Produktdetails
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  • Verlag: Eichborn
  • 2007
  • ISBN-13: 9783821807171
  • ISBN-10: 3821807172
  • Best.Nr.: 10190356
Rezensionen
Besprechung von 20.11.2007

Erst mit dem Tod vergeht die Zeit
Stillstand ist eine Herausforderung für ein Erzählen, das in Bewegung sich befindet: Thomas Harlans Buch „Die Stadt Ys und andere Geschichten vom ewigen Leben”
An einer Stelle seines Geschichtenbuches „Die Stadt Ys” ringt Thomas Harlan nach Worten, oder lässt nach ihnen ringen: „Die Zeit ‚floss‘ dahin, sagten die Freunde, Nein, so erzählte ihnen Iwan, den der Ältere und der Mittlere jetzt ‚Dicker Kopf‘ nannten, nicht die Zeit war es, die floss, es war etwas anderes, das an ihm vorüberzog, aber nicht verging; jeder Tag war wie der erste, er war weder kurz noch lang, er war gar nichts, er war, und weiter nichts, jeder Tag, jeder, verstrich, jeder, wie der erste Tag, nein, verstrich nicht, er blieb, als sei es irgendwo in der Luft, stehen, ja, sagte der Ältere, als der Älteste nichts sagte, auch die Nacht, auch jede Nacht war wie die erste”.
Thomas Harlans Buch ist ein Buch über die stehende Zeit, und damit über etwas, das nicht gesagt werden kann: denn unsere Sprache spricht von Zeit als Bewegung. Sie kann nicht anders. Wie es Harlan gleichwohl gelang, die Erfahrung erstarrter Zeit in Worten einzukreisen, davon ist nicht leicht Rechenschaft zu geben. Wohl lässt sich auf einzelnes weisen: das wie Ziellose von Harlans Syntax, die Repetitionen, der Hang zur Liste, die mächtigen Bilder, die Askese wohlfeilen Kunstgriffen psychologischer Spannung gegenüber, die Auflösung übergreifenden Zusammenhangs. Doch all dies spielt so ohne literarische Eitelkeit zusammen, dass der Leser nichts Geringerem ausgesetzt ist als einem Akt der Magie. Es ist eine Magie der Sachlichkeit. Denn Harlans Sprache ist konstatierend, schnörkellos und genau. Und wo er mystifiziert, ist er doppelt exakt.
Was aber ist die Sache solcher Sachlichkeit, welchen Raum füllt die erstarrte Zeit? Es ist die Welt des sowjetischen Reiches und seiner Satellitenstaaten. Schauplätze der scheinbar separaten und doch aufs engste zusammengehörigen Geschichten sind Kasachstan, der Ural, die kurische Nehrung, Vietnam und die Grenze zum Iran. Apparatschiks, Helden, Akademiemitglieder, Bienen, Haushälterinnen, Idioten, Holzpuppen, Kindersoldaten, Schneepflugführer und Künstler bevölkern diese Welt. Dostojewskij, Gontscharow, Tolstoj, Tschechow sind Paten dieser Figuren, in weiter Entfernung stehende, denn Harlan ist kein Autor, der bildungsbürgerliche Freude am Wiedererkennen zu bedienen strebt. Vielleicht ist es am besten, man stolpert ahnungslos hinein in die Stadt Ys. Ein paar seiner Geschichten beginnt Harlan mit: „Es war einmal. . .”. Die angemessenste Erzählform der Zeit, die nicht vergeht, mag das Märchen sein. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.” Sie sind aber gestorben. Die letzten Worte von Harlans Buch lauten: „Ihr Toten!”.ANDREAS DORSCHEL
Thomas Harlan
Die Stadt Ys und andere
Geschichten vom ewigen Leben
Eichborn Berlin Verlag, Frankfurt am Main 2007. 277 Seiten, 19,95 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Als "Akt der Magie" bejubelt Rezensent Andreas Dorschel diesen Erzählungsband von Thomas Harlan. In den Geschichten, die in der Sowjetunion und ihren "Satellitenstaaten" spielen, begegnet der Rezensent einer bunten Mischung von Protagonisten, die den Romanen von Tolstoi oder Tschechow entsprungen sein könnten. Dabei gelingt es dem Autor, wie der Rezensenten voller Anerkennung meint, auf schnörkellose Weise etwas eigentlich Unbeschreibbares in Worte zu fassen, nämlich die "stehende Zeit".

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"Der Leser ist nichts Geringerem ausgesetzt als einem Akt der Magie." (Süddeutsche Zeitung)