Ein wilder Apfelbaum will ich werden - Jószef, Attila

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Áttila József ist einer der bedeutendsten Dichter der europäischen Moderne, zusammen mit Mandelstam, Pessoa, Machado, Kavafis, Rilke, Eliot u.a. Er ist die Dichterpersönlichkeit, die in der modernen Geschichte Ungarns zur eigentlichen Identitätsfigur geworden ist. Sein Leben währte nur eine kurze Zeit, ganze 32 Jahre, ein Frühvollendeter, der ein Werk von weltliterarischem Rang hinterlassen hat. Im April 2005 wird sein 100. Geburtstag feierlich begangen.
Erstmals wird mit unserer umfangreichen zweisprachigen Ausgabe, die einen Querschnitt durch das gesamte Schaffen des Dichters vermittelt,
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Produktbeschreibung
Áttila József ist einer der bedeutendsten Dichter der europäischen Moderne, zusammen mit Mandelstam, Pessoa, Machado, Kavafis, Rilke, Eliot u.a. Er ist die Dichterpersönlichkeit, die in der modernen Geschichte Ungarns zur eigentlichen Identitätsfigur geworden ist. Sein Leben währte nur eine kurze Zeit, ganze 32 Jahre, ein Frühvollendeter, der ein Werk von weltliterarischem Rang hinterlassen hat. Im April 2005 wird sein 100. Geburtstag feierlich begangen.

Erstmals wird mit unserer umfangreichen zweisprachigen Ausgabe, die einen Querschnitt durch das gesamte Schaffen des Dichters vermittelt, der Vesuch unternommen, das dichterische Werk direkt aus dem ungarischen Original zu übersetzen. József bediente das poetische Register, das ihm die Sprache vorgab, mit Virtuosität. Daniel Muth gelingt es mit seiner Übersetzung, diesen Formenreichtum sichtbar zu machen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Ammann / Ammann Verlag
  • Seitenzahl: 496
  • 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 239mm x 157mm x 48mm
  • Gewicht: 917g
  • ISBN-13: 9783250104889
  • ISBN-10: 3250104884
  • Artikelnr.: 13228606
Autorenporträt
Áttila József wurde 1905 als Sohn eines Seifensieders und einer Waschfrau in Budapest geboren. Sein Vater verließ die Familie, als Áttila József drei Jahre alt war, seine Mutter starb 1919. Im Alter von neunzehn Jahren trat József in die heute nach ihm benannte Universität von Szeged ein, aus der er 1925 aufgrund eines revolutionären Gedichts (Tiszta szivel - Mit einem reinen Herzen) exmatrikuliert wurde, studierte dann kurz in Österreich und ebenso kurz in Paris an der Sorbonne. 1931 trat er in die illegale Kommunistische Partei Ungarns ein, aus der er zwei Jahre später unter dem Vorwand, er habe faschistische Ansichten, ausgeschlossen wurde. Áttila József, der sein Leben lang an Verkennung durch seine Zeitgenossen und an Depressionen litt, warf sich im Winter 1937, im Alter von 32 Jahren, in Balatonszßrzó vor einen Zug. Heute ist der bedeutendste ungarische Literaturpreis nach ihm benannt.
Rezensionen
Besprechung von 09.04.2005
Und alle Kinder säßen unter meinen Zweigen
Genie des Schmerzes: In einer opulenten zweisprachigen Ausgabe seiner Gedichte läßt sich der große ungarische Poet Attila József zum hundertsten Geburtstag auch bei uns endlich entdecken

Der Ungar Attila József ist einer der großen Dichter der Moderne, was aber die Welt noch immer nicht weiß. Sein Heimatland feiert am 11. April den hundertsten Geburtstag seines frühvollendeten tragischen Genies. Das Werk dieses Mannes, der 1937, erst zweiunddreißigjährig, seinem Leben ein Ende setzte, überstand nicht bloß Krieg und Faschismus, sondern auch die kommunistische Kulturpolitik, die József als "ungarischen Majakowski" vereinnahmte und zugleich die Veröffentlichung politisch "inkorrekter" Texte unterdrückte. Heute ist Józsefs Poesie in Ungarn mindestens so populär wie bei uns die Verse Brechts oder Kästners. "Er war einer unserer Götter", sagt George Tabori.

In Deutschland ist Józsefs Name kaum mehr als ein Gerücht, wenn auch ein durchaus schmeichelhaftes. Es basiert auf zwei Bändchen mit Nachdichtungen, die 1960 in der DDR und 1963 in der Schweiz erschienen. Stärker blieb der Nachhall eines historischen Moments: die Begegnung Attila Józsefs mit Thomas Mann. Anlaß war Thomas Manns Lesung aus "Lotte in Weimar" im Budapester Ungarischen Theater am 12. Januar 1937. József hatte aus diesem Anlaß die Ode "Gruß an Thomas Mann" geschrieben. Es gibt ein Foto, auf dem der Dichter sie dem Nobelpreisträger überreicht. Was das Foto nicht zeigt: József durfte seine Ode nicht auf der Bühne vortragen. Die Polizei hatte die Rezitation verboten. Das politisch Anstößige kommt am Schluß zum Ausdruck. Dort prangert József die "Monsterstaaten" an, die Europa mit ihrem ideologischen Gift zerstören wollten, und endet mit einem Gruß an den guten Europäer, der Thomas Mann war.

