Erinnerungen. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Joachim Schlör. - Gronemann, Sammy
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Produktdetails
  • Verlag: Philo
  • ISBN-13: 9783825702687
  • ISBN-10: 3825702685
  • Artikelnr.: 24878081
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Im Falle von Sammy Gronemanns "Erinnerungen" sieht sich der klassische Memoirenleser getäuscht, warnt Robert Jütte, der dem von Joachim Schlör herausgegebenen und kenntnisreich kommentierten ersten Teil dieser "Erinnerungen" das Etikett 'halbbiografisch' verpasst. Das eigene Schicksal des 1875 in Westpreußen gebürtigen Gronemann, der 1933 über Frankreich nach Israel emigrierte, diene dem Autor mehr als "Spiegel für die Geschichte des deutschen Judentums", schreibt Jütte. Gronemann hat seine Lebenserinnerungen 1946 zu Papier gebracht; er beschränkt sich, erklärt der Rezensent, auf einige wesentliche Punkte und Ereignisse seiner Jugend, die als Sohn eines Rabbiners, und darum aus einem nicht assimiliertem Elternhaus stammend, nicht unkompliziert verlief und den angehenden Juristen zum Zionismus bekehrte. Wer auf mehr Informationen über Gronemanns rege Schriftstellertätigkeit hofft - seine Bücher standen in den 20er Jahren auf den Bestsellerlisten -, erfährt nur am Rande etwas darüber, baut Jütte vor; dafür liebe Gronemann wie sein literarisches Vorbild Laurence Stern Abschweifungen jeder Art und wüsste immer wieder Amüsantes wie Nachdenkliches zu erzählen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 22.10.2003
Sage keiner, er verstehe Buber
Das deutsche Judentum im Spiegel Sammy Gronemanns

Am 5. Februar 1925 luden Herr Grüngard und Frau zu einem Teeabend in ihre Wohnung in der Berliner Freiherr-vom-Stein-Straße ein. Referent des Abends war der Rechtsanwalt und Schriftsteller Sammy Gronemann, der einen "Palästinafilm" vorstellen sollte. Damals konnten weder Gastgeber noch der Vortragende - beides überzeugte Zionisten - ahnen, daß sie gut zehn Jahre später in Tel Aviv zu Hause sein würden. Der jüdische Kaufmann Feivel Grüngard, der ursprünglich aus Litauen stammte und einen schwedischen Paß besaß, verwirklichte schon früh seinen zionistischen Traum und wanderte zeitgleich mit Hitlers Machtergreifung nach Palästina aus.

Sammy Gronemann, 1875 in Westpreußen geboren und ein deutscher Jude, der sich schon als junger Student zum Zionismus bekannte, emigrierte 1933 zunächst nach Frankreich und gelangte von dort 1936 nach Eretz Israel. Sieben Jahre zuvor hatte er zum ersten Mal Tel Aviv besucht. Diese Stippvisite hatte einen tiefen Eindruck auf den aktiven Zionisten hinterlassen. "Jetzt habe ich die Stadt und das Land gesehen, und ich muß mit Erstaunen feststellen, daß alles das, was ich Jahrzehnte durch geschwindelt habe, die reine Wahrheit ist", schreibt Gronemann in seinen "Erinnerungen", deren ersten Teil Joachim Schlör jetzt aus dem Nachlaß herausgegeben und mit einem kenntnisreichen Vor- und Nachwort versehen hat.

Es sind keine Memoiren im klassischen Sinn. Gronemann, dem Anfang der 1920er Jahre mit seinem autobiographischen Roman "Tohuwabohu" ein Bestseller gelungen war, hat Skrupel, den eigenen Lebensweg, der ihn aus der westpreußischen Provinz über Berlin bis nach Tel Aviv führte, in den Mittelpunkt zu stellen. "Erinnerungen sollten nur Leute schreiben, die nichts zu verstecken oder zu maskieren haben, also entweder unfehlbare oder vollkommene Wesen, wahre Engel, die aber kaum schriftstellern würden, denn dann hörten sie auf, Engel zu sein", gibt Gronemann zu bedenken. Sein eigenes Schicksal dient ihm vielmehr als Spiegel für die Geschichte des deutschen Judentums, so wie er sie selbst im Laufe von sieben Jahrzehnten miterlebt hat. Seine "Erinnerungen", die er 1946 in Tel Aviv auf der Terrasse seiner Wohnung mit Blick auf das blaue Mittelmeer zu Papier brachte, sind deshalb "halbbiographisch", wie er es nennt. Wie sein großes literarisches Vorbild Lawrence Sterne ("Tristam Shandy") liebt Gronemann die Digression, schweift also immer wieder vom Thema ab, um Amüsantes, aber auch Erinnerungswürdiges und Nachdenkliches zu berichten.

