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Ein großer Klassiker, eine herrliche Satire, ein jüdischer Don Quijote. Das berühmteste Werk von Scholem J. Abramowitsch in einer kommentierten Neuübersetzung
Benjamin lebt in einem ukrainischen Nest. Er hasst die Enge seines Dorfes und seiner Ehe, liebt alte Reiseberichte und träumt von einer eigenen triumphalen Reise auf den Spuren Alexanders des Großen, von der er berühmt und als Erlöser der russischen Juden zurückkehren wird. Er überredet seinen Freund Senderl, mit ihm auszubüxen, und zusammen reisen sie wie Don Quichote und Sancho Pansa, von Missgeschicken verfolgt, durch die jüdische…mehr

Produktbeschreibung
Ein großer Klassiker, eine herrliche Satire, ein jüdischer Don Quijote. Das berühmteste Werk von Scholem J. Abramowitsch in einer kommentierten Neuübersetzung

Benjamin lebt in einem ukrainischen Nest. Er hasst die Enge seines Dorfes und seiner Ehe, liebt alte Reiseberichte und träumt von einer eigenen triumphalen Reise auf den Spuren Alexanders des Großen, von der er berühmt und als Erlöser der russischen Juden zurückkehren wird. Er überredet seinen Freund Senderl, mit ihm auszubüxen, und zusammen reisen sie wie Don Quichote und Sancho Pansa, von Missgeschicken verfolgt, durch die jüdische Provinz. Als der witzige Roman 1878 in Wilna erschien, erkannten jiddische Leser sofort, dass es sich hier um eine riskante politische Satire handelte. Das elegante Nachwort von Susanne Klingenstein skizziert das historische und literarische Umfeld und zeigt, warum Abramowitsch zu den großen Autoren europäischer Literatur gehört.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/26395
  • Seitenzahl: 288
  • Erscheinungstermin: 23. September 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 122mm x 20mm
  • Gewicht: 270g
  • ISBN-13: 9783446263956
  • ISBN-10: 3446263950
  • Artikelnr.: 55964061
Autorenporträt
Abramowitsch, Scholem J.§Scholem Jankew Abramowitsch wurde 1835 in Kopyl bei Minsk geboren und starb 1917 in Odessa. Heute ist er ein Klassiker der jiddischen Literatur. Zu seinem Werk zählen u.a. die Romane "Der Wunschring" (1865), "Väter und Söhne" (1867) und "Der lahme Fischke" (1869).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 26.09.2019

Ritter vom traurigen Schicksal
Ein jiddischer Roman als literarisches Ereignis: Scholem Jankew Abramowitschs "Die Reisen Benjamins des Dritten" kann endlich auf Deutsch wiederentdeckt werden

Die jiddische Literatur hat bedeutende Werke geschaffen, aber sie finden nur selten gebührende Anerkennung. Wie die großen Romane der Engländer, Franzosen und Russen entstanden auch die jiddischen zuerst im neunzehnten Jahrhundert, doch ihre Leser hatten damals schon keine Zukunft mehr. Die Welt der Ostjuden war zum Untergang verurteilt, und kaum zwei Generationen später wurde sie von Hitler vernichtet.

Ein Autor wie Scholem Alejchem ist uns heute weniger durch seine Werke bekannt als durch das Musical "Anatevka", das das osteuropäische Schtetl nostalgisch romantisiert. Und Isaac Bashevis Singer ist zwar noch mit dem Nobelpreis geehrt worden, aber seine Bücher schrieb er schon in Amerika. Bekannt wurden sie nicht im jiddischen Original, sondern in englischen Versionen, die er zur gleichen Zeit herausbrachte.

Daher ist es ein Ereignis, wenn die Klassiker-Reihe des Hanser Verlags jetzt "Die Reisen Benjamins des Dritten" veröffentlicht, einen Roman aus dem Jahr 1878 von Scholem Jankew Abramowitsch, einem in Deutschland fast unbekannten Autor. Die Reihe bringt prinzipiell nur Neuübersetzungen, und auch hier ist es so. Erstmals auf Deutsch, damals übersetzt von Efraim Frisch, erschien der Roman 1937 in der Bücherei des Schocken-Verlags. Unter Hitler suchten Deutschlands Juden nach einem geistigen Erbe, das sie in Zeiten vermeintlicher Sicherheit vernachlässigt hatten, und in den Bänden dieser Reihe wurde es ihnen geboten. Abramowitschs Roman erzählt von einem jungen Mann namens Benjamin, dem es in seinem Schtetl zu eng wird. Er will auf eine lange Reise gehen, um sein jüdisches Volk von den Qualen des Exils zu erlösen, und 1937, am Vorabend der Katastrophe, wirkte das auf deutsch-jüdische Leser wie ein geheimes Signal. Eine Erlösung hat es freilich nicht gegeben, weder im Roman noch in der historischen Wirklichkeit.

