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Heimsuchung reicht tief in die deutsche Vergangenheit. Eine literarische Spurensuche von stupender Wucht Ein Haus an einem märkischen See ist das Zentrum, fünfzehn Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute ranken sich darum. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende. Jedem einzelnen Schicksal gibt Jenny Erpenbeck eine eigene literarische Form, jedes entfaltet auf ganz eigene Weise seine Dramatik, seine Tragik, sein Glück. Alle zusammen bilden eine Art…mehr

Produktbeschreibung
Heimsuchung reicht tief in die deutsche Vergangenheit. Eine literarische Spurensuche von stupender Wucht Ein Haus an einem märkischen See ist das Zentrum, fünfzehn Lebensläufe, Geschichten, Schicksale von den Zwanzigerjahren bis heute ranken sich darum. Das Haus und seine Bewohner erleben die Weimarer Republik, das Dritte Reich, den Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit der Nachwende. Jedem einzelnen Schicksal gibt Jenny Erpenbeck eine eigene literarische Form, jedes entfaltet auf ganz eigene Weise seine Dramatik, seine Tragik, sein Glück. Alle zusammen bilden eine Art kollektives literarisches Gedächtnis des letzten Jahrhunderts, geformt in einer Literatur, die nicht nur großartige Sätze und Bilder zu bieten hat, sondern die auch Wunden reißt, verstört, beglückt, verunsichert und versöhnt. Worin das Geheimnis dieser Geschichten besteht, woraus sich ihr Glanz, ihre Wucht und ihre eminente Dramatik entfalten, ist schwer zu sagen. Sicher aber ist eins: Mit diesem Buch ist Jenny Erpenbeck ihr Meisterstück gelungen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Eichborn
  • Nachdr.
  • Seitenzahl: 190
  • Erscheinungstermin: 25. Januar 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 128mm x 20mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783821857732
  • ISBN-10: 3821857730
  • Artikelnr.: 23275078
Autorenporträt
Jenny Erpenbeck wurde 1967 in eine Berliner Schriftstellerdynastie geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteuse und Ankleiderin an der Staatsoper Berlin studierte sie in Berlin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Seit 1991 arbeitete sie zunächst als Regieassistentin und inszenierte danach Aufführungen für Oper und Musiktheater in Berlin und Graz. Jenny Erpenbeck lebt als freie Autorin und Regisseurin in der Nähe von Graz, wo sie im Frühjahr 2000 mit großem Erfolg ihr erstes Stück "Katzen haben sieben Leben" am Schauspielhaus inszenierte.
2008 wurde Jenny Erpenbeck mit dem "Solothurner Literaturpreis" für ihr "feinsinniges erzählerisches Werk" sowie dem Heimito von Doderer-Literaturpreis ausgezeichnet.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.02.2008

