Gebundenes Buch

In seinem düster-komischen Roman 'Hangover Square' evoziert Patrick Hamilton die heruntergekommene, rauchverhangene Welt der Pubs, Pensionen und versoffenen Philosophen - in einem Londeon voller dunkler Vorahnungen in den Monaten vor Kriegsausbruch.

Produktbeschreibung
In seinem düster-komischen Roman 'Hangover Square' evoziert Patrick Hamilton die heruntergekommene, rauchverhangene Welt der Pubs, Pensionen und versoffenen Philosophen - in einem Londeon voller dunkler Vorahnungen in den Monaten vor Kriegsausbruch.
  • Produktdetails
  • Verlag: Dörlemann
  • Seitenzahl: 379
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm
  • Gewicht: 437g
  • ISBN-13: 9783908777045
  • ISBN-10: 3908777046
  • Artikelnr.: 13254848
Autorenporträt
Patrick Hamilton, geb. 1904 in Sussex, war einer der talentiertesten Schriftsteller seiner Generation. Berühmt wurde er bei uns vor allem mit seinen Theaterstücken 'Gaslicht' (Gaslight) und 'Cocktail für eine Leiche' (Rope), die beide verfilmt wurden, letzteres 1948 von Alfred Hitchcock mit James Stewart in der Hauptrolle. 'Hangover Square', 1941 erschienen, ist in England Kult und Liebhaber bezahlen für die Erstausgabe exorbitante Preise. In seinen letzten Lebensjahren brauchte Patrick Hamilton 'den Whisky wie ein Auto das Benzin'. Er starb 1962.
Rezensionen
Besprechung von 16.03.2005
Sturzverliebt und knallbetrunken
Patrick Hamiltons Roman "Hangover Square", erstmals auf deutsch / Von Tilman Spreckelsen

George liebt Netta, und Netta verachtet George. Das ist beiden klar, die junge Schauspielerin, die keine Rollen bekommt, hat es dem Mittdreißiger, der von einem kleinen Erbe lebt, oft genug gesagt. Wenn sie sich abends sehen, in irgendeinem Pub im Umkreis von Londons Earl's Court, starrt er sie dumpf an, während sie mit den anderen Gästen Witze auf seine Kosten macht oder ihn völlig ignoriert. Dann trinken sie viel, beide, und während George am nächsten Morgen die Stunden zählt, bis er es wagen kann, bei ihr anzurufen, schläft sie bis in den Mittag hinein, trinkt, geht aus und träumt davon, entdeckt zu werden.

Patrick Hamiltons Roman "Hangover Square", der 1941 erschien und nun erstmals auf deutsch vorliegt, erzählt die Geschichte eines Alkoholikers und seiner hündischen Ergebenheit, die auf Verachtung stößt, als sie zum erstenmal ausgesprochen wird: "Weil er nicht geschlafen hatte, verdarb er es so gründlich an diesem Abend in ihrer Wohnung. Er hatte viel getrunken, doch war er eher erschöpft als betrunken, als er sich ihr zu nähern versuchte, sie zu küssen versuchte. Sein Geist war umnebelt. Er mußte sich konzentrieren, um zu denken, um aufrecht zu stehen. Sie blieb einigermaßen gefaßt und verwies ihn natürlich der Wohnung. Wie ein Lamm zog er von dannen; so vernünftig war er noch. Als er schließlich in der Tür stand und Beteuerungen und Entschuldigungen vorbrachte, sagte sie: ,Ja. Gute Nacht' und schlug ihm die Tür vor der Nase zu."

So geht es immer, außer in den Momenten (die sich später zu Tagen weiten), in denen über George eine sonderbare Form des Weggetretenseins kommt, Nettas Anziehungskraft nicht mehr wirkt und etwas in ihm beschließt, daß er sie töten wird, um anschließend aufs Land zu ziehen, wo er dann, wie er sich vage ausmalt, "glücklich sein" wird.

