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Ein Mann will sein Leben ordnen. Endlich. Zurückkehren an die Orte des Scheiterns, mit neuer Perspektive und dem guten Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein. Aber womit anfangen? Mit etwas Altem oder etwas Neuem? Welches Gruselschloss zuerst aufsuchen? Ein Landhaus mit schiefem Dach am Ende der Welt, ein Internat, das sein Leben veränderte, oder ein Riesenrad in der Nacht, Ort der ersten großen Liebesenttäuschung? David Gilmour unternimmt eine Reise durch die Erinnerung, um mit Augenzwinkern festzustellen: ganz schön Glück gehabt.
Eine melancholischer Rückblick mit großem Witz und Gefühl, eine ungewöhnliche Gebrauchanweisung für das Leben.
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Produktbeschreibung
Ein Mann will sein Leben ordnen. Endlich. Zurückkehren an die Orte des Scheiterns, mit neuer Perspektive und dem guten Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein. Aber womit anfangen? Mit etwas Altem oder etwas Neuem? Welches Gruselschloss zuerst aufsuchen? Ein Landhaus mit schiefem Dach am Ende der Welt, ein Internat, das sein Leben veränderte, oder ein Riesenrad in der Nacht, Ort der ersten großen Liebesenttäuschung? David Gilmour unternimmt eine Reise durch die Erinnerung, um mit Augenzwinkern festzustellen: ganz schön Glück gehabt.

Eine melancholischer Rückblick mit großem Witz und Gefühl, eine ungewöhnliche Gebrauchanweisung für das Leben.
Autorenporträt
David Gilmour, Jahrgang 1949, lebt in Toronto, Kanada, und ist Buchautor, Fernsehmoderator, Journalist und Filmkritiker. Er wurde mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, etwa mit dem renommierten Governor General´s Award. Sein 16-jähriger Sohn Jesse schmiss die Schule und schaute sich mit seinem Vater zusammen Filme an. Wie es mit Jesse weiterging, kann man in 'Unser allerbestes Jahr' nachlesen. Es ist David Gilmours erstes Buch in deutscher Übersetzung und war in Kanada ein Bestseller.
Rezensionen
Besprechung von 04.03.2011
Das Schicksal macht uns eine Szene

Was muss geschehen, damit ein Leben filmreif wird? Ganz klar: Ein dramaturgisch versierter Erzähler muss es schildern. David Gilmour entwirft eine Männerbiographie nach den Mustern des Kinos und spürt dort die Mittel zur Selbsterkenntnis auf.

David Gilmour, kanadischer Autor und Filmkritiker in Toronto, hatte schon einiges veröffentlicht, bevor er mit dem 2009 auch ins Deutsche übersetzten Roman "Unser allerbestes Jahr" Erfolg hatte - aus einem nicht ganz alltäglichen Grund: Er schrieb aus der Sicht des Vaters eines antriebsschwachen 15-Jährigen über eine unpopuläre, aber erstaunlich wirkungsvolle Erziehungsmaßnahme, die statt auf Autorität auf die lebensverändernde Kraft von Filmerzählungen setzte. Das Experiment gelang. Ein Jahr unterbrach Gilmours Sohn Jesse mit väterlicher Erlaubnis die Schule, hatte aber ein rigides Schauprogramm zu absolvieren: drei Filme pro Woche. Manchmal ließ der Vater Klassiker ohne Kommentar ihre Botschaft entfalten, dann wieder verwickelte er Jesse nach Hitchcock-Filmen in ein Gespräch über Ästhetik und Leben. Stück für Stück stupste er ihn so in den Alltag zurück.

"Unser allerbestes Jahr" wurde auf diese Weise selbst zu einer Art Hollywood-Stoff mit Happy End. Mögliche Kitschklippen umschiffte der erzählende Vater durch schonungslose Selbstbetrachtung - ein Charakterzug, der auch David Gilmours neuen Roman "Die perfekte Ordnung der Dinge" prägt: Ein Mann um die sechzig schaut auf sein bisheriges Leben zurück und bereist die Orte, an denen er gelitten hat. Nicht mehr, wie früher, mit diesem nach innen gekehrten Blick, sondern wach und reflektiert, was einige Vorteile mit sich bringt. Lähmte den Jungverliebten etwa noch die Abfuhr einer Freundin, stellen sich beim liebeserfahrenen Erwachsenen am Tatort nun eher Erleichterung und sogar eine gewisse schicksalsträchtige Sinnhaftigkeit ein. Der Schock ließ den liebeswirren Knaben damals sogar die Flucht aus dem ungeliebten Internat antreten. Clarissa - so hieß die Schöne - hatte ihn also nicht nur verprellt; sie hatte ihm "die Freiheit geschenkt, gegen das Leben zu verstoßen", das heißt, endlich einmal etwas anders zu machen als vorgesehen.