Gronemanns Schilderung seiner Kindheit, die er in dem kleinen westpreußischen Städtchen Strasburg und in Danzig und Hannover verlebte, beschränkt sich auf zentrale Erlebnisse. Dazu gehörte die erste Begegnung mit dem Antisemitismus im Grundschulalter, als ihm die Nachbarskinder "Hepp, Hepp" und "Jude Itzig" nachriefen. Zu seinen Schulkameraden in Hannover, wo er das Gymnasium besuchte, gehörte der spätere Dichter Börries von Münchhausen, der den Juden zunächst überaus freundlich gesonnen war, aber dann immer stärker in nationalsozialistisches Fahrwasser geriet. Gronemann zitiert aus einem Brief, den er von dem Nachfahren des berühmten "Lügenbarons" kurz vor Hitlers Machtergreifung erhielt: "Sie sind Davidsternler, ich bin gewiß kein Hakenkreuzler, aber doch werden Sie begreifen, daß es mir als deutschem Schriftsteller peinlich ist, wenn in der deutschen Literatur Juden eine führende Stellung innehaben, aber das könnte noch angehen. Was für mich schlicht unerträglich ist, ist, daß sie diese Stellung mit Recht innehaben."

Im Rückblick auf Kindheit und Jugend erscheint Gronemann die Zugehörigkeit zum Judentum "mehr als Last denn als Vorzug". Im Unterschied zu vielen anderen seiner jüdischen Altersgenossen kam er nämlich nicht aus einem assimilierten Elternhaus. Sein Vater war Rabbiner. Das wirkte sich bis in die Studien- und Referendarzeit aus. Als junger Rechtsreferendar hielt er weiter an der jüdischen Tradition fest. Das brachte ihm vielfach Konflikte mit seinen Vorgesetzten ein, die wenig Verständnis für seine religiöse Grundhaltung aufbrachten. Zu diesem Zeitpunkt war Gronemann aber bereits für die zionistische Sache gewonnen und führte einen politischen Kampf gegen die jüdische Orthodoxie auf der einen Seite und das deutschnational gesinnte Judentum auf der anderen Seite.

Wer etwas über Gronemanns steile Karriere als Autor (er schrieb nicht nur erfolgreiche Bücher, sondern war auch verbandspolitisch tätig) erfahren möchte, der wird in diesen "Erinnerungen" nicht ganz auf seine Kosten kommen. Nur am Rande geht Gronemann auf seine schriftstellerischen Tätigkeiten ein. So erfahren wir beispielsweise etwas über seine Mitarbeit an der leider schon nach einer Nummer eingestellten satirischen Werbezeitung mit dem schönen Namen "Käseblatt", die einem Molkereibetrieb eine rasante Steigerung des Absatzes bescherte. Auch über seine publizistische Tätigkeit für die zionistische Presse läßt sich Gronemann aus. Seine Glosse über Martin Buber dürfte den damals bereits in christlich-jüdischen Kreisen hochgeschätzten Gelehrten und Verfasser philosophischer Werke wie "Ich und Du" vermutlich wenig erfreut haben: "Man soll nie sagen, daß man ihn völlig verstanden hat. Erstens glaubt es einem kein Mensch. Zweitens nimmt er es persönlich übel und außerdem ist es nicht wahr."

ROBERT JÜTTE

Sammy Gronemann: "Erinnerungen". Aus dem Nachlaß herausgegeben von Joachim Schlör. Philo Verlag, Berlin 2002. 350 S., br., 24,90 [Euro].

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