Eine Nacht im Juli, eine Nacht im Dezember - Haas, Christoph
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Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.03.2021

VON SZ–AUTOREN
Erzählungen von
Christoph Haas
Ein Mann geht zu einer Tankstelle, um Bier zu kaufen; als er es nicht bekommt, greift er zum Messer. Das ausschweifende Liebesleben eines jungen Nachbarn bringt den gemächlichen Alltag eines älteren Ehepaars durcheinander. Zwei Freunde zerstreiten sich über die Frage, wie sie genug Geld für die Flucht nach Europa aufbringen sollen. Die Menschen in „Eine Nacht im Juli, eine Nacht im Dezember“ sind einsam, oder sie stehen sich nah und sind sich zugleich fern. Und sie sind unberechenbar. Christoph Haas, Literatur-, Film- und Comic-Kritiker, schildert in 17 kurzen Erzählungen, wie Vertrautes plötzlich fremd wird und Sicherheiten verloren gehen. Am Jägerzaun steht womöglich ein Mörder. Und ist „Sommer der Liebe“ nicht doch in Wirklichkeit eine Missbrauchserzählung? Die Geschichten sind hinterhältig, und mit dem Schlimmsten muss immer gerechnet werden.
SZ
Christoph Haas: Eine Nacht im Juli, eine Nacht im Dezember. Erzählungen. Schillo Verlag, München 2020. 142 Seiten, 17 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Oliver Jungen fühlt sich wohl mit den Erzählungen von Christoph Haas. Zum einen, da der Autor Situationen einfängt, wie sie jeder kennt, zum anderen, weil er über Entfremdung und Lebensbrüche durch Krankheit, Trennung, Geburt, Vertrauensverlust etc. so lakonisch, pathosfrei und alltagsnah erzählt. Wann immer es im Buch um heftigere Schicksale geht, kommt der Stil aber mit der Moral nicht ganz mit, stellt Jungen fest. Doch das bleibt die Ausnahme, meint er.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.05.2021

Willkommen im Abschied
Des Lebens Lauf: Christoph Haas erzählt sensibel, aber pathosfrei vom Fremdwerden der Nähe

Spätestens mit dem Eselsritt, der die Heldin an ihren beschwerlichen Weg vor Jahren erinnert ("mit dem Kind im Bauch"), verdichtet sich die mit den Signalworten "Tempel" und "Zimmermannspranke" aufgekommene Ahnung, auf wen sich Mutterstolz ("wie ein König sieht er aus") und Vaterbesorgnis ("ein wenig geschickt müsse man sich schon verhalten") hier beziehen, zur - immer noch erstaunten - Gewissheit. Dass ein solch eigenbrötlerischer, mal schweigsamer, mal wie ein Wasserfall redender, oft ausbüxender Filius, ein kraushaariger Künstlertyp, der in der Werkstatt rätselhaft grazile, zu nichts zu gebrauchende Gegenstände herstellt, eine einfache Handwerkerfamilie auf die Probe stellt, ist leicht einzusehen. Nicht aber das Porträt des Erlösers als junger Mann ist der Clou der Erzählung "Der Sohn", sondern ihre Blickrichtung. Sie präsentiert den Gottessohn so irdisch wie nur möglich: als mysteriöses Anhängsel seiner unerlösten, die nächste Schwangerschaft durchmachenden Eltern, die sich damit zu arrangieren haben, dass in ihrer Mitte etwas Geliebtes heranwächst, das sie bereits überwunden zu haben scheint. Ganz unbekannt dürfte das Gefühl den meisten Eltern nicht sein.

