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Die Suche nach dem Gral; Der Tod des Königs Artus
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Die beiden in diesem Band zusammengefaßten letzten, voneinander weitgehend unabhängigen Teile des monumentalen Prosa-Lancelot-Zyklus bilden einen doppelten Schluß. Im ersten wird die Geschichte des Grals zu Ende erzählt, im zweiten dann die Geschichte der arthurischen Tafelrunde.
In der Suche nach dem Gral werden die bis dahin gültigen Normen des höfischen Rittertums radikal umgewertet. Die vermutlich geistlichen (aber gewiß nicht klerikalen) Autoren entwerfen darin mit beachtlicher spekulativer Energie eine exklusive Parallelwelt zur christlichen Heilsgeschichte. Ihr Angelpunkt ist der…mehr

Produktbeschreibung
Die beiden in diesem Band zusammengefaßten letzten, voneinander weitgehend unabhängigen Teile des monumentalen Prosa-Lancelot-Zyklus bilden einen doppelten Schluß. Im ersten wird die Geschichte des Grals zu Ende erzählt, im zweiten dann die Geschichte der arthurischen Tafelrunde.

In der Suche nach dem Gral werden die bis dahin gültigen Normen des höfischen Rittertums radikal umgewertet. Die vermutlich geistlichen (aber gewiß nicht klerikalen) Autoren entwerfen darin mit beachtlicher spekulativer Energie eine exklusive Parallelwelt zur christlichen Heilsgeschichte. Ihr Angelpunkt ist der Gral, der hier, anders als etwa im Parzival Wolframs von Eschenbach, historisch, das heißt mit dem Kelch identisch ist, in dem der "Ritter" Joseph von Arimathia das Blut des Gekreuzigten aufgefangen hat. Ihm gilt nun die Suche der Artusritter, wie sie zuvor nach Aventüren gesucht haben. Doch die traditionellen ritterlichen Tugenden, Kampfkraft, Tapferkeit und Stolz, verlieren ihre Geltung zugunsten religiös-asketischer Werte wie Demut, Nächstenliebe und Reinheit des Herzens. Aventüren erweisen sich als teuflische Phantasmagorien. Die Schau des innersten Gralsgeheimnisses wird einzig Lancelots Sohn, dem christusähnlichen Ritter Galaad, zuteil. Danach wird der Gral für immer unzugänglich ins Jenseits entrückt.

Der Tod des Königs Artus erzählt dann aber den Untergang des Artusreiches nicht als Folge der Gralsferne, sondern als Konsequenz aus der inneren Zwietracht der Ritter der Tafelrunde, die Raum für das fatale Walten der Fortuna schafft. Die Entdeckung von Lancelots Ehebruch löst eine Kette von Intrigen- und Rachehandlungen aus. Blutige Kriege treten an die Stelle der höfischen Turniere. In der finalen Schlacht von Salisbury wird König Artus von seinem eigenen, im Inzest gezeugten Sohn Mordret erschlagen. Wie vorher der Gral in den Himmel entschwindet nun das Schwert Escalibur durch Geisterhand in einem See. Nicht zu Unrecht hat man von einer Götterdämmerung gesprochen.In der illusionslosen Darstellung von Krieg und Gewalt steht der Tod des Königs Artus neben dem Rolandslied und Wolframs Willehalm . In seiner erzählerischen Dramatik läßt er sich allenfalls mit dem Burgundenuntergang im Nibelungenlied vergleichen. Robert Bressons streng stilisierter Lancelot -Film hat diesen letzten Teil des Prosa-Lancelot auf kongeniale Weise ins Bild gesetzt.

Der in seiner Komplexität und seinem erzählerischen Reichtum auch heute noch faszinierende Romanzyklus von Lancelot und dem Gral ist der erfolgreichste Artusroman des Mittelalters. Während er in den romanischen Ländern und in der anglophonen Welt bis heute das Bild vom mittelalterlichen Rittertum bestimmt, stand und steht er in Deutschland im Schatten des Parzival Wolframs von Eschenbach. Hier ist er nun erstmals in einer vollständigen Ausgabe und mit einer neuhochdeutschen Übersetzung zugänglich. Auch guten Kennern der Literatur des deutschen Mittelalters hat er aufregende neue Lektüreerfahrungen zu bieten. Die Edition des Deutschen Klassiker Verlages ist zugleich die erste kommentierte Ausgabe des Prosa-Lancelot-Zyklus überhaupt.
