Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn - Gysi, Gregor
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Auf dem Platz zwischen allen Stühlen weht ein frischer Wind.
Beliebt und gefürchtet als scharfzüngiger Kritiker - ein politischer Querdenker zieht Bilanz.
Wie äußert sich ein Mann, der zehn Jahre lang als Vorsitzender der PDS-Fraktion und Mitglied des Deutschen Bundestages so manchem unbequem geworden ist, jetzt, nachdem er nicht wieder für diesen Vorsitz kandidiert hat? Er blickt zurück, manchmal im Zorn, manchmal mit leiser Bitterkeit, oft mit Humor und der für ihn typischen Ironie, immer konzentriert auf die Entwicklungen in der deutschen Innen- und Außenpolitik, auf das, was aus…mehr

Produktbeschreibung
Auf dem Platz zwischen allen Stühlen weht ein frischer Wind.
Beliebt und gefürchtet als scharfzüngiger Kritiker - ein politischer Querdenker zieht Bilanz.

Wie äußert sich ein Mann, der zehn Jahre lang als Vorsitzender der PDS-Fraktion und Mitglied des Deutschen Bundestages so manchem unbequem geworden ist, jetzt, nachdem er nicht wieder für diesen Vorsitz kandidiert hat? Er blickt zurück, manchmal im Zorn, manchmal mit leiser Bitterkeit, oft mit Humor und der für ihn typischen Ironie, immer konzentriert auf die Entwicklungen in der deutschen Innen- und Außenpolitik, auf das, was aus seiner Sicht falsch gelaufen ist. Und er hat viel zu erzählen: von zehn Jahren leidenschaftlicher linker Opposition, in denen er als unerwünschter Außenseiter eine unerwünschte Außenseiterpartei zu einer Position führte, die heute als politischer Faktor in Deutschland nicht wegzudenken ist. "Mein Weg hin zum und im vereinigten Deutschland", schreibt er, "war nicht nur in dem Sinne einmalig, wie jedes Leben einmalig ist, sondern meine Situation spiegelt in besonderer Weise die Kompliziertheit des Vereinigungsprozesses wider. Über viele Jahre haben sich an mir die Geister geschieden, und ich will versuchen, die Frage zu beantworten, weshalb das eigentlich so war und zum Teil auch noch so ist. In dieser Hinsicht ist es ein höchst persönliches Buch." Und so schildert Gysi ein Politikerleben zwischen allen Stühlen, in dem er und seine Mitstreiter eloquent dafür eintraten, dass sich in Deutschland eine demokratische Kultur links von der SPD etabliert, eine Selbstverständlichkeit in den anderen europäischen Ländern. Er erzählt von den antikommunistischen Kampagnen, gegen die er sich durchsetzen musste, genauso wie von den zunehmenden Querelen innerhalb der eigenen Partei, der Auseinandersetzung mit der alten Garde und den jungen Dogmatikern. Er berichtet über seine Gespräche unter vier Augen mit Politikern wie Helmut Kohl, Oskar Lafontaine oder Wolfgang Schäuble, aber auch über seinen umstrittenen Besuch bei Milosevic und in Albanien. Und er nennt im ersten Kapitel des Buches die Gründe für seine Entscheidung, sich nicht erneut zur Wahl zu stellen, Gründe, die vielfältig sind, von denen aber doch das Gefühl, zerrieben zu werden, und die Neugier auf einen neuen Abschnitt seines Werdegangs eine wichtige Rolle spielen.

Interview mit Gregor Gysi:
Frage: Herr Gysi, wann haben Sie sich entschlossen, das Buch zu schreiben? Was war das oder der auslösende Moment?

G.Gysi: Nachdem ich auf dem Parteitag der PDS in Münster erklärt hatte, im Herbst des Jahres 2000 nicht erneut für den Fraktionsvorsitz zu kandidieren, hatte ich eine Vielzahl von Medienauftritten und Gesprächen mit Journalistinnen und Journalisten. Unter anderem gab es ein Gespräch mit dem Herausgeber der Zeitschrift "Die Woche", Manfred Bissinger. Er meinte, dass ich in einer solchen Situation eigentlich verpflichtet wäre, Bilanz zu ziehen und mich selbst zu positionieren. Das leuchtete mir irgendwie ein, und also entschloss ich mich, dieses Buch zu schreiben.

Frage: Was ist während des Schreibens in Ihnen vorgegangen? Hat Sie die Arbeit an diesem Buch zu neuen Einblicken, zu neuen Erkenntnissen geführt?