Nun legt Susanne Klingenstein eine neue, vorzügliche Übersetzung vor, die sich wie die gesamte Klassiker-Reihe an ein anderes Publikum wendet und andere Ziele verfolgt. Unter Hitler hatte die Schocken-Bücherei für die deutschen Juden eine verlorene jüdische Identität wiederfinden wollen, bei der Klassiker-Reihe ist es umgekehrt. Auch den deutschen Lesern soll ein Kulturerbe vermittelt werden, doch ist es nicht partikular, sondern universal: Die Übersetzungen sollen deutschen Lesern große Werke der Weltliteratur nahebringen.

Abramowitsch (1835 bis 1917) ist einer der jiddischen Autoren, denen darin ein Platz gebührt. Er lebte in verschiedenen Städten der Ukraine, die einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil hatten, leitete viele Jahre eine jüdische Schule in Odessa, und bekannt wurde er unter seinem Schriftstellernamen Mendele Moícher Sfúrim (Mendele der Buchverkäufer). So heißt eine fiktive Erzählerfigur, die in mehreren seiner Werke auftritt und uns die Welt, die Abramowitsch beschreibt, durch seine Augen sehen lässt.

Diese Welt ist in der Schoa untergegangen, und deutsche Leser erfüllt das mit Schuldgefühlen, die ihnen mehr oder weniger bewusst sind. Historisch sind sie nachvollziehbar, sie behindern aber ein adäquates Verständnis dieser Literatur. Die neue Übersetzung des Romans stellt die Lektüre jetzt auf eine solide Grundlage, denn wie alle Bände der Klassiker-Reihe ist sie zugleich eine sorgfältige Edition. Klingenstein ist Jiddistin, 2014 erschien "Mendele der Buchhändler", ihre umfangreiche Monographie über Abramowitsch, und im Anhang der "Reisen Benjamins des Dritten" annotiert sie den Roman ausführlich. Ein langes, gut lesbares Nachwort verortet ihn historisch, verweist auf Deutungsansätze und zeichnet ein vielschichtiges Porträt des Autors.

Dessen Lebensdaten umspannen Jahrzehnte eines sozialen und wirtschaftlichen Niedergangs, der die Juden im Zarenreich nicht nur verarmen ließ, sondern auch politisch gefährdete. Seit den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kam es häufig zu Pogromen, die massive Auswanderungen nach sich zogen und den Zionismus zu einer glaubwürdigen Option machten. Vor diesem Hintergrund lässt Abramowitsch seinen Benjamin auf eine Reise gehen, die Erlösung bringen soll.

Sie bringt aber keine Erlösung. Nur zum Lachen bringt sie uns, denn Mendele ist ein witziger Erzähler, und Benjamin ist ein komischer Held. In Deutschland liebt man den jüdischen Humor und nennt ihn zuweilen "köstlich", weil das hilft, die Schuldgefühle zu ertragen. Doch Mendeles Humor ist gar nicht köstlich, er ist kritisch, und seine jiddischen Leser will er nicht unterhalten, sondern er will ihnen die Augen öffnen. Mendele ist ein Satiriker: Die tiefe Misere, in die seine jüdischen Zeitgenossen geraten sind, legt er nicht nur der Außenwelt zur Last, sondern ebenso ihrer geistigen Trägheit, die sie überwinden müssen.

Im neunzehnten Jahrhundert, historisch etwas verspätet, hatte die Aufklärung auch das Ostjudentum ergriffen. Hier hieß sie Haskalah, und Abramowitsch war einer ihrer bedeutendsten Vertreter. Nicht zufällig leitete er eine Schule, und mit seinem literarischen Werk verfolgte er didaktische Ziele. Benjamins Reise, die zum Scheitern verurteilt ist, statuiert ein Exempel, aus dem sich lernen lässt.