Kein Zweifel, daß sich József - nach starken kommunistischen Sympathien - einem liberalen Antifaschismus im Sinne Thomas Manns angenähert hatte. Ihm blieb indessen nicht mehr viel Zeit, weder für seine politische noch für seine poetische Entwicklung. Das Jahr 1937 wurde sein Todesjahr. Am 3. Dezember starb Attila József. Er hatte sich vor einen Güterzug geworfen.

Dieser Dichter war ein "Genie des Schmerzes", wie ihn der ungarische Publizist György Bálint genannt hat. Sein Leben ließ ihm wenig Wahl. Józsefs Geburt im Budapest des Jahres 1905 war denkbar gering: das dritte Kind einer Wäscherin und eines Seifensieders. Der Vater machte sich bald aus dem Staub. Und so kam der kleine Attila für einige Jahre zu Zieheltern, die ihn "Pista" riefen; den Namen Attila gebe es gar nicht. Der Dichter schrieb später: "Das erschütterte mich sehr - ich hatte den Eindruck, daß sie (die Zieheltern) mein Dasein in Zweifel zogen. Die Entdeckung der Sagen über Attila, glaube ich, prägte von da an entscheidend all mein Streben - letzten Endes führte mich vielleicht gerade dieses Erlebnis zur Literatur."

Er mußte sich selbst erfinden. Von Elias Canetti stammt der Satz: "Das Schicksal der Menschen wird durch ihre Namen vereinfacht." Attila József schuf seine poetische Welt aus seinem endlich gewonnenen, endlich behaupteten Namen. Er vereinfachte sein Schicksal dergestalt, daß er Dichter wurde. Alles andere wurde daneben zweitrangig: Beruf, Geld, Liebe, psychische Probleme, ja das bloße physische Leben.

Als eine Zeitschrift Gedichte des Siebzehnjährigen druckte, galt er als Wunderkind, "wobei ich nur Waise war", wie József kommentierte, dessen Mutter früh an Krebs gestorben war. Bald erschien ein erster Gedichtband, dem ein erster Skandal folgte: Das Gedicht "Christus in Aufruhr" führte zur Anklage wegen Gotteslästerung. Der Poet wurde zu einem Monat Gefängnis verurteilt, dann jedoch durch den Obersten Gerichtshof begnadigt. "Christus in Aufruhr" klagte einen Gott an, der die Armen hungern läßt und ihnen die Schönheit der Rosen vorenthält. "Reinen Herzens", das einige Jahre später für Aufregung sorgte, konzentriert alles, was der junge József damals, März 1925, zu sagen hatte. Er gibt sich als poète maudit, der nicht bloß die bürgerliche Moral provoziert, sondern sich auch zur Tat bekennt: "Reinen Herzens brech ich ein. / Morde gar, so muß es sein."

"Reinen Herzens" war nicht bloß die Bezeichnung einer poetischen Rolle; der Titel entsprach seinem Wesen. József war kein Ideologe, sondern praktizierender Idealist. Reinen Herzens und aus den bitteren Erfahrungen seiner Jugend heraus wandte er sich dem Sozialismus zu. Bei seinem Aufenthalt in Wien (1925/26) las er die Klassiker des Marxismus und nahm die Lehren der Anarchisten in sich auf. 1930 wurde er Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei Ungarns. Seine Treue wurde mehr als strapaziert. Eine Moskauer Gruppe ungarischer Literaten denunzierte ihn, er suche einen "Ausweg ins Lager des Faschismus". Der Essay "Hegel Marx Freud" wurde von orthodoxer Seite attackiert. In der Tat suchte der Dichter einen Weg, der proletarisches Bewußtsein und das Freudsche Unbewußte zusammenführte.

Zu Freuds Achtzigstem schrieb er 1936 "Was du ins Herz versteckst", ein Gegenstück zur Ode an Mann. Das Schlüsselgedicht sagt, mehr noch als über Freud, Entscheidendes über den Autor selbst. Es formuliert seinen Anspruch, die Wahrheit zu suchen und zu bekennen. Es spricht vom Glücksverlangen des Menschen und bringt Glück und Aggression des Liebesverlangens mit dem Regressionsbedürfnis zusammen: "Kinder sind alle, die leben: / weh nach dem Mutterschoß."

Besonders die Dichter sind Kinder; und eben auch deshalb Liebende. József war ein großer Liebender - nicht um der Zahl seiner Liebschaften willen, sondern wegen der ungebrochenen Intensität des Gefühls, zu dem er jeweils fähig war. Márta Vágó verschaffte József Zutritt zu bürgerlich-liberalen Kreisen; das Ende der Beziehung führte zu einem Nervenzusammenbruch und zur Einweisung in ein Sanatorium. Ähnlich endete die Beziehung zu Flóra Kozmutza, die seinen dichterischen Konkurrenten Gyula Illyés heiratete.

