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Die erste Biographie des Nobelpreisträgers Elias Canetti. Sven Hanuschek konnte als einer der ersten den Nachlass Canettis einsehen und Freunde und Weggefährten befragen. Und so erzählt er das Leben eines Menschen voller Leidenschaft und Energie, der trotz aller Begabung, Beziehungen zu knüpfen, immer ein Einzelgänger blieb. Er erzählt von einem Dichter, dessen Werk quer steht zu den großen Strömungen der Literatur des 20. Jahrhunderts, und er erzählt von einem exemplarischen Schicksal jüdischer Emigration, das vom kleinen bulgarischen Rustschuk nach Wien, Berlin, London und Zürich führte.…mehr

Produktbeschreibung
Die erste Biographie des Nobelpreisträgers Elias Canetti. Sven Hanuschek konnte als einer der ersten den Nachlass Canettis einsehen und Freunde und Weggefährten befragen. Und so erzählt er das Leben eines Menschen voller Leidenschaft und Energie, der trotz aller Begabung, Beziehungen zu knüpfen, immer ein Einzelgänger blieb. Er erzählt von einem Dichter, dessen Werk quer steht zu den großen Strömungen der Literatur des 20. Jahrhunderts, und er erzählt von einem exemplarischen Schicksal jüdischer Emigration, das vom kleinen bulgarischen Rustschuk nach Wien, Berlin, London und Zürich führte.
  • Produktdetails
  • Verlag: HANSER
  • Seitenzahl: 799
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 799 S. m. 25 Abb.
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 1050g
  • ISBN-13: 9783446205840
  • ISBN-10: 3446205845
  • Artikelnr.: 13293130
Autorenporträt
Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er veröffentlichte u.a.: Uwe Johnson (1994) und Heinar Kipphardt (1996).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Als Leitmotiv von Canettis Leben arbeitet sein Biograf Sven Hanuschek das Ungenügen am eigenen Werk heraus. Alle, die nach dem Wurf "Die Blendung" einen weiteren großen Roman von ihm erwarteten - und er selbst zählte auch dazu -, hat Canetti enttäuscht. Im hohen Alter hat der Autor gar den frühen Roman als Irrtum verworfen. Der Biograf folgt ihm darin nicht, betont dennoch, dass es sich bei den im Verlauf von Jahrzehnten entstandenen "Aufzeichnungen" um das eigentliche "Zentralmassiv" und "Hauptwerk" handle. Im Nachlass, in den Hanuschek Einblick hatte, wartet im übrigen etwa ein Zehnfaches des bisher Veröffentlichten. Canetti selbst freilich hat genaue Sperrfristen festgesetzt, um über seinen Tod hinaus mit Neuerscheinungen auf dem Markt präsent zu sein. Der Rezensent Franz Haas ist nicht gewillt, dem Biografen in der Gewichtung der Werke zu folgen - so wenig wie übrigens der Einschätzung von Canetti selbst, der darauf insistierte, seine theoretische Studie "Masse und Macht" sei sein bedeutendstes Buch. Diese Differenzen ändern aber nichts daran, dass Haas die Biografie für sehr "souverän" hält. 

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 05.03.2005
Wer geliebt sein will, braucht nur zu sterben
Man muß sich schützen, man muß sich preisgeben: Sven Hanuscheks Expedition auf den noch immer weithin unerforschten Kontinent Elias Canetti

Wer sich auf ihn einläßt, muß wissen, was er tut: "Die Erfahrung mit einem Menschen genügt für hundert Jahre. Man wird auch dann nicht mit ihr fertig." Das schrieb Canetti gegen die biographische Methode im allgemeinen, dürfte aber vor allem auf ihn selbst gemünzt sein. Als einen "Titan fürwahr, wenn auch einer in der Gestalt eines Kobolds", beschrieb ihn Urs Widmer, und tatsächlich ist seine Biographie ein titanisches Unterfangen. Denn kein Autor des vergangenen Jahrhunderts hat so bewußt Vorsorge für sein Nachleben getroffen, kaum einer hat so genau vorausberechnet, wie er in die Literaturgeschichte einzugehen habe.