  • Produktdetails
  • Bibliothek deutscher Klassiker Bd.190
  • Verlag: Deutscher Klassiker Verlag
  • Seitenzahl: 1284
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 1284 S. 195 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 129mm x 47mm
  • Gewicht: 632g
  • ISBN-13: 9783618661801
  • ISBN-10: 3618661800
  • Artikelnr.: 12623163
Inhaltsangabe
Die Suche nach dem Gral - Der Tod des Königs Artus - Kommentar von Hans-Hugo Steinhoff
Rezensionen
Besprechung von 03.03.2005
Die Unerreichbarkeit des Grals
Im Äther verflüchtigt, im Blutschlamm versunken: Das Ende der Artuswelt im deutschen „Prosalancelot”
Eine lange Geschichte hat der Gral, bevor er in den Händen von Steven Spielbergs „Indiana Jones” und Dan Browns „Professor Langdon” landete, eine Geschichte, die in den vergangenen Jahren auch zur Geschichte einer radikalen Infantilisierung des Publikums geworden ist. Da trifft es sich gut, dass kürzlich der fünfte und letzte Band einer monumentalen Ausgabe der ersten Prosafassung der Erzählung vom Gral erschienen ist: Der deutsche Prosalancelot, kurz nach seinem französischen Vorbild im frühen dreizehnten Jahrhundert begonnen, „wurde bald in ganz Europa rezipiert”, schreibt der Herausgeber Hans-Hugo Steinhoff, „und lebt in der Fantasie-Welt wieder auf”. Und wie er das tut - in Gestalt mörderischer Schnitzeljagden und fiktiver Verschwörungen, die funktionieren wie einst der Gottesbeweis: Dass man über die Konspiration nichts weiß, stellt diese nicht in Frage, sondern beweist nur, wie gefährlich sie ist. Die Geheimnisse des „Fantasy” gleichen Ostereiern - sie werden zum Finden versteckt und schließlich gefunden, und das macht den Kindern Freude.
Wie anders, wie ungleich klüger ist jener alte Lancelot: Ihm gelingt noch einmal, was der gesamten literarischen Artus-Fiktion von Chrétien de Troyes bis zu Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach Größe verlieh: die Grundlagen ihrer eigenen Gesellschaft, des christlichen Feudalismus, zu entwerfen und zugleich in Frage zu stellen. In ihrer literarischen Selbstdefinition ist hier eine Aristokratie über sich selbst hinausgewachsen. Faszinierender noch als der neuartige Erzählstil des Werks, faszinierender auch als sein Inhalt - Ritterabenteuer, Liebesabenteuer, Gralssuche - ist die hier vollzogene Umdeutung einer Literaturgattung, die zwei Generationen zuvor den Aufstieg und das Selbstbewusstsein einer Gesellschaftsklasse definiert hatte.
Die „Matière de Bretagne”, der keltische Sagenkreis, war in seinen ersten großen Ausprägungen im zwölften Jahrhundert, im „Erec und Yvain” des Chrétien de Troyes, die Formulierung eines Ritterideals und seine fiktionale Erprobung gewesen. Der Parzival-Roman holte die christliche Religion in die Welt des kriegerischen Adels hinein. Wolfram von Eschenbach führte ihn an die Grenzen der literarischen Aussage: Der Künstler erhebt nun Anspruch auf eine hohe Stelle in der Gesellschaft. Ist er nicht darin Gott ähnlich, dass er die Welt und diejenigen, die sie bevölkern, eben nach jener Idee malen kann, welche im Kopf Gottes konzipiert worden ist? Eben darum kann der Dichter den königlichsten König, Artus, und den ritterlichsten Ritter, Parzival, erschaffen und ihn der wirklichen, unvollkommenen Welt als Spiegel entgegenhalten.
Die unerhörte Wirkung dieser Idealität bezeugt Hartmann von Aue, wenn er in seinem „Iwein” schreibt: „Es macht mich wirklich traurig, und nützte es etwas, würde ich darüber klagen, dass es nun in unserer Zeit solche Freude nie mehr geben kann, wie man sie damals hatte. Doch soll uns das nicht anfechten. Ich hätte nicht damals leben mögen, wenn ich dafür nicht heute leben dürfte, wo es uns doch bei ihren Geschichten so richtig wohl werden soll - damals mussten sie sich mit den Taten begnügen ...”. So ganz wohl wurde es dem Genie Wolframs dabei dann doch nicht. In der „Wahrheit” ihrer Gestalten mag die Fiktion ihre Größe besitzen. In der Fiktionalität selber aber hat sie ihr Elend. Wolfram stellte sich dieser Aporie und akzeptierte sie, als er den Schluss des Parzival als ein Opernfinale komponierte.