G.Gysi: Ein Buch zu schreiben ist für mich zunächst einmal eine Quälerei. Insofern lernt man sich selbst besser kennen. Aber wenn man Dinge aufschreibt, die einem vorher völlig klar erschienen, merkt man Brüche in der Logik, Oberflächlichkeit im eigenen Herangehen. Das führt dazu, dass man sich über bestimmte Dinge tiefere Gedanken macht, und so entsteht beim Schreiben Erkenntnisgewinn. Manchmal sind es schon ganz einfache Dinge, weil man in der Erinnerung Zeitläufe und Abläufe völlig durcheinander bringt. Beim Schreiben ist man gezwungen, noch einmal nachzusehen. Dabei stößt man gelegentlich auf eigene Äußerungen, über die man mehr als erstaunt ist. Ich habe Äußerungen von mir gefunden, bei denen ich ehrlichen Herzens im Jahre 2000 glatt bestritten hätte, dass sie von mir stammen könnten. Ich habe versucht, mich mit Themen auseinander zu setzen, bei denen ich mich früher weigerte, sie auch nur zu Ende zu denken. Dazu gehört zum Beispiel das Verhältnis der deutschen Linken zur eigenen Nation, dazu gehören die Folgen des Elitewechsels in den neuen Bundesländern.

Frage: Und, Herr Gysi, was ist das Persönliche an dem Buch?

G.Gysi: Das geht weit darüber hinaus, dass ich meine Sicht auf die Dinge beschreibe. Ich versuche die Komplikation des Vereinigungsprozesses in Deutschland auch im Umgang mit meiner Person darzustellen. Weder ist dieser Umgang, noch meine Entwicklung in Deutschland nach 1990 typisch, aber Methoden, die dabei angewandt wurden, Reaktionen auf mich, die ich erlebte, und die Art und Weise, wie ich selbst darauf reagierte, spiegeln viel Typisches für das politische Klima in Deutschland wider. Ein größerer Teil meiner politischen Gegnerinnen und Gegner, Konkurrentinnen und Konkurrenten behandelte mich zunächst distanziert, aber diplomatisch höflich, dann schroff ablehnend und zum Schluss eher akzeptierend. Das muss Gründe haben, und sie können nicht allein in mir liegen.

Frage: Herr Gysi, eine letzte Frage. Als was fühlen Sie sich denn heute nach 10 Jahren politischer Aktivität? Fühlen Sie sich als Ostdeutscher, fühlen Sie sich als Gesamtdeutscher oder als Europäer?

G.Gysi: Zunächst war ich ganz überwiegend ein Ostdeutscher mit der eher verschwommenen Absicht, ein Europäer zu werden. Heute bin ich - um Ihren Ausdruck zu benutzen - eher ein "Gesamtdeutscher", zumindest in politischer und partiell auch in kultureller Hinsicht, aber ein solcher, der durch seine ostdeutsche Herkunft und besondere Beziehungen zum Osten geprägt ist. Aus der verschwommenen Absicht, ein Europäer zu werden, ist inzwischen etwas Realeres geworden. Im übrigen bleibt die Hoffnung, mich irgendwann nicht nur als "Weltbürger" zu definieren, sondern auch zu fühlen.