Wenn der Überlebende nach Canettis Anthropologie der Machthaber ist, so hat er selbst versucht, dieser Macht im Angesicht des Todes Grenzen zu setzen: Zu dieser Politik gehört die Nachlaßregelung, die Tagebücher und Briefe noch bis 2024 sperrt. Aber auch die dreibändige Autobiographie und die sehr streng ausgewählten Aufzeichnungen kann man als zukunftspolitische Interventionen zu Lebzeiten lesen: Jede Erzählung dieses Lebens muß mit der Suggestionskraft und Sprachgewalt seiner Selbstdarstellung konkurrieren. "Eine Lebensgeschichte ist geheim, wie das Leben, von dem es (sic!) spricht. Erklärte Leben sind keine gewesen", schrieb Canetti ein Jahr vor seinem Tod und hat doch selbst versucht, sich selbst und die nahen und fernen Menschen seiner Umgebung immer wieder im apodiktischen Gestus des unfehlbaren Menschenkenners zu definieren.

Wenn heute also, gut zehn Jahre nach seinem Tod, eine erste umfangreiche Biographie erscheint, kann sie auf allergrößtes Interessse stoßen - zumal "Party im Blitz" (2003), der unvollendete vierte Band der Autobiographie über die englischen Jahre, noch mehr Rätsel aufgab als löste. Sven Hanuschek ist sich der Schwierigkeiten durchaus bewußt; in den ersten Kapiteln schildert er Canettis "antibiographischen Affekt". Hanuschek hat erstmals den (größeren) zugänglichen Teil des in Zürich aufbewahrten Nachlasses auswerten können - Entwürfe, Manuskripte und Varianten, Aufzeichnungen aus sechzig Jahren, Materialien, vor allem zu "Masse und Macht". Dieses - teilweise auch noch in einer schwer lesbaren "Geheimschrift", einer Steno-Variante, verfaßte - Material überstiege die Kapazitäten jedes Biographen. Aber schon die verarbeiteten Quellen machen dieses Buch unverzichtbar.

Canetti wird am 25. Juli 1905 als Kind sephardischer Juden im bulgarischen Rustschuk/Ruse geboren, das damals noch zum Osmanischen Reich gehört. Für die Kindheit und Jugend - das spaniolische Milieu in Rustschuk, die Zeit in Manchester, den überraschenden Tod des Vaters, die Schulzeit in Wien, Zürich und Frankfurt - ist der Biograph freilich auf die bekannten Schilderungen der "Geretteten Zunge" und der "Fackel im Ohr" angewiesen; regelmäßige Aufzeichnungen setzen erst Mitte der Zwanziger ein. Immerhin kann er anhand der Zeugnisse feststellen, daß Canetti trotz der Schul- und Sprachwechsel stets nur Bestnoten bekam; schon mit vierzehn, in Zürich, ging er zu Vorträgen der geographisch-ethnologischen Gesellschaft. Aus derselben Zeit stammt sein erstes erhaltenes Werk "Junius Brutus", ein Trauerspiel in fünf Akten, über das er selbst später vernichtend geurteilt hat; Hanuschek zollt der Talentprobe Respekt. Für Leser der Autobiographie gibt es nur wenig Überraschendes: Canetti ist der hochbegabter Musterschüler, der grotesk kopflastige Büchermensch, zu dem er sich selbst auch stilisiert, so daß man die Sorge der Mutter, er entwickele sich zu einem weltfremden Sonderling, durchaus nachvollziehen kann.

Mit der Rückkehr nach Wien, wo er Chemie studiert, setzt der Prozeß der Loslösung von der übermächtigen, in Paris lebenden Mutter ein; wohl bereits bei seinem ersten Besuch einer Karl-Kraus-Lesung - ebender "Fackel" im Ohr des für die nächsten Jahre vollkommen in Bann geschlagenen Stammhörers - lernt er seine spätere Frau, die sechs Jahre ältere Veza Taubner-Calderon, kennen. Gut ein Jahr später, ab 1925, sind sie ein Paar. Den Unabhängigkeitsschub faßt er in spätexpressionistische Verse: "Ho vom Rücken meiner Mutter / Spring ich in die beißende Welt / Ho verschlafene todbringende Sonne / Ein Wirbelwind geht durch mich und die Welt."