Eine Generation nach Wolframs Experiment entstanden, steht der Prosalancelot auf einem anderen, neu gewonnenen Ufer: „In seinem enzyklopädischen Anspruch und seiner neuen Frömmigkeit entspricht er der literaturgeschichtlichen Signatur des frühen dreizehnten Jahrhunderts”, schreibt Hans-Hugo Steinhoff, der jüngst verstorbene Herausgeber dieser mustergültigen Edition: „Der Adel des späteren Mittelalters scheint ihn bis in die Renaissance hinein und noch darüber hinaus als das Vermächtnis einer Vergangenheit gelesen zu haben, die zwar unwiederbringlich vergangen, aber eben deshalb geeignet war, den Traum von einer idealen, historisch beglaubigten und spirituell überhöhten Ritterwelt weiterzuträumen.”
Diesen Jahrhundert-Traum hatte der Prosalancelot überhaupt erst möglich gemacht, indem er das Konzept des Artusromans aus der Ideal- und Symbolwelt seines ewigen Pfingstfestes in die Geschichte, in die Wirklichkeit und in die wirklich vergangene Vergangenheit zurückholte: Das Riesenwerk erfindet eine historische Chronologie, es erklärt sich selber als Kompilation der Berichte, welche die Artusritter bei ihrer wiederholten Rückkehr an den Hof dort abgeliefert hätten und welche der berühmte Walter Map dann in lateinischer Sprache redigiert habe. Botschaft des Romans ist nicht mehr das ritterliche Ideal, sondern das Ideal in der ritterlichen Erinnerung.
Jesus und seine Kinder
Von dieser Botschaft, und nur davon, trägt die aktuelle Erinnerung an den Gral in Dan Browns Computer noch Spuren - unter der Voraussetzung einer fiktiven Revision der Geschichte. Nach Jahrhunderten der Emanzipation scheint sich der westliche Mensch alt fühlen zu wollen und hängt nun in seinen neuesten Erfolgsbüchern Träumen nach, in denen alles anders läuft, als es gelaufen ist. Was für eine schöne Welt wäre möglich gewesen, hätten nicht die bösen Verschwörer die wahre Botschaft des Jesus Christus verraten und entstellt! Ein wenig enttäuscht darf man da schon sein, dass am Ende der Schlüssel zum teuer bewahrten Geheimnis endgültig verloren geht. Aber dieser Verlust soll so schlimm gar nicht sein, weil das Wichtigste am Gral ja in seinem Mysterium stecke, und dieses, Jesu Ehe und Kindersegen, sei ja längst in aller Munde. Pfingsten ist vollzogen, durch Ausplauderei, und die Welt kann bleiben, wie sie ist.
Die mittelalterlichen Dichter waren ehrgeiziger: Wenn das Ziel der Ritterschaft, wie der „Lancelot” behauptet, ein geistliches ist, und wenn es sich im Gral als seinem Symbol verdichtet - dann muss die Ritterschaft ihre profane Existenz verlieren und sich schlackenlos in christliche Religion verflüssigen. Ein solches Vorhaben aber lässt sich nicht mehr episch erzählen, sondern nur noch episch zelebrieren. Genau das tut die sogenannte „Suche nach dem Heiligen Gral”, die „Queste du saint graal”, also der eine der beiden Schlüsse des Lancelotromans: Lancelots Sohn Galaad, der Keusche, „der sterblich war, erblickte die geistlichen Geheimnisse” und starb sofort danach, auf eigene Bitte hin. Der Gral selber wird von einer Hand in den Himmel entführt, „und seitdem hatte niemand mehr die Kühnheit zu behaupten, er habe den Heiligen Gral gesehen.”
„Indiana Jones”, „Professor Langdon” und ihre Autoren haben diese Sätze nicht glauben wollen. Dabei sind sie wahr: Denn mit diesem Schluss ist die Artuswelt, vor allem aber die Gattung Artusroman in ihrer klassischen Form und Funktion, überflüssig geworden. Wenn die Ritterschaft das Ziel, die völlige Durchsetzung des Christentums im eigenen Stand, erreicht hat, hat der Gral seinen Zweck erreicht - und muss verschwinden. Die übrig bleibenden Ritter beneiden nun Parzival, weil er Einsiedler werden und nach einem Jahr und zwei Monaten aus dieser Welt scheiden darf. Denn was der Artuswelt noch bevorsteht, ist die Zerstörung ihres Erdenrestes: Sie stirbt an ihrem eigenen Krebsleiden, an der Liebe Lancelots zur Königin und an der unter den Rittern der Tafelrunde ausbrechenden Zwietracht. So endet der Artusroman also auf zweifache Weise: sublimiert im Äther, kondensiert im Blutschlamm des Schlachtfeldes von Salisbury. Den Gral hatte eine mysteriöse Hand in den Himmel erhoben, Artus’ Schwert Excalibur zieht eine mysteriöse Hand in die Tiefe des Wassers.