Am Ende bleibt immer der Gärtner
In ihrem neuen Roman „Heimsuchung” erzählt Jenny Erpenbeck die Geschichte eines Hauses durchs 20. Jahrhundert
Es spricht für den Reichtum eines Romans, wenn er auf assoziative Abwege führt, die der Verfasser nach menschlichem Ermessen nicht einkalkuliert hat. Jenny Erpenbecks neues Werk „Heimsuchung” weckte längst verschüttete Erinnerungen an den Country-Song „This Ole House” von Stuart Hamblen – in deutscher Fassung populär geworden durch einen gewissen Bruce Low, der, wie wir erst jetzt verblüfft zur Kenntnis nehmen, in Wirklichkeit Ernst Gottfried Bielke hieß und ein aus Surinam gebürtiger Niederländer war. Der Mann hatte eine veritable Geisterbahnstimme, und das Lied, das die kindliche Phantasie mehr beschäftigte als jede Gruselgeschichte, ging so: „Das alte Haus von Rocky Docky/ hat vieles schon erlebt,/ kein Wunder, dass es zittert,/ kein Wunder, dass es bebt . . .”
Dieses Treibgut taucht nun plötzlich aus den Untiefen des Gedächtnisses auf und trudelt an der Oberfläche, wiewohl man am Scharmützelsee, dem sogenannten Märkischen Meer, wo Erpenbecks Erzählung spielt, keinen Ort namens Rocky Docky findet. Auch dürfte die 1967 in Ost-Berlin geborene Autorin von Westschlagern aus den goldenen Fünfzigern weitgehend verschont geblieben sein. Thomas Brussigs im Jahr 2000 publiziertes Kirchenasyl-Drama „Heimsuchung” hingegen müsste sie kennen, aber ihr Kollege hat offenbar keinen Titelschutz beantragt: Es scheint, dass der Begriff, dessen Bedeutung zwischen „Katastrophe” und „Heimatsuche” effektvoll changiert, für ostdeutsche Schriftsteller der mittleren Generation so viel Aussagekraft besitzt, dass es zur Not auch für zwei reicht.
Eine ironiefrei pathetische Aura erhält der Titel freilich erst bei Jenny Erpenbeck. In ihrem Episodenroman geht es um ein Haus am Seeufer, das im Lauf von acht bis neun Jahrzehnten deutscher Historie viel Not und Elend, doch naturgemäß auch glückliche Momente seiner wechselnden Bewohner sieht. Die Villa samt Garten und Bootssteg ist der Schauplatz, auf dem die politischen Umwälzungen des Säkulums ihren privaten Niederschlag finden. Manchen wird das Haus vorübergehend zur Heimat, anderen zur Zuflucht oder zum Versteck in katastrophalen Zeiten, bis es sich mit Spuren von Lebensläufen und Schicksalen derart angereichert hat, dass es am Ende, wie das Rocky-Docky-Haus in den Versen des auf seine Weise begnadeten Schlagertexters Kurt Feltz, zwar halb zerfallen ist, zugleich aber „voller Stimmen” und „voller Seufzer”, „voller Wunder und voll heimlicher Musik”.
Jenny Erpenbeck hat versucht, den Stimmen nachzulauschen und ihre eigene Sprachmusik daraus zu komponieren, eine Elegie auf das vorige Jahrhundert, die sich mit weit ausholender Geste sogar noch in die Erdgeschichte einfügt: Der Prolog schildert im Zeitraffer die eiszeitlichen Bewegungen, die zur Entstehung des größten Sees der Mark Brandenburg führten, und prophezeit dem Gewässer eine neue „Verwüstung” in ferner Zukunft. „Denn, wie jeder See”, so heißt es, „war auch dieser nur etwas Zeitweiliges, war auch diese Rinne nur dazu da, irgendwann wieder ganz und gar zugeschüttet zu werden.” Wer einen nobleren Assoziationsraum bevorzugt als den Cowboysong vom alten Haus, mag an Ovids Metamorphosen denken: Alles im Universum ist in unablässigem Wandel begriffen, nichts hat Bestand, und doch geht nichts verloren. Dazu passt die Schlusspointe, die so lakonisch wie elegant auf den Anfang zurückweist, nachdem im Epilog das marode Gebäude nach allen Regeln der Abbruchtechnik demoliert worden ist: „Bevor auf demselben Platz ein anderes Haus gebaut werden wird, gleicht die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst.”
Der Handlungsbogen spannt sich vom archaischen Leben der bäuerlichen Vorbesitzer über den Verkauf des Seegrundstücks an einen Architekten bis zur profitorientierten Zerstörung der mittlerweile geschichtsträchtigen Immobilie. Abrissmethoden und Entsorgungsbestimmungen, Hochzeitsbräuche und Bestattungsriten, Architektur, Pflanzenkunde und Gartenbau – das alles wurde hier mit der gleichen Gründlichkeit recherchiert wie die Verwerfungen deutscher Geschichte in Ost und West von der Weimarer Republik bis zur Nachwendezeit, wie die Familienchroniken und Biographien, deren Fragmente in den Roman eingeflossen sind. So erklärt sich die auffallend lange Liste der Danksagungen an Archive, Institute und Privatpersonen im Anhang. Trotz der Materialfülle und des zahlreichen Personals aber findet eine Entfaltung ins episch Breite nicht statt: Die Erzählung will ihre Kraft aus dem Extrakt gewinnen, aus der Konzentration auf das Wesentliche in Stoff und Sprachgestalt; sie will individuelle Lebenslinien nachzeichnen und dabei doch den Abstand wahren, der für den Blick auf große Zyklen und Zusammenhänge unabdingbar ist.
Der Balanceakt zwischen Einfühlung und Distanz, Sammeleifer und Askese, Kunstwollen und Chronisten-Ambition verstärkt noch die ballerinenhafte Anspannung, mit der Jenny Erpenbecks Prosa einen permanenten Spitzentanz vorführt. Alles ist hier geradezu vorbildlich gewählt und gelöst: die deutsch-deutsche Thematik, die sinnstiftende Konstruktion, die erhöhte Perspektive, der disziplinierte Erzählduktus. Von technischer Souveränität kündet das Aufbrechen der Chronologie, die Mischung und Überlagerung verschiedener Zeitebenen, die in Anspielung auf das erdgeschichtliche Präludium die Vorstellung erzeugt, es werde ein Bohrtunnel durch die Sedimentschichten der jüngeren Vergangenheit gelegt. Als Refrain und retardierendes Moment dient der regelmäßig sich wiederholende Auftritt des Gärtners – der einzigen Figur, die sämtliche Veränderungen überlebt, bis der „Investor” zuschlägt – in schönen, kontemplativen Szenen vor dem Hintergrund einer von Menschenhand gezähmten und gestalteten Natur.
Gärtnerische Eingriffe nach Art des Rodens, Schneidens, Stutzens, Jätens und Mähens scheinen auch den Roman geformt zu haben. Aus dem rigiden Korsett befreit sich die Autorin nur dort, wo sie ihrer Neigung zu pornographischem Kitsch freien Lauf lässt, und das geht dann leider buchstäblich in die Hose. So bleibt der Eindruck zwiespältig: Dies ist ein Buch, das kaum einen Fehler hat und dem doch etwas Entscheidendes fehlt. Vielleicht, was immer das auch sein mag, ein kräftiger Schuss Rocky Docky.KRISTINA MAIDT-ZINKE
JENNY ERPENBECK: Heimsuchung. Roman. Verlag Eichborn Berlin, Frankfurt am Main 2008. 191 Seiten, 17,95 Euro.
Die Villa samt Garten und Bootssteg ist der Schauplatz, auf dem die politischen Umwälzungen des Säkulums ihren privaten Niederschlag finden. Foto: imago/NBL
Jenny Erpenbeck Foto: Verlag
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.02.2008

