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Eine moderne Kleinbürgersatire von geradezu klassischem Format
Als der Betriebswirt Heinrich Grewent unvermittelt für seine Firma nach Hamburg zu Verhandlungen reisen soll, kommt ihm dies alles andere als gelegen. Sein eher pedantisches Naturell bricht nur ungern mit der täglichen Routine, und außerdem weiß er nicht, wie er seiner Frau Gerda die plötzliche Reise erklären soll. Denn Gerda lässt ihn in letzter Zeit schmerzlich spüren, dass sie sich von ihm vernachlässigt fühlt. Dennoch macht sich Grewent auf den Weg. Die Zugfahrt nach Hamburg wird für ihn freilich zum Desaster. In der…mehr

Produktbeschreibung
Eine moderne Kleinbürgersatire von geradezu klassischem Format

Als der Betriebswirt Heinrich Grewent unvermittelt für seine Firma nach Hamburg zu Verhandlungen reisen soll, kommt ihm dies alles andere als gelegen. Sein eher pedantisches Naturell bricht nur ungern mit der täglichen Routine, und außerdem weiß er nicht, wie er seiner Frau Gerda die plötzliche Reise erklären soll. Denn Gerda lässt ihn in letzter Zeit schmerzlich spüren, dass sie sich von ihm vernachlässigt fühlt. Dennoch macht sich Grewent auf den Weg. Die Zugfahrt nach Hamburg wird für ihn freilich zum Desaster. In der ungewohnten Umgebung findet er sich nur mühsam zurecht, und überdies wird er immer mehr von lange verdrängten Ängsten und Trieben übermannt. Schon bald sieht sich Grewent in ein Netz von paranoiden Gedanken verstrickt, aus dem er sich nicht mehr zu befreien vermag. Christoph Peters' Erzählung entlarvt auf furiose Weise die Abgründe, die unter der Oberfläche eines scheinbar wohlgeordneten Kleinbürgerlebens lauern.

"Heinrich Grewents Wahn bricht aus. Und uns der Schweiß vor soviel stiller, psychologischer Könnerschaft, die sich schon in der ersten (und jetzt überarbeiteten) Geschichte dieses großtalentierten deutschen Schriftstellers offenbart."

Literarische Welt

"Ein bestechendes Debüt. Hier, so scheint es, hat jemand eine Sprache für das Erinnern gefunden. Dies ist vielleicht die größte Leistung des Erzählers Peters."

Florian Illies, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Pressestimmen zu Stadt Land Fluß: "Christoph Peters hat mit einen der besten deutschen Debütromane der letzten Jahre geschrieben." Ulrich Baron, Rheinischer Merkur
  • Produktdetails
  • Verlag: BTB BEI GOLDMANN
  • Abmessung: 21 cm
  • Gewicht: 261g
  • ISBN-13: 9783442751419
  • ISBN-10: 3442751411
  • Artikelnr.: 13383180
Autorenporträt
Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar (Niederrhein) geboren. Er hat von 1988 bis 1994 in Karlsruhe Malerei studiert. 1999 erschien sein Romandebüt 'Stadt Land Fluß', für das er u.a. den aspekte-Literaturpreis erhielt. 2001 veröffentlichte er den Erzählband 'Kommen und gehen, manchmal bleiben', 2003 den Roman 'Das Tuch aus Nacht', für den er mit dem d.-lit.-Preis ausgezeichnet wurde. Christoph Peters lebt heute in Berlin.
Rezensionen
Besprechung von 22.06.2005
Intercity nach Seelenfahrplan
Tagträume, Nachtgebilde: Der Erstling von Christoph Peters

Als vor sechs Jahren "Stadt Land Fluß" erschien, der erste Roman eines jungen Schriftstellers vom Niederrhein, war das ein Coup: Wie über Nacht war ein neuer Autor da. Ein souveräner Erzähler, der sich zwischen der religiösen Schnitzkunst der Spätgotik und den Seelenwirrnissen der Liebe eines jungen Gelehrten zu einer Zahnärztin wie selbstverständlich bewegte und sich nebenbei als meisterhafter Landschafter des Niederrheins erwies. Emphatisch wurde die neue Stimme begrüßt und kaum vermerkt, daß es sich hier keineswegs um ein Debüt handelte.

