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Die Idee, daß Schädel und Gehirne außerordentlicher Persönlichkeiten besondere Eigenschaften aufweisen, reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Genie, Kriminalität und Geisteskrankheit - das war die Trias, deren anatomische, anthropologische und physiognomische Untersuchung eine Grundlage für die Kenntnis des Menschen bilden sollte. Was zunächst als kauzige Schädelbetrachtung begann, wurde alsbald zu einem ambitionierten wissenschaftlichen Programm ausgeweitet.Hagners Leitthese lautet, daß die Gehirne bedeutender Gelehrter, Wissenschaftler und Künstler nicht nur wissenschaftliche, sondern stets…mehr

Produktbeschreibung
Die Idee, daß Schädel und Gehirne außerordentlicher Persönlichkeiten besondere Eigenschaften aufweisen, reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Genie, Kriminalität und Geisteskrankheit - das war die Trias, deren anatomische, anthropologische und physiognomische Untersuchung eine Grundlage für die Kenntnis des Menschen bilden sollte. Was zunächst als kauzige Schädelbetrachtung begann, wurde alsbald zu einem ambitionierten wissenschaftlichen Programm ausgeweitet.Hagners Leitthese lautet, daß die Gehirne bedeutender Gelehrter, Wissenschaftler und Künstler nicht nur wissenschaftliche, sondern stets auch kulturelle Objekte gewesen sind. Im Umgang mit ihnen kommt immer wieder eine säkularisierte Praxis der Erinnerungskultur zum Ausdruck, die für das Verständnis der Mentalität bedeutender Persönlichkeiten in der Moderne von großer Bedeutung ist. Anhand zahlreicher, vielfach unbekannter Beispiele wird gezeigt, daß die Erforschung außerordentlicher Gehirne von der Kraniologie, Hirnwägung, Lokalisationslehre und Ausmessung der Hirnwindungen über die Cytoarchitektonik bis zum aktuellen Neuroimaging reicht. Dabei sind geniale Gehirne stets in besonderen historischen und wissenschaftlichen Konstellationen bedeutsam geworden: in der Genieverehrung um 1800, in den Debatten um die kulturelle und soziale Bedeutung der Naturwissenschaften nach der 1848er Revolutionszeit, in den Diskussionen um die Natur des Genies im Fin de Siecle, in der politisch hektischen Situation der späten Weimarer Republik und der ersten Jahre des Nationalsozialismus und schließlich in den Brave Neuro Worlds unserer Zeit. Dabei zeigt Hagner, daß die neurophilosophische Grundidee - eine Eins-zu-eins-Korrespondenz zwischen Gehirn- und geistigen Zuständen - für Gelehrte vor 200 Jahren bereits genauso faszinierend gewesen ist wie für Hirnforscher unserer Tage.
  • Produktdetails
  • Wissenschaftsgeschichte
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 375
  • Erscheinungstermin: Oktober 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 249mm x 177mm x 35mm
  • Gewicht: 825g
  • ISBN-13: 9783892446491
  • ISBN-10: 3892446490
  • Artikelnr.: 11867282
Autorenporträt
Der Autor Michael Hagner lehrt seit 2003 an der ETH Z¿rich. Zuvor arbeitete er am Max-Planck-Institut f¿r Wissenschaftsgeschichte in Berlin und war Gastprofessor in Salzburg, Tel Aviv und Frankfurt a. M. Er ist Verfasser von ¿Homo cerebralis. Der Wandel vom Seelenorgan zum Gehirn¿ (1997) und Herausgeber von ¿Ansichten der Wissenschaftsgeschichte¿ (2001). Bei Wallstein erschienen: ¿Der falsche K¿rper. Beitr¿ zu einer Geschichte der Monstrosit¿n¿ (Hg. 1995, z. Zt. vergriffen, Neuaufl. i.V.); ¿Ecce cortex. Beitr¿ zur Geschichte des modernen Gehirns¿ (Hg., 1999, ISBN 3-89244-360-2).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 26.11.2004