Das Interview führte J. Petersen
  • Produktdetails
  • Verlag: Hoffmann & Campe
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783455093384
  • ISBN-10: 3455093388
  • Artikelnr.: 09571483
Autorenporträt
Dr. jur. Gregor Gysi, geboren 1948 in Berlin, 1971 bis 1989 Rechtsanwalt, Gründungsmitglied der PDS und von 1990 bis 1993 Vorsitzender der Partei, seit 1990 in drei Legislaturperioden Mitglied des Deutschen Bundestages und dort bis Oktober 2000 Vorsitzender der PDS-Fraktion. Seitdem ist er Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des 14. Deutschen Bundestages. Er hat unter anderem das Buch "Das war's. Noch lange nicht" (1995) veröffentlicht und lebt mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter in Berlin.
Rezensionen
Besprechung von 10.04.2001
Gysis Welt
Der frühere PDS-Chef im Bundestag erklärt seine Liebe zur Politik
GREGOR GYSI: Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2001. 384 Seiten, 39,90 Mark.
Vergangenen Sommer reiste Gregor Gysi ins Saarland zu Oskar Lafontaine. Die beiden Herren hatten viel zu besprechen: Ob es nicht sinnvoll sei, fragten sie, eine neue Linkspartei zu gründen? Ausführlich berieten sie die Lage,doch einig wurden sich die beiden nicht. Und während Lafontaine erst kürzlich noch einmal bekräftigt hat, ein Zusammenschluss von SPD und PDS sei langfristig sinnvoll, hat Gysi gänzlich andere Pläne. Er möchte die PDS als politische Kraft fest in der Parteienlandschaft etablieren. Voraussetzung sei allerdings, dass die PDS ein anerkannter Teil dieser Gesellschaft werde. Und dabei, so meint Gysi in seinem Buch „Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn”, ist die PDS zuletzt ein gutes Stück vorangekommen. Die Ehre für diesen Erfolg, so Gysi, gebührt vor allem einem: ihm selbst.
Stets hat sich Gysi wortreich über die Ausgrenzung seiner Person beschwert. Doch das, so schreibt er, sei nun Vergangenheit. Nicht nur, dass er seit einiger Zeit mit Bundeskanzler Gerhard Schröder oder Bundespräsident Johannes Rau Kontakt pflegt; sogar mit Helmut Kohl, der 1996 im Osten mit der Rote-Socken-Kampagne Wahlkampf machte, hat er Frieden geschlossen. Kohl, schreibt Gysi, sei aufgeschlossener geworden, seit er die Bürde der Kanzlerschaft nicht mehr trage. Mehrfach habe man sich zum Gespräch getroffen. Über den FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle ist zu lesen: „Ich bin davon überzeugt, dass nicht nur ich ihn, sondern auch er mich mag.” Und Wolfgang Schäuble hat für ihn „einen besonderen Stellenwert”.
Der Umgang mit dem Medienstar der PDS , so die Botschaft, ist ein Gradmesser für die politische Anerkennung. Das mag ein etwas zweifelhafter Ansatz sein - doch er hat auch seine Vorteile. Denn der Leser wird mitgenommen auf eine Reise durch Gysis Welt. In den gelungensten Abschnitten des Buches bekommt man einen Ahnung davon, was diesen Mann antreibt. In den schwächsten Teilen erfährt man zumindest noch etwas über die Eitelkeit von Politikern.
Gysi ist sich selbst nicht ganz sicher, warum sich das Verhältnis der westdeutschen Politiker zu ihm entspannt hat. „Haben sich die anderen, oder habe ich mich verändert?” fragt er sich, und antwortet gleich selbst: „Sicherlich trifft beides zu.” Dabei belässt er es dann aber auch. Gerne wüsste man, wie sich denn nun die bundesdeutsche Gesellschaft und vor allem die Person Gysi in den vergangenen zehn Jahren gewandelt haben. Nur: So weit in die Tiefe wollte der PDS-Politiker dann doch nicht gehen.
Gysi setzt stattdessen andere Schwerpunkte. Ausführlich schildert er seine Erfahrungen im Bundestag, die lange Auseinandersetzung darüber, ob er Kontakte zur Stasi hatte, und die Reise zum serbischen Diktator Milosevic auf dem Höhepunkt der Bosnien-Krise. Eines der interessantesten Kapitel handelt davon, wie die Osteliten vom Westen entmachtet wurden. Die Folgen, so Gysi, sind bis heute zu spüren. „Das Wertesystem brach zusammen, während das aus dem Westen kommende nicht akzeptiert wurde. Daraus ergab sich ein Vakuum, das auch das Entstehen des Rechtsextremismus im Osten befördert hat.” Er räumt aber ein, dass es anders nicht gegangen wäre.
Ausstieg für den Aufstieg
Dagegen ist das Kapitel über seinen Ausstieg aus der Politik seltsam konturlos. Im vergangenen Oktober hat Gysi den PDS-Fraktionsvorsitz aufgegeben, für den neuen Bundestag im nächsten Jahr will er nicht mehr kandidieren. Persönliche Gründe, so schreibt er, haben bei seiner Entscheidung eine Rolle gespielt. „Die Politik hat mich aufgefressen.” Immer sei da der Gedanke an die nächste Presseerklärung, an die nächste Sitzung gewesen. Auch die Aussicht, dem Bundestag als Abgeordneter anzugehören, war ihm offenbar nicht Herausforderung genug. Gysi findet, seine Aufgabe sei erfüllt, die PDS habe sich etabliert. Auch innerparteilich sei Ruhe: „Die Zeit, in der einige machen konnten, was sie wollten, ist vorüber.”
Gysi hat die Auseinandersetzung mit den Dogmatikern in seiner Partei immer gesucht. In seinem Buch analysiert er noch einmal die Gefahren, die der PDS drohen, wenn es ihr nicht gelingen sollte, sich von ihnen zu distanzieren. In diesen Passagen wirkt das Buch wie ein politisches Vermächtnis und man merkt, dass Gysis Verhältnis zur PDS keine Affäre war. Doch für was er seine politische Liebe im Stich gelassen hat, darüber gibt er keine Auskunft. Kandidiert er vielleicht doch wieder für den Bundestag, diesmal im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain? Will er vielleicht gar als PDS- Spitzenkandidat bei der nächsten Berliner Landtagswahl zum Sprung ins Rote Rathaus ansetzen? Oder arbeitet er in Zukunft nur noch als Rechtsanwalt und Buchautor? Im Sommer will sich Gysi entscheiden.
PHILIPP GRASSMANN
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 25.04.2001
Gysi zum Gähnen
Vom Sonnenuntergang vergoldet und nicht für das Publikum West