Denn bereits 1996 war im Mainzer "Dreieck"-Verlag eine Erzählung erschienen, die auf den jungen Mann hätte aufmerksam machen können. Im Untertitel "Eine Erzählung", was der immer noch verbreiteten Neigung widersprach, allerhand Prosa der Mittelstrecke gleich als "Roman" auszugeben. Jetzt ist, nach einem Erzählungsband und dem beachtlichen Istanbul-Roman "Das Tuch aus Nacht", das frühe Stück "Heinrich Grewents Arbeit und Liebe" noch einmal zu lesen. Wer weiß, wie lange dieses Manuskript vor der Erstveröffentlichung schon in einer (womöglich Kalkarer Jugendzimmer-)Schublade geschlummert hat.

Denn diese Erzählung davon, wie dem leitenden Angestellten der Prosan Hygienepapiere AG Heinrich Grewent eine Dienstreise im IC nach Hamburg zu einer kleinen Höllenfahrt ins Selbst gerät, läßt sich problemlos um noch ein paar Jahre zurückdatieren, dem Fernsehen sei Dank. Der Showmaster, "ein Mann Anfang Siebzig", der den Kandidatinnen "schmierige Komplimente" macht, ist unschwer als der späte Kulenkampff zu erkennen. Ein Sender weiter ist auf einer Plexiglasbühne "in nervös zuckendem Licht ein halbnacktes Mädchen" zu sehen. Das Privatfernsehen ist da, bietet "Tutti Frutti", aber Heinrich "schaute solche Sendungen nicht".

Wir befinden uns also etwa Anfang der neunziger Jahre, und verblüfft über die so nah bereits so ferne Historie liest man von einer noch ganz anderen Sachkultur. In Heinrich Grewents wohlgeordnetem Büro klappert eine Frau Saibling mit der Schreibmaschine, und hätte Heinrich Grewent, unvermutet auf eine Dienstreise geschickt, seine Frau Gerda wenigstens vom Mobiltelefon aus angerufen - wäre diese Ehetristesse vielleicht nicht gar so sprachlos ausgefallen. Weniges genügt dem Erzähler, um das Stadium der pragmatischen Hoffnungslosigkeit zu markieren, in das Heinrichs und Gerdas Zweisamkeit eingetreten ist, das morgendliche Benutzen des Bads "nacheinander", sein Schnarchen, ihr "Heinrich, laß es. Bitte", mit dem ein zögernder Annäherungsversuch beendet wird. Dabei hatte er sich "für alle Fälle sein Geschlechtsteil" abgespült: "Sonst war es krebserregend." Es ist die Zeit, als Sex noch "Ehehygiene" hieß.

Um Heinrich Grewents Liebe steht es schlecht, um seine Arbeit auch. Der schnöselige Marketingmann Dr. Assmann bedroht nämlich Grewents opus summum. Es handelt sich dabei um einen Wandhalter für die neue Produktlinie "Prosan feucht classic". Am Wandhalter aber hängt das Abendland: In Assmanns Händen, der sich in der Firma als "Vordenker" geriert, würde aus Grewents großer Idee "eines dieser bunten Wegwerfprodukte, ein kaugummifarbenes Kästchen aus Billigplastik". Heinrich Grewent schwebt etwas anderes vor: "Sein Wandhalter sollte von zeitloser Schönheit sein, ein Klassiker des Sanitärdesigns: In einem rechtwinklig gefügten Gestänge aus chromblinkendem Vierkantstahl wäre das mattschwarze Kerngehäuse eingesenkt wie ein Schrein." Die Verhandlungen im Hamburg werden zur "Entscheidungsschlacht", in der es um weit mehr geht als um feuchtes Toilettenpapier: Solidität steht gegen Firlefanz, wir befinden uns an einer Zeitenwende.

