Heimweh - Bunke, Simon

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Zwischen dem späten 17. und frühen 20. Jahrhundert galt das Heimweh nicht als ein vages, allgemeinmenschliches Gefühl, sondern als eine tödliche Krankheit, an der vor allem Schweizer und Soldaten litten und die in zahlreichen medizinischen Abhandlungen intensiv diskutiert wurde. Vorliegende Studie rekonstruiert erstmals auf breiter Materialbasis die Medizin-, Kultur- und Literaturgeschichte dieser Krankheit Heimweh. Dabei kommt nicht nur ihre Medizingeschichte von Johannes Hofer (1688) bis hin zu Karl Jaspers (1909) und darüber hinaus in den Blick, sondern auch die Auswirkungen des Diskurses…mehr

Produktbeschreibung
Zwischen dem späten 17. und frühen 20. Jahrhundert galt das Heimweh nicht als ein vages, allgemeinmenschliches Gefühl, sondern als eine tödliche Krankheit, an der vor allem Schweizer und Soldaten litten und die in zahlreichen medizinischen Abhandlungen intensiv diskutiert wurde. Vorliegende Studie rekonstruiert erstmals auf breiter Materialbasis die Medizin-, Kultur- und Literaturgeschichte dieser Krankheit Heimweh. Dabei kommt nicht nur ihre Medizingeschichte von Johannes Hofer (1688) bis hin zu Karl Jaspers (1909) und darüber hinaus in den Blick, sondern auch die Auswirkungen des Diskurses auf weite Bereiche der Kultur: etwa auf das Militär, die Justiz, die Musikästhetik, philhelvetische Konstrukte der Schweiz, Codierungen transzendenter Sehnsucht, künstlerische Bildprogramme oder Festpraktiken. Vor allem aber werden in ausführlichen Analysen literarischer Texte von Haller, Matthisson, Schiller, Coleridge, Tieck, Arnim/Brentano, Chamisso, Jean Paul, Heine, Herwegh, Keller, Spyri und vielen anderen die vielfältigen literarischen Imaginationen der Krankheit Heimweh aufgezeigt.
  • Produktdetails
  • Litterae
  • Verlag: Rombach
  • Seitenzahl: 674
  • Erscheinungstermin: März 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 232mm x 154mm x 40mm
  • Gewicht: 955g
  • ISBN-13: 9783793095101
  • ISBN-10: 379309510X
  • Artikelnr.: 26009868
Autorenporträt
Bunke, Simon
Simon Bunke, geb. 1976, 2006 Promotion in Neuerer deutscher Literatur an der LMU München mit vorliegender Arbeit; 2006/2007 Visiting Scholar an der Stanford University. Forschungs-schwerpunkte: Literatur und Medizin; Literatur und Alltagspraxis; erotische Literatur; Lyrik des 18. Jahrhunderts; Wiener Volkstheater; Theodor Fontane; Gerhard Polt.
Rezensionen
Besprechung von 05.05.2010
Wenn das Alphorn ruft
Die Erfindung eines Gefühls: Eine Studie zu Heimweh

In Worten und Vorstellungen, die heute nur noch als Redensart verstanden werden, kann sich vergangenes Wissen verbergen. Was einst exakte Kenntnis war, ist nun verbaler Zierat - etwa die Rede vom Herzen als Sitz der Gefühle. Ein Kulturwissenschaftler übernimmt da eine Aufgabe, die das Gegenstück zum Job des Bombenräumers ist: Statt in alten Schuttschichten verborgene Sprengkraft zu neutralisieren, muss er das Wort scharf machen, ihm seine einstige Brisanz neu verleihen. So kann man der Sprache unerwartete Aspekte abgewinnen, und es eröffnen sich neue Deutungsperspektiven.

Diese Aufgabe sucht Simon Bunke in seiner Dissertation über Heimweh zu bewältigen. Denn das Heimweh war einst mehr als bloß ein vages Gefühl der Sehnsucht, es handelte sich vielmehr um eine potentiell tödliche Pathologie. Die Krankheit war erstmals 1688 von Johannes Hofer bestimmt und ausbuchstabiert worden. Entscheidendes Merkmal ist, dass die Einbildungskraft immerfort übermäßig positive Bilder der Heimat produziert. Anfangs wird das Heimweh einer kleinen Personengruppe zugeschrieben: Es ist die "Schweizer Krankheit", denn sie befällt Schweizer Söldner in ausländischen Diensten, und zwar bevorzugt dann, wenn sie den Kuhreihen vernehmen; es ist daher verboten, den Söldner sein Alphorn hören zu lassen.