Das Haus am Scharmützelsee

"Heimsuchung" kann vieles bedeuten: Hausdurchsuchung, Plage oder Heimweh. Von allem hat Jenny Erpenbecks Roman etwas. Er ist eine Spurensuche in den Ruinen deutscher Geschichte und eine Familiengeschichte an einem stillen Ort, weit weg von Berlin - die Wiederaneignung eines verlorenen Erbes.

Von Martin Halter

Jüngere deutsche Autoren neigen dazu, die Geschichte der eigenen Familie zur epischen Saga, wenigstens zu einer Chiffre deutscher Verhängnisse aufzubrezeln; je größer, desto besser, je schmerzhafter und persönlicher, desto "authentischer". So wird die eigene Biographie zum Gipfel aller bisherigen Geschichte, das Geburtshaus zum Mittelpunkt der Erde, und dieser Narzissmus ist ja auch menschlich.

Jenny Erpenbeck geht den Weg in umgekehrter Richtung. Ja, es ist ihre Geschichte: Das Reethaus am Scharmützelsee, Ausgangspunkt und Ziel dieser Heim-Suchung, wurde 1936 von einem Berliner Architekten erbaut und ging nach dem Krieg in den Besitz ihrer Großeltern Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck über. Die Enkelin, die hier ihr Kindheitsparadies fand, ist also wohl Jenny Erpenbeck. Sie ist zu diskret und distanziert, um auch nur ein Wort darüber zu verlieren; aber jedes Wort verrät, was dieses Haus für sie bedeutete. Aber wem und wie soll sie erklären, "dass die vergangene Zeit in ihrem Rücken zu wuchern begann, dass da ihre sehr schöne Kindheit ihr, die längst erwachsen war, mit so großer Verspätung noch über den Kopf wuchs und sich als sehr schönes Gefängnis erwies, das sie für immer einschließen würde"?