Gregor Gysi: Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2001. 383 Seiten, 39,90 Mark.

Wer kann schon dem Drang widerstehen, zuerst die letzte Seite aufzuschlagen, um nachzusehen, ob das Buch denn auch gut ausgeht - zumal dann, wenn vor dem ungewissen Ausgang 380 Seiten durchzuarbeiten sind? Hier sei es also verraten: Gregor Gysi erscheint der "Blick zurück wie vom Sonnenuntergang vergoldet". Die Schlacht ist geschlagen, die Linke lebt, "ein bißchen normaler und damit europäischer ist die politische Kultur in Deutschland in den letzten zehn Jahren schon geworden".

Gysi ist zu bescheiden, um den Zugewinn an Normalität vorwiegend dem Wirken der PDS oder seiner Person selbst zuzuschreiben, doch "ein bißchen hatten sie und ich schon damit zu tun". Wie jeder weiß, ist dieses bißchen Wirkung zu einem gut Teil in abendlichen Fernsehrunden erzielt worden, wo politische Punktsiege vor allem nach dem Unterhaltungswert der Teilnehmer vergeben werden. Wer vom Zusehen noch nicht genug hat und sich von Gysi nun auch noch lesend unterhalten lassen möchte, könnte freilich bitter enttäuscht werden. Denn was der Entertainer hier auftischt, ist über weite Strecken einfach zum Gähnen.

Nur die eingeschworene Fangemeinde wird gefesselt sein von der "Komplexität der Motive", die Gysi bewegten, den Fraktionsvorsitz im Bundestag aufzugeben. Hier sind sie in aller Ausführlichkeit ausgebreitet: die privaten (Lebensplanung) und die politischen (Überdruß an Ideologiedebatten), die strategischen (Generationswechsel) und die allzu menschlichen (Neid, Mißgunst in den eigenen Reihen). Bis obenhin zugeknöpft gibt sich der Autor dagegen dem Leser, der wissen möchte, wohin denn nun der "Schritt nach vorn" führen soll.

Das Pulver des Kandidaten in spe für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin soll noch eine Weile trocken gehalten werden. Immerhin läßt Gysi keinen Zweifel daran aufkommen, daß er nicht daran denkt, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Die Zäsur, an der diese Zwischenbilanz gezogen wird, ist der Augenblick, an dem Gysi aufhört, das Geschäft der PDS zu besorgen, und er anfängt, auf eigene Rechnung zu arbeiten, was nicht ausschließt, daß es auch künftig gemeinsame Interessen geben könnte.

An dieser Weggabelung stellt der Autor ein Denkmal auf, das der Würdigung seiner historischen Rolle im Kampf um die Bewahrung ostdeutscher Identität im Allgemeinen und um die Etablierung einer sozialistischen Partei im Besonderen gewidmet ist. Gysi war es, der dafür gekämpft hatte, daß die SED nicht aufgelöst, sondern nur umbenannt wurde. Der große Gorbatschow selbst hatte ihn - "den kleinen Berliner Advokaten" - darum gebeten. Es mußte doch eine Instanz geben, die dafür sorgte, daß achtzigtausend bewaffnete Mitarbeiter der Staatssicherheit friedlich auseinandergingen und vierzigtausend hauptamtliche Angestellte der SED nicht ins Bodenlose fielen.

Was hat solche Selbstlosigkeit eingebracht? Nichts ließen die politischen Gegner unversucht, die PDS und ihren streitbarsten Frontmann kleinzukriegen. Dennoch hat er es ihnen durch Großmut vergolten, sogar dem früheren Bundeskanzler, den er in Schutz nahm, als der SPD-Fraktionsvorsitzende Struck Kohl aufforderte, das Bundestagsmandat niederzulegen. Viel Undank sieht Gysi selbst in der eigenen Partei. Je mehr Achtungserfolge er für sie errungen habe, desto mehr hätten ihm Sektierer von links das Leben schwergemacht. Für die kleine Geschichte der PDS, die noch geschrieben werden muß, wird man die Ausführungen über den Münsteraner Parteitag, der Gysis Rückzug einleitete, gewiß einmal heranziehen.

