Die merkwürdigen Zufälle des Lebens - Vila-Matas, Enrique
  • Buch mit Papp-Einband

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Marcelino bereitet gerade einen Vortrag vor, als er einen Brief von seiner Geliebten erhält. Darin stellt sie ihm ein Ultimatum: Entweder er trennt sich noch heute von seiner Frau, oder sie wird ihn für immer verlassen. Unter dem Eindruck des drohenden Desasters beschließt Marcelino sein Leben zu ändern. Schriftsteller und Spione, geheime Liebschaften und Voyeure, eine kleine Familie und ihr kühnes Oberhaupt: kunstvoll, komisch und temporeich zeigt der Roman über den Tag im Leben eines Schriftstellers, wie sich übermäßige Neugier zuweilen fatal auf die Gesundheit auswirken kann.…mehr

Produktbeschreibung
Marcelino bereitet gerade einen Vortrag vor, als er einen Brief von seiner Geliebten erhält. Darin stellt sie ihm ein Ultimatum: Entweder er trennt sich noch heute von seiner Frau, oder sie wird ihn für immer verlassen. Unter dem Eindruck des drohenden Desasters beschließt Marcelino sein Leben zu ändern. Schriftsteller und Spione, geheime Liebschaften und Voyeure, eine kleine Familie und ihr kühnes Oberhaupt: kunstvoll, komisch und temporeich zeigt der Roman über den Tag im Leben eines Schriftstellers, wie sich übermäßige Neugier zuweilen fatal auf die Gesundheit auswirken kann.
  • Produktdetails
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Artikelnr. des Verlages: 547/00305
  • 2002
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783312003051
  • ISBN-10: 3312003059
  • Artikelnr.: 10629861
Autorenporträt
Enrique Vila-Matas, 1948 in Barcelona geboren, ist in Spanien und Lateinamerika einer der bekanntesten und wichtigsten Gegenwartsautoren. Er hat seit 1973 zehn Romane und zahlreiche Erzählungen geschrieben, die in fünfzehn Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet wurden. Vila-Matas lebt und arbeitet heute in Barcelona.
Rezensionen
Besprechung von 19.11.2002
Der Spion, der aus der Calle kam
Wir haben uns unterhalten: Enrique Vila-Matas spielt Voyeur

Marcelino, seines Zeichens Dichter, wohnhaft in Barcelona, verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, hält es mit dem Realismus. Seit Jahren schon schreibt er an einer Trilogie über die Bewohner seiner Straße: einfache Leute, mit kleinen Schicksalen und mit großen Sorgen. Er kennt ihre Gewohnheiten, ihre gelegentlichen Freuden und die Nöte ihres Alltags. Er beobachtet sie vom Fenster seines Arbeitszimmers aus, er unterhält sich mit ihnen, er horcht sie aus, um anschließend über sie zu schreiben. Sollte die Trilogie eines Tages fertig werden, enthielte sie die Summe des Lebens in einer kleinen Straße Barcelonas, gesehen mit den Augen eines Dichters, der von sich sagt: "Wir Geschichtenerzähler sind nun mal samt und sonders Spione und Voyeure. Das Leben ist einfach zu kurz, um genügend Erfahrungen zu sammeln. Also muß man sie sich zusammenstehlen."

Doch das Schicksal will es anders, aus der Trilogie wird wohl nichts werden. Denn eines Tages erkennt er, daß die Wahrheit, die er die ganze Zeit gesucht hatte, hinter den Bildern liegt, die sich dem Auge zeigen, und die Figuren, die ihn wirklich interessieren, ihr Leben allein seiner Phantasie verdanken. An dem Tag, der sein Leben verändert, wird der Dichter gezwungen, sich selbst zu erfinden. Statt den geplanten Vortrag über "Die mythische Struktur des Helden" zu Papier zu bringen, schreibt er um sein Leben: eine Art männliche Scheherezade, erzählt er und erzählt und erzählt, stets das Todesurteil vor Augen, das es mit dem Erzählen aufzuhalten gilt.

Das Todesurteil, das ihm droht, ist amouröser Natur: Seine Geliebte Rosita hat ihm gedroht, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht endlich von seiner Gattin trennt und mit ihr ein neues Leben beginnt. Der Vortrag, dem sie beiwohnen wird, ist seine letzte Chance, die Geliebte bei der Stange zu halten. Daß sie ihm entgleitet und am Ende alles so bleibt, wie es war, ist die Pointe des schmalen Bandes, der sich Roman nennt und doch eher eine etwas umfangreich geratene Novelle ist.