Junge Hoffnungen

JUNG SIND ALLE Hoffnungen, und die Alten, die sich die Hoffnung bewahren, bleiben gerade dadurch jung. So dürfen wir hier junge Hoffnungen durchaus altersunabhängig definieren - als Autoren, die sich mit einem ersten oder zweiten Werk als Hoffnungsträger am Bücherhimmel profilieren. Wer in dem neuronal kontrollierten Kosmos der Hirnforscher einen Zwischenruf wagt, gibt Anlaß zu der Hoffnung, daß er sich seine Freiheit etwas kosten läßt. Wer zudem wie Michael Hagner einen solchen Zwischenruf auch noch historisch unterfüttern kann, indem er die Hirnforscher über ihre unaufgeklärte Vergangenheit aufklärt, bremst neurowissenschaftliche Mythenbildung hoffnungsvoll ab. Was aber ist Valentin Groebner für eine junge Hoffnung? Groebner zerstört den alten Mythos vom Mittelalter als einer Zeit, in der es noch einen kleinen Grenzverkehr ohne Paß gegeben habe. Mit Steckbrief und Ausweis wurden die Register der Erfassung vielmehr auch damals schon gezogen, da half kein Hoffen und Bangen. Aber von wegen Mittelalter! Selbst in der Antike war es so, daß die Hoffnung zuletzt stirbt, wie Winfried Schmitz für die scharf kontrollierten Faulpelze der damaligen Dorfgemeinschaft herausfand.