Festgehalten hat Gysi in aller Kürze, wie die Geschichte der beiden deutschen Teilstaaten verlaufen ist, wobei allerdings auffällt, daß er beide Gesellschaften als gelenkte Demokratien beschreibt. In der einen gaben ehemalige Nazi-Größen den Ton an - Namen werden leider nicht genannt -, in der anderen bekennende Antifaschisten. In Westdeutschland wurde einseitig der bürgerliche Widerstand hochgehalten, in der DDR ebenso einseitig der kommunistische. In der Bundesrepublik wurden "so gut wie keine Nazi- und Kriegsverbrecher zur Verantwortung gezogen", in der DDR "sah das anders aus". Deshalb bestreitet Gysi dem vereinigten Deutschland das Recht, Justizmorde von DDR-Richtern nachträglich zu ahnden. Der DDR hält er obendrein zugute, daß sie durch die Enteignung der Großindustrie für die Zukunft "ein privatwirtschaftliches Interesse an Unterdrückung, Krieg und Völkermord ausgeschlossen" hatte. In der Bundesrepublik - das darf man daraus schließen - muß diese Operation im Dienst des Friedens noch nachgeholt werden.

Es war also doch das bessere Deutschland, das 1990 unterging. Und es war die bessere Elite, die von den Westdeutschen ausgebootet, abgewickelt, plattgemacht wurde. Nach der politischen Führung kamen die Wissenschaftler, die Beamten, die Lehrer und schließlich auch noch die Sportler dran. Opportunismus zahlte sich nicht aus. Wer in der DDR über Privilegien verfügt und damit - nach Gysis Verständnis - zur Elite gehört hatte, der verlor sie an Wessis: "Es entstand so etwas wie ein westdeutsches nationales Band zur Überwindung ostdeutscher Eliten." Die DDR-Gesellschaft wurde erst kopflos gemacht und dann ihrer Identität beraubt. Kein Wunder, daß rechtsextremistische Bauernfänger in einer solchen Situation leichtes Spiel haben. Selbst schuld, ruft Gysi dem Westen zu.

Diese Ware geht in Kreisen der PDS-Anhänger wie geschnitten Brot. Eine so umschmeichelte Leserschaft wird die übrigen Teile des Buchs, die davon handeln, wo Gysi recht und alle anderen unrecht hatten, Satz für Satz unterstreichen. Sie wird Gysi selbst dann die Treue halten, wenn der sich noch ein bißchen weiter von der Parteilinie entfernt und doch einmal wieder Wählerstimmen braucht. Die Westausdehnung der Einmannpartei Gysi kann unterdessen in Talk-Shows weiterbetrieben werden. Für das Publikum West ist diese Lektüre ohnehin nicht bestimmt.

STEFAN DIETRICH

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Toralf Staud zeigt sich nicht wirklich beeindruckt von diesem Band. Seiner Ansicht nach geht es Gysi hier vor allem darum, seiner Person und der PDS zu größerer Anerkennung zu verhelfen. Die geschilderten Gründe Gysis für den Rückzug aus der PDS-Spitze, werden nach Staud "langatmig" ausgebreitet. Darüber hinaus verteidige sich Gysi wieder einmal gegen Stasi-Vorwürfe oder auch seinen Besuch bei Milosovic während des Kosovo-Krieges. Dies alles hat man allerdings schon "Dutzende Male in Interviews" gehört, bemängelt der Rezensent. Besser gefällt ihm, wenn Gysi poiniert "westdeutsche Denkschemata der Lächerlichkeit preisgibt", wofür er auch einige Beispiele anführt. Zu den Stärken des Buchs zählt Staud außerdem das Kapitel, das sich kritisch mit dem "Elitentransfer" auseinandersetzt. Gysis Behauptung, dass die "Veränderung der Bundesrepublik (...) sein größer Erfolg" gewesen sei, hält Staud jedoch schlicht für einen Irrtum.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Gysis Aussscheiden aus der Politik wäre sicher ein Verlust für das Parlament. Denn die von ihm verkörperte Mischung aus Eloquenz, Charme und Fairness trifft man im deutschen Bundestag nur selten an, wo der Charme meist nicht eloquent und die Eloquenz meist nicht fair daherkommt." (Frankfurter Rundschau)