Unter dieser Spannung steht der Roman bis zum Ende. Die Zustände, die über George kommen, wechseln unvermittelt; zwischen ihn und die Welt schiebt sich eine dünne Folie, die alle Geräusche abdämpft und jedes Mitgefühl betäubt, und weil das Buch mit einer solchen Phase anhebt, in der Georges mörderischer Entschluß ausgesprochen wird, steht dieses Vorhaben von Anfang an drohend über dem Fortgang der Handlung. Dazwischen finden sich kleine Aufhellungen des Elends; manchmal, so scheint es, hat Netta es zu weit getrieben und George endgültig genug von ihr; dann wieder kommt ein alter Freund ins Spiel, der sich des Säufers annimmt und ihm eine Perspektive bietet, aus alldem zu entkommen; am Ende aber, soviel ist rasch deutlich, wird es keinen Ausweg geben, und selbst die ländliche Utopie, fernab von allen Londoner Pubs, von Netta, erweist sich natürlich als grau und wenig rettend.

Das Dickicht aus Trunksucht, unerwiderter Liebe und zwanghaft vertaner Zeit hatte Hamilton bereits 1929 bis 1934 in seiner Trilogie "20 000 Straßen unter dem Himmel" beschrieben, jeden Teil aus der Perspektive einer anderen der drei Hauptfiguren. Einer seiner Bewunderer, der Schriftsteller J. B. Priestley, nannte das Werk 1935 Hamiltons "bisher beste Arbeit" und rühmte das große Vermögen des Autors bei der Schilderung des Milieus "in dem Gewirr des stein- und asphaltgebundenen Alltags des Londoner Kleinbürgertums".

Doch es scheint, als habe Hamilton, als er einige Jahre später "Hangover Square" begann, die Trilogie noch einmal neu schreiben wollen - kompakter, klarer, weniger sentimental und vor allem, bei aller Sympathie für seinen geschlagenen Helden, deutlich differenzierter, während er gleichzeitig die Erzählperspektive noch stärker an diese Figur band: George Bone, der hoffnungslos Liebende und haltlos Trinkende, der weichherzige Verehrer und kaltherzige Mörder, der Doppelgänger seiner selbst, ist in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Fragwürdigkeit ein großartiges Medium für die Atmosphäre im Londoner Westen kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

So kommt Hamilton ganz ohne die moritathaften Kommentare aus, die noch in "20 000 Straßen unter dem Himmel" etwa den alkoholbedingten Abstieg des Mädchens Jenny zur Prostituierten mit warnenden Worten begleiten, und sein erkennbar aus eigenem Erleben gespeister Trinkerroman "Hangover Square" gewinnt seine Glaubwürdigkeit gerade aus dem Umstand, daß Hamilton der Hauptfigur bei allen Umschwüngen einfach zusieht und der Wirkung dieser Erzählweise vertraut.

Der entscheidende Fortschritt gegenüber der Trilogie aber ist, daß Hamilton keine Anstalten macht, das Rätsel Netta aufzulösen. Wir erfahren alles, was George unternimmt, wie er zu Netta redet - und gleichzeitig zwanghaft abschätzt, welche Folgen seine Worte für sein Verhältnis zu ihr haben werden. Wir erleben sein verzweifeltes Anrennen gegen ein Bollwerk von Ignoranz und Gereiztheit, gelegentlich auch schnöde Ausnutzung seiner Gutmütigkeit, so scheint es ihm - daß dahinter eine andere Wahrheit verborgen liegt, wird rasch deutlich, und daß wir von Netta selbst fast gar nichts erfahren, weil wir die verzerrte Brille George Bones tragen, eine Brille, die von Netta nur das hindurchläßt, was seine Obsession nähren kann.

Bevor er 1962 an Leberzirrhose und Nierenversagen starb, war Patrick Hamilton ein vielversprechender, erfolgreicher, sogar berühmter Autor gewesen. Seine Theaterstücke "Rope" ("Cocktail für eine Leiche") und "Gaslight" wurden von Hitchcock und Cukor verfilmt, und selbst als sein Ruhm verblaßt, seine Kreativität längst versiegt war, flossen die Tantiemen seiner Stücke noch reichlich genug für ein auskömmliches Leben - trotzdem wurde er zeitlebens seine finanziellen Sorgen nicht mehr los. Die Hoffnung auf eine bescheidene Hamilton-Renaissance in Deutschland aber erscheint mit diesem Band nicht unbegründet. Denn um das enorme Vermögen des Autors zu unterstreichen, mit kalter Hand und voller Mitgefühl das Elend seiner Zeitgenossen zu malen, hätte der Verlag kein besseres Werk präsentieren können.

