Die gestrige Angst. Deutsche und Tschechen - Nachbarschaft in der Mitte Europas. Ein autobiografischer Essay. Mit einem Geleitwort von Vaclav Havel - Josef Skrabek
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Produktdetails
  • Verlag: Neisse Verlag
  • ISBN-13: 9783934038615
  • ISBN-10: 3934038611
  • Artikelnr.: 20901326
Rezensionen
Besprechung von 08.05.2007
Böhmischer Drachenstich
Josef Skrábek fühlt sich in das tschechisch-deutsche Verhältnis ein

Zu den untrüglichen Anzeichen historischer Katastrophen gehört der Auftritt von Bewaffneten, die ihre Zivilkleidung mit Uniformbestandteilen ergänzen. In der Tschechoslowakei war dies 1918, 1938 und 1945 der Fall; zweimal hat es der 78 Jahre alte Josef Skrábek miterlebt. Der Sohn einer katholischen deutschen Schneiderin und eines kommunistischen tschechischen Postbeamten ist in jenem Teil Böhmens aufgewachsen, das die einen als "Sudetenland", die anderen als "Grenzland" bezeichnen, und das bis 1945 überwiegend deutsch besiedelt war. Skrábek war zehn Jahre alt, als es eines Abends heftig an der Haustür im egerländischen Waltsch klopfte und drei Männer hereinstürmten. Sie trugen Armbinden mit dem Hakenkreuz, einer hatte sich gerade erst das braune Hemd in die Reithose gestopft. Der Familie wurde befohlen, zur Begrüßung der Wehrmacht Bilder Hitlers und Konrad Henleins ins Fenster zu stellen und die Reichsflagge zu hissen. So hat der Autor die Annexion des Sudetenlandes an Hitler-Deutschland nach dem Münchener Diktat erlebt.

Mit siebzehn, während des Prager Aufstandes im Mai 1945, patrouillierte er dann selbst in einem Leinenanzug aus Rommels Afrikacorps, einem Wehrmachtshelm und einer Armbinde mit der tschechoslowakischen Trikolore. Er war, schreibt Skrábek offen, damals glücklich darüber, dass die Deutschen nun "erschrocken, erniedrigt und unglücklich waren" - und er empfand später doch Beklemmung, als die Waltscher Deutschen das Dorf verließen, "als ich das Knarren eisenbereifter Bauernfuhrwerke hörte, dazu das dumpfe Geräusch von Schritten vieler Menschen".

Skrábeks Buch trägt den Untertitel "Ein autobiographischer Essay". Das ist es auch, zumindest in den kursiv gedruckten Abschnitten, die er "Geschichte persönlich erlebt und durchlitten" nennt. Aber der fast fünfhundert Seiten starke Band ist weit mehr als ein Erinnerungsbuch. Er ist auch eine Collage von Auszügen aus historischen Untersuchungen, aus Dorfchroniken und Augenzeugenberichten, aus geschichtsphilosophischen Überlegungen über das Wesen von Sprachen, Nationen und geographischen Nachbarschaften, aus kulturkritischen Rück- und Ausblicken sowie Erörterungen religiöser und moralischer Natur. Unter anderem äußert sich Skrábek zur Reconquista und zur Französischen Revolution, zu Russen und Deutschen, zu den unterbewussten Folgen von Sex und Gewalt im Fernsehen und sogar zur Zucht von Kampfhunden.

Es ist ein gewaltiger Rundumschlag, in dessen Zentrum das Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen und ihr jeweiliger Schuldanteil an der böhmischen Katastrophe stehen. In der tschechischen wie in der sudetendeutschen Memoirenliteratur mangelt es nicht an Büchern, in denen versucht wird, persönlich Erlebtes mit einer Auswahl aus Geschichtsquellen und historischen Studien unterschiedlichster Art zu kombinieren und zu konfrontieren, um das Subjektive im Objektiven aufgehen zu lassen. Noch keiner aber hat sich die eigene und die böhmische Geschichte so innig und ausführlich vom Leib geschrieben wie Skrábek.

