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Die Sünde ist verlockend und abscheulich zugleich, die Möglichkeit zur Sünde macht den Menschen zum Menschen, und der Mensch macht die Sünde. Aviad Kleinberg, einer der profiliertesten Intellektuellen in Israel, beschreibt in seinem mitreißenden Essay, wie die Vorstellung von Sünde die Geschichte und unseren Alltag bis heute prägt.
"Wenn du recht tust, darfst du aufblicken, wenn du nicht recht tust, lauert die Sünde an der Tür", so wird Kain von Gott gewarnt. Was gut und böse, was Sünde ist, wird immer wieder neu verhandelt. In den ersten Jahrhunderten nach Christus erklärte die Kirche
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Produktbeschreibung
Die Sünde ist verlockend und abscheulich zugleich, die Möglichkeit zur Sünde macht den Menschen zum Menschen, und der Mensch macht die Sünde. Aviad Kleinberg, einer der profiliertesten Intellektuellen in Israel, beschreibt in seinem mitreißenden Essay, wie die Vorstellung von Sünde die Geschichte und unseren Alltag bis heute prägt.

"Wenn du recht tust, darfst du aufblicken, wenn du nicht recht tust, lauert die Sünde an der Tür", so wird Kain von Gott gewarnt. Was gut und böse, was Sünde ist, wird immer wieder neu verhandelt. In den ersten Jahrhunderten nach Christus erklärte die Kirche Faulheit, Neid, Wollust, Völlerei, Habgier, Zorn und Hochmut zu den sieben Todsünden. Aviad Kleinberg nähert sich dieser Aufstellung, die die europäische Kultur tief beeinflussen sollte, auf unterhaltsame und gelehrte Art. Er zitiert dabei Kirchenväter, Rabbinen sowie die antiken Klassiker und fügt der vorläufigen Liste noch eine achte Sünde hinzu. In jedem Kapitel wird die Vergangenheit der Sündemit unserem gegenwärtigen Umgang verknüpft. "Die Sieben Todsünden" ist eine Kulturgeschichte der Sünde, das heißt, dessen was uns menschlich macht. Hier ist Lektüre ein intellektuelles Vergnügen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Insel Verlag
  • Best.Nr. des Verlages: 17482, Best.-Nr.17482
  • Seitenzahl: 238
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 250 S. 205 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 204mm x 131mm x 28mm
  • Gewicht: 380g
  • ISBN-13: 9783458174820
  • ISBN-10: 3458174826
  • Best.Nr.: 29741854
Autorenporträt
Christian Wiese, geboren 1961, Studium der ev. Theologie und der Judaistik in Tübingen, Bonn, Jerusalem und Heidelberg, Promotion 1997. Seit 2007 Professor für jüdische Geschichte und Direktor des Centre for German-Jewish Studies an der University of Sussex. Vorher wissenschaftlicher Assistent an der Universität Erfurt, Gastprofessuren in Montreal, Dublin und am Dartmouth College, New Hampshire. Sein Forschungsgebiet ist die moderne jüdische Geschichte und Philosophie, die Geschichte des Zionismus sowie die Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen in der Neuzeit. Zur Zeit Vertretung des Martin-Buber-Lehrstuhls für jüdische Religionsphilosophie an der Goetze-Universität Frankfurt am Main.
Rezensionen
Besprechung von 24.12.2010
Pardon, wenn ich die Bescherung störe, aber haben Sie heute schon an die Hölle gedacht?

Es gab eine Zeit, da sprach man von den sieben Todsünden - Sünden, die zur ewigen Verdammnis führten, wenn sie nicht bereut wurden. Hier knüpft Aviad Kleinberg an.

