Gutenbergs Irrtum und Einsteins Traum - Burke, James
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Produktdetails
  • Verlag: Piper
  • ISBN-13: 9783492040136
  • ISBN-10: 3492040136
  • Artikelnr.: 24290276
Rezensionen
Besprechung von 21.02.2000
Aha, die angekündigte praktische Erfindung der Kinder
Manchmal kommt der Fortschritt wie der Weihnachtsmann durch den Kamin: James Burke legt überraschende Zusammenhänge der Technikgeschichte dar

"Wir alle leben in dem großen, dynamischen Netz des Wandels. Dieses Netz verbindet uns miteinander und in mancher Hinsicht mit allem Vergangenen." James Burke sieht die Welt als ein großes Netzwerk, in dem derjenige sich erfolgreich bewegen kann, der den Überblick über die zahlreichen Verknüpfungen behält. Technologiegeschichte lässt sich dann nicht mehr als linearer Strang von einfachen Ursache-Wirkungs-Abfolgen erzählen, wenn es den Wandel im Zusammenspiel von wissenschaftlicher Entdeckung, genialer Erfindung und gesellschaftlicher Veränderung darzustellen gilt. Burke erzählt uns zwanzig Geschichten über technische Errungenschaften und ihre Entstehung.

Die erste dieser Geschichten beginnt mit der Erfindung der Dauerwelle, die durch die Entdeckung großer Boraxvorkommen in Kalifornien möglich wurde, und gelangt so zum Goldrausch von 1849. Die Goldgräber erreichten die Goldfelder, indem sie auf schnellen Segelschiffen, den so genannten Yankee-Clippern, Kap Hoorn umsegelten. Die Clipper wiederum wurden gebaut, weil die Briten 1845 wegen der Hungersnot durch die Kartoffelfäule in Irland den Seehandel liberalisieren mussten, was die Amerikaner ausnutzten, indem sie mit den neuen, schnellen Clippern in den Teehandel einstiegen. Die Liberalisierung des Seehandels wiederum wurde durch die Reform des britischen Postwesens begünstigt, und die ersten Briefmarken wurden mit einem Verfahren gedruckt, das ursprünglich der kostengünstigen Herstellung von Chintzstoffen diente. Die Postreform steigerte das Briefaufkommen auf der Transatlantikroute, weshalb die Cunard-Linie gegründet wurde. Auf den späteren Cunard-Luxuslinern gab es sogar Friseursalons, in denen sich die Damen Dauerwellen machen lassen konnten.

Die Konstruktion solcher Zusammenhänge ist immer mit einer gewissen Beliebigkeit behaftet. Bei Burke führt das Auftreten des Kartoffelmehltaus in Irland zur Konstruktion schneller Segelschiffe, vor vier Jahren wurde an dieser Stelle (F.A.Z. vom 27. September 1995) ein Buch mit dem Titel "Der Pilz, der John F. Kennedy zum Präsidenten machte" besprochen, in dem Bernard Dixon eine ganz andere Folge der irischen Hungersnot konstatiert.

Da Burke uns vorführen will, wie alles mit jedem verwoben ist, hat er an Stelle der üblichen Fußnoten so genannte "Gateways" in seine Geschichten eingebaut: Hochgestellte Zahlen verweisen nicht auf eine Anmerkung am unteren Seitenrand oder am Buchende, sondern auf eine Verknüpfung mit einem anderen Kapitel. Dazu findet man am Seitenrand Angaben, an welche Stelle im Buch man jetzt springen könnte. Beispielsweise wird man ermutigt, von den erwähnten britischen Handelsbeschränkungen im Jahr 1845 an eine Stelle im vierzehnten Kapitel zu springen, wo es um den französischen Brotpreis in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts geht. Welchen Nutzen der Leser von dieser Erziehung zur Sprunghaftigkeit haben soll, bleibt das Geheimnis des Verfassers. Auch der Sprung von den Luxusdampfern der Cunard Line zur Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung, die den Funkverkehr der Schiffe stört, bringt dem Leser keinen zusätzlichen Gewinn gegenüber der üblichen Art, das Buch von vorne nach hinten zu lesen.

Das Lektorat des Piper Verlages hat sich anscheinend ebenfalls nicht lange mit den 314 Sprungmöglichkeiten aufgehalten: Am Verknüpfungspunkt 106 heißt das Element, das die Leuchtkraft des Gaslichts erhöht, "Zer", mit dem Sprung zum Gateway 311 ändert sich die Schreibweise in "Cer". Der Autor kommt bei seinen Zeitsprüngen sogar selbst ins Straucheln. Nachdem Sir Cloudesley Shovell 1714 mit seinem Schiffsverband bei Nacht und Nebel die Felsen vor den Isles of Scilly gerammt hatte, wobei er mit 2000 weiteren Seeleuten den Tod fand, wurden die Abstände zwischen den Breitengraden genauer vermessen. Man fand heraus, dass die Erde abgeplattet ist, weshalb die Distanz zwischen den Breitengraden zum Äquator hin kürzer wird. Am Seitenrand wird hierzu der Verknüpfungspunkt 133 angezeigt mit dem Vorschlag, zu Verknüpfung 283 zu blättern. Am Gateway 283 wird Shovells Ableben um zwölf Jahre vordatiert, und sein Tod wird zum Anlass genommen, die Schiffschronometer, die man zur Längengradbestimmung benötigt, zu verbessern.