Ist die Diskussion des Heimwehs anfangs lokal, wird die Krankheit im achtzehnten Jahrhundert prominent; auch Nicht-Schweizer leiden an ihr. Um 1780 ist sie in Dissertationen, Enzyklopädien und vor allem in den Köpfen fest verankert. Jedermann weiß, dass Söldner aus "Nostalgie" desertieren und dass Dienstmädchen Kinder töten oder Häuser niederbrennen, wenn sie an "Hemvé" erkranken - die Justiz urteilt milde. Zwischen 1800 und 1860 ist die "Hochphase des Diskurses" erreicht, anschließend gerät das Heimweh als Krankheit in Vergessenheit; eine prominente letzte Formulierung findet sich in Spyris "Heidi".

Bunkes Studie zeichnet Entstehung, Merkmale und Vergehen des Krankheitsbildes präzise nach. Auch der Übergang aus dem medizinischen Wissen in Musik und Literatur wird untersucht, und schließlich ist das "literarische Heimweh" explizit Thema der Studie. Während die Entstehungsgeschichte allerlei kulturhistorische Merkwürdigkeiten zutage bringt, sind methodische Schwächen festzuhalten, etwa die schwammige Verwendung des Diskursbegriffes nach Foucault. Der Autor stellt sich selbst ein Bein: Bunke untersucht das Heimweh als geographisch und historisch spezifisches Krankheitsbild und grenzt es somit von Nachbarpathologien wie Melancholie oder Wahnsinn ab. Auch kulturgeschichtlich isoliert er es. Damit beraubt er das Heimweh kultureller Zusammenhänge, die es für Literaturinterpretationen interessant gemacht hätten. Selbst wenn man Bunke folgt und das Heimweh als aus der Schweiz stammendes, neuzeitliches Phänomen betrachten möchte, bleibt eine positivistische Kurzsicht, die zur Scharfsinn und Belesenheit des Autors im Missverhältnis steht: Auf knapp 700 Seiten wird nicht gefragt, warum gerade Söldner aus einer der ersten modernen Demokratien Heimweh bekommen; die Rolle des Schweizer Neutralitätsdenkens wäre hier einzubeziehen. Ungestellt bleibt die Frage, warum der internationale Siegeszug der Krankheit zeitgleich mit dem des modernen Nationalgedankens, Träger neuer Heimatbilder, stattfindet.

Simon Bunke argumentiert stringent, erarbeitet ein enormes Textkonvolut, betritt Neuland und schafft ein Standardkorpus. Aber die Arbeit erschlägt in Volumen, Redundanz, Kleinteiligkeit: Ihr liegt mehr daran, minimale Diskursevolutionen zu formalisieren als eine inspirierende Deutungsmatrix zu gewinnen. Die Konsequenz ist eine literaturferne Qualifikationsschrift im Fach Germanistik. Schließlich befremden gröbere sprachliche Fehler. Ein Buch dieser Preisklasse sollte vom Verlag sorgfältiger bearbeitet werden.

NIKLAS BENDER

Simon Bunke: "Heimweh". Studien zur Kultur- und Literaturgeschichte einer tödlichen Krankheit. Rombach Verlag, Freiburg 2009. 674 S., geb., 78,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Von den sprachlichen Fehlern, die sich der Rezensent angesichts des Preises verbittet, mal abgesehen: Dieses Buch erschlägt sich selbst mit Kleinteiligkeit, Redundanz und schierem Umfang, stellt Niklas Bender bedauernd fest. Bedauernd, weil Bender das Thema Heimweh an sich höchst interessant findet und der Autor ihm über Entstehung und Merkmale dieses "Krankheitsbildes" und sein Fortleben in den Künsten stringent argumentierend allerhand Kurioses mitzuteilen hat. So fleißig und präzis Simon Bunke in seiner Dissertation vorgeht, so schwach erscheint Bender die Studie methodisch. Namentlich die geografische, historische und kulturgeschichtliche Begrenzung des Heimwehs auf die neuzeitliche Schweiz hält Bender für kontraproduktiv und dem Scharfsinn und der Belesenheit des Autors nicht angemessen. Fragen zum modernen Nationalgedanken und zu neuen Heimatbildern im Zusammenhang mit dem Siegeszug des Heimwehs bleiben laut Bender so ungestellt.

© Perlentaucher Medien GmbH