Patrick Hamilton: "Hangover Square". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Miriam Mandelkow. Dörlemann Verlag, Zürich 2005. 380 S., geb., 23,- [Euro].

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Besprechung von 16.11.2005
Das große Ludereinmaleins
Zechen, wachen, schmachten: Patrick Hamiltons Roman „Hangover Square” über das London der dreißiger Jahre
Netta, du Aas! Was bist du denn für ein Luder? Kannst doch den guten, armen Bone nicht derart zugrunde richten. Gut, er ist ein Tor, aber das ist noch lange kein Grund. George Harvey Bone gehört zu einer Clique von Müßiggängern, die in den dreißiger Jahren ihr Lotterleben im Londoner Stadtteil Earl’s Court verbummeln. Möchtegern-Schauspielerinnen, Schlägertypen, die übliche Mischung. Wenn die Pubs schließen, trinkt man noch ein paar Gin zu Hause am Kamin. An Nettas Kamin. Die räkelt sich auf ihrer Ottomane, schlägt aufreizend ihre pfirsichflaumigen Alabasterbeine übereinander oder stolziert in knapper, viel zu knapper Unterwäsche durch den Salon.
Sie hat wenig anderes im Kopf als gut zu essen, ein bißchen zu schnorren und ab und zu vielleicht einen Mann. Aber nur, wenn er nach der Morgenzigarette nicht zu lange bleibt. Bitte keine Kletten. Bitte keine Bones. Bone aber hängt mit pfeifendem Kopf im Magnetfeld ihrer hocherotischen Aura, und Netta schlägt daraus größtmögliches Kapital. Sie lässt ihn an ihrem schlanken, linken Arm verhungern, zieht ihm derweil mit dem rechten Pfund um Pfund seines mühsam Ersparten aus der Anzugtasche, erniedrigt ihn nach allen Regeln des großen Ludereinmaleins, und ist er wieder mal ganz unten angekommen, gewährt sie ihm einen flüchtigen Kuss, um ihn wieder aufzupäppeln für die nächste Achterbahnfahrt hinab gen Liebeshölle. Der Mann ist eine Suchtnatur, kommt weder von der Flasche noch von Natter Netta los.
Zechen, wachen, schmachten: Das Bohème-Leben in Earl’s Court ist überaus nervenzehrend. Bones Körper wehrt sich gegen diesen Raubbau mit geheimnisvollen Anfällen, in denen sich ein Schleier zwischen ihn und die grausame Welt legt. In diesen „tumben Momenten” macht es Klick! in seinem Kopf, und er taucht in einen anderen Bewusstseinszustand, in dem er die Welt nur noch gedämpft wahrnimmt. Dann weiß er plötzlich immer ganz genau, was zu tun ist: „Er mußte Netta Longdon töten.” Warum? Der Refrain des Romans gibt Auskunft: „Es zog sich schon zu lange hin.” Nach vollbrachtem Mord könnte er endlich zurück nach Maidenhead und zur Ruhe kommen. Kein Gin mehr, keinen Kamin und keine Alabasterbeine. Maidenhead! Jener verwunschene Ort, wo er früher so glücklich gewesen ist mit seiner geliebten Schwester. Gewöhnlich dauern diese Anfälle nicht sehr lange, und bevor Bone seinen Job erledigen kann, erwacht er wieder in die Realität und hat alles vergessen. Der arme Gimpel führt zwei Leben parallel: Das des verschmähten Liebhabers und das des potentiellen Mörders seiner Angebeteten.
Die Welt ist grausam mit den großen, netten, tumben Toren. Mit zähnefletschendem Sarkasmus schildert Patrick Hamilton, wie ein niederträchtiges Rudel hässlicher Menschen den liebenswerten Bone zugrunde richtet. Während auf dem Kontinent die Nazis in Polen einmarschieren, demütigen die Faschisten aus der Londoner Bohème Tag um Tag ihren großen törichten Freund. Und Netta verbirgt unter ihrer verführerischen Makellosigkeit nur zerstörerische Vulgarität und seelische Verkommenheit. Die Unmenschlichkeit dieser Clique ist zwar gänzlich unpolitisch; diese Nichtsnutze sind zwar einfach nur Widerlinge. Aber ihr kaltes Herz ist ebenso todbringend wie das der tobenden Nazimörderbande jenseits des Ärmelkanals. Während England Hitler den Krieg erklärt, zieht der vom Wahnsinn erfasste Bone in seinen persönlichen Feldzug gegen die hässliche Bande aus Earl’s Court. Man kann ihm nur zustimmen, wenn er über Netta sinniert: „Getötet zu werden geschah ihr eigentlich enorm recht.”
Eine Séance am Telefon
Mit lakonischem Humor beschreibt Hamilton die Parallelwelt seines traurigen Trinkerhelden, dessen Wahnideen in einer vorgespiegelten Drolligkeit daherkommen, die die Traurigkeit des wachsenden Wahnsinns potenziert: „Wenn er nicht aufpasste, wurde es wieder kalt, und er konnte sie erst nächstes Jahr töten.” Im Kopf des tumben Tors macht es nicht nur Klick!, sondern dieses empfindsame und verletzliche Körperteil destilliert auch immer wieder schöne Poesie. Schon ein einfaches Telefonat mit der Angebeteten wird dem Liebestollen zur magischen Séance: „Wie von Geisterhand wurde er in das unbekannte Paradies befördert. Er selbst, die imaginäre Leitung und das Telefon verschmolzen zu einem Instrument, das in ihrer Wohnung klingelte, auf dem Tisch neben ihrem Bett.”
Man bedauert etwas, dass der Autor seinen Figuren nur wenig Geheimnisse lässt. Bone bleibt die ewige Opfernatur, und Netta ist rund um die Uhr bis ins Mark verdorben. Doch Verdorbenheit ahnt man lieber, als sie mit Ausrufezeichen präsentiert zu bekommen. Auch hätte man gerne auf die überflüssigen Wechsel der Erzählperspektive verzichtet, mit denen Hamilton die Innenwelten seiner Figuren ausleuchtet. Für den Leser wäre es reizvoller gewesen, einzig zwischen Bones Bewusstseinszuständen zu oszillieren und so die finstere Welt von Earl’s Court im verzerrenden Londoner Dunst zu betrachten. Aber mit den erzähltechnischen Errungenschaften der Moderne hatte Patrick Hamilton (1904-1962) nur wenig am Hut. Er bevorzugte das konservative Prosahandwerk, das er freilich ganz ausgezeichnet beherrschte.
Klick! Steht da oben, man bedauere irgend etwas? Ach was, man bedauert eigentlich gar nichts. Dieser Roman birgt so viele schöne Passagen und ist bei all seiner Traurigkeit doch so komisch, dass der Leser ergriffen dem Leidensweg des Helden folgt und sehnsüchtig auf jenen Moment wartet, wo das Klick! in seinem Kopf auch das Klick! in Nettas Schädel sein wird. STEPHAN MAUS
PATRICK HAMILTON: Hangover Square. Roman. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Dörlemann Verlag, Zürich 2005. 380 Seiten, 23 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

