Gedenk und vergiß, im Abschaum der Geschichte - Leuzinger-Bohleber, Marianne / Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich (Hgg.)
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B Darstellung der Wirkung von traumatischen Ereignissen auf das menschliche Seelenleben S Anknüpfend an die Arbeiten von Hans Keilson wird das Thema von Trauma und Erinnerung psychoanalytisch und literaturwissenschaftlich erhellt. Zur Sprache gebracht werden soll, was sich in der geschichtlichen Realität, aber auch in der literarischen Darstellung der Sprache zu entziehen scheint. Hans Keilson, Psychoanalytiker und Schriftsteller, Mitglied der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ausgezeichnet mit dem bedeutenden Hayman-Preis der International Psychoanalytical Association, hat durch…mehr

Produktbeschreibung
B Darstellung der Wirkung von traumatischen Ereignissen auf das menschliche Seelenleben S Anknüpfend an die Arbeiten von Hans Keilson wird das Thema von Trauma und Erinnerung psychoanalytisch und literaturwissenschaftlich erhellt. Zur Sprache gebracht werden soll, was sich in der geschichtlichen Realität, aber auch in der literarischen Darstellung der Sprache zu entziehen scheint. Hans Keilson, Psychoanalytiker und Schriftsteller, Mitglied der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ausgezeichnet mit dem bedeutenden Hayman-Preis der International Psychoanalytical Association, hat durch seine Studien zur sequentiellen Traumatisierung einen der wichtigsten Beiträge zur aufklärenden Annäherung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, den Holocaust und seine Folgen, geleistet. Zu seinem 90. Geburtstag wurde vom Institut für Psychoanalyse der Universität Gesamthochschule Kassel, der Interdisziplinären Arbe itsgruppe Philosophische Grundlagenprobleme und dem Alexander-Mitscherlich-Institut in Kassel ein Symposium abgehalten. Die dort gehaltenen Vorträge sind in diesem Band versammelt. Beiträge von: Aleida Assmann, Werner Bohleber, Heinrich Detering, Eveline Goodman-Thau, Klaus-Dieter Grothe, Hans Keilson, Marita Keilson-Lauritz, Marianne Leuzinger-Bohleber, Annegret Mahler-Bungers, Ulrich A. Müller, Gertraud Schlesinger-Kipp, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Eva Schulz-Jander.
  • Produktdetails
  • Verlag: edition diskord
  • Seitenzahl: 238
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 330g
  • ISBN-13: 9783892957065
  • ISBN-10: 3892957061
  • Artikelnr.: 09424685
Autorenporträt
Autor(en)/Herausgeber; Author(s)/Editor(s): Marianne Leuzinger-Bohleber, Dr. phil., Professorin für Psychoanalyse an der Universität Gesamthochschule Kasssel. Ordentliches Mitglied der Schweizerischen Psychoanalytischen Gesellschaft und der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV). Arbeitsgebiete: Klinische und empirische Forschung in der Psychoanalyse; Indikationsforschung; Adoleszenz; psychoanalytische Entwicklungspsychologie. Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Jg. 1939, Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Gesamthochschule Kassel.
Rezensionen
Besprechung von 04.07.2001
Wort schläft, Welt wacht
Poet der Psychoanalyse – ein Textband von und für Hans Keilson
Die Nachschlagewerke lassen uns meist im Stich, wenn es um Hans Keilson geht. Nur auf das Killy Literatur Lexikon ist Verlass, dort wird Hans Keilson, geboren 1909, von Heinrich Detering gewürdigt. Als bedeutender Nervenarzt und Psychoanalytiker, der 1979 mit seinem Hauptwerk „Sequentielle Traumatisierung bei Kindern” eine einfluss- und folgenreiche Studie über Holocaust- Opfer vorlegte. Als Emigrant, der in den Niederlanden lebte und als Arzt bei einer Hilfsorganisation jüdische Waisenkinder betreute. Und als Autor, der einen Hitler-Roman („Der Tod des Widersachers”, 1959) und eine tragikomische Erzählung aus dem Widerstand („Komödie in Moll”, 1947) vorlegte. In den sechziger Jahren versuchte Paul Celan, für Keilsons literarische Arbeiten einen Verleger von Format zu finden. Es ist ihm nicht gelungen. Aber gelegentlich fanden sich Keilsons Gedichte in renommierten Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht.