Zu den Höhepunkten des Buches gehört der Blick in die innere Dynamik der Beziehung zu Veza, die in der Autobiographie nur sehr verdeckt beschrieben wird - das ging so weit, daß Canetti die ihr selbst offenbar zutiefst peinliche Behinderung, den fehlenden linken Arm, nur in einer für Nichteingeweihte ganz unverständlichen und geradezu zynischen Bemerkung versteckte: "Sie klatschte nie", heißt es einmal beiläufig, so als sei dies ein Charakterzug. Mit Ernst Fischer, dem gemeinsamen Freund aus Wiener Tagen, brach er, nachdem dieser in seinen "Erinnerungen" (1969) das "Geheimnis" gelüftet hatte; noch in den späten Achtzigern empfand er die Erwähnung des Handicaps als Vertrauensbruch. In dem gleichzeitig erschienenen Bildband, den man als Ergänzung zur Biographie unbedingt hinzuziehen sollte, findet sich ein jugoslawischer Paß von Veza aus den zwanziger Jahren, der sie mit einem leeren Ärmel zeigt. Doch wie bei Canetti: Besondere Kennzeichen werden keine vermerkt.

Am Abgrund zur Paranoia

Schon kurz nach Fertigstellung der "Blendung" 1931 hatte sich im Verhältnis des Paares Entscheidendes verschoben. Gedemütigt von seinen Seitensprüngen, stellte Veza die Verbindung auf eine neue Basis, die sexuellen Verkehr ausschloß - Hanuschek vermutet als Hintergrund eine Fehlgeburt. In einer Art Pakt gestand sie ihm alle Freiheiten zu ("Ich weiß, daß Du nicht in Enge leben kannst") und wollte im Gegenzug eingeweiht werden: "Ich bin selbst beruhigt über Dich. Ich finde, Du wirst schon rechtzeitig kotzen und auch volle Freiheit wird Dir nicht schaden." Seit dieser Zeit führten sie ein Bohemien-Verhältnis, dessen Psychodynamik freilich keineswegs verblaßte. Die Heirat erfolgte 1934 vor allem aus Pragmatismus; dem empörten Bruder Georg schreibt er, an ihrer Beziehung ändere sich dadurch nichts, sie sei sein "wärmster und selbstlosester Freund", ja seine Mutter: "falls ich je wirklich heiraten wollte, was kaum der Fall sein wird, würde sie natürlich sofort in eine äußerliche Scheidung willigen". Nach dem für Canetti äußerst schmerzhaften Ende der Affäre mit Anna Mahler förderte Veza die neue Liebe zu seiner blutjungen "Schülerin" Friedl Benedikt, um ihn "abzulenken".

Die folgenden Jahre sind besonders gut dokumentiert durch die häufigen und schonungslos offenen Briefe Vezas an den Pariser Bruder, der sie mit Rat und Geld unterstützt. Zu den dauernden finanziellen Sorgen, der sich zuspitzenden politische Lage, den allzu hoch gespannten Erwartungen Canettis an die Wirkung der "Blendung", die 1935 endlich erschien, kommt eine psychische Krise: Während Veza sich mit Selbstmordgedanken trägt, balanciert der latent paranoide Canetti an der Grenze zum Wahnsinn, glaubt gar, Veza wolle ihn vergiften - seine Begeisterung für Irre hatte einen ganz realen Kern. Der Anfall bleibt wohl singulär, chronisch dagegen wird Canettis Unfähigkeit, ein weiteres Werk auch nur ernsthaft zu beginnen - die Aufzeichnungen, die Anfang der vierziger Jahre zur literarischen Form kondensieren, waren weniger Kompensation für das große systematische Werk "Masse und Macht" als vielmehr die einzige Art und Weise, überhaupt zu schreiben. Er macht sich selbst größte Vorwürfe, seine knapp bemessene Lebenszeit zu verschwenden, arbeitet pausenlos, ohne greifbares Ergebnis; vom geplanten zweiten Roman sind nur dürftige Skizzen überliefert. Die Fertigstellung eines nicht übermäßig umfangreichen Einführungsvortrags über "Proust - Joyce - Kafka" wird 1948 dann schon zur fast unüberwindlichen Klippe. Veza droht mit Scheidung, wenn er das nicht hinkriege. Das eherettende Werk ist im abschließenden Band der Werkausgabe, der verstreute Schriften und Gespräche enthält, erstmals abgedruckt.