gey

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.10.2004

Geniale Schädel
Mit Kawumm ins Zerebrum: Michael Hagner erzählt die Geschichte der anatomischen Betrachtung kluger Köpfe
Erst drei Jahre nach dem Tod von Wilhelm Heinse konnte Samuel Thomas Soemmerring das kostbare Erbstück, das ihm sein Busenfreund testamentarisch vermacht hatte, in Besitz nehmen. Aber dafür musste er zuerst einen Totengräber bestechen. Am 5. April 1806 erhielt er endlich den Schädel des Dichters. „Die Hirnmasse war noch als solche sauber, freylich matschig, aber nicht aufs ganze zerstört, wie z.B. das Fleisch”, notierte er in sein Tagebuch. Mit der Hirnmasse wussten die Gelehrten damals freilich noch nicht viel anzufangen; doch schon die Verpackung, der säuberlich präparierte Schädel, war ein Objekt von Forschung und Verehrung. An den Größen und Wölbungen des Knochens meinten Phrenologen den Charakter und das Genie seines ehemaligen Besitzers ablesen zu können.
Eine Stärke der Phrenologie, schreibt Michael Hagner, war ihre „hagiographische Dienstleistung”. Damals diente der Schädelbefund als Beweis für das, was man sowieso schon wusste. Aber nicht nur wegen des frevelhaften Umgangs mit sterblichen Überresten, auch wegen der unausgesprochen materialistischen Grundannahme über die Determination des Charakters durch die Anatomie scheinen solche Praktiken seltsam schlecht in das Bild des romantischen Geniekults zu passen. Die Geschichte der anatomischen Erforschung genialer Köpfe - zunächst ihrer Schädelformen, später ihrer Hirnwindungen -, die Michael Hagner mit herrlicher Materialfülle erzählt, handelt von einer langen Kette von Verirrungen, Verblendung, Parawissenschaft und Scharlatanerie.
Einen frühen humoristischen Höhepunkt gab es mit Schiller. Sein Schädel, den eine ganze Forschergeneration zum Paradigma des Vollbilds künstlerischer Begabung erkoren hatte, war 1826 - 21 Jahre nach seinem Tod - aus einer Gruft geborgen worden, in der sich 23 unbeschriftete Schädel befanden. Der verantwortliche Anatom erkannte Schillers Schädel sofort dank seiner Gewissheit, dass das größte Genie den größten Schädel haben müsse. Dass der so identifizierte Schädel größer war als der ganze Kopf einer zu Lebzeiten in Originalgröße gefertigten Büste von Schiller, wurde erst Jahrzehnte später bekannt.
Mit seiner vorbildlichen Quellenstudie möchte Hagner den Blick dafür schärfen, „dass nicht nur Wissen, sondern auch Werte innerhalb einer wissenschaftlichen Praxis generiert und entwickelt werden können, um dann auf andere Wissensbereiche übertragen zu werden”. Tatsächlich ging der naive anatomische Geniefetischismus immer auch mit Rassismus und der Stigmatisierung von vermeintlich organisch Minderwertigem einher. Neben den anatomischen Präparaten von großen Geistern wurde immer auch Vergleichsmaterial der übrigen Grundkategorien menschlicher Denkorgane gesammelt: von Geisteskranken, Kriminellen, Exoten und Affen. Seiner Zeit voraus hatte Georg Christoph Lichtenberg die Geisteshaltung schon verspottet, bevor sie ihre traurigen Höhepunkte erreichte. „Apropos können Sie meinen Kopf brauchen?”, schrieb er einem Sammler exotischer Schädel. „Ich bin ein Odenwälder, die am Rhein auf der Stufenleiter der Civilisation mit den Sachsenhäusern rangieren.”
Anlass zum Optimismus bietet Hagners Geschichte einer verdrängten Wissenschaft vielleicht mit der Beobachtung, dass die immanenten Standards der Wissenschaft genügten, die eigenen Irrtümer, wenn auch sehr mühsam, wieder zu beseitigen - auf dass sie wenig später in leicht variierter Form wieder neu entstanden. Waren genügend Schädel gesammelt, wurde es für jeden offensichtlich, dass deren Größe unter Genies, Geisteskranken und Verbrechern völlig zufällig variierte. Gleiches erwies sich später im Bezug auf alle übrigen Hypothesen und Verallgemeinerungen von Einzelfällen: die Wölbungen und Verdickungen des Schädels, Feuchtigkeit, Härte und Gewicht des Gehirns, seine Windungs- und Furchenmorphologie oder auch die Konzentration von Pyramidenzellen in der dritten Cerebralschicht (die Oskar Vogt als konstitutives Merkmal des Genies in Lenins Gehirn erkannte) sind unter allen Charakteren und Völkern ziemlich gleich verteilt.
Die Wissenschaftsentwicklung, die sich aus Hagners Erzählung ableitet, erinnert an ein bekanntes Bonmot über die amerikanische Außenpolitik: Sie findet immer den richtigen Weg, aber erst, nachdem sie zuvor mit jedem nur denkbaren falschen gescheitert ist.
Aber was ist der richtige Weg? Hagner hält sich mit Wertungen sehr zurück. Er bemerkt, dass nach einer Latenzzeit nach 1945 die Versuche, Charaktereigenschaften physiologisch zu manifestieren, gegenwärtig eine Renaissance erleben. Im Zusammenhang mit den neuen bildgebenden Verfahren der Hirnforschung spricht er von „Cyber-Phrenologie”, und es wird nicht ganz klar, ob er als Moral der Geschichte die Hirnforschung insgesamt diskreditiert sieht. „Es ist unübersehbar, dass die Hirnforschung am Beginn des 21. Jahrhunderts Instrumente in die Hand gespielt bekommen hat, mit denen der phrenologische Traum von einer Physiognomik des Geistes wieder neu geträumt werden kann.”
Hier wäre allerdings auch Vorsicht angebracht. Die Vermutung nämlich, individuelle Charaktereigenschaften könnten sich auf gar keine Weise in physiologischen Korrelaten niederschlagen, ist kein bisschen weniger spekulativ und unbegründet, als es seinerzeit die Behauptung war, die Größe des Genies sei direkt proportional zum Hirnvolumen. Hagners Studie hätte viel erreicht, wenn sie dazu führte, dass Aussagen über unseren Geist und Geistesapparat künftig schneller und sorgfältiger an den empirischen Tatsachen überprüft würden.
Michael Hagner
Geniale Gehirne
Zur Geschichte der Elitegehirn- forschung. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. 367 Seiten, 34 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Damit, dass man das Genie im Hirn verortet, ist noch nicht viel erkannt, meint Rezensent Eberhard Ortland. Zum einen sei es ja - zu Lebzeiten - nicht eben einfach, ins Hirn hineinzusehen. Und wie das Genie da hinein oder darin zustande kommt, darauf eine Antwort zu finden, sei alles andere als einfach. Michael Hagner untersucht in seiner Studie die Versuche der Wissenschaft, diese Antwort zu entdecken. Geniehirne wurden im Laufe der Jahrhunderte "abgetastet, vermessen, gesammelt" und in Scheiben geschnitten, immer auf der Suche nach der "Natur des Geistes". Diese Natur, dies nun Hagners entschiedene These und Erkenntnis, ist als wissenschaftliche Vorannahme immer schon eines kulturellen Geistes Kind. Und um diese kulturellen Geister geht es in seiner wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchung. Sie hören öfter auf so unschöne Namen wie "Rassismus, Sexismus und Eugenik". Sehr schön aber findet es der Rezensent, dass Hagner in seiner "materialreich dokumentierten und blitzgescheiten Studie" auf die "Denunziation der Neurowissenschaften" verzichtet, dafür aber den "Blick für die historischen Konstellationen" schärft.

© Perlentaucher Medien GmbH