Hermann Muthesius und die Idee der harmonischen Kultur - Roth, Fedor
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Untersucht werden die programmatischen Schriften von Hermann Muthesius, dem einflussreichen Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, wobei Nietzsches Definition von Kultur als >Einheit des Künstlerischen Stils in allen Lebensäußerungen eines Volkes < als Ausgangs- und Leitthese vorangestellt wird.

Produktbeschreibung
Untersucht werden die programmatischen Schriften von Hermann Muthesius, dem einflussreichen Mitbegründer des Deutschen Werkbundes, wobei Nietzsches Definition von Kultur als >Einheit des Künstlerischen Stils in allen Lebensäußerungen eines Volkes< als Ausgangs- und Leitthese vorangestellt wird.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mann (Gebr.), Berlin
  • Seitenzahl: 310
  • Erscheinungstermin: 1. Quartal 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 243mm x 176mm x 29mm
  • Gewicht: 1084g
  • ISBN-13: 9783786123309
  • ISBN-10: 3786123306
  • Artikelnr.: 09795785
Rezensionen
Besprechung von 26.06.2002
Anständiges Leben gibt es nicht im Reihenhaus
Wahrheit und Naivität sind die Tugenden des Architekten: Fedor Roth sichtet das publizistische Werk von Hermann Muthesius
„In welchem Stile sollen wir bauen?” Diese Frage wurde nicht erst in der Postmoderne virulent, sie heizte auch bereits die architektonischen Debatten des 19. Jahrhunderts an. Die Stilnorm des Klassischen, wie sie noch Winckelmann propagiert hatte, ging zunächst mit der Abqualifizierung aller anderen architektonischen Richtungen als „stillos” einher. Mit Goethes „Entdeckung” des Straßburger Münsters wurde jedoch die gotische Bauweise eine Option, und mit ihr wuchs langsam die Erkenntnis, dass auch die stilistische Pluralität Signum und Ausdruck ihrer Zeit sein kann.
Ein solch historistisches Bekenntnis zur Heterogenität und Relativität von Architektursprachen musste jedoch irgendwann Widerspruch hervorrufen, um mit dem Ruf nach einer neuen Verbindlichkeit, nach einem „echten” und „authentischen” Ausdruck der Zeit kontrastiert zu werden.
Stimmführend um die Wende zum 20. Jahrhundert war hierbei Hermann Muthesius, Geheimrat im Preußischen Handelsministerium, Mitbegründer des Deutschen Werkbunds und Baumeister einer Reihe von Landhäusern mit englischen Charakter vornehmlich in Berliner Villenvororten. Seine Reformbestrebungen im Bereich der Architektur und des Kunstgewerbes, die er in einer kaum übersehbaren Anzahl von Schriften formulierte, sind bereits mit der Entstehung des „Neuen Bauens” nach dem ersten Weltkrieg weitgehend in Vergessenheit geraten. Dies war Anlass für Fedor Roth, sich der Mühe zu unterziehen, das aus rund 500 Texten bestehende publizistische Werk zu sichten. Es gelingt ihm, fundiert und gleichzeitig anschaulich einen Ideenkosmos zu rekonstruieren, der als Teil der Architekturmoderne begriffen werden muss und der auch all ihre Implikationen aufweist: insbesondere den idealistisch-reformatorischen Impuls, der von einem mitunter frappierend autoritären Geltungsanspruch begleitet wird.
Muthesius’ Argumentationsmuster gerade in der Debatte um einen verbindlichen Epochenstil basiert auf klaren Dualismen: Er fordert künstlerische Naivität statt kühl-distanzierter Reflektiertheit, setzt Wahrheit gegen Beliebigkeit und die lebendige Erfahrung gegen die intellektuelle Bewusstheit der Kunstprofessoren, die „von dem Baume der geschichtlichen Erkenntnis gegessen” haben, wie es in einer Rede zum Schinkelfest im Jahre 1900 heißt.