Liest man jedoch das Buch auf die herkömmliche Weise, so macht es durchaus Vergnügen, zu verfolgen, wie Burke immer wieder überraschende Zusammenhänge konstruiert. Wer hätte schon daran gedacht, dass das Gaslicht nicht nur die Produktivität der Fabriken steigern half, sondern auch die Abendschule ermöglichte und so die gebildete, berufstätige Frau hervorbrachte! Die neuen, leichteren Kanonenrohre, die der Brite John Wilkinson herstellte, erweisen sich in der Betrachtung Burkes als pädagogisch wertvoll, denn damit machte die napoleonische Armee Hunderte von Schweizer Kindern zu Waisen, was den Landwirt Johann Heinrich Pestalozzi auf den Plan rief, der sich der Kinder annahm und dabei neuartige Unterrichtsmethoden entwickelte.

Die Zickzackbewegung des Verfassers führt ihn oft vor interessanten wirtschaftlichen, intellektuellen und sozialen Hintergründen der Erfindungen vorbei. Als beispielsweise Jethro Tull 1733 seine Experimente zum Hackbau in der Landwirtschaft veröffentlichte, war das neben der Fruchtwechselwirtschaft, der Einführung neuer Pflanzen, die den Boden mit Stickstoff anreichern, und der Einzäunung der Weiden ein Teil der großen englischen Agrarrevolution. Zur gleichen Zeit waren die Bauern in Frankreich durch Gesetz gezwungen, ihre Erzeugnisse innerhalb von drei Tagen billigst zu verkaufen, was einer Steigerung der Erträge nicht förderlich war. Da Frankreich zudem über keine Infrastruktur verfügte, die einen landesweiten Markt hätte entwickeln helfen können, wird es für den Leser sehr leicht, nachzuvollziehen, warum die industrielle Revolution gerade in England ihren Anfang nahm.

Leider hat dieses ungewöhnliche und kurzweilige Buch einige Schwächen. Verwunderung löst hin und wieder die Wortwahl der Übersetzung aus. Da ist Heinrich Schliemann ein "falscher Fuffziger" oder Alessandro Volta ein "zeitgenössischer italienischer Elektrofreak". Auch eine Formulierung wie die, dass Plymouth 1756 berüchtigt war, "sowohl wegen der Schiffe als auch wegen der Leuchttürme, die hier flöten gingen", lenkt sensible Leser vom Inhalt der Lektüre ab. Ärgerlich ist es, wenn man lesen muss, dass Eisenoxyde "verringert" werden, wenn "reduzieren", das Gegenteil von "oxydieren", gemeint ist. Und wenn das Funktionsprinzip eines Rubinlasers oder die Laue-Interferenzen von Röntgenstrahlen an einem Kristall erklärt werden, wünscht man sich einfach nur ein Gateway, um an eine andere Textstelle springen zu können.

HARTMUT HÄNSEL

James Burke: "Gutenbergs Irrtum und Einsteins Traum". Eine Zeitreise durch das Netzwerk menschlichen Wissens. Aus dem Englischen von Harald Stadler. Piper Verlag, München 1999. 394 S., 33 Abb., geb., 46,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zwiespältig äussert sich Hartmut Hänsel über den Band. Einerseits lobt er den Unterhaltungswert dieses "ungewöhnlichen" Buches, das Einblick in zahlreiche, überraschende - bisweilen auch konstruierte - Auswirkungen von Erfindungen gebe. Als Beispiel führt er Burkes Erklärung an, wie die Erfindung des Gaslichtes nicht nur die Produktivität in Fabriken steigerte, sondern auch die Abendschule und damit die Berufsausbildung von Frauen förderte. Allerdings stört Hänsel sich sehr an der komplizierten Verweisstruktur in diesem Buch, bei der durch hochgestellte Zahlen Hinweise gegeben werden, zu welcher Stelle im Buch man sinnvollerweise springen könne. Dieses System findet der Rezensent verwirrend und wenig gewinnbringend für den Leser - Burke selbst gerate bisweilen damit ins Stolpern gerät. Auch das Lektorat hat in Hänsels Augen offensichtlich manche Schwierigkeiten mit diesen "Gateways" gehabt, wie er an einem Beispiel erläutert. Seiner Ansicht nach hat der Leser wesentlich mehr Vergnügen an der Lektüre, wenn er die Verweise einfach ignoriert und das Buch auf herkömmliche Weise durchliest. Darüber hinaus listet Hänsel noch an mehreren Beispielen fragwürdige Lösungen des Übersetzers auf.

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