So erscheinen unglückliche Abenteuernächte dieser Art natürlich erst im Nachhinein. Genau dieser Abstand erlaubt hier die Schönheit des Blicks, um den herum David Gilmour seinen gesamten Roman arrangiert: Als "Tourist im eigenen Leben" betreibt sein Ich-Erzähler Nabelschau auf eine Weise, die am ehesten als Einübung in Selbstgnade zu bezeichnen ist. Im Prinzip macht er also das, was Psychologinnen wie Verena Kast empfehlen: Er verwandelt sein Leben in eine Erzählung und macht es dadurch betrachtbar.

Nun tritt dieser Erzähler dabei nicht nur als gewiefter Laienpsychologe auf der Suche nach dem inneren Kind in Erscheinung. Er ist, wie Gilmour selbst, leidenschaftlicher Kinogänger. Sein Wissen entstand unter anderem vor der Leinwand, und auch seine Rückblicke atmen Heldengeruch. Das macht zumindest die erste Hälfte des Romans zu einer Coming-of-age-Geschichte nach klassischem, männlichem Maßstab. Konkurrenten werden als wenig intelligent geschildert; Aussehen spielt eine große Rolle. Sich in Szene zu setzen wie James Dean - "sexy, verrucht" -, das gehört zu diesen wilden Jahren wie die Zigarette zum Habitus.

So kommt es durch die Aneinanderreihung der dramatischsten Lebensszenen dieses Mannes unmerklich zu einer Weichenstellung: Die Erzählung über das Leben bringt schließlich eine Vita hervor, die filmstarke Momente hat und deren Figuren nicht etwa banale Schwerenöter sind, sondern bühnentaugliche Helden, die Glanz umgibt, sogar wenn sie leiden.

David Gilmour, Jahrgang 1949, erzählt mit Pathos, Selbstironie und Zärtlichkeit. Manches streift er wie mit vorbeihuschender Kamera auf der Suche nach der nächsten Tragödie und einer darin versteckten Lektion. Das geht bisweilen auf Kosten einer erzählerischen Ruhe, die sich wirklich auf die Figuren einlassen könnte. Aber gerade diese schneller abgedrehten Passagen lassen die Biographie auf eine überschaubare Strecke zusammenschnurren. Sie würde auf eine Filmrolle passen - als Leben eines Liebenden, Lesenden, Reisenden, dessen alkoholkranker Vater sich mit einem Kopfschuss von ihm verabschiedet, als er gerade mal siebzehn ist; dessen Mutter wenige Jahre später bei einer Dinnerparty stirbt; der wegen einer Erbschaft keine Notwendigkeit sieht, ins Arbeitsleben einzutreten; und der stattdessen das Ehemannanhängsel einer vielbeschäftigten Frau in der Filmbranche wird. Hier stößt er zwar mit Stars wie Dusty (Dustin Hoffman) zusammen, fühlt sich aber bald atmosphärisch vergiftet - bis der Ruhelose Tolstoi für sich entdeckt, den Absprung schafft und als Kulturjournalist auf eigenen Beinen steht. Anekdoten über Interviews mit George Harrison oder Yoko Ono mischen sich mit melancholischen Rückblenden in Frauengeschichten.

Am Ende wird Montaigne zitiert; das Buch, das als harmloser Lebensrückblick begann, erweist sich als Vorübung zur Kunst, "zu lernen, wie man richtig stirbt". "Es ist nur so, dass man nicht auf einmal stirbt, nicht ganz plötzlich. Es ist eher wie bei einer Glühbirne, die langsam abkühlt, wenn man den Strom ausknipst: Die Gegenstände verblassen nach und nach, bis sie mit ihrer Umgebung verschmelzen."

David Gilmours Roman ist ein Buch übers Abschiednehmen. Es mutet uns diesen Vorgang als zwiespältigen zu: Einerseits verführt die Rückkehr an Leidensorte zu Theatralik; andererseits stöbert sie den Helden immer wieder in all seiner Dürftigkeit auf. Gilmour beschreibt weniger ein Leben als eine Haltung. Das macht auch diesen Roman von ihm emphatisch und alltagsklug.