Ja, "Heimsuchung" ist auch ein Familienroman, aber derart poetisch verdichtet und verknappt, dass die Schicksale von drei Familien und fünf Generationen nicht einmal 190 Seiten beanspruchen. Natürlich ist das Haus am "Märkischen Meer" Fontanes auch für Jenny Erpenbeck der Mittelpunkt der Welt, das Brennglas, in dem sich die Träume, Hoffnungen und Ängste eines Jahrhunderts deutscher Geschichte spiegeln, Feuer fangen und verbrennen. Aber sie weiß auch, dass jede Landnahme, jeder Hausbau nur eine Episode im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen ist. "Heimsuchung" beginnt mit einer geologischen Tiefenbohrung: In nüchterner Wissenschaftsprosa, ohne mythologische Fanfaren und literarische Pauken schlägt Erpenbeck einen großen Bogen von der letzten Eiszeit bis zur nahen "Desertifikation". Am Ende, nach der Verwüstung durch die Abrissbagger, wird "die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst" gleichen. Alles, was Menschen gebaut, wofür sie gekämpft und gelitten haben, wird spurlos vom Erdboden verschwunden sein. Wie der Gärtner, der mit seinen stummen Auftritten die Episoden voneinander trennt: Er sät und erntet, hegt und pflegt, düngt und wässert, redet mit dem Grünzeug und den Bienen, aber nie mit den Menschen. Er war immer da und wird ewig bleiben, als Teil der Natur, als gütiger Hausgeist und Stifter eines sanften Naturgesetzes.

Die zwölf Geschichten, die sich um Haus und Grund, Bade- und Bienenhaus ranken, erzählen eher vom unsanften Gesetz des zwanzigsten Jahrhunderts, von Krieg, Flucht und Vertreibung, von der Heimat Utopie und der Utopie Heimat. So wie das Anwesen unter Parzellierung, Nachbarschaftskonflikten, Schimmel und Verfall, litten auch die Besitzer und Gäste unter den Wunden, die ihnen Zeit und Gesellschaft schlugen. Vor hundert Jahren war es die Großbauerntochter Klara, die als Erste aus der "Welt des Benehmens ausgeschert" und ins Wasser gegangen ist. Auf Klaras Parzelle baute der Architekt sein Ferienhaus; im Dritten Reich noch Arisierungsgewinnler, muss er 1951 selber Richtung Westen fliehen. Die Frau des Architekten lachte viel und gern, bis ein Rotarmist 1945 "ein Loch in ihre Ewigkeit bohrte". Die jüdischen Nachbarn konnten gerade noch nach Südafrika fliehen; ihre Eltern und das Mädchen Doris starben in Auschwitz. Nach dem Krieg fällt das Anwesen an ein aus dem Moskauer Exil heimgekehrtes Schriftstellerpaar; aber Erpenbecks Großeltern wurden nicht mehr heimisch in der Heimat. Die Babuschka, die als Mitgift ins Haus kam, ist dagegen lieber "fremd in der Fremde" als zu Hause. Als die "unberechtigte Eigenbesitzerin" das Haus noch einmal putzend in Besitz nimmt, stehen schon die Makler vor der Tür, um das Idyll meistbietend an Touristen und Investoren zu verkaufen.

Der Begriff "Heimsuchung" schließt Assoziationsfelder wie Hausdurchsuchung, Plage und Heimweh ein, und so ist Erpenbecks Roman auch konzipiert: als Spurensuche in den Ruinen deutscher Geschichte und als poetische Wiederaneignung des verlorenen Familienerbes. Ein Dutzend lose miteinander verknüpfter Geschichten von Schuld und Sühne: hochkonzentrierte lyrische Prosa, nacktes Gerippe ohne episches Fett, ohne Dialoge und meistens auch ohne Namen. Bevor man damit warm werden kann, springt die Erzählerin zum nächsten Schicksal weiter. Das macht die Lektüre nicht gerade einfach, auch wenn die einzelnen Kapitel durch Wiederholungen, Wortspiele und Leitmotive geschickt verklammert und rhythmisch strukturiert werden: Marder erobern das Haus, Kartoffelkäfer rücken gen Osten vor, Schätze werden vergraben, Krebse gegessen, Menschen und Worte ans andere Ufer übersetzt. "Heimsuchung" ist virtuos durchkonstruiert.

