Eine Liebe in Auschwitz - Thielke, Thilo
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Der Pole Jerzy Bielecki ist 18 Jahre alt, als er 1940 als politischer Häftling in Auschwitz eintrifft. Dort, in der Hölle auf Erden, geschieht etwas Wunderbares: Er verliebt sich in das jüdische Mädchen Cyla Cybulska. Die beiden beschließen zu fliehen. 1944 geschieht das Unglaubliche: Die Flucht aus dem Vernichtungslager gelingt. Doch Jerzy und Cyla werden auseinandergerissen. Beide überleben die Nazizeit, aber jeder von ihnen glaubt, der andere sei ums Leben gekommen. Ein Irrtum, wie sie im Jahr 1983 durch Zufall erfahren. …mehr

Produktbeschreibung
Der Pole Jerzy Bielecki ist 18 Jahre alt, als er 1940 als politischer Häftling in Auschwitz eintrifft. Dort, in der Hölle auf Erden, geschieht etwas Wunderbares: Er verliebt sich in das jüdische Mädchen Cyla Cybulska. Die beiden beschließen zu fliehen. 1944 geschieht das Unglaubliche: Die Flucht aus dem Vernichtungslager gelingt. Doch Jerzy und Cyla werden auseinandergerissen. Beide überleben die Nazizeit, aber jeder von ihnen glaubt, der andere sei ums Leben gekommen. Ein Irrtum, wie sie im Jahr 1983 durch Zufall erfahren.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher
  • Verlag: DTV
  • Seitenzahl: 233
  • Deutsch
  • Abmessung: 18mm x 123mm x 191mm
  • Gewicht: 265g
  • ISBN-13: 9783423308533
  • ISBN-10: 3423308532
  • Artikelnr.: 10244906
Autorenporträt
Thilo Thielke, geboren 1968, war von 1990 bis 1997 Redakteur bei ›Spiegel‹-TV und arbeitet seit 1997 als Redakteur im Deutschland-Ressort des ›Spiegel‹.
Rezensionen
Besprechung von 06.09.2000
Trostlose Liebe
Ein polnischer Katholik rettet eine Jüdin aus Auschwitz – und sieht sie nie wieder
THILO THIELKE: Eine Liebe in Auschwitz, Spiegel-Buchverlag, Hamburg 2000. 233 Seiten, 39,90 Mark.
Geschmack von bitterer Süße, vor einer Ewigkeit gekostet. Nur die Erinnerung bleibt – die Erinnerung an die erste Liebe. Sie liegt im Nebel der Vergangenheit, schmerzvoller noch: Sie ging verloren in den Rauchschwaden der Mordöfen von Auschwitz. Denn trotz einer abenteuerlichen und wunderbarerweise geglückten Flucht zweier junger Menschen aus dem Todeslager kamen diese später, in der Freiheit, nicht mehr zusammen. Erst nach vierzig Jahren sehen der Pole Jerzy („Jurek”) Bielecki und die Jüdin Cyla Cybulska einander wieder. Für die Erfüllung der großen Liebe ist es zu spät.
Das ist die Geschichte, die der Autor Theo Thielke in „Eine Liebe in Auschwitz” erzählen wollte. Spürbar ist die Intention des Autors, ein Buch über Auschwitz zu schreiben, das von der überwältigenden Macht der Liebe handeln sollte, und damit einen Hoffnungsschimmer im Grauen des Holocaust hätte bedeuten können. Aber das Buch hält nicht, was Titel und Umschlagtext versprechen.
Über die Beziehung der beiden Liebenden erfahren wir von Thielke, der Redakteur im Deutschlandressort des Spiegel ist, kaum etwas. Wo er versucht, in die Innenperspektive seiner Figuren einzudringen, bleiben diese blass. Es ist ein Blick aus weiter Ferne, den der Autor auf Jurek und Cyla wirft. Ihre Gefühle stecken fest in gewissenhaft recherchierten Fakten. Dabei hatte der Autor seine Informationen aus erster Hand. Denn „Eine Liebe in Auschwitz” stützt sich neben Thielkes Studium von Zeitdokumenten und Gesprächen mit Auschwitz-Häftlingen größtenteils auf die Erinnerungen Jurek Bieleckis selbst, der seine Autobiografie in Polen vorgelegt hat.