Tatsächlich ist das Motiv der verunsichernden Entfremdung bei tiefster Verbundenheit das konstitutive Merkmal dieses sehr erwachsenen Erzählungsbands von Christoph Haas, der bislang als Journalist und Publizist in Erscheinung getreten ist. In den leise, konzise und schlackenlos erzählten Beziehungsgeschichten, die ansonsten in der unmittelbaren oder jüngeren Gegenwart spielen, geht es immer wieder darum, wie Vertrautes unvertraut wird, und das in zwei entgegengesetzte Richtungen. Paare auf dem langen Weg in die gemeinsame Einsamkeit erleben Momente der Erneuerung, die sich meist an äußerlich wenig bedeutsamen Erlebnissen festmachen, etwa an dem schlichten, erhabenen Satz "Mein Sohn Johannes, er lebt in New York", mit dem ein älterer Herr in einem Wellness-Hotel der mit Termintabelle und Verzweiflung um Nachwuchs ringenden Mara zu mehr Gelassenheit verhilft. Für ein älteres Ehepaar wiederum wird das vorhanglos unverborgene Sexualleben eines jungen Nachbarn zur aufregenden Erfahrung einer Nähe, die sich von der eingeschliffenen Form unterscheidet. Der Auszug des Nachbarn trifft sie mit unvermuteter Härte.

Ebenso oft aber führt das Unerwartete, die langsam in eine Beziehung hineingekrochene, aber erst plötzlich bemerkte Fremdheit, zu einem inneren Bruch, auch wenn die Rituale davon unberührt bleiben. Da ist ein Ehemann, der in den siebziger Jahren von einer Affäre nach Hause kommt und seine alkoholkranke, alles ahnende Frau anlügt, aber dann doch mit ihr "Der große Preis" schaut. Anderswo verliert die junge Sophie die Achtung vor ihrem Freund, weil er im Moment der Bedrohung ihre Hand losgelassen hat; von der Waffe des Fremden geht für sie hingegen eine eigentümliche Faszination aus. Da gibt es die alte Cilla, die von ihrem Sohn bevormundet wird ("du kommst einfach nicht mehr alleine zurecht") und ihm ihren eingebildeten Besucher verschweigt: eine Entzweiung ganz ohne Pointe. Eklatant ist der Lebensbruch in der Titelgeschichte, in der ein Mann ohne jede Vorwarnung an einer Tankstelle zum Mörder wird. Er sammelt alles, was über den Vorfall in den Zeitungen steht. Ein halbes Jahr später erfährt er am selben Ort die liebevolle Zuwendung einer jungen Angestellten, was für ihn bedeutet, fortan mit Schuldverdrängung leben zu müssen. Haas parallelisiert das über ein ererbtes Gemälde unangestrengt mit den Gefühlen der Kriegsheimkehrer.

Am stärksten sind diese pathosfreien Erzählungen allerdings dort, wo sie ganz auf das Alltägliche fokussieren, auf das Älter- und Krankwerden, den Sicherheitsverlust durch Trennungen, auf nur halb scherzhafte Suizidgespräche unter Jugendlichen, auf die Beziehungsverwerfungen rund um einen Geburtstermin, zumal, wenn der Freund offenbar nicht der Vater ist. Wo sich das Buch auf belastendere Thematiken einlässt, auf Kindesmissbrauch oder Flüchtlingsschicksale, entsteht eine Unwucht, weil der schwerelose, lakonische Stil den inhärenten moralischen Anspruch dann doch nicht ganz erfüllen kann. Aber das bleiben Ausnahmen in einem insgesamt wohltuend reflektierten, sprachlich äußerst sicheren Prosareigen eines anregenden neuen Autors, der sich als ebenso genauer wie unaufdringlicher Beobachter seiner Mitmenschen erweist. In diesen Abschieden, gelebten, nicht zelebrierten, darf man sich willkommen fühlen. In ihrer Reduktion werden sie viele Leser an Eigenes erinnern. Und gilt nicht mitunter für uns alle, was sich die müde Maria wünscht: "sich fallen zu lassen, sich an die Erde zu schmiegen und mit ihr eins zu werden"? "Aber sie musste weiter, das wusste sie", bescheidet uns der Autor mit unaufgeregtem Stoizismus, "und also ging sie ihren Weg."

OLIVER JUNGEN

Christoph Haas: "Eine Nacht im Juli, eine Nacht im Dezember". Erzählungen.

Schillo-Verlag, München 2021. 144 S., geb., 17,- [Euro].

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