Bis zu seiner Reise hat Benjamin das Schtetl nie verlassen. Er kennt nur die heiligen Texte der Tradition und einige jüdische Reiseberichte. Diese Bücher erfüllen ihn mit Enthusiasmus, und ihn überkommt der Wunsch, sein Volk aus der Not zu befreien. Das jüdische Exil begann schon vor Jahrtausenden, als die Assyrer zehn der zwölf Stämme Israels verschleppten. Seither gelten sie als verschollen, und Benjamin will sie finden, um die Erlösung einzuleiten.

In ihren Anmerkungen weist Susanne Klingenstein auf zahlreiche interkulturelle Bezüge hin, die der Aufklärer Abramowitsch in den Roman einstreute. Damit wollte er den Lesern einen geistigen Horizont eröffnen, der sie über die Enge des Schtetls hinausführt, und einer solchen Spur gehen wir ein Stück weit nach.

Benjamins Unterfangen erinnert an die Abenteuer des edlen Ritters Don Quijote, und vieles im Text spielt darauf an. Ein Mann namens Senderl geht mit ihm auf die Reise, ist sein Gehilfe wie Sancho Pansa; für den Tag ihres heimlichen Aufbruchs verabreden sie sich an der Windmühle vor dem Schtetl; die erste Nacht verbringen sie in einer Schenke, und dort - wie vor ihm Don Quijote - erwacht auch Benjamin im Dunkeln und löst einen Tumult aus.

Subtil nimmt Abramowitsch das Motiv der getäuschten Imagination auf. Einmal besteigen die beiden Männer ein Boot. Benjamin stellt dem Fährmann allerlei Fragen, und da er kein Russisch kann, dolmetscht Senderl für ihn. Plötzlich sieht er weibliche Gestalten in den Wellen, er erinnert sich an die "Meermenschen", von denen er in seinen Büchern gelesen hat, und Mendele teilt uns mit, wie Benjamin selbst die Szene festgehalten hat: "Erstaunt zeigte ich die Jungfrauen dem Fährmann. Er aber wies auf Wäscherinnen, die am Ufer ihrer Arbeit nachgingen. Ich zeigte ins Wasser, er wies aufs Ufer. Und da keiner die Sprache des anderen verstand, wusste er nicht, was ich ihm, und ich nicht, was er mir zeigen wollte."

Die Welt bleibt Benjamin fremd, doch Klingenstein warnt uns davor, seine Texte mit den Ritterromanen des Don Quijote gleichzusetzen. Nie würde es dem Aufklärer Abramowitsch einfallen, die heiligen Schriften aus dem Fenster zu werfen, wie Cervantes es den Büchern seines traurigen Helden widerfahren lässt. Sie verleiten Benjamin indessen zu sinnlosen Handlungen, und in der Ironie, mit der hier erzählt wird, schwingt unüberhörbar eine Ambivalenz mit. Wenn dem Leser die Komödie dieser Reise wie eine Tragödie erscheint, so geht er kaum fehl.

"Ich wollte", schreibt Susanne Klingenstein über ihre Arbeit, "Abramowitsch eine metzeíve errichten." Das Wort ist Jiddisch, kommt aus dem Hebräischen und bezeichnet ursprünglich einen Grabstein. Metaphorisch aber ist es ein Denkmal, und die neue Übersetzung des Romans ist beides in einem. Sie lässt uns nicht vergessen, dass diese Welt brutal vernichtet worden ist - und erhebt sie im Kunstwerk zur Unsterblichkeit.

JAKOB HESSING

Scholem Jankew Abramowitsch: "Die Reisen Benjamins des Dritten". Roman.

