Die Welt ohne uns - Weisman, Alan
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Angenommen, die Menschheit verschwindet von einem Tag auf den anderen von unserem Planeten: Welche Spuren hinterlassen wir auf der Erde? Alan Weisman beschreibt, wie die Welt ohne uns der Auflösung anheimfällt, wie unsere Rohrleitungen zu einem Gebirge reinsten Eisens korrodieren, warum einige Bauwerke und Kirchen womöglich als letzte Überreste von Menschenhand stehen bleiben, wie Ratten und Schaben ohne uns zu kämpfen haben und dass Plastik und Radiowellen unsere langlebigsten Geschenke an den Planeten sein werden. Schon ein Jahr nach unserem Verschwinden werden Millionen Vögel mehr leben,…mehr

Produktbeschreibung
Angenommen, die Menschheit verschwindet von einem Tag auf den anderen von unserem Planeten: Welche Spuren hinterlassen wir auf der Erde? Alan Weisman beschreibt, wie die Welt ohne uns der Auflösung anheimfällt, wie unsere Rohrleitungen zu einem Gebirge reinsten Eisens korrodieren, warum einige Bauwerke und Kirchen womöglich als letzte Überreste von Menschenhand stehen bleiben, wie Ratten und Schaben ohne uns zu kämpfen haben und dass Plastik und Radiowellen unsere langlebigsten Geschenke an den Planeten sein werden. Schon ein Jahr nach unserem Verschwinden werden Millionen Vögel mehr leben, weil die Warnlichter unserer Flughäfen erloschen sind. In 20 Jahren werden die großen Avenues in Manhattan zu Flüssen geworden sein. Unsere Häuser halten 50, vielleicht 100 Jahre. Großstädte in der Nähe von Flussdeltas, wie Hamburg, werden in 300 Jahren fortgewaschen. Und nach 500 Jahren wächst Urwald über unsere Stadtviertel.
  • Produktdetails
  • Verlag: Piper
  • Seitenzahl: 378
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 378 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 35mm x 144mm x 220mm
  • Gewicht: 618g
  • ISBN-13: 9783492051323
  • ISBN-10: 3492051324
  • Best.Nr.: 22795406
Autorenporträt
Alan Weisman ist vielfach ausgezeichneter Journalist, berichtet u.a. für 'The Atlantic Monthly', 'New York Times Magazine', 'Discover/National Public Radio', und ist Professor für Journalismus und Lateinamerikastudien an der Universität von Arizona. Er lebt im Bundesstaat Massachusetts.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Diesem "Gedankenspiel mit der Apokalypse" überlässt sich Andreas Kilb gerne. Die gelassene Erwägung der Vor- und Nachteile eines radikalen Abgangs des "Naturvernichters Mensch" führen den Rezensenten in einen meditativen Zustand. Ansichten der enthumanisierten Welt mit Kernschmelze bringen Kilb allerdings ins Grübeln, was genau die Apokalypse wäre: Das Verschwinden des Menschen oder die Folgen. Faszinierend erscheint ihm die Lektüre allemal, weil hier kein Wissenschaftler referiert, sondern ein weit gereister Journalist (allenfalls durch Experten unterstützt) die Ausweglosigkeit des "postindustriellen Krisenbewusstseins" mittels Beschreibung und Bildlichkeit lässig auf den Punkt bringt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 03.09.2007
Ein unerhörter Zukunftsentwurf der Generation Klimaschock
Gedankenspiel mit der Apokalypse: Alan Weisman malt uns im stilvollen Detail aus, was auf der Erde passieren würde, wenn es keine Menschen mehr gäbe

Man liest dieses Katastrophenszenario mit wachsender, am Ende elegisch getönter Faszination.

Im östlichen Pazifik, in den sogenannten Rossbreiten zwischen Kalifornien und Hawaii, liegt ein Seegebiet von ungefähr der doppelten Fläche Deutschlands, in dem fast immer Windstille herrscht. Das Meerwasser in diesem Gebiet kreist langsam im Uhrzeigersinn, in der Mitte des Wirbels ist es nahezu reglos. Es gibt eine korrekte wissenschaftliche Bezeichnung für diesen Teil der Weltmeere, aber unter Ozeanografen heißt er gemeinhin "großer pazifischer Müllstrudel".

In den Rossbreiten vor Hawaii nämlich zirkuliert der Industriemüll der östlichen Pazifik-Anrainerstaaten: Becher, Flaschenverschlüsse, Fischernetze, Schaumstoffverpackungen, Kondome, Frischhaltefolien und unzählige Plastiktüten. Dies alles ist unverweslich und witterungsresistent, es wird von Flüssen zur Küste gespült, von Schiffen geworfen, von Winden weggeweht, und das Meer bewahrt es auf. Drei Millionen Tonnen Kunststoff kreisen in dem pazifischen Müllstrudel - dabei ist er nur einer von sieben riesigen subtropischen Meereswirbeln, in denen sich seit mehr als sechzig Jahren der industrielle Abfall der Menschheit sammelt.