Im Nachlaß dokumentiert sind zahlreiche Versuche, sich selbst durch Tagespläne und Vorsätze zur Ordnung zu rufen. Der Disziplinlosigkeit beim Schreiben entsprach die polygame Veranlagung - das hing schon damit zusammen, daß für Canetti Schülerin und Geliebte Synonyme waren. Er warf sich später selbst vor, sein "größtes Arbeitsunglück" sei sein Zwang gewesen, sich selbst zum Vorbild und andere zu "Delegierten" des eigenen Werks zu machen. Lebte Canetti in den dreißiger Jahren vorwiegend seinen "faunischen Charakter" aus, so entwickelte sich im englischen Exil eine ganz offene ménage à quatre mit der ebenfalls emigrierten Friedl und der Malerin Marie-Louise von Motesiczky, die beide weitergehende Hoffnungen hegten. Motesiczky widmete er eine ins reine geschriebene Auswahl von Aufzeichnungen des Jahres 1942, die nun, komplett faksimiliert, aus ihrem Nachlaß herausgegeben wurde und in der vor allem die düster-hellsichtigen Verarbeitungen des Bombenkriegs bemerkenswert sind (F.A.Z. vom 21. Februar).

"Eine klagt, die andere torkelt, und die Dritte atmet durch Kiemen. Der glückliche Besitzer von drei ganz verschiedenen Frauen", notiert er 1945, doch so glücklich und stabil war die Konstellation nicht. Die Haßliebe zu suizidgefährdeten Veza pflegt er weiter, als Kosenamen ist "V3" überliefert. Friedl wird wegen mehrerer Liebschaften "verbannt", später geht sie nach Schweden, lebt mit dem Maler Endre Nemes zusammen, bleibt aber in Canettis Bannkreis. 1953 stirbt sie, an Krebs. Canetti nimmt intensiv Anteil und hält fest: "Wer wirklich geliebt sein will, braucht nur zu sterben." Im Rückblick wird er sie stets seinen beiden Ehefrauen an die Seite stellen - anders als die ihm später lästige, aber treue Marie-Louise oder seine frühere Geliebte Iris Murdoch, über die er sich gehässig äußerte.

1963 schließlich stirbt auch Veza. Canettis Trauer ist grenzenlos, zeitweilig ist er wie gelähmt. Das Gedankenspiel ist interessant, wie das Bild Canettis ausgesehen hätte, wäre er selbst früher, etwa wie sein Freund Franz Baermann Steiner 1952 gestorben: Im deutschsprachigen Raum war er praktisch unbekannt, die Neuausgabe der "Blendung" (1948) war wie ein Stein untergegangen, das schwierige Hauptwerk "Masse und Macht" noch ein Torso. Man hätte seine Biographie nicht anders als tragisch wahrnehmen können - ein hochgradig begabter Autor eines einzigen Werks, der sich, nach dem Bruch durch das Exil, jahrzehntelang durch private Kalamitäten und eine megalomane theoretische Arbeit selbst blockierte, die dann von den Experten auch noch als unausgegorene Pseudowissenschaft geschmäht wurde: Canetti als Unfallopfer des Jahrhunderts, ein Fall für den germanistischen Rettungsdienst.

Daß es anders kam, gehört zu den schönsten Wendungen der an unglücklichen Autorenbiographien überreichen Literatur des vergangenen Jahrhunderts. Mit Claassen findet sich ein Verlag für "Masse und Macht"; dem Hanser Verlag gelingt es mit allergrößtem Engagement, die "Blendung" im dritten Anlauf endlich durchzusetzen; in ihrem Kielwasser segelt Canettis gesamtes Werk endlich in den Hafen des Ruhms. Die Biographie wird zu einem späten Triumphzug, zu einer Abfolge von Publikationen, Bekanntschaften, Preisen, Ehrungen, die schließlich 1981 im Nobelpreis kulminiert.