Hrsg. und aus dem Jiddischen von Susanne Klingenstein. Hanser Verlag, München 2019. 285 S., geb., 28,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.11.2019

Weggehen
oder bleiben?
Eine Neuübersetzung Scholem J. Abramowitschs
erschließt ein frühes Kapitel jiddischer Literatur
VON BIRTHE MÜHLHOFF
Der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer meinte einmal, das Jiddische enthalte Vitamine, die man in keiner anderen Sprache finde. Das Schlamassel, das Schmusen und Mauscheln, das Techtelmechtel und meschugge – die ins Deutsche übergegangenen Wörter haben in der Tat einen unverwechselbaren Klang. Der Hanser Verlag hat nun den jiddischen Klassiker „Die Reisen Benjamins des Dritten“ von Scholem J. Abramowitsch (1835-1917) in einer Neuübersetzung von Susanne Klingenstein herausgebracht. Und die Vitamine des Jiddischen haben den Pasteurisierungsvorgang des Übersetzens sehr gut überstanden.
Die Geschichte von Benjamin beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts in einem ärmlichen, aber lebensfrohen Dorf namens Tunejadewke. Gibt es im Dorf eine Neuigkeit, dann rollt das Gespräch „von Haus zu Haus wie ein Schneeball, der bei jeder Umdrehung größer wird, und landet schließlich im Bethaus vor dem Ofen, wo Unterhaltungen über alle Dinge zu guter Letzt landen, sei es über Familiengeheimnisse oder die Politik in Stambul“. Auf der obersten Bank vor dem Ofen wird heftig gestritten, über Dorfgetuschel, Pogrome, den Krimkrieg: „Selbst wenn dann alle Könige des Ostens und des Westens kämen und sich auf den Kopf stellten, könnten sie doch nichts mehr ausrichten.“ Die meisten Debatten enden mit einer Erhöhung der Fleischsteuer.
Benjamin ist in seinem Leben noch nicht über die Grenzen des Dorfes hinausgelangt. Er hat Frau und Kinder – und eine Reiselust, die ihn tags und nachts umtreibt. Ins Heilige Land will er, nach Israel, zu den mythischen „Roten Juden“, zum Pipernotter und zum Lindwurm.
Was ihm fehlt, ist ein Gefährte, der sich um das Praktische kümmert, wie der Knappe in dessen Begleitung Don Quijote unterwegs war. „Wenn ich es nur jetzt schon erlebte, dachte er oft, weit weggefahren, dort angelangt und wohlbehalten zurückgekommen zu sein.“ Eines Tages trifft er Senderl beim Kartoffelschälen, den Dorftrottel, von Natur aus ein stiller Mensch, sanft wie eine Kuh. Man nennt ihn „Senderl die Frau“. Und weil es Senderl schwerfällt, nein zu sagen, ist es schnell beschlossene Sache, dass sie gleich am nächsten Tag in aller Frühe aufbrechen wollen. Es geht erst sehr stürmisch, dann eher sporadisch voran: „Als die Sonne ihrem Butterfass ganz entstiegen war und ihre hellen Strahlen anfingen, gehörig zu brutzeln und zu braten, warfen sich unsere Helden am Wegrand im Schatten eines Wäldchens nieder.“
So trudeln sie durch die Dörfer, leben von Almosen und versuchen sich den ukrainischen Bauern verständlich zu machen. Senderl folgt Benjamin „wie eine Kuh dem Kälbchen“. Nichtsahnend steigen unsere beiden Helden eines Tages auf den Wagen zweier gebildeter, wohlhabender Juden, die versprechen, sie nach Kiew zu bringen. Dort angelangt, lotsen sie sie in ein Dampfbad, das sich als Kaserne herausstellt. Benjamin und Senderl finden sich auf einmal mit kahlgeschworenem Kopf als Soldaten wieder.
Weil sich diese beiden im militärischen Metier als gänzlich untauglich erweisen, lässt man sie nach einem (natürlich gescheiterten) Fluchtversuch schließlich ziehen. So geht die Geschichte glimpflich aus, wenn sie auch kaum weitergekommen sind: Wieder stehen sie da wie am Anfang, in der Fremde.
Weggehen oder bleiben? Diese Frage stellten sich Juden in ganz Osteuropa, die von der Politik Zar Nikolais I. ins Elend getrieben wurden. Wie Susanne Klingenstein im 126 Seiten langen Anhang darlegt, enttäuschte die Assimilation, der in anderen Ländern durchaus Erfolg beschieden war, in Russland die Hoffnungen auf eine Gleichstellung wieder und wieder. Neben der politisch gewollten Pauperisierung kam es seit 1881 immer wieder zu Pogromen, auch Abramowitsch erlebte 1905 in Odessa einen antijüdischen Gewaltausbruch. Mehr als vier Tage dauerte das Pogrom, Abramowitsch überlebte im Keller der Schule, der er als Direktor vorstand.