Selbst wenn die menschliche Spezies sich plötzlich in Luft auflöste, erklärt Alan Weisman in seinem Buch "Die Welt ohne uns", könnte es noch mehrere hunderttausend Jahre dauern, bis die Evolution Bakterien hervorgebracht hätte, die imstande wären, Plastikmüll zu zersetzen. Noch viel länger würde der Verfallsprozess jener Substanzen dauern, die der Mensch entwickelt hat, um seine Maschinen haltbar, seine Häuser mückenfrei und seine Kraftstoffe explosionssicher zu machen: Polychlorierte Biphenyle (PCBs) aus Lösungsmitteln und Hydraulikflüssigkeiten, Insektengifte wie DDT, Flammschutzmittel aus bromierten Kohlenwasserstoffen und ihre Nebenprodukte, die tödlichen Dioxine, werden erst in unabsehbarer Zeit wieder verschwinden. Einige von ihnen werden sogar so lange bestehen wie die Erde selbst, bis zu jenem Zeitpunkt in fünf Milliarden Jahren, an dem die Sonne zu einem Roten Riesen aufquillt und den Planeten verschlingt.

Alan Weismans Buch ist ein Gedankenspiel mit der Apokalypse: Was wäre, wenn es uns nicht mehr gäbe? Aber weil die entscheidende Frage aller Apokalypse-Szenarien, die Frage nach den genauen Umständen unseres Verschwindens, bei Weisman nie gestellt wird, ist es zugleich ein seltsam ruhiges, gelassenes, ein beinahe meditatives Buch. Es setzt die Katastrophe voraus, statt sie auszumalen. Denn die wahre Katastrophe ist, schon seit Jahrtausenden, die irdische Herrschaft des Homo sapiens, wie Weisman an einem Beispiel aus seiner nordamerikanischen Heimat illustriert. Bis vor etwa dreizehntausend Jahren gab es dort ein wahres Pandämonium großer Säugetiere: Riesenbiber, Wollmammuts, Löwen, Pferde, Kamele, Bodenfaultiere und gewaltige Kurznasenbären. Tausend Jahre nach der Ankunft des Menschen über die Beringstraße waren sie alle ausgestorben. Die "Blitzkrieg"-Theorie des Paläoökologen Paul Martin, nach der zweibeinige Jäger mit Speeren die Großsäuger ausgerottet haben, ist zwar nur eine von mehreren Erklärungen für das Artensterben, aber Weisman glaubt sie aufs Wort, denn sie passt in sein Bild des Naturvernichters Mensch.

Die Riffhaie im Pazifik, die letzten Tiger in der sibirischen Taiga, die aussterbenden Gorillas und Nashörner Afrikas, die von Katzen und Stromkabeln dezimierten Singvögel der gemäßigten Breiten könnten aufatmen, wenn wir von der Bühne des Lebens verschwänden; der Regenwald käme zurück, der Panda, der Flussdelphin, die Korallenriffe, die Wale, die Wölfe, die Zedern des Libanon. Selbst in New York, der Hauptstadt der globalisierten Welt, würde es nur Monate dauern, bis die ersten Pflanzentriebe aus dem unterspülten Straßenpflaster brächen, und höchstens Jahrzehnte, bis erste Wolkenkratzer über ihren morsch gewordenen Fundamenten zusammensackten, bis die Avenuen zu Wasserläufen und die Schutthügel zu Eichenhainen geworden wären. Im Metropolitan Museum wären die Gemälde der Meister dann längst von Bakterien und vom Dunklen Pelzkäfer verdaut, während das Geld in den Banktresoren zwar verschimmelt, aber noch vorhanden wäre, "wenn auch völlig wertlos", wie Weisman mit boshafter Genugtuung bemerkt.

Dennoch gäbe es, auch aus außermenschlicher Perspektive, genügend Gründe, den Abgang des Menschen aus dem Ökosystem Erde zu bedauern - jedenfalls dann, wenn er zuvor nicht ausreichend Zeit hätte, in seiner Sphäre gründlich aufzuräumen. In Texas hat Weisman die gewaltigen, durch Rohrsysteme untereinander verbundenen petrochemischen Anlagen besucht, die die Küste vor Houston in ein einziges großes Industriegebiet verwandelt haben; bei einem plötzlichen Ausfall ihrer Betreiber und Kontrolleure würden sie über kurz oder lang in die Luft fliegen. Von den 441 aktiven Kernkraftwerken der Erde würde etwa die Hälfte durch Kernschmelze, der andere Teil durch Reaktorbrand enden. Bei einer Halbwertszeit von 704 Millionen Jahren für Uran 235 hätte die überlebende Tierwelt nur die Wahl, sich der Strahlung anzupassen oder unterzugehen.