ANJA HIRSCH

David Gilmour: "Die perfekte Ordnung der Dinge". Roman.

Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 252 S., geb., 18,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 04.05.2011
KURZKRITIK
Selbst ist der Ego-Mann
Der kanadische Autor David Gilmour rechnet in seinem Roman
„Die perfekte Ordnung der Dinge“ allzu parteiisch mit seinem Leben ab
Ein Mann stellt sich der Vergangenheit, kehrt an die Orte seines Scheiterns zurück. Das klingt nach gnadenlosem Begleichen alter Rechnungen oder qualvoller Traumatherapie – je nach individueller Konstitution. Zu diesem Experiment trat der 1949 geborene kanadische Schriftsteller David Gilmour an, das Ergebnis liegt nun in Romanform vor, unter dem Titel „Die perfekte Ordnung der Dinge“. Die Erwartungen sind hoch: Gilmours letztes Buch „Unser allerbestes Jahr“ – zugleich Coming-of-Age-, Vater-Sohn- und Filmgeschichte – war in Deutschland ein Bestseller und wurde 2010 für den Jugendbuchpreis nominiert.
„Die perfekte Ordnung der Dinge“ ist ein Selbsterfahrungstrip, ein eher gemächlicher allerdings. Die stark autobiographisch gefärbte Geschichte plätschert recht unmotiviert vor sich hin, lose werden Schauplätze und Episoden eines Lebens aneinander gereiht: Die Jugendliebe haut auf dem Jahrmarkt mit einem anderen ab, der Vater begeht in der Küche Suizid, und der Erzähler erbt so viel Geld, dass er keinen Beruf erlernt. Folgerichtig steht er auf dem Filmfestival in Toronto immer im Schatten der erfolgreichen Ehefrau. Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ hilft im Jamaika-Urlaub aus der Krise, so wie es früher die Beatles taten, ein Freund gerät auf die schiefe Bahn, Gilmour selbst hat kleinere Suchtprobleme und ruinierte mehrere Beziehungen.
Gilmour schont sich nicht, schreibt gnadenlos ehrlich. Doch der Erzähler kreist so penetrant um sich selbst, drängt sich mit wenig tiefgründigen Lebensweisheiten wie „Wir haben unsere Instinkte nicht für nichts, sie erhalten uns am Leben“ so sehr in den Vordergrund, dass sich die Geschichte dahinter kaum entfalten kann. Zu selten erreicht er ironische Distanz zum Geschehen, zu oft scheint er beweisen zu wollen, dass er selbst auf der Seite der Guten steht: „Ich gehöre nicht in diese Welt, die Welt der Gewalt.“ Mitzufühlen, gar mitzuleiden fällt bei einem derart selbstgerechten Erzähler schwer, doch genau das fordert er ein, etwa wenn er über die scharfen Verrisse eines Literaturkritikers klagt.
Als „Gebrauchsanweisung für das Leben“, wie der Roman vom deutschen Verlag beworben wird, ist dieses Buch ungeeignet. Vielmehr weckt es das dringende Bedürfnis, eigene Fehler zu machen und selbst besser zu scheitern.
CORNELIA FIEDLER
DAVID GILMOUR: Die perfekte Ordnung der Dinge. Roman. Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main, 2011. 255 Seiten. 18,95 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Freundlich hat Rezensentin Anja Hirsch diesen Roman des Autors und Filmkritikers David Gilmour aufgenommen. Sie liest "Die perfekte Ordnung der Dinge" - es geht um einem Mann um die sechzig, der auf sein Leben zurückschaut und zu seinen Leidensorten reist - als Buch über das Abschiednehmen. Wie der Erzähler bei seiner Lebensbetrachtung sein Leben in eine Erzählung verwandelt, die der Dramaturgie des Kinos folgt, scheint ihr durchaus gelungen. Sie attestiert Gilmours Erzählen "Pathos, Selbstironie und Zärtlichkeit". Das Abschiednehmen des Helden wirkt auf sie ambivalent, mal theatralisch, mal schonungslos. Sie hebt hervor, dass es dem Autor insgesamt aber weniger um die Beschreibung eines Lebens als um die einer Haltung geht. Und das macht diesen Roman für Hirsch "emphatisch und alltagsklug".

© Perlentaucher Medien GmbH