Seine Kindheit war von Entbehrung gezeichnet: Um seiner früh verwitweten Mutter nicht zur Last zu fallen schlief er in Bethäusern, lebte von Almosen und schlug den Weg ein, den Tausende perspektivloser junger Männer wählten, der aus der Armut jedoch nicht herausführte. Er wird Talmudschüler, später Lehrer. Aber politisch fühlt er sich gelähmt. Für ihn sind weder Zionismus, Sozialismus noch Nationalismus eine Option. Sein Buch entspringt einem politischen Antrieb, gibt aber keine Weisung aus. Was bleibt, ist eine Satire auf die eigene Ratlosigkeit.
Vielleicht lässt er deshalb seine Helden Zuflucht in der Fantasie suchen. Benjamin will die „Roten Juden“ finden, die jenseits des Flusses Sambation leben – ein mythischer jüdischer Stamm, der den Juden in der Diaspora als Retter aus der Not beispringen wird. Arthur Koestler sorgte 1976 für viel Aufsehen (und Kopfschütteln), als er in einem Buch versuchte, diesen sogenannten „dreizehnten Stamm“ mit den Chasaren zu identifizieren, ein zunächst nomadisches Turk-Volk im Kaukasus, das im siebten Jahrhundert in Teilen zum jüdischen Glauben übertrat. Koestlers Ansicht nach stammen die Ostjuden – Aschkenasim – von diesen Chasaren ab, deren Spur sich im elften Jahrhundert in der Zeit der Völkerwanderung verliert. Der israelische Historiker Shlomo Sand rückte diese These 2009 in seinem Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ erneut in den Vordergrund – sie ist historisch kaum belegt, birgt dafür aber politischen Sprengstoff, weil auf sie Bezug genommen wird, um den Staat Israel zu diskreditieren.
Über die „Roten Juden“ erfährt man nichts im eher biografisch-politisch gehaltenen und sprachlich versierten Nachwort, aber es macht neugierig, all das nachzuschlagen. Auch hätte man sich eine kleine historische Notiz zum damaligen Frauenbild gewünscht. Bei einem 1878 erstmals erschienenen Roman, der sich noch dazu ausschließlich an junge orthodoxe Männer richtete, erwartet niemand feministische Theorie, aber es erstaunt doch, dass alles Schlechte in weiblicher Form daherkommt. So ist Klingenstein zufolge die Verweiblichung von Benjamins Begleiter Senderl eine Chiffre für die politische Untätigkeit der Juden. Zugleich stehen die strengen, ja mitunter gewalttätigen Ehefrauen der beiden für die Repressionen des russischen Zarenreichs.
Das Jiddische ist eine Nahsprache des Deutschen mit Einflüssen aus dem Hebräischen und den slawischen Sprachen, und wird in hebräischen Schriftzeichen zu Papier gebracht – wenn es denn überhaupt geschrieben wurde, denn vornehmlich war es die Sprache des Alltags. Abramowitschs Humor entsteht nicht zuletzt durch „Bathos“, das heißt durch eine Kopplung von Highbrow und Lowbrow, von sakralem Hebräisch und Gossensprache.
Mit seinen jiddischen Geschichten, die er unter dem Namen seiner Kunstfigur Mendele Moicher Sforim (Mendele der Buchhändler) veröffentlichte, wurde Abramowitsch zum ersten jiddischen Autor von Rang und Namen. Als er anlässlich seines 75. Geburtstages auf Lesereise ging, erwarteten ihn an jeder Bahnstation Tausende von Menschen. Dem ambitionierten Schriftsteller Scholem Alejchem gelang es dann, das Genre „jiddische Literatur“ zu konsolidieren. In den fünf Jahren von 1885 bis 1890 (als er sein zuvor geerbtes Vermögen an der Börse wieder verliert) gab er eine Reihe jiddischer Anthologien heraus. Solche Traditionslinien entstehen mitunter gegen den Willen der Beteiligten. Klingenstein schreibt, dass Abramowitsch zuerst wenig Lust hatte, „den Großvater abzugeben, damit Scholem Alejchem als sein Enkel auftreten konnte“.
