Hinwendung nach Europa - Domnitz, Christian

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  • Verlag: Winkler, Bochum
  • Seitenzahl: 458
  • 2015
  • Ausstattung/Bilder: 2015. 458 S. 240 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 240mm x 160mm x 45mm
  • Gewicht: 937g
  • ISBN-13: 9783899112320
  • ISBN-10: 3899112326
  • Artikelnr.: 42944982
Autorenporträt
Christian Domnitz ist Doktorand am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Günther Heydemann hätte sich mehr Quellenbelege gewünscht in Christian Domnitzs anspruchsvoller komparatistischer Studie zu den Europadebatten während des Kalten Krieges am Beispiel Polens, der CSSR und der DDR 1975-1990. Allerdings vermag er dank Domnitzs' detaillierter Arbeit recht gut erkennen, wie sich die Diskurse im Lauf der Zeit annähern. Insgesamt erscheint ihm die Untersuchung anhand dreier politisch-kultureller Wochenmagazine gut geeignet, um ideologische Vorstellungen von Europa zu verdeutlichen, die für den Zusammenbruch 1989/90 wirksam waren.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 09.02.2016
Erosion des Deutungsmonopols
Europa-Vorstellungen in der DDR, in der CSSR und in Polen 1975 bis 1989

In der zeithistorischen Forschung gilt die KSZE-Konferenz vom Jahr 1975 in Helsinki inzwischen als Wendepunkt des Kalten Krieges. Dass dies den damaligen politischen Eliten in Ost und West schon so bewusst war, steht zu bezweifeln. Auch wenn es den westlichen Diplomaten gelang, der östlichen Seite das Kuckucksei der Menschenrechte und Grundfreiheiten in den Korb III zu legen, so war damit keineswegs ausgemacht, dass dies einmal dazu beitragen würde, die Axt an das Machtmonopol der sozialistischen Parteien im realen Sozialismus zu legen. Die SED-Führung jedenfalls fühlte sich nach dem Erfolg weltweiter Anerkennung der DDR so sicher, dass sie den Text der KSZE-Schlussakte im "Neuen Deutschland" komplett abdrucken ließ. Bald sollte sich aber erweisen, dass man die eigene Machtstellung über- und die vorherrschende Meinung in der Bevölkerung unterschätzt hatte. Denn nur ein Jahr nach Helsinki wurden die SED und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) von einer Flut von Ausreiseanträgen überrascht, die Zehntausende von DDR-Bürgern trotz massiver persönlicher, familiärer und beruflicher Repressalien stellten und sich ausdrücklich auf das von Honecker unterzeichnete Recht auf Freizügigkeit in der KSZE-Akte beriefen.

Den von der KSZE angestoßenen Debatten um Europa und dessen Rolle in der prekären Sicherheitsarchitektur des Kalten Krieges geht Christian Domnitz am Beispiel Polens, der CSSR und der DDR zwischen 1975 und 1989/90 vergleichend nach. In der Tat entwickelten sich in diesen westlichen Ostblockstaaten zwischen Parteipropagandisten, offiziellen Autoren und Oppositionellen darüber breite Debatten. Trotz unterschiedlicher (Macht-)Positionen kristallisierten sich unterschiedliche Vorstellungen eines zukünftigen Europas heraus und fanden Niederschlag in entsprechenden Erzählungen.

Diese Narrative entstanden auf zwei Ebenen der Öffentlichkeit, einer offiziellen, gesteuert und kontrolliert von den jeweils herrschenden Parteien im Staatssozialismus, und der inoffiziellen Gegenöffentlichkeit von Oppositionellen in Gestalt der Untergrundpublizistik. Beide Diskurse sollten sich allerdings im Laufe der Zeit annähern, insbesondere als die realsozialistischen Herrschaftssysteme gegen Ende der 1980er Jahre ihrem Zusammenbruch entgegensteuerten. Quellenbasis für diese anspruchsvolle und komparativ angelegte Untersuchung bilden drei politisch-kulturelle Wochenmagazine, nämlich die Zeitschriften "Polityka" (Politik) aus Polen, "Tvorba" (Schaffen) aus der CSSR und "horizont" aus der DDR. Daneben wurden weitere staatlich lizenzierte und inoffizielle Publikationen (Samisdat) herangezogen.

