Die vierte Natur - Franzen, Brigitte
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Produktdetails
  • Kunstwissenschaftliche Bibliothek
  • Verlag: Verlag der Buchhandlung König
  • Seitenzahl: 272
  • Abmessung: 230mm
  • Gewicht: 594g
  • ISBN-13: 9783883753577
  • ISBN-10: 3883753572
  • Artikelnr.: 09141481
Rezensionen
Besprechung von 06.06.2001
Wildwuchs auf sexualisiertem Terrain
Üppig bepflanzt: Brigitte Franzen untersucht den Garten als Medium der zeitgenössischen Kunst

Garten, Landschaft, Natur - allein die Aufzählung solcher Grünorte löst in unserer Kultur fast Ferienstimmung aus. In einer Fußnote ihrer Studie über "Gärten in der zeitgenössischen Kunst" berichtet Brigitte Franzen denn auch amüsiert von den stereotypen Reaktionen auf ihr Dissertationsthema. Entweder bescheinigte man ihr, das sei aber "ein schönes Thema", oder es wurde die Frage gestellt, ob es da "überhaupt einen Bezug" gebe.

Dieser ist offenkundig für jeden, der mit der zeitgenössischen Kunst auch nur knapp vertraut ist. Von Jenny Holzers "Black Garden" bis hin zum "Stadtgarten" im Internetprojekt "Hamburg Ersatz" von Christiane Dellbrügge/Ralf De Moll reichen die Beispiele, die die Autorin präsentiert. Gärtnernde Künstler sind gerngesehene Gäste des aktuellen Ausstellungsbetriebs. Daß die diversen Biennalen bis zur "documenta" längst in den öffentlichen Raum und mit Vorliebe in Parks hineinwachsen, ist weniger Ursache als Folge der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Funktion von Räumen im zwanzigsten Jahrhundert.

Sie gipfelte in der Museumskritik der sechziger Jahre und in den hitzigen Debatten um die "Kunst im öffentlichen Raum" in den Achtzigern. Heute setzen sich gerade jüngere Künstler, wenn auch unter anderen Vorzeichen, wieder vermehrt mit diesen Fragen nach dem Ort der Kunst in der Gesellschaft auseinander. In diesem Kontext formuliert Brigitte Franzen zu Beginn ihrer Untersuchung eine spannende Fragestellung: "Welche Bedeutung und Funktion haben Gärten und Parke als künstliche und künstlerische Landschaft, als inszenierte Natur also, im künstlerischen Produktionsprozeß des ausgehenden 20. Jahrhunderts?" Ihre Antwort: Gärten unterscheiden sich maßgeblich von anderen Orten und Schauplätzen der Kunst. Sie sind, zumindest im Kunstkontext, ein "unbesetztes" Terrain und schreien daher geradezu nach kreativer Aneignung. Soviel zum Bezug.

Was das "schöne Thema" angeht, weckt der Untertitel falsche Erwartungen. Hier werden nicht einfach ein paar nett arrondierte Künstlergärtlein abgeschritten, hier wird kräftig geackert. Das ambitionierte Projekt der theoretisch versierten Autorin hat kein geringeres Ziel als die Entwicklung eines Instrumentariums zur Analyse von Gärten in der zeitgenössischen Kunst.

Franzen gründet diese Analyse auf den Begriff der "vierten Natur". Darunter versteht sie einen "zeitgenössischen, mediatisierten Umgang mit Natur als Garten". "Erste Natur" meint Wildnis, "zweite Natur" die vom Menschen gebändigte Natur. Die "dritte Natur" ist die Renaissance Erfindung einer "Kunst-Natur" oder "Natur-Kunst" des Gartens. Innerhalb der "vierten Natur" wird der Garten von solchen traditionellen Definitionen befreit. Er wird zum "Konzept des Denkens und Handelns", zu einer Konstruktion aus inhaltlichen und erzählenden Strukturen. Im Unterschied zu den formalen Gartenkunstwerken im Sinne einer "dritten Natur" ist er als Projektionsfläche für räumliche Entwürfe zu definieren, die mit Bedeutungselementen unterschiedlichster Herkunft operieren. Die verästelte Kulturgeschichte des Gartens und die traditionelle Naturästhetik vom Erhabenen bis zur Ökosophie dienen dabei als Fundus.