Die kleinen Scharmützel und großen Dramen am Scharmützelsee passieren nicht nacheinander, sondern neben- und übereinander. Zeit wird gestaut und verkürzt, gesichtet und geschichtet und "mit sich selbst verschwistert", bis das Futur II das Präsens überlistet und Vergangenheit zu Gegenwart und Zukunft wird. "Alles wie eins. Heute kann heute sein, aber auch gestern oder vor zwanzig Jahren." Nur der Wechsel der Sprach- und Stilebenen markiert das Vergehen der Zeit. Klara zerbrach noch an einer archaischen Ordnung, die in Sprichwörtern, Bauernregeln und Ritualen fest gegründet war; mit den Nationalsozialisten kommen Unwörter wie "Entjudungsgewinnabgabe", mit der Roten Armee auch eine peinlich missglückte Politpornographie, und am Ende kehrt die Enkelin die Scherben ihres Kindheitsparadieses zusammen und bringt sie im Abschied noch einmal zum Leuchten.

"Die Wildnis bändigen und dann mit der Kultur zusammenstoßen lassen, das ist die Kunst", sagte der Architekt und Heimatplaner. Auch der Bau "Heimsuchung" wirkt manchmal wie am Reißbrett konstruiert: eine Blaupause aller inneren und äußeren Kriege. Der Rasen im Park ist zu kurz geschnitten, mit zu viel preziösen und sentenziösen Rosen bepflanzt, als dass er noch atmen, wuchern, leben könnte. Man spürt die Anspannung, um nicht zu sagen: Anstrengung, alle Facetten deutscher Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert an einem stillen Ort, weit weg von Berlin und vom klassischen Familienroman, zur Sprache zu bringen. Erpenbeck hat jahrelang recherchiert, vom Bauaktenarchiv Köpenick bis nach Südafrika, hat sich in die Fachsprachen von Geologie, Rosenzucht, Zivilrecht und natürlich Bautechnik eingearbeitet. Am Ende hat sie das Schreckliche wie das Schöne in dieselbe schlackenlose, poetisch beherrschte Sprachkunst gebannt, und selbst wo von Brüchen, Unglück, Terror und Wahn die Rede ist, geht alles perfekt auf. "Heimsuchung" ist ein kühnes Experiment, ein eindrucksvoller Roman. Aber wohnen möchte man in diesem radikal entkernten Haus am See eigentlich nicht. "Wer baut, klebt nun einmal sein Leben an die Erde": Jenny Erpenbeck hat ihres eher an Wörter und Sätze gehängt.

- Jenny Erpenbeck: "Heimsuchung". Roman. Eichborn Berlin, Berlin 2008. 191 S., geb., 17,95 [Euro].

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"Jenny Erpenbecks neuer Roman besteht zum größten Teil aus Respekt: Respekt vor den wirklichen Menschen, vor den Figuren, vor all diesen Wahrheiten." Die Zeit

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Rezensentin Katharina Döbler hat viele Gründe, diesen "mit feinem Stich und großer Wirkung" gearbeiteten Roman von Jenny Erpenbeck über das Haus ihrer Großmutter, das die Familie nach der Wende an die Erben der jüdischen Alteigentümer zurückgeben musste, zu loben: Akribische Recherche, ihre dichte "mit dem Stoff der Imagination üppig gepolsterte" literarische Umsetzung, die Implantation von gedanklichen Ausschweifungen sowie die höchst komplex gebauten Figuren in den verschiedenem Zeiten, durch die der Roman das Geschick des Hauses und seiner wechselnden Besitzer und Bewohner verfolgt. Aber auch die Art, wie Erpenbeck darin deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts manifest werden lässt, haben die Rezensentin sehr beeindruckt. Was die Rezensentin aber vor allem überzeugt, ist die große Objektivität der Autorin bei der Beschreibung, die ohne jeglichen "autobiografischen Groll" auskomme. Und der Respekt, den sie in der Fiktion vor den "wirklichen Figuren" und ihren Wahrheiten behält, wo von ihre eigene Wahrheit zwar ein Teil, jedoch ein gleichgestellter sei.

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