Man liest dieses Handbuch des stilvollen Verschwindens mit wachsender, am Ende elegisch getönter Faszination. Es ist das Memento mori der Generation Klimaschock, ein Erbauungs- und Zerknirschungsbrevier für die ökologisch aufgeklärte kulturelle Elite. Gerade weil Weisman kein Wissenschaftler ist, sondern Journalist, trifft er genau den wunden Punkt unseres postindustriellen Krisenbewusstseins, die zentrale Aporie: den Wunsch, die Welt, die Natur wieder ins Lot zu bringen, gepaart mit der Einsicht, dass ebendies mit menschlichen Mitteln niemals gelingen wird. Das Buch, für das Weisman auf allen Kontinenten außer der Antarktis unterwegs war, lässt zu jeder Frage die passenden Experten zu Wort kommen, aber eigentlich sind es seine Beschreibungen, seine Bilder, die zu uns sprechen: der tiefe, dunkle, nahezu unberührte europäische Urwald der Puszcza Bialowieska im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland; die grünen Schluchten und Senken Ostafrikas, aus denen die affengesichtigen Vorfahren des Menschen ihren Weg in die Savanne antraten; die toten Städte der Maya auf der Halbinsel Yucatán, vom Regenwald überwuchert, steinerne Mahnmale menschlicher Hybris und Vernichtungswut.

Alles würde gut, verkündet Weisman am Ende mit verzweifeltem Pragmatismus, wenn wir uns bloß entschließen könnten, nur noch ein Kind pro Frau in die Welt zu setzen: Bis zum Ende des Jahrhunderts ginge die Erdbevölkerung auf gut eineinhalb Milliarden zurück, und es gäbe genügend Rohstoffe, Nahrungsmittel, sauberes Wasser und Energie für alle. Aber das klingt ungefähr so plausibel, wie wenn ein Jesuitenpater des siebzehnten Jahrhunderts den Weltuntergang samt Jüngstem Gericht für den kommenden Freitagnachmittag voraussagte. In der Welt, wie sie Alan Weisman beschreibt, ist an jedem Tag Gerichtstag, der Untergang spielt sich vor unseren Augen ab, und die Erlösung, ob in hundert oder hunderttausend Jahren, kommt immer zu spät. Es hat keinen Sinn, auf sie zu warten. Man muss sie ins Werk setzen, hier und jetzt. Dabei hilft dieses Buch.

ANDREAS KILB

Alan Weisman: "Die Welt ohne uns". Reise über eine unbevölkerte Erde. Piper Verlag, München 2007. 432 S., geb., 19,90 [Euro]

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 31.07.2007
Sachbücher des Monats August
Empfohlen werden nach einer monatlich erstellten Rangliste Bücher der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie angrenzender Gebiete.
1. OLIVER HILMES: Herrin des Hügels. Das Leben der Cosima Wagner. Siedler Verlag, 495 Seiten, 24,95 Euro.
2. ILIJA TROJANOW: Nomade auf vier Kontinenten. Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton. Eichborn Verlag, Die Andere Bibliothek, 420 Seiten, 24,95 Euro.
3. JOCELYN BOUQUILLARD (Hg.): Hokusai – 36 Ansichten des Berges Fuji. Aus dem Japanischen von Matthias Wolf. Schirmer Mosel Verlag, 120 Seiten, 51 Tafeln, 29,80 Euro.
4. MICHAEL WILDT: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939. Hamburger Edition, 412 Seiten, 28 Euro.
5. ALAN WEISMAN: Die Welt ohne uns. Reise über eine unbevölkerte Erde. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Piper Verlag, 432 Seiten, 19,90 Euro.
6. WILLI JASPER: Die Jagd nach Liebe. Heinrich Mann und die Frauen. S. Fischer Verlag, 416 Seiten, 24,90 Euro.
7-8. OTFRIED HÖFFE: Lebenskunst und Moral oder Macht Tugend glücklich? C. H. Beck Verlag, 391 Seiten, 24,90 Euro.
FRED PEARCE: Wenn die Flüsse versiegen. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Barbara Steckhahn. Verlag Antje Kunstmann, 400 Seiten, 24,90 Euro.
9. GIJS VAN HENSBERGEN: Guernica. Biographie eines Bildes. Aus dem Englischen von Nikolaus G. Schneider. Siedler Verlag, 416 Seiten, 24,95 Euro.
10. LOUISE RICHARDSON: Was Terroristen wollen. Die Ursachen der Gewalt und wie wir sie bekämpfen können. Aus dem Englischen von Hartmut Schickert. Campus Verlag, 382 Seiten, 22 Euro.
Besondere Empfehlung des Monats August 2007 von Norbert Seitz: DANIEL MORAT: Von der Tat zur Gelassenheit. Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 1920 – 1960. Wallstein Verlag, 592 Seiten, 48 Euro.
Die Jury: Rainer Blasius, Eike Gebhardt, Fritz Göttler, Wolfgang Hagen, Daniel Haufler, Otto Kallscheuer, Matthias Kamann, Petra Kammann, Guido Kalberer, Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel, Hans Martin Lohmann, Ludger Lütkehaus, Herfried Münkler, Johannes Saltzwedel, Wolfgang Ritschl, Florian Rötzer, Albert von Schirnding, Norbert Seitz, Eberhard Sens, Hilal Sezgin, Volker Ullrich, Andreas Wang, Uwe Justus Wenzel.
Redaktion: Andreas Wang (NDR)
Die nächste SZ/NDR/BuchJournal-
Liste der Sachbücher des Monats erscheint am 31. August 2007.
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