Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • ISBN-13: 9783518411322
  • ISBN-10: 3518411322
  • Artikelnr.: 24137706
Rezensionen
Besprechung von 04.05.2000
Papas kaputter Körper
Frédérique Clémençon schreibt über mehr als eine „Gemeinheit”
Die Dynamik des eigenen Lebens ist hinterhältig. Wiederholung und Wiederholungszwang besetzen die Biografie und sind, je länger desto beklemmender, kaum noch aufzulösen. Frédérique Clémençon hat mit ihrem ersten Roman eine literarisch glückliche Lösung gefunden, die erstaunt, weil die Autorin, die in Paris lebt, erst 33 Jahre alt ist.
„Eine Gemeinheit” ist „meiner Mutter” gewidmet, und der Roman beginnt mit den Erinnerungen einer Mutter, die ihre Tochter Edith im sprudelnden Monolog in ihre fürchterlichen Erfahrungen einweiht. Will sie drohen oder warnen?
Mit dem althergebrachten Bild von Fürsorge und selbstlosem Opfer hat diese Mutter nichts gemein. Sie nimmt nicht wahr, es interessiert sie auch nicht, dass Edith dabei ist, von der Familie Abschied zu nehmen. Heimlich, nachts, wenn die Mutter unruhig in ihrem Zimmer hin- und herwandert. Der Abschied findet gleichsam außerhalb des Romans statt, in Ediths Tagebuch, in dem sie die Abschnitte des Aufbruchs festhält. Was sie in den Koffer packt, wie sie das Laken noch einmal glatt streicht, die Treppe hinunter schleicht, und dann am Ufer eines Weihers aufwacht und sich das Befremden und die bösen Schlussworte der Mutter vorstellt. „Edith hat nie etwas können. Edith kann nichts. Arme Edith. Was für ein Durcheinander. Warum hast du mich verlassen? Antworte mir, mein Kind. ”
Ja, das arme Kind, das von der Mutter gebraucht wird, damit sie sich selbst hat. Es ist mehr als eine Gemeinheit, dass Edith in der Falle der Provinz und ihrer Familie sitzt und bereits stark auf die vierzig zugeht. Es ist nicht einmal ihre eigene Geschichte, die sie in diese Falle gebracht hat. Doch Ediths Abschied ist unsichere Gegenwart.
Die fordernden mütterlichen Zuflüsterungen sind eingeübte Wiederholungen. Nicht Edith ist wichtig, die sich in „Spinnereien” eingerichtet und das Kindsein als Gegenort im Keller und an anderen abgelegenen Plätzen ausbaut. Haus und Familienraum erfüllt die Klage ihrer Mutter über all das, was ihr von Ediths Großmutter angetan worden ist. In aller Förmlichkeit, meistens „zuckersüß”, man befindet sich in einer so genannten besseren Familie, wurde die Demütigung der Schwiegertochter exekutiert. Die Hochzeit, nach der sie noch glaubte, „alles würde sich einrenken”, war nur die erste Station des Leidenswegs. Das Kleid zwickte, die Braut fröstelte, als ihr die Schwiegermutter nahe bringt, „ihr Sohn gehöre ihr und ich würde mich niemals zwischen sie stellen können”.
Konfiguration und Konflikt sind klar: Muttermacht gegen Frauenfrust. Und eigentlich ist nach diesem Anfang die Möglichkeit zu handeln, so beschränkt, dass kein Roman mehr zu erwarten ist. Gut, Großvater, Großmutter und der Sohn sterben, der Lauf des Lebens eben, der den, mit mütterlichen Süßigkeiten dick voll gestopften, Sohn früh ereilt. Man ahnt, dass aus dem „Schloss” genannten Haus dieser Drei-Generationen-Familie schwer zu entkommen ist.
Wenn es Frédérique Clémençon nicht gelänge, aus dieser schwätzenden Litanei des Leidens einen bittersüßen Bericht über Wunden zu machen. Sie kann spielend den Übergang von Ediths Träumereien über den Schmerz der kleinen Meerjungfrau zum nekrotischen Fleisch des „kaputten Körpers Papas” finden. Die übelsten Geschichten fließen leichthin, in mehrseitigen Sätzen. Das richtig Gemeine an den Verhältnissen taucht wie nebenbei auf. Dreckige Machenschaften, die der französische Titel „Une saleté” andeutet, sind eben unauffällig. „Revanche” heißt das Kapitel über den unerklärlichen plötzlichen Reichtum der Familie, Bigotterie ist bei der Erstarrung im Spiel, und gehütete Familiengeheimnisse, die sogar einen Doppelmord decken könnten. Der Leerlauf der Selbstgerechtigkeit macht jeden einsam. „Aber egal, du findest mich widerwärtig, nicht wahr, zweifellos hast du recht, doch kann ich dir versichern, dass keiner besser war, als der andere, ich habe ihre Gemeinheit oft mit einem höllischen Reigen verglichen, bei dem deine Großmutter das Leid, das er ihr zufügte, an mich weitergab. ” Sagt die Mutter zur Tochter. „Ein Walzer, ein Walzer der kein Ende hat. Das ist nicht gut, diese ganze Aufgeregtheit, das ist nicht gut. ” Denkt Edith, bevor sie doch aufgebrochen sein könnte. Warum sich vor allem die Töchter und nie die Söhne solche Gedanken machen?
MONIKA SCHATTENHOFER
FRÉDÉRIQUE CLÉMENÇON: Eine Gemeinheit. Roman. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2000. 150 S. , 32 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 15.07.2000
Falsch gewickelt
Frédérique Clémençon sieht in allem nur Gemeinheiten