Der funktionale Ansatz der Autorin erweist sich in der Folge als ergiebig. In einer überzeugenden Typologie arbeitet Franzen zunächst Topologien "gestalteter Orte" heraus. Vor allem ihre Diskussion des Verhältnisses von realem Raum und Kunstraum ist auch methodisch ertragreich. Das Interesse der Künstler am Garten als "Hybrid einer traditionsreichen künstlerischen Form und eines ideellen, raum- und gesellschaftsbezogenen Konzepts" fordert nämlich eine neue kunstwissenschaftliche Herangehensweise. Nach Franzen ist "visuelle Erfahrung" nicht vollständig nach dem bisher vorherrschenden Modell der Textualität erklärbar. Zusätzlich müsse bei der Interpretation das "Wechselverhältnis zwischen Visualität, Apparat, Institutionen, Diskurs, Körper, Figurativität" berücksichtigt werden. Denn gerade zur Topik des Gartens gehört zum Beispiel neben den bekannten Strukturen von Locus amoenus, Paradies, Idylle seine Verwendung als Bühne und Handlungsort. Aus der Gender-Theorie importiert Franzen den Blick auf den Garten als - sowohl aus weiblicher wie männlicher Sicht - sexualisiertes Terrain.

Spätestens die folgende "Ideengeschichte des Gartens als ästhetisierter Natur im zwanzigsten Jahrhundert" läßt das "schöne Thema" als wilden Komposthaufen erscheinen, auf dem auch allerlei Ideologien gären. Die detailreichen, jedoch etwas weitschweifigen Interpretationen aktueller Beispiele führen zum Fazit: Die heutigen "Künstler-Gärtner" sind - anders als etwa die meist stark formal orientierten Landschaftsarchitekten - vom "Garten als Ideengebäude, Netzwerk, Rückzugsort und Metapher fasziniert und verbinden damit ein auf Kunst und Kunstproduktionsbedingungen bezogenes Erkenntnisinteresse, das über reine Fragen der Platzgestaltung hinausgeht".

Die Studie, zu der ein informativer Anhang mit weiteren Gartenprojekten gehört, zeugt von stupendem Überblick über das zeitgenössische Kunstgärtnern. Selbst wenn man sich an der insgesamt etwas üppigen Bepflanzung mit dem Hartlaub der Theorie und dem Wucherkraut der Beispiele stört, muß man der Sichtungsleistung der Autorin Tribut zollen, die neben analytischem Scharfblick auch ein ausgeprägtes kunstpolitisches Bewußtsein belegt.

Gerade weil die differenzierte Darstellung eine schwierige Lektüre ist, sind neben den stilistischen Ungeschicklichkeiten die vielen Orthographieund Grammatikfehler und die in Sämannsmanier verteilten Kommas ein Ärgernis. Die ansprechende Publikation hätte mehr editorische Sorgfalt verdient.

BARBARA BASTING.

Brigitte Franzen: "Die Vierte Natur". Gärten in der zeitgenössischen Kunst. Kunstwissenschaftliche Bibliothek, Band 11. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2000. 272 S., Abb., br., 58,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Barbara Basting ist zwar der Ansicht, dass diese Studie etwas theorielastig ist und darüber hinaus von Beispielen zu sehr überwuchert wird, doch insgesamt lobt sie den besonders hohen Informationsgehalt des Bandes sowie Franzens "stupenden Überblick über das zeitgenössische Kunstgärtnern". Franzen mache durchaus deutlich, was das Kunstgärtnern ausmacht, und besonders ihre Überlegungen zum "Verhältnis von realem Raum und Kunstraum" findet die Rezensentin "auch methodisch ertragreich". Die Interpretationen der Autorin hätten nach Bastings Ansicht jedoch bisweilen etwas knapper ausfallen können, doch bescheinigt sie Franzen dabei einen offenbar recht informativen Detailreichtum. Insgesamt lobt die Rezensentin einen enormen "analytischen Scharfblick (und) auch ein ausgeprägtes kunstpolitisches Bewusstsein" der Autorin. Bedauerlich findet sie lediglich die etwas mühselige Lesbarkeit, stilistische Schwächen und zahlreiche Orthografie- bzw. Grammatikfehler.

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