kontrafaktische Geschichtsschreibung einordnen. Oder die der Science-fiction. Was wäre, wenn . . . Das ist eine legitime historische Frage.

Daß Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, auch Harteck weder Heroen noch Schurken waren, ist nicht neu. Neu ist, daß Gerlach, Trinks, Ardenne und ein paar andere viel tiefer in die atomare Bombenplanung verstrickt waren, als sie nach dem Krieg glauben machen wollten. Sensationell wirkt die Behauptung, Kriegsmarine wie Reichspost hätten ihr jeweils eigenes atomares Süppchen gekocht - wovon zumindest in den großteils erhalten gebliebenen Akten der Seekriegsleitung mit keinem Wort die Rede ist, geschweige denn, daß die Protagonisten mit den Admiralen Rhein und Witzell an der Spitze je darüber geschrieben hätten. Gesprochen auch nicht: Karlsch behauptet, bei dem Gespräch zwischen Hitler und Dönitz am 14. Oktober 1944 sei es vermutlich um den Rügen-Versuch gegangen, es gebe keine Aufzeichnungen. Doch, die gibt es, und aus denen geht hervor, daß die beiden über viele aktuelle Probleme der Kriegführung miteinander gesprochen haben - nicht aber über irgendwelche atomaren.

In der Propaganda war das ganz anders; Heinrich Bodensieck hat schon 1998 nachweisen können, wie die Propaganda beider Seiten mit dem Wort "Atombombe" jonglierte. Am 5. Oktober 1944 berichtete die deutschsprachige Version des "Exchange"-Telegraphen, bei der "V 3" handele es sich um eine "Atombombe". Von deren Existenz war schon am 14. Oktober 1941 in der "Daily Mail" die Rede gewesen - kurz und gut: es läßt sich belegen, daß die ominöse deutsche Atombombe fast von Kriegsbeginn an zum Propagandaarsenal gehörte - auch auf der Gegnerseite, die damit ihr eigenes Atomprogramm rechtfertigen konnte.

Es ist zugegebenermaßen sehr schwierig, die Propagandastrategie von der Wirklichkeit zu trennen. Karlsch bemüht sich auch nicht, den internationalen Diskurs um die Nuklearfrage über die bekannten Unterredungen zwischen Niels Bohr und Heisenberg in Kopenhagen mit zu berücksichtigen, und C. F. von Weizsäckers vage Skizze aus dem Jahr 1941 für den Bau einer "Plutoniumbombe", als Patententwurf technisch unbrauchbar, ist alles andere als sensationell: Ideen zur Kernfusion geisterten schon seit vierzig Jahren durch die Gazetten und lösten, nicht zuletzt via Hans Dominik, wohliges Schauern aus - wie übrigens auch die Vorstellung vom atomaren "Weltenbrand", von dem Karlsch behauptet, er habe selbst Hitler geplagt.

Bemerkenswert ist die Neubewertung von Kurt Diebner: Obwohl nahezu alle Koryphäen der deutschen Atomphysik in ihm nur einen der vielen atomaren dei minores sahen, einen NS-kompromittierten dazu, kann Karlsch plausibel machen, daß es gerade Diebner war, der auf einem Nebenweg die deutsche Atombombenforschung weiter trieb, als sich das die Herren des nuklearen deutschen Olymps im "Uranverein" vorstellen konnten. Aber ganz neu ist auch das nicht: Schon Erich Bagge hat darauf hingewiesen und im persönlichen Gespräch mit dem Rezensenten nie ein Hehl daraus gemacht, daß Diebner, nicht Heisenberg, auf dem richtigeren Weg war. Die Neutronenvermehrung vom 23. Juni 1942 in Leipzig als erste Kettenreaktion zu deklarieren und Fermi damit in die zweite Reihe zu verweisen ist allerdings mehr als gewagt - zumal der Versuch in einem Desaster endete, dem die beteiligten Wissenschaftler nur knapp entkamen.

Das Buch unterstreicht eindringlich und vom Autor völlig unbeabsichtigt die These, nach der das NS-Regime strukturell unfähig war, ein technisches Großprojekt unter den Anforderungen der Moderne - und zwar auf allen Ebenen - voranzutreiben. Während am Manhattan-Projekt 160 000 Physiker und Fachleute beteiligt waren, bastelten (was man buchstäblich nehmen kann) eine Handvoll deutscher Physiker an den verschiedensten Orten und unter den abenteuerlichsten Bedingungen daran, "Hitlers Bombe" möglich zu machen. Es kann in der Tat keine Rede davon sein, daß die Hauptbeteiligten aus ethischen Gründen genau dies zu verhindern gesucht hätten. Später haben die meisten wohl schlechten Gewissens die "Göttinger Erklärung" unterschrieben. Einer nicht: Kurt Diebner.