"Hangover Square" gehört laut Michael Schmitt zu den späten Romanen Patrick Hamiltons (erschienen 1941) und profitiere eindeutig von dessen Erfahrungen als Bühnenautor. Kurz und knapp seien die Dialoge, effektsicher die einzelnen Szenen gestaltet, kontrastreich die Wechsel zwischen den inneren Zustandsbeschreibungen der Hauptfigur, eines linkischen, labilen und hoffnungslos liebenden Mannes, und den Londoner Milieubeschreibungen kurz vor Kriegsanfang. Rezensent Michael Schmitt porträtiert kurz den Erfolgsautor Hamilton, der in den 30er Jahren große Erfolge als Bühnen- und Romanautor feierte und den heute kaum noch jemand kennt. Zwei seiner Bühnenstücke wurden verfilmt, "Rope" von Alfred Hitchcock und "Gaslight von George Cukor. Sicherlich handhabt der Autor den Einsatz der wechselnden Perspektiven nicht immer ganz konsequent, gesteht Schmitt ein, auch die Nebenfiguren seien nicht immer ordentlich mit der Handlung verknüpft, aber letztlich würden diese Schwächen nur das zentrale Anliegen des Buches betonen, nämlich die seelischen Störungen von Hamiltons Helden, der "ebenso lächerlich wie herzzerreißend" ist.

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