Produktdetails
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  • Verlag: Eichborn
  • ISBN-13: 9783821807645
  • ISBN-10: 3821807644
  • Best.Nr.: 20837594
Rezensionen
Besprechung von 22.06.2007
Geschichte ist keine Geschichte
Ein einsam bedeutender Versuch, die Problematik der Erinnerung an den Nationalsozialismus erzählerisch zu umkreisen: Thomas Harlans „Heldenfriedhof”
Lässt sich Geschichte erzählen? Oder: Was wird aus ihr, wenn man sie erzählt? Der Erzähler stellt sich ans Ende der Geschichte. Er überblickt sie. Aber hat, was geschah, ein Ende? Geht es nicht endlos weiter in seinen Konsequenzen, gewinnbringend für die einen, verletzend für die anderen? In einer gut konstruierten Geschichte, vom Märchen bis zum Roman, weist alles aufs Ende voraus, das ein sinnvolles Muster in den verworrensten Vorgängen offenbart. Wie aber, wenn das Erzählen historische Vorgänge zum Gegenstand nimmt, denen nur um den Preis der Beschönigung Sinn sich unterlegen ließe? Ordnen und Abschließen sind, wie sich die Sache ausnimmt, im Erzählen unvermeidlich; darin scheint, wer aus Geschichte eine Geschichte macht, auch immer Trost zu spenden. Was aber, wenn die Ereignisse jeden Trost verbieten?
Früh am Morgen des 26. Mai 1962, so beginnt Thomas Harlans Roman „Heldenfriedhof”, entdeckt der Friedhofswärter der Kriegsgräberstätte Opicina im Karst vor Triest, dass das Grab des ehemaligen SS-Sturmbannführers Christian Wirth geöffnet und der Leichnam verschleppt wurde. Offenbar in derselben Nacht haben sich fünfzehn Unbekannte auf dem Friedhof ihr eigenes Grab geschaufelt und darin umgebracht. Am Tag zuvor war in einer Triester Zeitung das erste Kapitel des Romans „Heldenfriedhof” als Vorabdruck erschienen. Es hatte genau diese Ereignisse vorausgesagt.
Philosophie der Zeit
Der Autor des Romans, Enrico Cosulich, war bei der Suche nach seiner 1944 im ehemaligen Vernichtungslager San Sabba verschwundenen Mutter darauf gestoßen, dass ein Großteil der damaligen deutschen Wachmannschaften in polnischen Vernichtungslagern Dienst getan hatte. Bei Kriegsende waren sie nach Deutschland und Österreich geflohen. Mit Hilfe alter Kameraden hatten sie ihr ehemaliges Netzwerk neu geknüpft.
Die Geschichte ist keine Geschichte, oder, englisch eindeutig: history is not a story. Aus dieser Einsicht heraus erzählt Thomas Harlan. Er widersetzt sich den erprobten Techniken des historischen Romans, selbst den modernisierten, wie der filmischen Rückblende. Eher betreibt er Philosophie der Zeit mit anderen Mitteln. Nicht nur mit anderen, denn in seinen vielstimmigen Roman sind eindringliche poetologische Reflexionen eingelassen, „Bemerkungen zur Pathologie der zeitgenössischen Romanstruktur”. In ihnen fällt die Formulierung: „ein Bündel möglicher, in Wartehaltung begriffener Rede”. In ihr denkt Harlan an gegen die übermächtige Suggestion, die er in der Idee des Triester Vorabdrucks ballte: dass die Ereignisse so kommen mussten, wie sie kamen. Geschlossene Zeit und offene Zeit führt Harlan in einer Konsequenz gegeneinander, die nicht leicht ihresgleichen hat. In der Form prägt sich dies aus im Paradox chaotischer Ordnung: Dies wüste Buch ist mit äußerster Präzision konstruiert.
Worte sind Fenster. Fenster können blind werden. Harlan macht die Worte wieder durchsichtig: „Befehlsweg”, „Nachtschattengewächs”, „Verkehrswert”, das heißt jäh wieder, was im Ausdruck liegt. Am Ende erweist sich auch diese Art von Transparenz, die Transparenz eben, welche der Literatur erreichbar ist, als andere Form von Blindheit. In der letzten Zeile des Buches stehen die Worte: „sieht man auch nichts”. Aber man muss die Reise gemacht haben, um hier anzukommen. Eine handliche Zusammenfassung von „Heldenfriedhof” könnte dem Buch nur Unrecht tun. Es lässt sich einzig auf es verweisen. An Harlans Werk mag einem aufgehen, inwiefern die von Günter Grass literarisch und außerliterarisch verkörperte Form des Erinnerns des Nationalsozialismus eine annehmliche Weise des Vergessens und eben darum so erfolgreich war. Sie hat Grass zum repräsentativen Schriftsteller der Bundesrepublik Deutschland gemacht, jedenfalls für die Buchclubs und Volkshochschulen. Harlans Werk, von anderer Genauigkeit des Erfindens, mag Wichtigeres erreichen. „Heldenfriedhof” ist in der deutschen Literatur eine einsam bedeutende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seiner Nachgeschichte. ANDREAS DORSCHEL
THOMAS HARLAN: Heldenfriedhof. Roman. Eichborn Berlin Verlag, Berlin/ Frankfurt am Main 2006. 584 Seiten, 24,90 Euro.
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Besprechung von 08.12.2006
Das Grauen im Gehirn des Betrachters
Exhumierte Geschichte: Thomas Harlans monströser SS-Roman / Von Edo Reents