Viele jüdische Aufklärer, darunter auch große Philosophen wie Moses Mendelssohn blickten auf das Jiddische als Sprache des Ghettos herab. Trotzdem war es bei der Gründung des Staates Israel zunächst nicht ausgemacht, dass Hebräisch Nationalsprache wurde. 1948 war Hebräisch eine ähnlich „tote“ Sprache wie Latein, es wurde seit mehr als 1700 Jahren gelesen, geschrieben, aber nicht gesprochen, und Schriftsteller wie David Grossman, die ihr belletristisches Werk auf Hebräisch verfassen, gab es auch noch nicht. Weil Abramowitsch gegen Ende seines Lebens dazu überging, seine jiddischen Werke ins Hebräische zu übertragen, kann er sogar zu den Gründer- und Großvätern der hebräischen Literatur gerechnet werden.
Der nationalsozialistische Massenmord, dem ein Großteil der Jiddisch sprechenden Personen zum Opfer fiel, setzte der Blütezeit der jiddischen Literatur ein jähes Ende. Susanne Klingenstein selbst hat das Jiddische als Fremdsprache gelernt und thematisiert diese „Postvernacularity“ in ihrem Nachwort, das darüber hinaus einen wunderbaren Einblick in die Arbeit des Übersetzens bietet. Die bisherigen Übersetzungen des Buches richteten sich vor allem an ausgewanderte Juden. Sie betonten nostalgische oder belustigende Aspekte, nicht den intellektuellen und politischen Horizont.
Wie Don Quijote zieht Benjamin Inspiration vor allem aus dem eigenen Buchbestand. Insbesondere die Reiseberichte von Benjamin aus Tudela (1130-1173) und Israel Joseph Benjamin (1818-1864) haben es ihm angetan. Er macht sich nun als „dritter“ Benjamin schreibend auf den Weg ins Heilige Land. Im Unterschied zu Don Quijote sind es keine fantastischen Schelmenromane, die ihm den Kopf verdrehen und ihn gegen Windmühlen kämpfen lassen – die Kämpfe, mit denen sich Benjamin konfrontiert sieht, sind echt, seine Bücher jüdische Überlieferungen und die Heilige Schrift. Dass er sie für bare Münze nimmt, ist nicht so irrsinnig wie die Welt, die ihn umgibt. Vielleicht liegt darin die versteckte politische Botschaft von Abramowitsch: Dass es eine Weltfremdheit gibt, die weltverändernd wirkt.
Abramowitsch hat keinen Ausweg
in die Ideologien, ihm bleibt die
Satire auf die eigene Ratlosigkeit
Unter dem Namen der Kunstfigur
Mendele Moicher Sforim
schrieb er jiddische Geschichten
Scholem J.
Abramowitsch:
Die Reisen Benjamins des Dritten. Aus dem Jiddischen von Susanne Klingenstein. Hanser Berlin.
285 Seiten, 28 Euro.
Scholem J. Abramowitsch, links stehend mit vier
jüdischen Literaten. Unten das Titelblatt der russischen
Ausgabe der „Reisen Benjamins des Dritten“ von 1935.
Fotos: Sammlung Susanne Klingenstein
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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"Der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer meinte einmal, das Jiddische enthalte Vitamine, die man in keiner anderen Sprache finde. ... Der Hanser Verlag hat nun den jiddischen Klassiker von Scholem J. Abramowitsch in einer Neuübersetzung von Susanne Klingenstein herausgebracht. Und die Vitamine des Jiddischen haben den Pasteurisierungsvorgang des Übersetzens sehr gut überstanden." Birthe Mühlhoff, Süddeutsche Zeitung, 22.11.19

"Ein jiddischer Roman als literarisches Ereignis: Scholem Jankew Abramowitschs 'Die Reisen Benjamnins des Dritten' kann endlich auf Deutsch wiederentdeckt werden... Susanne Klingenstein legt nun eine neue, vorzügliche Übersetzung vor." Jakob Hessing, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.19

"Susanne Klingenstein hat dieses Meisterwerk der jiddischen Literatur jetzt neu herausgegeben und übersetzt, die Komik und teils barocke Fabulierlust dieses satirischen Romans in ein farbiges Deutsch übertragen und dem eher schmalen Textkorpus - der Romanumfasst knapp 160 Seiten - ebenso umfangreiche wie unerlässliche Anmerkungen, Interpretationshilfen und biographische Angaben hinzugefügt. Eine mustergültige Edition." Wolfgang Seibel, ORF Ex Libris, 10.11.19