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"Beulenpest", "Pestilenz" oder gar "Der Schwarze Tod": Die Pest hat viele Namen. Wie diese verheerende Seuche die Menschheit geprägt hat, darüber schreibt Paul Slack in seinem Buch 'Die Pest': Von der Antike über das Mittelalter bis heute zeichnet er nach, wie die Pest ganze Bevölkerungen an den Rand der Ausrottung brachte und welche Auswirkungen das auf die betroffenen Gesellschaften hatte.…mehr

Produktbeschreibung
"Beulenpest", "Pestilenz" oder gar "Der Schwarze Tod": Die Pest hat viele Namen. Wie diese verheerende Seuche die Menschheit geprägt hat, darüber schreibt Paul Slack in seinem Buch 'Die Pest': Von der Antike über das Mittelalter bis heute zeichnet er nach, wie die Pest ganze Bevölkerungen an den Rand der Ausrottung brachte und welche Auswirkungen das auf die betroffenen Gesellschaften hatte.
  • Produktdetails
  • Reclams Universal-Bibliothek 19218
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Originaltitel: Paul Sack: Plague
  • Seitenzahl: 189
  • Erscheinungstermin: Juli 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 147mm x 96mm x 12mm
  • Gewicht: 108g
  • ISBN-13: 9783150192184
  • ISBN-10: 3150192188
  • Artikelnr.: 42706816
Autorenporträt
Paul Slack ist emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Oxford.
Inhaltsangabe
Einführung

1 Die Pest: Was verbirgt sich hinter dem Namen?
Pest oder nicht?
Die historischen Quellen
Das Framing von Krankheiten

2 Pandemien und Epidemien
Pandemien
Erscheinen und Verschwinden
Epidemien

3 Gravierende Auswirkungen: Der Schwarze Tod
Bevölkerung und Wirtschaft
Kulturelle Veränderungen
Anpassung an die Pest

4 Private Schrecken
Die Zahl der Todesopfer
Stimmen und Opfer
Schwierige Entscheidungen

5 Das Gesundheitswesen
Versuch und Irrtum
Export
Warum Europa?

6 Bleibende Bilder
Erfindung und Absicht
Weiterleben und Wiederaufleben
Fiktion und Repräsentation

7 Die Lehren aus den Pestgeschichten

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Weiterführende Literatur
Abbildungsnachweise
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Zum Autor
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 16.09.2015