Günter Grass, Jonathan Littell - gibt es noch Bedarf an romanhafter Aufbereitung der SS? Thomas Harlan, Sohn des "Jud Süß"-Regisseurs Veit Harlan, hat ein Buch über das Grauen geschrieben, halb wahr, halb erfunden.

Vor zwei Jahren wurde ein Sprecher des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit dem Satz zitiert: "Es ist doch egal, auf welchen Soldatenfriedhof Sie gehen; über die Ehre der Leute, die dort liegen, wissen Sie doch nichts!" Bei einigen weiß man es doch. Man weiß, daß auf dem Soldatenfriedhof in Costermano nahe Verona, auf den sich die Bemerkung bezieht, drei Männer liegen, deren Namen noch heute Schrecken hervorrufen: SS-Sturmbannführer Christian Wirth, SS-Hauptsturmführer Franz Reichleitner und SS-Untersturmführer Gotthard Schwarz. Sie waren der "Aktion Reinhard" zugeordnet, die unter der Oberaufsicht von Odilo Globocnik stand und der im Osten rund zwei Millionen Juden und mehr als 50 000 Sinti und Roma zum Opfer fielen. Der bundesdeutsche Generalkonsul Manfred Steinkühler hatte also seine Gründe, als er es ablehnte, die Bestatteten sämtlich zu ehren. Dazu sagte der Volksbund-Sprecher: "Was sollen wir nur machen? Exhumieren können wir die ja wohl nicht!"

Und wenn doch? Thomas Harlan hat sich an die Arbeit gemacht und den Friedhof nach Triest verlegt. Sein Roman "Heldenfriedhof" setzt am Morgen des 26. Mai 1962 ein, an dem ein Wärter das Grab von Christian Wirth leer vorfindet; es ist exhumiert. Die Überreste sind weg, statt dessen liegen oder sitzen in fünfzehn offenen Gräbern durch Selbstmord geendete Kommandomitglieder. Einen Tag vorher hatte eine Triester Zeitung mit dem Vorabdruck des Romans "Heldenfriedhof" begonnen, in dem dies vorausgesagt wurde. Autor ist ein gewisser Enrico Cosulich, der 1919 als Heinrich Dürr in Bozen geboren wurde und herausgefunden hat, daß die "Aktion Reinhard" im Oktober 1943 aus Polen nach Triest abkommandiert wurde und hier eine ehemalige Reismühle, die Riseria San Sabba, zum Vernichtungslager umfunktionierte. Hier verschwand und starb wahrscheinlich 1944 seine Mutter Margarita. Enricos Recherche wächst sich aus zu dem Roman, der Triest in Aufregung versetzt. Darum geht es, in sehr groben Umrissen, im "Heldenfriedhof". Der Roman gehört zum Monströsesten, was in deutscher Sprache seit langem erschienen ist, und bildet so etwas wie die Summe der Bemühungen des Thomas Harlan, der 1929 in Berlin als Sohn des "Jud Süß"-Regisseurs Veit Harlan geboren wurde, noch Hitler und Goebbels kennenlernte und sich sein restliches Leben als Autor, Filmemacher und Drehbuchautor in die NS-Vergangenheit, man muß schon sagen: verbiß und sich davon auch durch Anklagen und Hausarrest wegen Geheimnis- und Landesverrats nie abhalten ließ - mit dem Ergebnis Tausender Verfahren gegen Kriegsverbrecher.