Statt "Die merkwürdigen Zufälle des Lebens" könnte das Buch auch heißen: "Ein Tag im Leben eines Dichters". Denn statt der Summe des Lebens in der Calle Durban breitet der Dichter Marcelino die Summe seines eigenen vor uns aus. Es ist das Leben eines Mannes, der gern ein Spion der menschlichen Natur gewesen wäre und gern ein Doppelleben geführt hätte und an beidem gleichermaßen scheitert. Aus der Distanz, die zwischen dem beschriebenen Tag und dem Tag des Schreibens liegt, wendet er sich noch einmal den Begebenheiten zu, die zwischen dem Erwachen an jenem denkwürdigen Tag und dem abendlichen Vortrag liegen: dem Augenblick, da die Geliebte auftritt und ihm endgültig den Laufpaß gibt.

Im Grunde geschieht den lieben langen Tag nichts, was von Bedeutung wäre. Ein Mann hat am Abend einen Vortrag zu halten und berichtet uns, was er zu sagen gedenkt, wenn es soweit ist. Was dabei entsteht, ist eine Art Poetologie des Zufalls: eine Geschichte über die "Beziehung zwischen Spionage und Literatur", in deren Verlauf nicht nur der Autor seine Figuren bespitzelt, sondern auch sich selbst und dabei gleichzeitig von seinem Leser dabei beobachtet wird, wie Wahrheit sich in Fiktion und Fiktion sich in Wahrheit verwandelt. Der Autor wird zum Spion seiner selbst, taucht hinunter in die Tiefen seiner Erinnerungen und kramt dort alle jene Geschichten hervor, mit denen er während seines abendlichen Vortrags der abtrünnigen Geliebten imponieren will. Der Roman ist eine Geschichte über das Erfinden von Geschichten, die wirkungsvoller sein sollen, als die Wirklichkeit es je sein kann. Am Ende jedoch erweist sich die Wirklichkeit - oder müßte es heißen: die Gewohnheit? - dann aber doch als stärker.

Enrique Vila-Matas erzählt die Geschichte seines Dichterkollegen Marcelino mit leichter Hand und mit viel Sinn für die Komik der Situation. Kluge Reflexionen wechseln ab mit amüsanten Schilderungen skurriler Figuren und seltsamer Begebenheiten. Doch aufs Ganze gesehen, wirken die theoretischen Überlegungen aufgesetzt und die erzählerischen Passagen disparat, und man fragt sich bisweilen, ob man nicht doch lieber mehr über das Leben der Leute in der Calle Durban und dafür weniger über diesen Tag erfahren hätte, an dem im Grunde nichts geschah. Gewiß, der Vergleich zwischen dem Handwerk des Schreibens und dem Geschäft der Spionage ist bestechend und gibt dem Autor Gelegenheit, ein paar ganz reizvolle Anekdoten aus seinem Leben zum besten zu geben. Das gleiche gilt auch für das Motiv der Scheherezade, das als Motor des Erzählens immer noch bestens geeignet ist.

Nur, mit der Zeit drängt sich doch die Frage auf, was der Dichter uns eigentlich damit sagen will. Daß Literatur etwas Zwielichtiges an sich hat? Daß es, wie in den Märchen von Tausendundeiner Nacht, letztendlich immer um Leben und Tod geht? Oder doch nur, was mit dem Motto angedeutet wird, das Vila-Matas seinem Roman vorangestellt hat: daß es in der Liebe "zwei Arten von Beständigkeit" gibt, eine, die aus Feigheit und der Angst vor der Einsamkeit erwächst, und die andere, die darauf beruht, "daß es uns mit Stolz erfüllt, beständig zu sein"? Vermutlich ist es von allem etwas, aber diese Weisheiten ergeben noch kein wirklich überzeugendes Buch.

KLARA OBERMÜLLER

Enrique Vila-Matas: "Die merkwürdigen Zufälle des Lebens". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Petra Strien. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2002. 158 S., geb., 14,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Enrique Vila-Matas' Roman "Die merkwürdigen Zufälle des Lebens" um den in Barcelona lebenden Dichter Marcelino, der an einer Trilogie über die Menschen in seiner Straße, der Calle Durban, schreibt, hat Rezensentin Klara Obermüller nicht hundertprozentig überzeugt. Zwar hält sie dem Autor zu Gute, dass er die Geschichte Marcelinos mit "leichter Hand" und "viel Sinn für die Komik der Situation" erzähle. Auch die "klugen Reflexionen", die sich mit "amüsanten Schilderungen skurriler Figuren und seltsamer Begebenheiten" abwechseln, sowie der "bestechende Vergleich" zwischen dem Handwerk des Schreibens und dem Geschäft der Spionage, der dem Autor die Gelegenheit gebe, ein paar ganz reizvolle Anekdoten aus seinem Leben zum besten zu geben, sprechen nach Obermüller eigentlich für das Buch. Doch im Ganzen reicht Obermüller das nicht. So ist ihr unklar, was der Dichter uns eigentlich sagen will, die theoretischen Überlegungen, die das Buch durchziehen, wirken für sie "aufgesetzt", die erzählerischen Passagen "disparat". Zudem hätte sie lieber mehr über das Leben der Menschen in der Calle Durban erfahren, als über den beschriebenen Tag, an dem im Grunde nichts geschieht.

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