Doch der Kampf, in den Ritter Heinrich zieht - im IC Klaus Störtebeker den Rhein hinab, an Burgruinen vorbei, der verführerischen Loreley, einer dunklen Germania -, scheint schon verloren. Übermächtig lauern die Gefahren. Schon der Gang durch den Bahnhof auf der Suche nach Auskunft gerät dem Schreibtischmenschen Heinrich zum Notfallszenario. An einem Kontrollraum liest er "Achtung, Hochspannung! Lebensgefahr! Ein Saboteur hätte leicht die Frontscheibe einschlagen und eindrücken können." Beim Einsteigen werden Mitreisende zu Konkurrenten. Dann rollt die Bahn heran, eine einzige "gewalttätige Entschlossenheit": "Hoffentlich hatte niemand entschieden, sich gerade jetzt vor genau diesen Zug zu werfen." Alles kann jederzeit geschehen. Natürlich landet Heinrich im falschen Abteil in der zweiten Klasse. Die Welt erscheint heillos sexualisiert. In Koblenz kann Heinrich nicht an der Softpornoschrift seines Sitznachbarn vorbeisehen. In Bonn steigen - "Geschrei und Gezeter. Niemand hatte mit einem neuerlichen Überfall gerechnet" - pubertierende Mädchen zu. Eines ist hübsch. Bei der Einfahrt in Köln verschlingen sich in Grewents Blick die Gleise: "Zwei Riesenschlangen im Liebesspiel."

Mit staunenswerter Konsequenz führt Christoph Peters die Liebe-und-Tod-Motive durch den Mikrokosmos der bürgerlichen Existenz seines Helden von der traurigen Gestalt, der nun, je länger die Reise dauert, immer weiter sich in Tagträumen, Kindheitserinnerungen und Fluchtphantasien verliert. "Sedimente hatten sich Schicht um Schicht abgelagert, hatten Treibholz, Kadaver eingeschlossen, und mit der Zeit war daraus eine Untiefe geworden, die ihn jetzt, wo er ohne Steuerruder in dieser Gegend umhertrieb, mit einem Knirschen auflaufen ließ."

Daß hinter den Fassaden der Ordnung und Wohlanständigkeit das Böse lauert, Sadismus und Gemeinheit, Chaos und Angst: dies zu erfahren haut heutige Leser nicht mehr um, und manche Rückblende in die Vorwelt von Trauma und Urszene wirkt ein wenig bemüht. Da läßt Zugführer Peters seinen narrativen IC vielleicht allzu pünktlich im Psycho-Fahrplan bleiben. Doch liest man in "Heinrich Grewents Arbeit und Liebe" weit mehr als eine Etüde vor den inzwischen freier und komplexer ausgeführten Roman-Partituren dieses schon hier meisterhaften Erzählers. Eine Mikroskopie der Vergeblichkeit, Aberwitz der Existenz: die großen Themen im Verkleinerungs-Rückspiegel der frühen neunziger Jahre, die uns heute so fern und harmlos erscheinen.

HOLGER NOLTZE

Christoph Peters: "Heinrich Grewents Arbeit und Liebe". Eine Erzählung. btb-Verlag, München 2004. 141 S., geb., 16,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zugegeben, der große Wurf kam erst mit "Stadt Land Fluss", doch Holger Noltze spricht eine nachdrückliche Empfehlung für Christoph Peters' frühe Erzählung aus. Der "meisterhafte Erzähler" jedenfalls war schon geformt, auch wenn die nachfolgenden Roman "freier und komplexer" ausfielen. Es geht, so Noltze, um den Angestellten einer "Hygienepapiere AG", es geht um kleinbürgerliche Tristesse und eheliche Einsamkeit, um die Zeitenwende der frühen 90er Jahre. Es geht also eigentlich um das große Thema der "Vergeblichkeit", ausgeführt an der traurigen Figur des alternden Bürgers, dem eine Bahnreise zur "Höllenfahrt ins Selbst" wird, und der sich, "je länger die Reise dauert, immer weiter sich in Tagträumen, Kindheitserinnerungen und Fluchtfantasien verliert". Fazit: Man hätte schon 1996, dem Jahr der Erstveröffentlichung, auf Christoph Peters aufmerksam werden können.

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