Angesichts dieser Herkunft und Entwicklung wird es niemanden wundern, daß sich Harlan seiner Sache auch diesmal mit äußerstem Engagement annimmt - und das kann nur bedeuten: unter Vermeidung all dessen, was den nahezu unlesbaren Roman auch nur in die Nähe von Gefühlskitsch oder reißerischer Darstellung rücken könnte. Die außergewöhnliche Kälte seines auf keinen Nenner zu bringenden, sich aus Tatsachenberichten, Erinnerungen, Aufgeschnapptem und Ausgedachtem speisenden Stils verdankt sich gleichwohl einem starken Gefühl: der "Unfaßbarkeit", die Harlan schon als Beweggrund für seinen Eifer bemühte, als sein erster Roman "Rosa" (2000) herauskam.

An dieses bereits sehr schwierige, aber noch nicht einmal halb so dicke Buch schließt der "Heldenfriedhof" an und führt das Prinzip der reinen Vorgangsschilderung, die sich jeder Psychologie enthält, mit einem wohl kaum noch zu steigernden Detailreichtum fort. Man lese allein die auf fünfzehn Seiten ausgebreiteten Namen der mehr als fünfhundert Bundestagsabgeordneten aus der Zeit der ersten Großen Koalition, die dafür gestimmt haben, daß eine Vielzahl nationalsozialistischer Verbrechen straffrei blieb. Die "unerhörte Bruchlosigkeit der deutschen Geschichte" verschlägt dem wortmächtigen Erzähler - oder, sagen wir besser: einem der Erzähler - die Sprache; die gleichsam gurgelnd hervorsprudelnde Anklage gegen das Parlament wird zum Mahnmal einer gesamtnationalen, zweiten Schande: "du Land, du Deutsch, du, gehe, du, doch du, gehe, doch hin, knie, hin, du Tag, du Sau, du einhelliges, Schwein du, ihr alle ihr, du, ihr alle ihr, zweideutigen, ihr du Hundeland, Sauvater, du Land, du Un, du Tier."

Wir sind damit schon weit in der Nachkriegszeit angelangt, die Harlan mit seinem verwirrend auf vielen Handlungs- und Zeitebenen arrangierten Stimmengewirr unter einem Vorzeichen umkreist: der für ihn ebenfalls unfaßbaren Tatsache, daß und wie ehemalige Nationalsozialisten nach dem Zusammenbruch weiterleben und -arbeiten konnten. Der SS-Mann Wirth gehört nicht zu ihnen, er wird im Mai 1944 von jugoslawischen Partisanen erschossen. Sein Nachfolger als Triester Lagerkommandant wird der SS-Obersturmbannführer August Dietrich Allers, die zentrale, freilich selten in Erscheinung tretende Negativfigur, die es sich zunutze macht, daß die "Operationszone Adriatisches Küstenland" nach dem italienischen Waffenstillstand mit den Alliierten im September 1943 direkt unter die Verwaltung der "Kanzlei des Führers" gestellt wurde und in der Verfolgung, Schinderei und Tötung von Menschen entsprechend vorging.

Als grausiges Echo hält Harlan gegenwärtig, was in den östlichen Lagern vor sich gegangen ist. Die streng sachlichen Schilderungen etwa aus dem Warschauer Getto, überhaupt des Lageralltags gehören zum Beeindruckendsten, Beklemmendsten des Buches. Der süßliche Rauch weht von dort gleichsam an die Adria herüber, wo nun ebenfalls das Unfaßliche in Gang gesetzt wird. Die inmitten der unüberschaubaren Fülle von Namen, Orten und Zeiten spürbare Präzision, mit der Harlan vorgeht, hat es darauf abgesehen, das zweite Unbegreifliche zu vermitteln, das mit der These von der Bruchlosigkeit zusammenhängt, ja, deren Voraussetzung ist: Es gab nur Taten, aber keine Täter.

