Die invaliden Geschwister - Bondy, Egon

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Besprechung von 31.10.2000
Die fröhlichen Riten der Rentner
Underground in Böhmen: Egon Bondys "Die invaliden Geschwister"

Egon Bondy ist eine Legende des Prager Underground. Auf dem Umschlagfoto des Romans "Die invaliden Geschwister" präsentiert sich der Autor trotz vorgerückten Alters mit entblößtem Oberkörper, halb Erlöser, halb Bauarbeiter. Solche Art Selbstdarstellung in Ecce-Homo-Manier hat bei ihm Methode. Wer etwa die Text- und Filmdokumente zum amour fou kennt, der Bondy eine Weile mit Milena Jesenskás Tochter Jana Krejcarová verband, der erinnert sich an eine ziemlich einzigartige Zelebration von Pathos, Obszönität und Protest.

Zbynek Fiser, so Bondys eigentlicher Name, stammt aus einer angesehenen Familie der ersten Tschechischen Republik. Die neuen Machthaber brüskierte Fiser damit, daß er unmittelbar nach seinem Eintritt in die KP - als Siebzehnjähriger im Jahre 1948 - aus ihr wieder austrat. Damit war Fisers berufliche Laufbahn schon vor ihrem Beginn ruiniert. Erst Ende der fünfziger Jahre, mit einsetzendem "Tauwetter", konnte er in Prag ein Philosophiestudium aufnehmen. Aber auch als Philosoph schlug Fiser, der sich seit jener Zeit aus Anti-Antisemitismus Egon Bondy nannte, den unorthodoxen Weg ein. Er schrieb eine Reihe von Büchern über fernöstliche Philosophie, mit denen er die tschechische Protestkultur der siebziger Jahre nachhaltiger beeinflußte, als es ihm mit der regimekritischsten Lesart von Marx und Lenin je gelungen wäre.

Wer "Die invaliden Geschwister" liest, einen wüsten Mix aus Satire, Märchen, Apokalypse und Eigenbau-Philosophie, bekommt eine Ahnung, woher die jungen Prager Wilden ihre Inspiration beziehen. Bondys Roman, der 1974 erschien, wenn auch bis zur Buchausgabe 1991 nur im Samisdat, hat in den Kreisen der "Plastic People of the Universe" die Runde gemacht. Bondy war ein Teil jener Dissidenz-Kultur, und deswegen kommt er in seinem Roman auch als Figur vor. Von einem Riesenfest ist einmal die Rede, und von einem Zelt, in dem es allerlei, und man darf annehmen, auch alkoholische "Erfrischungen" gab. Und weiter heißt es: "Über ihm aber flatterte ein großes Transparent mit der Aufschrift ,Bei Bondys Phantasie' und einer Zeichnung, auf der man den dicken Bondy sah, dem sein Bart ins Bier hing."

"Die invaliden Geschwister" sind kein wohlkonstruierter und leicht konsumierbarer Roman. Dafür ist "Bondys Phantasie" einfach zu phantastisch; sie verquickt, ganz so wie die Ornamente auf dem Pullover einer Romanfigur, "zahllose naive künstlerische Anachronismen" wie etwa "die gefiederte Schlange des Quetzalcoatl mit dem Logo der Firma Ford". Bondys Roman erzählt und zeugt von einer genuin böhmischen Hippie-Protestkultur, die gegen die Mächte des Sozialismus die Kräfte des Bunten in Stellung bringt. Der Roman entstand in einer Zeit, in der schon der Besuch von Rockkonzerten eine Anzeige wegen "Rowdytums" nach sich ziehen konnte.

Die Handlung spielt in einer fernen Zukunft, in der sich auf surreale Weise die tschechoslowakischen siebziger Jahre spiegeln. Die Welt im Jahre 2600 befindet sich "im Zustand fortgeschrittener Verwesung", und eigentlich erinnern nur noch ein paar Bierkneipen - in denen man freilich "synthetisches Urquell" trinkt - an die Zeit, die wir kannten. Inmitten eines ständig steigenden Abwassermeeres liegt Böhmen als Atoll, auf dem die Armeen der "Föderalen" und der "Allierten" miteinander im Krieg liegen. Beidseits sind die Streit- und Ordnungskräfte mit sogenannten "Defektion" bestückt, Menschen, die man daran erkennt, daß ihre "Äuglein" vor Dummheit blitzen. Die Inselwelt wäre vollends gleichgeschaltet, gäbe es nicht die "invaliden Rentner" mit ihren Riten.

An den Rentnern ist nichts alt und nichts invalide; sie sind einfach nur nutzlos und stolz darauf. Manchen Invaliden hat Bondy fiktive Namen gegeben - "Hafis", "Roi Soleil", "der Algerier" -, andere sind einfach sie selbst. Der Literaturkritiker Lopatka ist der Literaturkritiker Lopatka, der Künstler Vladímirek ist Bondys und Hrabals Freund Vladimír Boudnik, Bondy ist Bondy und die "Cousine" seine Frau. So funktioniert das Buch auch als Schlüsselroman über "eine spezifische soziale Institution" und ihre Protagonisten.

Die "invaliden Geschwister", das sind gemäß der Auflösung, die der Roman am Ende selbst liefert, Bondy und seine Frau Julia. Im Roman heißen sie mal "A." und "B.", mal "Cousin" und "Cousine"; sie hätten "bekanntlich denselben Vater, aber verschiedene Mütter" gehabt, heißt es an einer Stelle. Das Wort "bekanntlich" sagt etwas aus über die Wirkungsbedingungen des Romans: Er ist für Bekannte geschrieben, die sich in den sanft anarchistischen Umtrieben der Invaliden unschwer wiedererkennen konnten. Der externe Leser, auch wenn er kein "Defekter" ist, ist in diesem dissidentischen Verweisungssystem ein wenig verloren. Aber dann fühlt er sich auch wieder sehr nachdrücklich integriert, und zwar durch die fast mystische Kommunikationstheorie, die en passant die Cousine entwickelt. Und zwar in dem Moment, als sie darüber nachdenkt, ob sie eine "Interruptionspille" nehmen oder das gemeinsame Kind austragen soll. "Bei all der Verantwortung", faßt sie ihre Überlegungen zusammen, "muß ich bedenken, daß ich nicht für mich allein da bin . . . Ich bin eine Kommunikation - was hab ich doch für einen ulkigen Wortschatz! - ich bin ,eine Kommunikationsbahn', über die auf eine möglichst vollkommene Art - ja, was denn? - von Gnade? - eines Geschenks mit einem anderen? - die Verbindung von allem mit allem? - geführt werden soll." Ist es Buber? Ist es Luhmann? Es ist jedenfalls eine Art Frohbotschaft, die Bondy am Ende seines beschwingt düsteren Romans verkündet. Ein Kind ist uns geboren, es wird Teresa heißen, und auf seiner Taufe wird hoffentlich "Egon Bondys Happy Hearts Club Band" spielen.

CHRISTOPH BARTMANN

Egon Bondy: "Die invaliden Geschwister". Roman. Aus dem Tschechischen übersetzt von Mira Sonnenschein. Elfenbein Verlag, Heidelberg 1999. 237 S., geb., 38,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

In einer Kurzrezension weist der Autor mit dem Kürzel "nah." darauf hin, dass dieser Roman in der Zeit der "Normalisierung" in der Tschechoslowakei, also in den Jahren nach 1968, im Samisdat erschien. Bondys Endzeitvisionen scheinen den Rezensenten fasziniert zu haben. Bondy biete hier ein "Höchstmaß an Absurdität".

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