In einem Vorwort empfiehlt dieses Buch kein Geringerer als Václav Havel persönlich "jedem, der gründlicher und ohne Vorurteile Aufschluss und Belehrung über unsere gemeinsame Geschichte finden möchte". Es eignet sich jedoch nicht sonderlich für den Leser, der sich zum ersten Mal mit dem "böhmischen Knoten" befasst und dementsprechend noch auf Systematik und Überblick angewiesen ist, denn der assoziative Reichtum und die metahistorischen Exkurse des Autors könnten ihn überfordern. Skrábeks ideale Leser sind hingegen die sudetendeutschen und tschechischen Habitués des deutsch-tschechischen Dialogs, in dem Ereignisse, Themen und Persönlichkeiten leitmotivisch ineinander verwoben sind, während Faktum gegen Faktum, Selektion gegen Selektion und Interpretation gegen Interpretation in einer Endlosschleife kontrapunktisch abgearbeitet werden. Es liegt in diesem Buch ein umfassendes, kommentiertes Kompendium der Themen des deutsch-tschechischen Dialogs vor, das - da diese Themen ja bekanntlich nicht außer Streit stehen - dazu bestimmt ist, selbst wieder im Rahmen dieses Dialogs zitiert und zerpflückt zu werden.

Skrábek bemüht sich, beiden Seiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Motiviert hat ihn die Erfahrung, dass Sudetendeutsche und Tschechen nicht wissen oder übersehen, was andere Tschechen und andere Sudetendeutsche einst der jeweils anderen Seite angetan haben. Manchem deutschen Leser wird es nicht gefallen, wie er die demokratische Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit beschreibt. Er könnte sich am Verständnis stoßen, das der Autor für Präsident Edvard Benes zeigt, oder daran, dass Skrábek den kommunistischen Wahlsieg von 1946 weniger auf die politische Neigung der Wähler als auf gleichzeitige sowjetische Truppenkonzentrationen an der Grenze zur Tschechoslowakei zurückführt. Für tschechische Grenzland-Aktivisten wiederum enthält das auf Tschechisch vor vier Jahren erschienene Buch ausführliche und eindringliche Schilderungen des Vertreibungsgeschehens, die sie nur sehr ungern zur Kenntnis nehmen. Es könnte auch anders gehen, meint Skrábek, und führt als positives Beispiel den Further Drachenstich an, ein seit der Hussitenzeit tradiertes Spektakel, in dem ein aus dem Böhmerwald vordringender, feuerspeiender Drache, der das Böse symbolisiert, mit einer Lanze erlegt wird. Furth hat die Richtung geändert, aus der der Drache über die Stadt kommt, "um keine antitschechischen Emotionen hervorzurufen".

KARL-PETER SCHWARZ

Josef Skrábek: Die gestrige Angst. Deutsche und Tschechen - Schwierige Nachbarschaft in der Mitte Europas. Ein autobiographischer Essay. Mit einem Geleitwort von Václav Havel. Neisse Verlag, Dresden/Brno 2006. 495 S., 28,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Tief beeindruckt ist Karl-Peter Schwarz von Josef Skrabeks Buch über das schwierige Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen. Das Buch ist für ihn weit mehr als ein "autobiographischer Essay", wie sein Untertitel lautet. Er findet darin Auszüge aus historischen Untersuchungen, Dorfchroniken, geschichtsphilosophischen Überlegungen über das Wesen von Sprachen, Nationen und geographischen Nachbarschaften, aus kulturkritischen Rück- und Ausblicken sowie Erörterungen religiöser und moralischer Natur. Kurz: Er sieht darin einen "gewaltigen Rundumschlag", der sich grundlegend mit dem Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen und der jeweiligen Schuld auseinander setzt. Dabei unterstreicht er Skrabeks Bemühungen, beiden Seiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sowohl Sudendeutsche als auch Tschechen werden darin Passagen finden, die sie nicht gerne lesen werden. Schwarz will nicht verhehlen, dass es sich um ein überaus anspruchsvolles Werk handelt. Lesern, die sich zum erstem Mal mit dem "Böhmischen Knoten" befassen, kann er das Buch nicht unbedingt empfehlen.

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