Daß vor alldem die Sprache versagt, die Kunst als solche sogar zu verstummen hätte, ist ein alter Topos, den Harlan für inopportun hält. In unheimlicher Übereinstimmung mit dem Massenmord selber könnte man sagen, auch dessen Vermittlung sei mehr als eine technische Frage: "Es war deshalb auch nicht ein Problem allein sprachlicher Kunstfertigkeit, wollte man Sachen beim Namen nennen und, vor allem, auseinanderhalten. Die Vernichtung der Zeit durch die Gleichzeitigkeit mußte vielmehr eine Ursache haben, die wir, mutmaßte Enrico, in jenem Raum zu suchen hätten, in dem der Berichterstatter seine Unfähigkeit erlebt, von diesem Ereignis zu erzählen." Wo liegt dieser Raum? Im Gehirn des, wie sich herausstellt, schwer traumatisierten, seinen Roman unter Wahnvorstellungen fiebrig zusammenmontierenden Enrico Cosulich. Im Gegensatz zu den Schuldigen ist er unfähig zur Verdrängung - Voraussetzung für die krankhafte Akribie seiner Aufzeichnungen und zugleich Grund dafür, daß er damit nicht fertig wird; Enrico stirbt irgendwann "aus Fassungslosigkeit". Sie allein wäre eine dürftige Voraussetzung für einen so ungeheuer ambitionierten und, mit Abstrichen, diese Ambitionen auch einlösenden Roman.

Harlan wählt einen Ausweg, der alles andere als eine Notlösung ist, der vielmehr dem fragmentarischen Gesamtbefund schlüssig Rechnung trägt: Der Rahmenroman "Heldenfriedhof" erzählt die Entstehungsgeschichte des gleichnamigen Binnenromans nach und sieht sich damit gleichsam und andauernd selbst bei seinem Entstehen zu. Man könnte dies als Mittel begreifen, den Schrecken auf Abstand zu halten, und darüber mutmaßen, was Harlan sich hier selbst von der Seele geschrieben hat. Auf jeden Fall ist es ein Dokument des Zorns und der Besessenheit, um das Leser, die sich vielleicht lieber von einschlägigen Doku-Fiction-Operetten unterhalten lassen, vermutlich einen Bogen machen werden.

Wozu also das Ganze? Die Leistung des Romans, der über die Erzählperspektive oft im unklaren läßt, liegt darin, daß er jegliche Einfühlung, die uns auch den Massenmörder nur als Menschen zeigen will, verweigert. Dennoch liegt es nahe, im verstörten, heldenhaften Enrico Cosulich nach Alter-ego-Zügen zu suchen: Der eine wie der andere Autor ist davon überzeugt, "daß nichts anderes sich in seinem Jahrhundert ereignet habe als eigentlich das Eine; daß dieses Eine wahrscheinlich auch noch im kommenden, zweiten Jahrtausend die Beschäftigung mit etwas anderem als diesem Einen ausschließen würde und alle dennoch erwähnenswerten Leistungen oder Tätigkeiten, wenn auch wohl nirgends denn in der Kunst, allein deshalb noch auf eine gewisse Gültigkeit hoffen könnten, weil sie sich eben auf dieses Eine, es vorausahnend oder in sich aufnehmend, bezögen".

Dieser Gedanke wurde so oder so ähnlich schon oft gedacht und ausgesprochen. Thomas Harlan zeigt uns, warum es ihn überhaupt gibt. Sein Roman sollte nicht an rein literarischen Maßstäben gemessen werden. Er nötigt Respekt ab als Resümee einer lebenslangen Obsession.

Thomas Harlan: "Heldenfriedhof". Roman. Eichborn Berlin Verlag, Berlin 2006. 584 S., geb., 24,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"Heldenfriedhof" von Thomas Harlan ist das Zeugnis einer obsessiv zu nennenden Beschäftigung des Autors mit den Verbrechen der NS-Zeit und der mangelhaften oder oft fehlenden Verfolgung der Täter, teilt ein tief beeindruckter Edo Reents mit. Er beschreibt den Roman als kaum lesbar, verwirrend und in seiner Detailgenauigkeit beinahe unerträglich und apostrophiert ihn als ein Monstrum aus Tatsachenberichten, Zeugenaussagen und Fiktion, das mit "literarischen Maßstäben" allein nicht wirklich zu fassen und zu würdigen ist und gleichwohl die allergrößte Achtung abverlangt. In der Rahmengeschichte wird von Enrico Cosulich erzählt, der einen Roman über die von der "Aktion Reinhard" verübten Verbrechen in Triest schreibt, die Binnengeschichte bildet dieser Roman selbst, erklärt der Rezensent. Insbesondere die von jeglicher Psychologisierung freien, kühlen Schilderungen vom Leben im Konzentrationslager oder im Warschauer Ghetto haben Reents tief bewegt, wobei er das größte Verdienst des Romans darin sieht, dass Harlan jegliche "Einfühlung", insbesondere in die Persönlichkeiten der NS-Täter, unterbindet.

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