Damit sind wir im Sommer seines Todesjahres und bei der Frage, ob diesem Dichter auf Erden sowenig zu helfen war wie einst Heinrich von Kleist. Dabei setzte József selbst, von seinen seelischen Problemen bedrängt, in sein Schreiben immer wieder die Hoffnung auf Heilung, ja Erlösung. Im Gedicht "Du hast mich zum Kind gemacht" drückt sich diese Hoffnung ergreifend aus. Da fleht er die Geliebte Flóra an: "Nähr mich: ich hungere. Schütz mich: ich friere. / Töricht bin ich: nimm dich meiner an." Er bittet sie, ihm zu seinem eigenen Leben, zu seinem Tod zu verhelfen, ja, um die Gabe, sich endlich selbst lieben zu können. Viele der an Flóra gerichteten Gedichte waren letztlich Selbstrettungsversuch; es sind die schönsten Perlen von Józsefs Poesie. Freilich mischt sich auch hier der Todeswunsch ein, der sich schon lange angekündigt hatte - und nicht nur der Wunsch, auch die Todesart. Schon mit siebzehn hatte er das Gedicht "Betrunkener auf den Gleisen" verfaßt, das noch offenläßt, ob der Zug ihn überrollt. 1934 heißt es: "Ich wohne schienennah." An den Gedichten ist nicht eine Prophetie zu bewundern, die sich selbst erfüllt, sondern das, was der Dichter als "Hellsinn" bezeichnet: die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu durchdringen und zu erhellen. Große Dichtung wie die Józsefs ist Zauber und Gegenzauber zugleich.

"Ein wilder Apfelbaum will ich werden", wünscht sich ein frühes Gedicht: "Alle Hungernden äßen von meinem / riesigen Leib, alle Kinder / säßen unter meinen Zweigen." Daher hat die nun zum hundertsten Geburtstag erschienene, opulente zweisprachige Ausgabe ihren Titel. Sie ist mit informativen Dokumenten gut bestückt und enthält neben einen Essay von György Dalos ein liebevolles Charakterbild des Dichters, das Ferenc Fejtö verfaßt hat, der wohl letzte überlebende Freund Józsefs.

Der ungarische Lyriker und Übersetzer Daniel Muth präsentiert in seiner Übertragung die Essenz von Józsefs dichterischem Werk. In seiner Nachbemerkung reflektiert er das Problem, die Virtuosität, den Anspielungsreichtum und die Formenvielfalt der Originale ins Deutsche zu übertragen. Seit Ende der zwanziger Jahre schrieb József keine freien Verse mehr; und so hat sein Übersetzer versucht, in Reim und Metrum Analogien zum Ungarischen herzustellen. Das konnte ihm nicht überall gelingen. Aber ein neuer Anfang ist jedenfalls gemacht, das Genie des Schmerzes auch als Genie der Kunst sichtbar zu machen.

Attila József: "Ein wilder Apfelbaum will ich werden / Szeretném ha vadalmafa lennék". Gedichte 1916-1937. Aus dem Ungarischen übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Daniel Muth. Mit einem Vorwort von Ferenc Fejtö und einem Nachwort von György Dalos. Ammann Verlag, Zürich 2005. 503 S., geb., 29,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Eine "verlegerische Großtat" bejubelt Michael Braun in seiner Rezension. Der Ammann Verlag hat eine erste "umfassende" und "wunderbar bibliophile" Auswahl der Gedichte des ungarischen Lyrikers Attila Jozsef herausgebracht. Hans Magnus Enzensberger und Stephan Hermlin hatten zwar auch schon versucht, den Dichter hier bekannt zu machen. Aber leider hat die deutsche Kritik das verschlafen, so Braun. Dabei ist mit Jozsef offenbar ein ganz Großer zu entdecken, wenn wir dem Rezensenten glauben dürfen. Ein Unglücksvogel war er, aufgewachsen in bitterster Armut, zu brutalen Bauern in Pflege gegeben, gleich für eins seiner ersten Gedichte mit einem Prozess wegen Gotteslästerung überzogen, dann von der Geliebten verlassen und schließlich der Selbstmord mit 32 Jahren. Die Ungarn, so Braun, lieben ihn allerdings nicht wegen seiner tragischen Lebensgeschichte, sondern weil er "hinreißende" Liebesgedichte geschrieben hat. Hermlin, lesen wir weiter, schätzte vor allem den "wortmächtigen Plebejer" und überzeugten Marxisten. Unserem Rezensenten imponiert vor allem die Außenseiterrolle Jozsefs, der sich später auch mit der KP querlegte. Es gibt also offenbar einiges zu entdecken in dieser Ausgabe. Nur die Übersetzung findet Braun manchmal recht spröde.

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