Hanuschek erzählt das als Geschichte einer späten Sozialisation, der die noch viel überraschendere Verbürgerlichung seines Privatlebens entspricht. Noch vor Vezas Tod hatte Canetti die 28 Jahre jüngere Schweizer Restauratorin Hera Buschor kennen- und lieben gelernt; mit ihr erlebt er ein spätes Glück und - für einmal im Takt mit den Zeitläuften - eine sexuelle Befreiung, die sich in hymnischen Notizen niederschlägt: "Der Leib meiner Geliebten ist die Freiheit, und über der Sonne. Wenn sie mich umfängt, wenn ich in sie eingehe, ist ihr mein Leib kein Gefängnis, alle Tore sind ihr (dann) offen, sie fliegt, sie jubelt." Zürich wird für Canetti mehr und mehr zum Lebensmittelpunkt. 1971 heiraten sie, ein Jahr später - Canetti ist 66 - wird die Tochter Johanna geboren. Auch die Vaterschaft empfindet Canetti als Neugeburt seiner selbst, als irreversible Verwandlung sozusagen. Dies sind seine glücklichsten Jahre, schon kurz danach verdunkelt durch Heras Krebserkrankung. Auch sie überlebte er, sie starb 1988, mit 55 Jahren.

Nach dem Durchbruch ist Canettis Weg bekannt. Doch liest man auch dieses letzte Drittel des Buchs trotz einer gewissen unvermeidbaren Eintönigkeit mit Interesse, weil sich im Nachlaß Canettis böser Blick auf Schriftstellerkollegen offenbart. Was das "Augenspiel" für die Wiener Zirkel der dreißiger Jahre bietet, das findet sich hier für den zeitgenössischen Literaturbetrieb, vor allem die Treffen der verschiedenen Schriftstellerakademien boten reichlich Material für seine Botanisiertrommel. Über Dürrenmatt: "Kein Schmerz. Einfälle plump wie von Schulaufsätzen. Die Sprache eines Fetten"; Jandl und Mayröcker: "Heurigenduo, abgemagert"; Peter Szondi: "aus dem Fischteich des Adorno, kein Karpfen wie der Meister"; Grass: "wie der Führer einer Parlamentspartei, aber ohne Achtung vor dem Parlament und ohne Partei". Beeindruckt ist Canetti dagegen von Jean Améry; die anfänglichen Sympathien für Thomas Bernhard, den er auf seinem Hof besucht, schlagen bald - wohl von Bernhard verschuldet - in gegenseitige, auch öffentlich bekundete Verachtung um.

Don Juan des Geistes

Sven Hanuschek nimmt eine Haltung distanzierten Respekts ein, die dem begnadeten Selbstdarsteller Canetti stets skeptisch begegnet, dabei aber nicht dem literaturtheoretischen Topos verfällt, vor lauten Fiktionen gar keine Wahrheiten mehr zu sehen. Man kann seine rhetorischen Verfahren durchschauen, seine bis zur selbstzweckhaften Boshaftigkeit neigende Übertreibungslust in die Tradition Nestroys oder Karl Kraus' stellen - und dennoch anerkennen, daß er oft wunde Punkte traf und seine Begabung als "Ohrenzeuge" immer wieder unter Beweis stellte.

Daß man dieses Buch dennoch nicht vollkommen befriedigt aus der Hand legt, erklärt sich nicht nur aus den weißen Flecken, die erst nach der vollständigen Freigabe des Nachlasses kartiert werden können. Hanuschek ist so fasziniert von seinem reichen Material, daß er es zu oft bei der bloß ankommentierenden Präsentation beläßt. Die zarten Versuche, die Chronologie etwas zu durchbrechen, reichen nicht, um Schneisen in diesen Dschungel zu schlagen. Er unternimmt zu selten den Versuch einer kritischen Mustererkennung. Canettis auffällige Besessenheit mit Tieren (obwohl er selbst nie welche hatte und auch beileibe kein Vegetarier war) bleibt so ebenso im dunkeln wie der Widerspruch, daß ein solcher Universalgeist, abgesehen von drei Wochen Marrakesch, nie aus Europa herausgekommen ist. Hanuschek geht am Ende doch der beliebtesten Maske Canettis auf den Leim, der des nie zu fassenden, sich ewig wandelnden Proteus, des "Hüters der Verwandlung", der sich allen Begriffen und Festlegungen entzieht: "Man muß sich schützen. Man muß sich preisgeben. Wer findet die richtige Balance?"