MICHAEL SALEWSKI

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 15.03.2005
Im Schatten des Titels
„Hitlers Bombe” und das Kalkül von Autor und Verlag
Bevor die Deutsche Verlagsanstalt das neue Buch des Berliner Historikers Rainer Karlsch präsentierte, verschickte sie Werbemappen, in denen sie ankündigte, Karlsch habe „eines der größten Rätsel des Dritten Reiches” entschlüsselt. Nachdem der Verlag das Buch nun gestern in Berlin vorgestellt hat, fragt man sich, ob das Rätsel tatsächlich so groß war und ob ein anderes nicht viel größer ist: Wie kam das Buch eigentlich zu seinem Titel?
Karlschs Buch heißt „Hitlers Bombe”, gemeint ist die Atombombe. Eine nukleare Waffe, von der man angenommen hatte, dass Kernphysiker um Werner Heisenberg an ihrer Entwicklung saßen, sie aber nicht abschließen konnten. Hitler hatte die Bombe nicht, dachte man.
Karlsch, der ein anerkannter Historiker ist, behauptet nun, dass die Nationalsozialisten sehr wohl im Besitz einer nuklearen Waffe gewesen seien, einer Mini-Atombombe zumindest, und dass sie diese einige Monate vor Kriegsende auch testeten, zuletzt am 3. März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen. Es ist der Ort, an dem Karlsch seine Recherchen vor Jahren begann, ein Fernsehjournalist hatte ihm von Gerüchten über einen Atomtest erzählt.
Die Ergebnisse dieser Recherchen hatten in den letzten Tagen für ein Medienecho gesorgt, das mit jenem, welches der historischen Bombe nachfolgte, ohne weiteres hätte mithalten können. Das Echo war nicht nur positiv gewesen, was bei einem solchen Thema jedoch vollkommen normal sei, wie die einhundert Journalisten bei der Vorstellung des Buches hörten. Jeder der behaupte, die Nazis seien nah an der Atombombe gewesen, müsse mit Erstaunen und mit Widerstand rechnen, sagte Jürgen Horbach, Geschäftsführer der DVA. Der größte Widerstand allerdings kam von dem Experten, die der Verlag selbst eingeladen hatte.
„Es gab keine deutsche Atombombe”, sagte Mark Walker, ein New Yorker Wissenschaftshistoriker, der mit „Die Uranmaschine” ein Standardwerk über das Kernwaffenprogramm der Nazis geschrieben hatte und deshalb mit auf dem Podium saß. Zumindest keine Atombombe, die mit dem, was die Amerikaner später auf Nagasaki abwarfen, vergleichbar gewesen wäre. Das aber würde Karlsch in dem Buch auch nicht behaupten. Alles, was er beschreibe, seien Versuche, eine Art von Kernwaffe zu bauen. Er habe, sagt Walker, Rainer Karlsch davor gewarnt, die Ergebnisse jener Versuche als Atombomben zu bezeichnen. Die Verwirrung, die dies in den Medien ausgelöst habe, sei vorherzusehen gewesen.
Walker bemühte sich, die eigentlichen Rechercheleistungen des Buches hervorzuheben. Karlsch hatte in Moskauer Archiven beispielsweise eine Rede Heisenbergs entdeckt, nach der er, Walker, vergeblich gesucht hatte. Er hatte außerdem zeigen können, dass es neben Heisenberg eine Gruppe bislang unterschätzter deutscher Wissenschaftler gegeben hatte, die im Auftrag der SS arbeitete und offenbar weniger Skrupel hatte, eine solche Waffe zu entwickeln, als Heisenberg und Kollegen. Sie scheiterten letztlich daran, dass sie für die Bombe nicht ausreichend spaltbares Material hatten. Der Reaktor, in dem sie versuchten Uran anzureichern, lief, wenn überhaupt, nur wenige Tage.
Doch was Karlsch für das Buch auch recherchiert hat, es steht nun im Schatten des Titels, im Schatten der Bombe. Karlsch selbst sagte, es sei eine Frage der Definition, ob das, was 1945 in Thüringen getestet wurde und angeblich mehrere hundert Menschen tötete, eine Atombombe gewesen ist. Die Diskussion beginne ja erst. Sollten die Medien das anders verstanden haben, tue ihm das leid. „Sorry”, sagte Karlsch.
MARCUS JAUER
Im „Atomkeller” in Haigerloch arbeiteten Wissenschaftler unter Leitung von Werner Heisenberg an der Entwicklung eines Kernreaktors.
Foto: Stadt Haigerloch
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Viel Kritik musste sich diese vom Verlag etwas sensationsheischend beworbene Studie bereits gefallen lassen. Wenn man der Rezension von Reiner Metzger glaubt, dann ist dem Historiker Rainer Karlsch dabei durchaus Unrecht widerfahren. Die vielfach kolportierte These von Hitlers "Atombombe" werde durch den Titel vielleicht nahegelegt, aber im Buch werde sie bereits im Vorwort bestritten. Worum es vielmehr geht, sei die von der Wissenschaftsgeschichte bisher deutlich unterschätzte Bereitschaft deutscher Physiker, sich an der Entwicklung irgendeiner Art von atomar aufgerüsteten Bomben zu beteiligen. Und hier gelinge es Karlsch durchaus, neue Quellen zu finden und alten Quellen neue Belege abzugewinnen. Mit dem Mythos von der bewussten Forschungszurückhaltung der deutschen Wissenschaft, so Metzger, räumt Karlsch dabei ziemlich gründlich auf.

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