Aus seiner Perspektive erfahren wir, was er als junger politischer Häftling im Lager Auschwitz erlebt: Erst 18 Jahre alt, gerät der Junge, der schwärmerisch und naiv „für Heimat und Vaterland” gegen die Nazis kämpfen will, in die Hände ukrainischer Spitzel und Nazikollaborateure und schließlich in die Fänge der Deutschen. Bereits 1940 wird aus ihm die KZ-Nummer 243. Er ist einer der ersten im noch provisorischen Lager Auschwitz unter dem Leiter Rudolf Höß, der den Ausbau der Todesmaschinerie akribisch durchführt. Für Jurek beginnt die Haft mit den für alle Häftlinge üblichen Qualen: Schläge, Verhöre, Hunger.
Das Experiment eines Lagerarztes, der ihn mit Typhus infiziert, überlebt er. Doch Jurek ist geschickt, lernt, sich durchzuschlagen, hofft auf das Ende des Kriegs, setzt auf das Überleben. Zum „Vorarbeiter” und schließlich zum Kapo aufgestiegen, hat er seine Privilegien.
Aber schließlich erkennt er, dass die Gaskammern mit den Krematorien um die Wette arbeiten. Angesichts der penibel wie Holzscheite aufgeschichteten Leichenberge sieht Jurek, dass der Tod auch vor ihm nicht Halt machen wird. Und er begreift, dass das junge jüdische Mädchen „mit den schwarzen Zigeuneraugen”, in das er sich verliebt hat, keinen Hauch einer Chance hat.
Er lässt sich nicht einschüchtern – auch nicht von den bemitleidenswerten Todeskandidaten, die nach missglückter Flucht mit Schildern um den Hals zum Galgen marschieren, auf denen steht: „Hurra, wir sind wieder da”. Heldenhaft beschließt er, diese eine Frau zu retten. Monatelang plant er den Ausweg aus der Hölle. Es gelingt. In einer gestohlenen SS-Uniform führt Jurek Cyla und sich selbst bei einem vorgetäuschten Häftlingstransport in die Freiheit.
Die Beziehung zwischen Jurek und dem jüdischen Mädchen Cyla aber wird erst nach mehr als zwei Dritteln des Buches kurzfristig über wenige Seiten hinweg zum Thema, bevor das letzte Drittel vor allem der Planung und Durchführung der Flucht gewidmet ist. Bis dahin erteilt der Autor auf einem zweiten Handlungsstrang neben Jureks Erinnerungen detaillierten Geschichtsunterricht: vom „Anschluss” Österreichs an das deutsche Reich 1939 bis zum Zusammenbruch und zur Kapitulation der Deutschen 1945. Stellenweise übergenau versucht Thielke, den Schicksalen der beiden jungen Menschen den umfassenden historischen Hintergrund zu geben, der ihre sehr unterschiedlichen Situationen in Auschwitz beleuchtet. Viele Informationen sind weder neu noch treiben sie die Geschichte weiter. Wie Polen zum Zeitpunkt „Angriff Weiß” in den ersten Kriegsjahren ausgesehen hat, weiß man. Und wie das Lager Auschwitz-Birkenau ausgebaut wurde, weiß man auch. Thielke liefert trotzdem dazu und zu anderen bekannten Fakten Karten, Fotos, Fotokopien von Dokumenten.
Man spürt beim Lesen, dass der Autor die Wahrheit über seine realen Figuren erzählen will und ihnen nichts an nicht überprüfter Emotion unterstellen möchte. In seiner Bemühung um Authentizität unterlegt ihnen der Autor dennoch fiktive wörtliche Reden, wenn er ihre Lebensumstände oder Gefühlslagen lebendig beschreiben will. Das klingt an bedeutungsschweren Stellen der Handlung zuweilen oberflächlich und an Stellen von eher marginaler Bedeutung manchmal sogar platt. So zum Beispiel, wenn die „jungen Verschwörer” um Jurek zu Beginn der Geschichte bei ihrer Suche nach polnischen Soldaten ihren Rucksack packen, „eine Mettwurst oben auf, fest wie ein Knüppel”, dann nicht wissen, wohin, und sich schlau machen müssen bei hierzu montierten klischeehaften Statisten. Zitat: „,Gibt es hier eine Bahnstation?‘, fragen sie ein Mütterchen mit Milchkanne. ,Ja‘, sagt die Alte...”