Dabei liegen manche Konstanten seines Lebens auf der Hand, etwa die nur von kurzen Phasen unterbrochene künstlerische Sterilität, die Unfähigkeit zu zielgerichteter Arbeit. Canetti verkörpert so paradigmatisch das Schicksal des Enzyklopädisten in der Moderne, weniger ein unverdrossener Don Quijote als vielmehr ein entscheidungsunfähiger Don Juan der Geistes. Die Fortsetzung von "Masse und Macht" blieb ebenso ungeschrieben wie ein weiterer Roman oder das ausgreifende Projekt des "Totenbuchs", das er noch bis zuletzt angehen wollte. "Das unterbrochene Buch. Mit 30 begonnen, mit 70 fortgesetzt, mit 90 beendet. (Faust?)", notiert er ein halbes Jahr vor seinem Tod. 89 Jahre ist er alt geworden, die Vollendung Goethes (und auch Thomas Manns) ist ihm und uns versagt geblieben. In diesem Juli würde er seinen hundersten Geburtstag feiern. Sven Hanuschek hat erste, große Schritte auf die terra incognita dieses Lebenswerks gemacht, das zu seinen größten Teilen noch unerforscht ist. Eine mehr als respektable Expedition.

Elias Canetti: Werke, Band 10: Aufsätze - Reden - Gespräche. Hanser Verlag, München 2005. 398 S., geb., 27,90 [Euro].

Elias Canetti: "Aufzeichnungen für Marie-Louise". Aus dem Nachlaß herausgegeben und mit einem Nachwort von Jeremy Adler. Hanser Verlag, München 2005. 120 S., Abb., geb., 12,90 [Euro]

"Elias Canetti". Bilder aus seinem Leben. Herausgegeben von Kristian Wachinger. Hanser Verlag, München 2005. 176 S., zahlr. Abb., geb., 24,90 [Euro].

Sven Hanuschek: "Elias Canetti". Biographie. Hanser Verlag, München 2005. 800 S., Abb., geb., 22,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Ein ebenso faszinierendes wie schillerndes Porträt des eigensinnigen und lange verkannten Schriftstellers. Dieses Buch ist nur zu empfehlen. Man möchte sich, was könnte eine Schriftstellerbiographie mehr erreichen, sofort an die Lektüre der gerade abgeschlossenen zehnbändigen Werkausgabe machen."
Thomas Diecks, NDR Kultur, 03.04.05

"Sven Hanuschek hat erste, große Schritte auf die terra incognita dieses Lebenswerks gemacht, das zu seinen größten Teilen noch unerforscht ist."
Richard Kämmerlings, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2005

"Hanuschek ist das erkennbar aufwendige Kunststück gelungen, sich seinem Gegenstand mit gleichschwebender Aufmerksamkeit zu nähern, ohne dem Verwandlungsexperten und Fallensteller Canetti allzu sehr auf den Leim zu gehen."
Harry Nutt, Frankfurter Rundschau, 13.04.05