Statt einer Abhandlung schreiben Wissenschaftler Essays, wenn ihr Thema zu groß für abschließende Antworten und so persönlich ist, dass erst die Leser ihnen in je verschiedener Weise erlauben, zur Klarheit über sich selbst zu kommen. Unter Berufung auf die antike jüdische Tradition und tief geprägt durch die "Confessiones" des Kirchenvaters Augustinus, den er ins Hebräische übersetzte, hat Aviad Kleinberg, Mediävist an der Universität Tel Aviv, die Form des "Versuchs" gewählt, um ein Menschheitsproblem im Medium seiner Lebensgeschichte zu erörtern. Von der Sünde zu reden, nachdem diese dem zwanzigsten Jahrhundert nach Sigmund Freud und anderen verlorengegangen war und selbst Religionswissenschaftler lieber von "Schuld" oder gar "Fehlverhalten" sprechen, ist eine kühne Tat wider den Zeitgeist, obgleich seit knapp zwanzig Jahren die Bücher über die "sieben Todsünden" wieder zugenommen haben. Kleinberg aber schrieb eine schonungslose Selbstkritik, die seinem Vorbild aus dem fünften Jahrhundert in nichts nachsteht.

Als Sohn armer und ungebildeter aschkenasischer Einwanderer, die der Schoa entkommen waren, in der Stadt Beer Sheva am Rand der Negev-Wüste aufgewachsen, fühlte sich Kleinberg "nur im geographischen und sozialen Niemandsland zu Hause". Beim Aufruhr gegen die Isolation ereignete sich die Katastrophe seiner Jugend, denn ohne Anlass und Hass zerstörte er die auf Sand gebaute Miniaturstadt eines Mitschülers. Wie Augustin sein Birnendiebstahl im Knabenalter, so erhellte die Tat Aviad Kleinberg das Böse, das immer radikal und niemals banal ist.

"Ich liebte meine Sünde", schrieb einst Augustin, "nicht das, wonach ich in der Sünde griff, sondern mein Sündigen selbst. Schändliche Seele! Nicht ein Etwas begehrte sie, sondern das Schändliche selbst." Zwar war sich Kleinberg darüber im Klaren, dass Sünden soziale Konstrukte und kontextgebunden sind; aber von seiner Lebenserfahrung als Immigrant konnte er nicht absehen, als er konstatierte: "Schwachheit, Einsamkeit und Verzweiflung - nicht Hochmut, Neid und Zorn sind die Urformen der Sünde."

Der Autor folgt der christlichen Lehre von der Erbsünde, die dem Mainstream-Judentum fremd ist. Schon der Säugling ist nicht unschuldig, sondern ehrgeizig, hochmütig, ungeduldig und neidisch, wie Augustinus lehrte, und selbst Freud sah im Kleinkind das Bündel skandalöser Triebe. Den Grundriss des Essays bilden die sieben Todsünden, die das spätantike christliche Mönchtum festgelegt hatte. Die Kapitel über Trägheit und Neid, Wollust und Völlerei, Habgier, Zorn und Hochmut sind höchst lesenswert; es handelt sich nicht um Theologie, denn nicht Gott, sondern der sündige Mensch ist der Gegenstand, aber natürlich überall um Zeitkritik, wie es dem Essayisten ansteht. Dabei ist Kleinberg kein Eiferer, sondern ein überaus starker Denker, der jede Beobachtung und These mit lustvollen Wendungen, mit Ironie und manchmal Sarkasmus sogleich auch in ihr Gegenteil verkehrt.

Geistigen Hochgenuss, seelische Beklemmung, gelegentlich aber auch befreiendes Lachen verschafft Kleinberg besonders in seiner Kritik der "Superbia", der Mutter aller Laster: "Weshalb ist Selbstachtung so sündhaft?", fragt er: "Weil in monotheistischen Denksystemen jede Wertschätzung, jedes Lob und alle Liebe rechtmäßig allein Gott gehört." Dabei begnügt er sich hier wie auch sonst nicht mit dem Zitat christlicher, jüdischer und muslimischer Autoren, sondern zieht alles heran, was der Einsicht aufhelfen kann. Auf einer einzigen Seite gelingt es ihm, so unterschiedliche Autoren wie den Römer Terenz, den Chinesen Laotse, den Nepalesen Buddha und den deutschen Mystiker Meister Eckart ins Gespräch zu bringen.