Zuweilen schreibt Thielke offenbar auch für Leser, die bis dahin gar nichts verstanden haben. Zum Beispiel: „In diesem Moment wird Bielecki klar: Ich bin auf dem Boden der Hölle gelandet. ” Auch Unklarheiten darüber, wer tatsächlich spricht, ziehen sich durch das gesamte Buch. Zitiert Thielke aus Bieleckis Autobiografie oder aus Gesprächen mit ihm oder aber aus Unterredungen mit anderen Mithäftlingen, etwa mit Tadeusz Srogi, Bieleckis Freund? Der Autor hat offenbar keine klare Entscheidung darüber getroffen, welche Form er seinem Buch geben wollte. „Eine Liebe in Auschwitz” enthält Elemente der journalistischen Reportage, der historischen Dokumentation, des politischen Berichts und des biografischen Romans. Eine Mischung von Schreibweisen, die einander mehr behindern, als sich zu ergänzen.
Mit Cyla Cybulska übrigens, deren Sicht der Dinge nur spärlich in das Buch einfließt, hat Thielke nie gesprochen. Cylas gesamte Familie ist im Holocaust umgekommen. Sie selbst lebte später in New York und schilderte einer Kollegin des Autors, Alexandra Vinocur, ihre Erinnerungen, derer sich der Autor bedient hat. Schmerzlich scheint der alten Frau, neben der quälenden Erinnerung an Auschwitz, auch nach vier Jahrzehnten der Verlust ihrer Liebe zu sein. Spürbar ist er da, der Groll über die Umstände, die zur Trennung von Jurek führten. Der Grund dafür ist offenbar die Tatsache, dass sie Jüdin ist. Oft wurde Jurek, auch später noch, gefragt, „warum er denn nicht mit einer Christin geflüchtet sei?” Hier aber hat Thielke nicht weiterrecherchiert, obwohl er Gelegenheit hatte, mit Zeitzeugen in Polen zu sprechen.
Zwei gute Katholikinnen, Jureks Mutter und die Bäuerin, die Cyla im Sommer 1944 nach der Flucht aus Auschwitz versteckt hat, verhinderten, dass sie Jurek, der sich den Partisanen angeschlossen hatte, nach dem Krieg wieder sieht. Sie leiten Briefe nicht weiter, belügen die beiden und machen sie glauben, dass der jeweils andere tot sei. Die zwei Frauen tun das, obwohl sie – wie viele andere, die den Flüchtlingen geholfen haben – über die Hölle Auschwitz alles wussten. Die Abneigung gegen „die Jüdin” saß tief. Auch in Polen. In der Familie wollte man Cyla nicht haben. Nicht in Auschwitz, sondern draußen, in der Freiheit, hat Jurek seine jüdische Geliebte verloren.
CHRISTA GEBHARDT
„Am Boden der Hölle”: weibliche Häftlinge in Auschwitz.
Foto: SZ-Archiv
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"Geschmack von bitterer Süße, vor einer Ewigkeit gekostet. Nur die Erinnerung bleibt - die Erinnerung an die erste Liebe. Sie liegt im Nebel der Vergangenheit, schmerzvoller noch: Sie ging verloren." Süddeutsche Zeitung

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Nichts Halbes und nichts Ganzes sei dieses Buch des Spiegel-Redakteurs Thielke über die Flucht und Rettung eines jungen Paares aus Auschwitz, beschwert sich die Rezensentin Christa Gebhardt. Thielke habe sich zwischen Reportage, Dokumentation, Bericht und Roman nicht entscheiden können und daher, so ihr Urteil, ist aus der guten Absicht, ein Buch über die Liebe in Auschwitz zu schreiben, nichts rechtes geworden. Der Umgang mit Emotionen sei aus Angst vor der möglichen Verfälschung der Tatsachen übervorsichtig; wenn Thielke dann aber, notgedrungen, Dialoge erfindet, so die Rezensentin, dann bleiben sie nicht selten "oberflächlich" oder geraten "manchmal sogar platt". Die Liebesgeschichte werde allzu ausführlichem "Geschichtsunterricht" untergeordnet, bei den Gründen für das Scheitern der Liebe habe der Autor an der entscheidenden Stelle nicht weiterrecherchiert.

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