Besprechung von 05.07.2005
Der dreieinige Dichtergott
Eine fleißige, aber schwunglose Biografie über Elias Canetti
In seiner Biografie über Elias Canetti erzählt Sven Hanuschek die über mehrere Ecken kolportierte Geschichte, auf einer Party habe jemand die Frau des französischen Kulturattachés gefragt: „Glauben Sie nicht, dass Canetti genauso ist wie Gott?” und diese geantwortet: „Schon, aber ist Gott wie Canetti?” Hanuschek setzt hinzu: „Zu Raines (der Quelle) Verwunderung war Canetti schockiert über diesen Wortwechsel; obwohl er eine so niedrige Meinung von Gott gehabt habe!”
Nicht obwohl, sondern weil; Canetti verbittet sich hier den blasphemischen Scherz mit seiner eigenen Person. Hanuschek bucht das Ganze als „schöne” Anekdote und fährt im Text fort; den abgründigen Charme des Irrenwitzes darin spürt er nicht.
Hanuschek behandelt die Größe seines Gegenstandes als ein Fait accompli. Er begründet sie nicht und er setzt sich mit ihr nicht auseinander. Er hat zu ihr ein Verhältnis wie ein Reporter der Bunten zur Prominenz, das heißt ein so unproblematisches wie unpersönliches. Mühelos gelingen ihm Sätze wie die folgenden: „Ihre Mutter kam aus einer reichen, kultivierten Familie, ihre Großmutter Anna von Lieben war eine der ersten Patientinnen Sigmund Freuds. Auch ihre Mutter hatte in ihrer Jugend prominenten Umgang”, worunter im Einzelnen Hugo von Hofmannsthal, Ludwig Ganghofer und der Industrielle Emil Ritter von Skoda, genannt „Kanonenskoda”, verstanden werden.
Nun mag man sagen, für Historiker, denen der Biograf ja als Unterart zuzählt, sei es ein Vorzug, wenn sie sich freihielten von der Parteien Gunst und Hass. Aber gerade bei Canetti kommt auf diese Weise eben ein Charakterbild heraus, das nicht einmal schwankt, sondern sich in unangemessener Blässe verliert (außer da, wo er selbst zitiert wird). Canetti erhebt einen Anspruch, der maßlos ist, wie der Jehovas. Wenn man dies nicht zur Kenntnis nimmt, begreift man nichts an ihm, weder seine grenzenlose Eifersucht, die keine anderen Götter neben sich duldet (am wenigsten den Tod, der ihm droht), noch seine Lust an der Macht, die Liebe und vor allem Hass in ungeheuren Massen aus sich entlässt, um Unterwerfung zu erzwingen. Diese leistet man oder man lehnt sich auf und nimmt Ärgernis.
Er platzt vor Neid
Was hingegen überhaupt nicht hilft, ist die Kompromissbildung und menschelnde Erklärung, die Canettis überschießende Ausbrüche als „Wiener Schmäh” relativieren will, dem Hass, den das „Gott-Monstrum in Hampstead” unvermeidlich seinerseits auslöst, gut zuredet und es für unpassend hält, „einen Menschen zu rezensieren wie einen schlechten Roman”. „War Elias Canetti ein ,guter‘ oder ein ,böser‘ Mensch?” Die Gänsefüßchen verraten die Gänsehaut, die Ängstlichkeit des Biografen, sich der Frage zu stellen. Dabei kann die Antwort nicht zweifelhaft sein: weder noch, sondern vielmehr war er die Instanz, die über Gut und Böse zu befinden hat und über jeden Anderen, der es sich unterstehen will, seinen Fluch verhängt. Von Widersprüchen wird er nicht nur nicht angefochten, sondern sie dienen, da sie allein ihm erlaubt sind, seiner Beglaubigung: „Er platzt vor Neid und er stirbt vor Liebe. Er hat tollkühne Worte. Seine Hände zittern. Er brüllt die Sonne an. Durch den Mond ist er käuflich. Er ist bettelarm. Er stiehlt. Er stirbt. Er schenkt alles her. Er ist ein Filz. Er kann noch nicht lesen. Er kennt alle Bücher. Er lügt. Er ist grausam wahr. Er isst. Er scheißt.” „Er” ist natürlich Canetti selbst, der für sich, wie es einem Gott zukommt, alle drei Personen in Anspruch nimmt und sich abwechselnd er, du und ich nennt. Vor solchen Manifestationen steht Hanuschek mit abwiegelnder Ratlosigkeit - höchstens dass er schüchtern anmerkt: „Er kann eben jeden Tag etwas Anderes Fundamentales beschließen, wenn ihm danach ist. Deshalb ist es ziemlich einfach, mit Canettis Aufzeichnungen immer wieder einmal zu argumentieren wie mit der Bibel, erst einen Standpunkt zu vertreten, um ihn anschließend mit seinem Gegenteil zu widerlegen.” Haargenau! möchte man dazwischenrufen; aber schon hat Hanuschek diese Einsicht, wie eine Kartoffel, die ihm zu heiß ist, wieder fallen lassen.