Wenn die Tradition des Artusromans derzeit wiederkehrt, in Parodie, Klamauk und Mystifizierung, kurz: als leichte Unterhaltung, so ist das mit Verlusten verbunden, an denen nicht nur Pedanten Anstoß nehmen können. Denn die neuen kinematografischen Fiktionen treiben zwar virtuosen Aufwand, aber in ihrer Inszenierung infantilen Vertrauens auf die Technik fallen sie weit hinter die Luzidität ihrer mittelalterlichen Vorbilder zurück. Dem wunderbaren Schild, den Galaad aus dem Nachlass des Sohnes jenes Joseph von Arimathia bekommen hat, der dem toten Jesus sein Grab lieh, glaubte im dreizehnten Jahrhundert kein Leser des Prosalancelot je zu begegnen. Er hatte seinen Ort allein in der Erinnerung, in der Literatur. In einem einundzwanzigsten Jahrhundert, in dem von einem „Reich des Bösen” mit derselben Gewissheit wie von galaktischen Raketenschutzschilden geredet wird, ist fraglich, ob der im Mittelalter vorhandene kritische Vorbehalt noch existiert.
Eine Tradition zurückholen
Große Editionsprojekte haben in den glücklichsten Fällen eine kaum abschätzbare Wirkung auf die Vorstellung, die eine Gesellschaft sich von ihrer Kultur macht. Die Bibliothek des Mittelalters in der Bibliothek deutscher Klassiker verdient in dieser Hinsicht höchstes Lob: Sie fügt in einen Kanon, dessen Bedeutung und Qualität sie bestätigt, neue Elemente ein, die das Bild der mittelalterlichen deutschen Literatur insgesamt in neuer Beleuchtung erscheinen lassen: es sind vor allem die mystischen Schriften (das St. Trudperter Hohe Lied, Mechthild von Magdeburg, Meister Eckhart), die spätmittelalterliche Lyrik, die Kurzerzählungen und eben der Prosalancelot, welche die Frage nach der Definition von Literatur neu stellen. Die Bibliothek holt diese Werke in die literarische Öffentlichkeit zurück, indem sie dem mittelalterlichen Text eine neuhochdeutsche Übersetzung und einen Kommentar an die Seite stellt, der die Waage zwischen Wissenschaft und Wissen hält.
HANS-HERBERT RÄKEL
Die Suche nach dem Gral - Der Tod des Königs Artus. Prosalancelot V. Nach der Heidelberger Handschrift herausgegeben von Reinhold Kluge. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Hans-Hugo Steinhoff. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 2004. 1284 Seiten, 80 Euro.
Zwischen Frau und Schwert: „The Temptation of Sir Percival” (1894 ) von Arthur Hacker
Foto: bridgemanart.com
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Angesichts der Adaptionen der Geschichte vom heiligen Gral a la Steven Spielbergs "Indiana Jones" und Dan Browns "Professor Langdon" begrüßt Hans-Herbert Räkel erfreut den letzten Band dieser "monumentalen Ausgabe" des "Prosalancelot". In der mittelalterlichen Lancelot-Geschichte sieht der Rezensent eine ungleich "klügere" Version gegenüber den Fassungen der heutigen Zeit, bei der die christliche feudalistische Gesellschaft zugleich "entworfen" und "in Frage gestellt" wird, so Räkel begeistert. Er findet zudem höchst "faszinierend", dass neben "Ritterabenteuer, Liebesabenteuer, Gralssuche" eine neue "Literaturgattung" begründet wird, die den Ritterroman entscheidend verändert und mit dem Ende der Geschichte - der Gral wird in den Himmel gehoben und Artus' Schwert von einer Hand ins Wasser gezogen - "überflüssig" macht. Während der Rezensent die kinematografischen Gralsgeschichten von heute in ihrem "Vertrauen auf die Technik" reichlich "infantil" findet, preist er die "Luzidität" des mittelalterlichen Originals. Diese "mustergültige Edition" wirft mit ihrer Übersetzung ins Neuhochdeutsche und ihrem Kommentar ein weiteres Licht auf die mittelalterliche deutsche Literatur, preist der Rezensent, nach dessen Ansicht diesem Werk "höchstes Lob" gebührt.

© Perlentaucher Medien GmbH
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