Hochmut brandmarkt Kleinberg vor allem als Sünde der Mächtigen und Intellektuellen. Ohne Nachsicht geißelt er die Arroganz, mit der er schon als Student seine Professoren herausforderte, und seinen unbedingten Aufstiegswillen: "Unsere Professoren waren institutionell arrogant, selbst wenn sie persönlich bescheiden waren. Ihr Überlegenheitsgehabe war Teil des akademischen Spiels. Doch das erklärt nicht den starken Ärger, den ich auf dem Campus verspürte. Warum also reagierte ich auf diese Weise? Vermutlich weil ich als Sohn von Immigranten, die aus Beer Sheva nach Tel Aviv gekommen waren (eine Herkunft, die Stadtbewohner als ,kurios' empfanden), den Campus als Feindesland betrachtete. Meine Professoren hielten nicht nur die Schlüssel zum akademischen Himmelreich in Händen, sondern auch jene zur ,guten Gesellschaft', der ich angehören wollte. Erfolg hieß, in die Wohnzimmer von Israelis eingeladen, Scheitern, in die Finsternis draußen verwiesen zu werden." Ein anrührendes Denkmal setzt Kleinberg gleichwohl dem bekannten Mediävisten Amos Funkenstein (gestorben 1995), einem gefürchteten Choleriker, der zur allgemeinen Überraschung den anmaßenden Widerspruch des erstsemestrigen Studenten nicht nur amüsiert aufnahm, sondern mit einer wissenschaftlichen Anstellung belohnte. Und was sagt der Autor über sich selbst als Professor? "Ich habe Glück gehabt - ich hatte niemals einen Studierenden wie mich. Was bedeutet das? Begnügen wir uns damit zu sagen, dass ich wahrscheinlich niemals den Preis für den bescheidensten Professor gewinnen werde. Zweifellos ist die Todsünde, die die meisten Menschen mit mir in Verbindung bringen, jene des Hochmuts."

Immerhin - Aviad Kleinberg hat als Autor doch gefürchtet, sich zu sehr in die Nähe des unerreichbaren Seelenforschers Augustinus zu rücken, und trotzig behauptet, sein Buch sei kein Bekenntnis: "In gewisser Weise bietet es sogar einen Weg, ein Bekenntnis zu vermeiden." Was er uns verbirgt, ist unklar, doch wüsste man gern, wie es zugegangen ist, dass ein Jude der Herkunft nach, ein Christ in der Tradition des Apostels Paulus und ein Stoiker nach seiner ethischen Haltung in der liberalen Stadt Tel Aviv bei allem intellektuellen Vermögen zu dem werden konnte, "wovon ich als Junge immer geträumt habe".

MICHAEL BORGOLTE.

Aviad Kleinberg: "Die sieben Todsünden". Eine vorläufige Liste.

Insel Verlag, Frankfurt am Main 2010. 239 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Von "Sünde" spricht man heutzutage nun wirklich nicht mehr, eher von "Schuld" oder "Fehlverhalten", bemerkt Michael Borgolte in den einleitenden Bemerkungen zu Aviad Kleinbergs Essay, den er mit angehaltenem Atem gelesen hat. Und doch wird dem Leser seiner Kritik nicht ganz klar, warum der israelische Mediävist und Augustinus-Forscher Aviad Kleinberg diesen religiös grundierten Begriff zurückholt, einen Begriff, der überdies christlich, nicht jüdisch geprägt ist. Alle sieben Todsünden werden in den Essays durchdekliniert, berichtet Borgolte, selbst Mediävist in Berlin. Und Kleinberg schafft es dabei offenbar, zugleich seine Belesenheit, die bis in die chinesische Kultur reicht, fruchtbar zu machen, und persönlich zu bleiben. Könnte es sein, dass Kleinberg den Begriff der Sünde gebraucht, weil er nun mal Scham und Reue verspürt, die ihm korrespondieren? Ja, könnte wohl. Borgolte zitiert Passagen, in denen Kleinberg über kleine persönliche Verfehlungen schreibt, die bis heute in ihm pulsieren. Aber alles, so scheint es, offenbart Kleinberg nicht, denn anders als sein Vorbild Augustinus will Kleinberg nicht bekennen - und das macht das Buch für Borgolte umso lesenswerter.

© Perlentaucher Medien GmbH