Im Vergleich wird zunächst deutlich, dass die offizielle Publizistik in Polen weniger ideologisiert war als in der CSSR und DDR. Im Unterschied zu diesen beiden Ländern ergab sich daher in Polen eine raschere und intensivere Annäherung an Europa-Vorstellungen oppositioneller Kreise. Gleichwohl gehörte die Abgrenzung vom "feindlichen" westlichen Europa weiterhin zum selbstverständlichen Repertoire des Staatssozialismus.

Helsinki markierte jedoch insofern eine unausgesprochene Distanzierung von dieser bis dato offiziellen Propaganda-Stereotype, als die bisher praktizierte Abgrenzung vom Westen und die nun erfolgte politische Öffnung gegenüber Westeuropa einen Widerspruch darstellte, der nur damit kaschiert werden konnte, dass die Ostblockstaaten eine innereuropäische Zusammenarbeit mit "friedliebenden Kräften" im Westen propagierten. Dadurch trat aber die offizielle KSZE-Propaganda mit den Schriften des oppositionellen Untergrunds zunehmend in Konkurrenz, abermals vor allem in Polen. Denn unabhängige osteuropäische Friedensaktivisten sahen Europa als Brücke zwischen Ost und West, in deren Mitte die nach wie vor bestehende militärische Konfrontation überwunden werden sollte. Zudem wurde die Friedensfrage mit Menschenrechtsthemen verknüpft.

Gleichwohl blieb die eigene Nation, das galt vor allem für Polen und die CSSR, ein zentraler Bezugspunkt. Die Betonung nationaler Souveränität war daher für die Staatsparteien wie für die Opposition die gemeinsame Plattform ihrer Europa-Publizistik. Viele inoffizielle Schriften zur Zukunft Europas tendierten in den 1980er Jahren zunehmend zur These des tschechischen Exilanten und Schriftstellers Milan Kundera, dass Zentral- beziehungsweise Osteuropa ein von der Sowjetunion "gekidnappter Westen" sei; es gehöre seiner kulturellen Geschichte nach vielmehr zu Westeuropa. Parallel dazu setzte sich im letzten Jahrzehnt des Staatssozialismus die Erosion des Deutungsmonopols der sozialistischen Staatsparteien fort. Im Unterschied zur DDR und der CSSR drangen nichtoffizielle Europa-Vorstellungen in Polen zunehmend in offizielle Publikationen ein. "Helsinki von unten" begann Ende der 1980er Jahre zusehends die staatssozialistische Doktrin eines "Helsinki von oben" zu überflügeln.

Diese Osmose unterschiedlicher europäischer Zielvorstellungen innerhalb von nicht einmal eineinhalb Jahrzehnten wird in der vorliegenden Studie en detail vergleichend herausgearbeitet. Damit werden entscheidende ideologische und geistesgeschichtliche Vorstellungen von Europa herauspräpariert, die für den Zusammenbruch realsozialistischer Herrschaftssysteme in den Jahren 1989/90 relevant wurden und auch heute noch wirkmächtig sind. Wünschenswert wäre es allerdings gewesen, wenn der Verfasser seine erhellenden Befunde noch stärker mit Quellenbelegen versehen hätte.

GÜNTHER HEYDEMANN

Christian Domnitz: Hinwendung nach Europa. Neuorientierung und Öffentlichkeitswandel im Staatssozialismus 1975-1989. Verlag Dr. Dieter Winkler, Bochum 2015. 458 S., 68,70 [Euro].

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