Makellose Prosa
In der deutschen Nachkriegsliteratur war Keilson ein Fremder, und das literarische Leben, wie es sich nach dem „Kahlschlag” und durch die Gruppe 47 entwickelte, blieb ihm fremd. Erst spät, im Alter von fast achtzig Jahren, reüssierte Keilson als Lyriker („Sprachwurzellos”, 1986) – mit Texten aus sechs Jahrzehnten! Anlässlich seines 90. Geburtstages widmete die Gesamthochschule Kassel dem Autor und Wissenschaftler ein Symposium, dem sie nun eine Dokumentation folgen läßt. Die psychoanalytischen Arbeiten beschäftigen sich mit Keilsons Beitrag zur Traumaforschung, der eine genaue Sequenzierung von Lebensläufen schwerstbetroffener Kinder erlaubt. Keilsons Fallgeschichten kombinieren nicht nur individuelle Lebensgeschichten mit statistisch-quantitativen Analysen, sie bieten auch makellose Prosa. Keilson erzählt, wie er 1926 Freuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse” erwarb, das einzig wirksame Antidot, das er über die Zeiten rettete.
Die Beiträge, die Keilson würdigen, zeichnen den Weg und die literarische Entwicklung des Dichters, Erzählers und Essayisten nach, der – damals von Oskar Loerke entdeckt – 1933 als letzter jüdischer Autor im S. Fischer Verlag debütierte (noch vor seinem Staatsexamen 1934), aber bald darauf emigrieren musste und damit auch als Autor heimatlos war. Was dann doch erscheinen konnte, dokumentiert die Wandlung von einer „zunächst neuromantisch getönten Subjektivität” zu einer „undogmatisch- humanen politischen Verantwortung”. Eva Schulz-Jander zeigt in ihrem Beitrag Gedächtnisspuren auf, die auf vielen Umwegen von Hans Keilson über Robert Bober und Sarah Kofman zu Marcel Proust zurücklaufen. Proust und Keilson bilden hier den Anfangs- oder vielmehr Ausgangspunkt eines Registers von Stimmen, die eine „Stellvertretersprache” sprechen: die „Sprache des Schreckens und deren Stummheit”.
In diesem Spannungsfeld von Körper, Sprache und Gedächtnis lässt sich auch Paul Celan situieren, der Freund und Förderer, der hier immer mitgedacht werden muss. „Der liest ja wie Goebbels”, hieß es 1952 in der Gruppe 47, als Celan seine „Todesfuge” vortrug. Mit diesem Gedicht beschäftigt sich Annegret Mahler-Bungers, ausgehend von einer Gedichtzeile von Karl Kraus („Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte”). Dem „traumatischen Verstummen” stellt sie die geschwätzige Philologie gegenüber, der ihr Gegenstand im „Furor des Enträtselns” geradezu entgleite. Celans Lyrik wurde lange Zeit als „reine Poesie” gelesen und in der Tradition Mallarmés vermutet. Ein Zugang, gegen den sich der Autor selbst verwahrte: „Meine Gedichte sind weder hermetischer geworden noch geometrischer; sie sind nicht Chiffren, sie sind Sprache; sie entfernen sich nicht noch weiter vom Alltag, sie stehen, auch in ihrer Wörtlichkeit, im Heute.”
Ähnlich würde wohl auch Keilson sein Werk darstellen: es thematisiert die „Drohung des Nichtseins”, als Teil eines kollektiven kulturellen Traumaprozesses. „Der Gedanke an die Praxis als Allgemeinarzt in Hamburg war nicht sehr verlockend”, schreibt Keilson in einem Lebensbericht. Er hätte sich das Schicksal, das ihn statt dessen ereilte, nicht träumen lassen. Seine Lebensleistung berührt noch dort, „wohin die Sprache nicht reicht”.
LUTZ HAGESTEDT
MARIANNE LEUZINGER–BOHLEBER, WOLFDIETRICH SCHMIED-KOWARZIK (Hrsg.): Gedenk und vergiß – im Abschaum der Geschichte ... Trauma und Erinnern. Hans Keilson zu Ehren. edition diskord, Tübingen 2001. 238 Seiten, 32 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Lutz Hagestedt scheint es sehr zu begrüßen, dass der Psychoanalytiker, Romanautor und Dichter Hans Keilson hier nun endlich mit einem Band gewürdigt wird. Keilson hat sich als Psychoanalytiker ausführlich mit traumatisierten Kindern beschäftigt, wie der Leser erfährt. Die Fallgeschichten, die hier zur Sprache kommen, kombinieren nach Hagestedt "nicht nur individuelle Lebensgeschichten mit statistisch-quantitativen Analysen, sie bieten auch makellose Prosa". In Beiträgen anderer Autoren wiederum sieht der Rezensent den "Weg und die literarische Entwicklung des Dichters, Erzählers und Essayisten" anschaulich nachgezeichnet, etwa Keilson "Wandlung von einer 'zunächst neuromantisch getönten Subjektivität' zu einer 'undogmatisch-humanen politischen Verantwortung'".

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