Gäbe es das Diminutiv Romänchen, so müsste diese Kennzeichnung auf Umschlag und Vorsatzblatt des ersten Werks von Frédérique Clémençon stehen: Es umfasst keine 150 Seiten. Stärker beschäftigt uns die Frage, warum es so schwer fällt, mit wenigstens einer der Romanfiguren zu sympathisieren, und noch schwerer, sich bis zur letzten Seite für das zu interessieren, was sie treiben und was ihnen zustößt. Natürlich hängt solches Interesse nicht notwendig vom Maß der Sympathie ab. Schließlich erwärmt Othello auch nicht gerade alle Herzen, ist Faust kein charming boy, möchte man mit Felix Krull oder Oskar Matzerath nicht unbedingt familiären Umgang pflegen. Aber sie alle schlagen uns in ihren Bann, und die Figuren dieses Romänchens tun das nicht. Wieso?

Sicherlich ist es kein Problem der Formulierkunst. Die Autorin, Jahrgang 1967, weiß offenbar mit Sprache umzugehen, und für diesen Eindruck kann nicht nur die Übersetzerin Andrea Springler verantwortlich sein, die Seite für Seite kompetent ins Deutsche übertragen hat. Es muss an der Story liegen. Was vermittelt sie uns? Dass ein Familienverband für seine Mitglieder eine ganz schöne Zumutung sein kann. Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine kleinbürgerliche Sippe in der französischen Provinz. Der Vater krankt aus unbekannten Ursachen an Machthunger und Aufstiegsdrang, was die Familie fürchterlich belastet und sie bei Nachbarn nicht eben beliebt macht. Die um ihre kuscheligen Eheträume betrogene Mutter sucht Ausgleich erst beim Sohn, den sie übermäßig verhätschelt, dann bei der Schwiegertochter, die den Watschenmann für jedes schwiegermütterliche Unbehagen abgeben muss. Keiner liebt hier irgend jemanden, selbst Mutterliebe regt sich nur als Sonderform von Egoismus. Auch die Enkelin wird von solcher Atmosphäre nachhaltig geschädigt, und wir dürfen kaum hoffen, dass ihre finale Flucht aus der Familienhölle sie in ein wie immer geartetes Glück führt.

Was lernen wir daraus? Nichts, das ist ja die Crux bei diesem Buch. Die erwähnten richtig literarischen Werke haben, bei allen Unterschieden, eines gemeinsam: Sie demonstrieren mittels ihrer Helden, aus welchen Gründen menschliches Leben funktioniert oder missrät. Sie erlauben uns, aus ihrer jeweiligen Fabel Schlüsse zu ziehen, die uns die eigene Existenz ein bisschen besser verstehen lassen. Gelungene Literatur handelt immer irgendwie von allen Menschen, auf dem Umweg über das fremde Schicksal erreicht sie unsere Köpfe und Herzen.

Wie aber sollen wir Kopf und Herz für Personen öffnen, die in einem mentalen Ghetto vegetieren? Natürlich fühlen wir zunächst Mitleid mit diesem oder jenem. Aber gleich anfangs, wenn die Mutter die Braut des Sohns "kleine Nutte" schimpft und ihr eine schlimme Zukunft androht, wundern wir uns über die Unbeweglichkeit der Figuren. Warum sieht die junge Frau nicht, dass das schwiegerelterliche Schreckenshaus eine Ausgangstür hat? Warum konnte der Sohn sich in Jahrzehnten nie aus Mutters Windeln freistrampeln? Warum kleben sie sämtlich so verbissen an ihrem Verdruss? Wir erfahren es nicht. Schließlich vergeht uns die Lust, zu fragen und auf Alternativen zu hoffen. Es bleibt dabei: jeden Tag eine Gemeinheit, heute, morgen, übermorgen, nächste Woche wieder. Wir denken: Na und? Sollen sie doch, wenn sie unbedingt wollen. Und wenden uns anderen Geschichten zu.

SABINE BRANDT.

Frédérique Clémençon: "Eine Gemeinheit". Roman. Aus dem Französischen von Andrea Springler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000. 146 S., geb., 32,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Monika Schattenhofer zeigt sich in ihrer Kritik recht angetan von diesem Roman der erst 33 Jahre alten Autorin. Beeindruckend findet die Rezensentin vor allem, wie Clémencon die Enge der besseren Kreise der Provinz und die Giftigkeit von Großmutter-Mutter-Tochter-Beziehungen schildert und mit welch leichter Hand sie die Gemeinheiten, von denen im Titel die Rede ist, in den Roman einfließen lässt: "Das richtig Gemeine an den Verhältnissen taucht wie nebenbei auf."

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