Basierend auf Nietzsches Kultur-Definition als einer „Einheit des künstlerischen Stiles in allen Lebensäußerungen” setzt Muthesius das Konzept eines großen Neuanfangs, der alle kulturellen Bereiche durchdringen soll. In ihm resultiert die Form aus dem Inhalt und ist Ausdruck einer überindividuellen, inneren Wahrheit. Seine Leitgedanken sind dabei die Bedingtheit von Kunst und Leben, Schlagworte sind „Sachlichkeit”, „Alltäglichkeit” und „Veredelung”.
Nun ist weder gegen eine FormInhalt-Adäquanz in der Architektur irgendetwas einzuwenden, noch gegen utopische, auf Anthropologismen basierende Ansätze als solche; schwierig ist jedoch ihre Einlösung in der architektonischen Praxis. Diese wird von Roth zwar leider ausgeblendet, doch werden auch in Muthesius’ Überlegungen zum englischen Haus in seiner gleichnamigen umfangreichen Schrift von 1904 die Probleme offenkundig.
Verwirklicht sieht Muthesius seine Ideen zur Verfeinerung des Lebens via Wohnkomfort nämlich allein im freistehenden Landhaus mit herrensitzartigen Maßen wie dem Landhaus Leyes Wood, das 1868 von seinem Idol Norman Shaw erbaut wurde. Alle kleineren Haustypen sind von diesem lediglich ableitbar und bergen Kompromisse; das typische Reihenhaus der Vorstädte entzieht sich Muthesius’ Beschreibungsfähigkeit, da er „ein Bangen beim Anblick dieser Räumchen” verspürt; das Arbeiterhaus schließlich klammert er ganz aus, weil es sich, der in ihm manifestierenden wirtschaftlichen Beschränkungen wegen, um eine „Sonderwissenschaft” handele.
In Verbindung mit Muthesius’ Gedanken, im englischen Haus manifestiere sich die vorbildliche bürgerliche Wohn- und Lebensform, die ihren Bewohner auch moralisch präge, hinterlassen solche Sätze einen schalen Beigeschmack. Weh dem, der es nicht zum Fabrikdirektor gebracht hat.
VALESKA VON ROSEN
FEDOR ROTH: Hermann Muthesius und die Idee der harmonischen Kultur. Mann Verlag, Berlin 2001. 310 Seiten, 45 Euro.
Eckart Muthesius in dem Sessel, den er für den Maharadscha (auf dem Wandbild) entwarf.
Foto: Karlheinz Egginger
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Dass die Frage "In welchem Stile sollen wir bauen?" nicht erst in der Postmoderne, sondern schon im 19. Jahrhundert, nach der Ablösung der klassischen "Stilnorm" gestellt wurde, möchte die Rezensentin Valeska von Rosen erwähnt wissen. Diesem Gedanken der Relativität sei um die Jahrhundertwende wieder eine neue "Verbindlichkeit" entgegengesetzt worden, für die der Architekt Hermann Muthesius wortführend gewesen sei. Seine "Reformbestrebungen" hat Muthesius anhand von zahlreichen Schriften erläutert, die Fedor Roth nun gesammelt und den "Ideenkosmos" des Architekten sowohl "fundiert" als auch "anschaulich rekonstruiert" hat, lobt die Rezensentin. Muthesius' Denken sei von "Dualismen" geprägt und fordere, dass sich Form aus Inhalt ergebe, als "Ausdruck einer überindividuellen, inneren Wahrheit". Dagegen ist nichts einzuwenden, meint von Rosen, doch die praktische Einlösung gestaltet sich "schwierig", was auch Muthesius formuliert. Seiner Ansicht nach seien alle "kleineren Haustypen" letztlich nur ein schaler Abglanz von Leyes Wood, dem von Norman Shaw - den Muthesius verehrte - erbauten Landhaus. Genauso "schal" erscheint der Rezensentin allerdings Muthesius' Begründung, "nur im englischen Haus manifestiere sich die vorbildliche bürgerliche Wohn- und Lebensform, die ihren Bewohner auch moralisch präge".

© Perlentaucher Medien GmbH
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