Verkehrte Welt
Wie die Pest die Geschichte veränderte und der Kampf gegen sie den Machtanspruch des Staates legitimierte
Am ersten Tag des „Dekamerons“ gibt Boccaccio eine berühmte Beschreibung der Pest, des „Schwarzen Tods“ in Florenz. Er schildert die Symptome der Krankheit, die Qualen der Kranken und die moralische Verwirrung der Gesellschaft. Angesichts der tödlichen Gefahr wurden die Menschen „in ihren Sitten ausschweifend“ und vergaßen ihre Pflichten. Die Haustiere aber, obwohl oft verjagt von ihren Herren, gingen zur Weide und kehrten abends zurück „wie vernünftige Wesen ohne Führung eines Hirten“. Es ist ein alter Topos, der hier auflebt, der Topos der verkehrten Welt: Die Menschen verlieren den Verstand, nun sind es die Tiere, die vernünftig sind. Aber man ahnt, warum die Pest als schlimmste aller Seuchen ein solche Faszination ausübt: Sie hebt die Konventionen des Zusammenlebens auf.
  Beginnt die Neuzeit mit dem Schwarzen Tod, der seit 1347 durch Europa zieht? Egon Friedell hat seine geistvoll-spekulative „Kulturgeschichte der Neuzeit“ so einsetzen lassen; das neue Buch von Paul Slack, „Die Pest“, würde ihm mit anderen Gründen wahrscheinlich zustimmen. Die Pest bringt einen neuen Staat, vielleicht auch eine neue Gesellschaft hervor.
  Wie die meisten seiner Kollegen – die Pest ist, auch dank der Möglichkeiten der Paläogenetik, ein stark beforschtes Gebiet – unterstellt Slack, dass die Pest, jene Seuche, die durch den Bazillus Yersinia pestis ausgelöst wird, in drei uns bekannten Pandemien auftrat: zunächst in der Justinianischen Pest, die 541 ausbrach, im Mittelmeer und vor allem im Konstantinopel Justinians wütete, sich bis nach Irland und England ausbreitete und gegen 750 abflaute. Die zweite Pandemie kam aus Innerasien, erreichte das Schwarze Meer und 1347 Messina. Als Schwarzer Tod erfasste sie große Teile Europas, brach bis ins 17. Jahrhundert immer wieder hervor und lief im 18. Jahrhundert aus. Eine dritte Pandemie begann 1894 in China, breitete sich nach Indien aus und ebbte dann in den Zwanzigerjahren ab.
  Es ist die empfindliche Schwäche Slacks, über die Pest als biologisch-medizinisches Problem kaum etwas zu sagen – umso weniger verständlich, als er doch von einer Krankheit in drei Pandemien spricht, auch wenn Yersinia pestis in verschiedenen Stämmen auftrat und die Seuchen sich in ihrem Verlauf unterschieden. Ohne eine medizinische Erklärung, wie die Ausbreitung der Krankheit funktioniert, versteht man auch ihre Geschichte nicht. Bis ins
19. Jahrhundert wurde von Medizinern bezweifelt, dass es sich um eine Infektionskrankheit handelte. Wie war das möglich?
  Die Erklärung, die Slack unterschlägt: Der an Beulenpest Erkrankte ist zunächst nicht ansteckend, die Erreger sind in den Beulen verkapselt. Bildet sich allerdings eine sekundäre Lungenpest, was nur selten geschieht, ist der Kranke hochinfektiös – und auch beim Aufplatzen oder Öffnen der Beulen. Und es sind in der Nähe des Kranken auch regelmäßig die infizierten Flöhe anzutreffen, die die Krankheit von den Ratten auf die Menschen übertragen und dann von Mensch zu Mensch.
  Was Slacks Darstellung interessant macht, das ist die Soziologie und Politik der Pest. Sie ist eine Krankheit zunächst der Armen. Die infizierten Ratten breiten sich in den Elendsvierteln mit den schlechten hygienischen Verhältnissen aus. Aber hat sich die Seuche ausgerast, so haben die überlebenden Armen Vorteile zu erwarten. In vielen Städten des Spätmittelalters sind 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung gestorben. Nun fehlt es an Arbeitskräften, die Löhne steigen, es gibt gutes Land zu attraktiven Bedingungen zu pachten. Selbst die Rechtsstellung der geringen Leute kann sich verbessern. So etwas setzt mancherorts auch schon vor dem Schwarzen Tod ein, aber es scheint sich durch ihn zu verfestigen. Wer vordem nichts hatte, isst nun gut und trägt aufwendige Kleidung. Das verwirrt und empört viele Beobachter, auch das erscheint als verkehrte Welt.
  Noch interessanter aber ist der Erfolg im Kampf gegen die Seuche seit dem
14. Jahrhundert, seit Ausbruch der zweiten Pandemie. Sie interessiert Slack verständlicherweise am stärksten. Die Quellen zur ersten Pandemie fließen noch spärlich, die dritte Pandemie, die chinesisch-indische, die 1894 einsetzt, wird schon mit den Verfahren der modernen Medizin erforscht. Jetzt werden der Erregerbazillus und die Übertragungswege entdeckt. (Die erfolgreiche Behandlung der Kranken wird allerdings erst durch Antibiotika möglich.) Und doch gelingt es in der frühen Neuzeit, der Pest allmählich Herr zu werden, nicht durch die Fortschritte der Medizin, sondern durch gesundheitspolizeiliche Maßnahmen: die Isolation der Kranken, die Verhängung der Quarantäne über Seuchengebiete, Reisende und Schiffe, die Anlage eines Cordon sanitaire durch die Habsburger an der Grenze zum Osmanischen Reich. Die Gesundheitsbeamten gelten als die „wahren Ärzte des Volkes“. Auch das verkehrte Welt: die Anwendung richtiger Maßnahmen ohne vorangehende wissenschaftliche Durchdringung des Problems.
  Voraussetzung des Erfolgs war ein straff organisiertes Staatswesen. Seuchenpolizeiliche Maßnahmen greifen nur, wenn sie streng durchgeführt werden, ohne Ausnahmen, ohne Mitleid für den einzelnen Kranken. Die italienischen Staaten gingen in Europa voran, dabei scheinen autoritäre Regierungen wie im Mailand der Visconti und Sforza erfolgreicher gewesen zu sein als Stadtrepubliken, die mehr Rücksicht auf Einzelinteressen nehmen mussten. Eine strenge Seuchenpolizei war unpopulär, das sollte bis ins 18. Jahrhundert so bleiben. Aber die gesundheitspolizeilichen Erfolge legitimierten den Machtanspruch des frühneuzeitlichen Staates.
  Der Blick Slacks ist eurozentrisch, er spricht es selbst aus. Das kann aber die Feststellung nicht hindern, dass die europäischen Staaten schon vor der Ausbildung einer wissenschaftlichen Medizin im Kampf gegen die Pest erfolgreicher waren als die des Islam, wo der Pestkranke als Märtyrer angesehen wurde, oder die Hochkulturen des Mittleren und Fernen Ostens. Dafür bietet Slack zwei Erklärungen an. Einmal waren die vergleichsweise kleinen Staaten oder Städte des Westens eher imstande, schnell und effizient zu reagieren. Zum anderen waren die christlichen Kirchen, auch wenn sie die Krankheit oft als eine Strafe Gottes deuteten, bereit, die innerweltlichen Maßnahmen zu billigen, ja zu unterstützen. Quarantäne-Maßnahmen gegen den Aussatz kennt schon das
3. Buch Moses. Das erleichterte es den Christen, sich mit Maßnahmen einverstanden zu erklären, die in anderen Religionen als Verrat an moralischen Grundsätzen, an Familienpflichten und als unbarmherzig angesehen wurden.
STEPHAN SPEICHER
Paul Slack: Die Pest. Aus dem Englischen übersetzt von Ursula Blank-Sangmeister unter Mitwirkung von Anna Raupach. Reclam Verlag, Stuttgart 2015. 190 Seiten, 6,80 Euro.
Die Gesundheitsbeamten gelten
als die „wahren Ärzte des Volkes“
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Für eine echte Schwäche von Paul Slacks Geschichte der Pest hält Rezensent Stephan Speicher das Fehlen aller medizinischen Erklärungen. Wie soll man verstehen, wie eine Seuche sich ausbreitet oder bekämpft wird, wenn man nichts über ihren Verlauf weiß? Das ist aber die einzige Kritik, die Speicher an der bündigen Darstellung des britischen Historikers übt. Sehr instruktiv findet er dessen Soziologie und Politik der Pest: Mit großem Interesse liest Speicher, wie ein Drittel bis die Hälfte der europäischen Bevölkerung dahingerafft wurden, vor allem die Ärmsten, wie anschließend aber die dezimierte Bevölkerung über mehr Ressourcen verfügte. Oder er erfährt, wann und wo Seuchenbekämpfung erfolgreich war, welche Rolle ein organisiertes Staatswesen dabei spielte, und warum Europa erfolgreicher agierte als das Osmanische oder Chinesische Reich.

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