Eine Biografie Jehovas sieht sich unausweichlich mit der Hauptschwierigkeit konfrontiert, dass derjenige, über den geschrieben werden soll, dies schon selbst besorgt hat. Die Quellenlage zeichnet sich durch verheerende Komplettheit aus: Seine Memoiren liegen als Heilige Schrift vor, monumental und über weiteste Strecken alternativlos; alles Andere fällt dahinter zurück als kleine Menschenparaphrase. Dabei liegt das darstellungsleitende Interesse, das sich in den vier Bänden von Canettis Erinnerungen Geltung verschafft, selbst für Hanuscheks Auge klar zutage: „Gerade für Canetti ist immer wieder der Verweis auf wichtige autobiographische Ereignisse eine zentrale Beglaubigung für seine moralische Autorität gewesen.” Anders gesagt, man glaubt ihm besser kein Wort. Darin eben liegt die Erzfrechheit des Alten Testaments: Dass es das Historische ins Transzendente verschränkt und aus dieser Verschränkung seine Autorität destilliert. Hier wäre es allerdings höchst angemessen gewesen, den Prozess umzukehren und zu tun, was Hanuschek „einen Menschen rezensieren” nennt - noch eine heiße Kartoffel, von der der Biograf rasch die Finger lässt.
Ein Neues Testament gibt es auch: Seit dem Erfolg der sechziger Jahre, verstärkt noch seit dem Nobelpreis 1981, lässt der alte Misanthrop auf einmal Züge der Milde erkennen, die ihm früher fremd waren, und wird Mensch. Während die ausgedehnte Geselligkeit Canetti sonst vor allem dazu gedient hatte, ihn mit Material für seine maliziösen Studien zu beliefern, wird er nun gefeiert und weitergereicht von Ehrung zu Ehrung. Es ist sterbenslangweilig; aber doch lehrreich darin, dass es erkennen hilft, wie öde es ist, wenn einem Lebenswünsche in Erfüllung gehen. Das neue Leben sieht so aus: „An zwei Abenden ging er in die Berliner Kneipe von Oswald Wiener, am ersten Abend mit dessen Freunden aus der Wiener Gruppe H. C. Artmann und Gerhard Rühm; am zweiten Abend, nach der Lesung mit Améry und Bender, brachte er selbst außer den Mitlesenden Hartung, Höllerer und Mayer zu Wiener, immerhin galt Mayer als Gönner der Wiener Gruppe.” Immerhin. Und Peter Huchel. Und Uwe Johnson. Und Peter Szondi. Canetti hatte früher gewusst, weshalb es zwecklos ist, wenn Dichter zusammenglucken, und der Größenwahn des Verkannten hatte ihn gegen Versuchungen in dieser Hinsicht so ziemlich gefeit. Jetzt tritt er selbst bei diesen Schönheitskonkurrenzen auf, und spannend wird es höchstens, wenn zwei der Schönheiten anfangen, sich gegenseitig die Augen auszukratzen. Da zeigt auch der späte Canetti noch, was er kann. Am unterhaltsamsten ist der Showdown zwischen ihm und Thomas Bernhard. Bernhard hatte einen Leserbrief an die Zeit geschrieben, in dem er Canetti als „Schmalkant”, „Kleinschopenhauer” und „Aushilfsprophet” gelästert hatte, auf seine übliche drumrumschimpfende Art eben. Demgegenüber bestätigt Canetti seinen überlegenen Rang, indem er den Schlag genau zwischen die Lichter setzt: Bernhard komme ihm vor, „als wäre er ein Krüppel von mir”.
BURKHARD MÜLLER
SVEN HANUSCHEK: Elias Canetti. Biographie. Hanser Verlag, München 2005. 800 Seiten, 29,90 Euro.
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