Die gestohlene Unschuld - Tillion, Germaine
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"Die gestohlene Unschuld" versammelt erstmals zentrale Texte von Germaine Tillion, die aus den verschiedenen Phasen ihres Lebens stammen: über ihre Arbeit als Ethnologin in Algerien zwischen 1934 und 1940, über Widerstand, Gefängnisaufenthalt und Deportation, über ihr Engagement in Frankreich nach 1945 sowie über ihre Rückkehr nach Algerien in den 1950er Jahren…mehr

Produktbeschreibung
"Die gestohlene Unschuld" versammelt erstmals zentrale Texte von Germaine Tillion, die aus den verschiedenen Phasen ihres Lebens stammen: über ihre Arbeit als Ethnologin in Algerien zwischen 1934 und 1940, über Widerstand, Gefängnisaufenthalt und Deportation, über ihr Engagement in Frankreich nach 1945 sowie über ihre Rückkehr nach Algerien in den 1950er Jahren
  • Produktdetails
  • Verlag: Aviva
  • 1. Aufl.
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: 29. April 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 128mm x 35mm
  • Gewicht: 495g
  • ISBN-13: 9783932338687
  • ISBN-10: 3932338685
  • Artikelnr.: 41963066
Autorenporträt
Germaine Tillion (1907 - 2008) ist eine der bedeutendsten intellektuellen Persönlichkeiten Frankreichs, die maßgeblich an zentralen Ereignissen der deutsch-französischen und der franko-algerischen Geschichte im 20. Jahrhundert beteiligt war. Germaine Tillion arbeitete als Ethnologin in den 1930er Jahren in Algerien, engagierte sich 1940 im Widerstand gegen die Deutschen und wurde im Oktober 1943 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Auf der Grundlage ihrer Beobachtungen entstand nach dem Krieg in Frankreich die einzige wissenschaftliche Studie über Ravensbrück. Während des Unabhängigkeitskrieges kehrte Tillion im Auftrag der französischen Regierung nach Algerien zurück und hatte dort ein denkwürdiges und folgenreiches Treffen mit dem Chef der algerischen Befreiungsbewegung in Algier. Im Anschluss daran engagierte sie sich für die Unabhängigkeit Algeriens und gegen die Anwendung der Folter. In den 1960er und 1970er Jahren widmete sie sich vor allem der ethnographischen Erforschung der Situation der Frauen in Afrika. Parallel dazu mischte sie sich stets aktiv in das politische Zeitgeschehen ein. Höhepunkt ihrer Ehrungen wird ihre Überführung ins Panthéon sein, dem Tempel für die "Großen der Nation".

Der bulgarische Soziologe, Strukturalist und Philosoph Tzvetan Todorov, geboren 1939 in Sofia, emigrierte 1963 nach Paris, wo er mit Roland Barthes zusammenarbeitete. Nach Dozenturen in Paris und Yale ist er heute Forschungsleiter am Centre National de la Recherche Scientifique(CNRS) in Paris. Tzvetan Todorov ist Autor zahlreicher Bücher zu Literatur, Geschichte, Politik und Moral. Zu seinen sozialphilosophischen Werken zählen u.a.'Die Eroberung Amerikas' (1982) und 'Abenteuer des Zusammenlebens' (1995).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.05.2015

Was für eine Frau!
Germaine Tillion zwischen Résistance und Ethnologie

Germaine Tillion starb 2008 in hohem Alter in Paris. Ein Jahr zuvor hatte man zu ihrem hundertsten Geburtstag im Théâtre du Châtelet ein Stück von ihr, der Ethnologin und Sozialwissenschaftlerin, aufgeführt: "Le Verfügbar aux Enfers" (Der Verfügbar in der Unterwelt). Entstanden war diese Operetten-Revue 1944 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, geschrieben in einem Versteck in der Kleiderkammer, mit schwarzem Humor und genauem, durchaus ethnographisch geschultem Blick, auf Melodien von Offenbach und anderen. Die "Verfügbaren", das waren jene Häftlinge, die keinen bestimmten Arbeitsbereichen und -kolonnen zugeteilt waren und jederzeit für alle möglichen Arbeiten herangezogen werden konnten.

Als Widerstandskämpferin, gegen die zwar Anklage erhoben, die dann aber ohne Urteilsspruch im Oktober 1943 deportiert worden war, hatte Germaine Tillion zu dieser Gruppe von Häftlingen gehört. Sie überlebte das Lager, in dem Ende 1944 die Vergasungen begonnen hatten, denen auch ihre Mutter zum Opfer fiel; zwei Jahre später erschien ihr Buch über Ravensbrück in seiner ersten Fassung: keine Erzählung ihrer eigenen Erlebnisse, sondern zusammengesetzt aus den gleich nach der Befreiung eingeholten Zeugnissen und Berichten ihrer Mithäftlinge.

Die späteren Fassungen ziehen zuerst die Aussagen in den Ravensbrück-Prozessen und schließlich zugänglich gewordene Archivbestände heran, um Aufbau, Funktion und Regime des Lagers zu beschreiben. Erst in sie fügt Tillion explizit ihre eigene Geschichte ein, auch Ausschnitte ihrer "Revue". Aber das große, biographisch geprägte Projekt, das sie ab Ende der fünfziger Jahre für einige Zeit verfolgt, nämlich ihre Erfahrungen der Kriegsjahre in einem Buch zusammenzuführen mit ihren ethnographischen Arbeiten aus der Zeit vor und nach dem Krieg, bleibt letztlich liegen. Es sollte auch zeigen, dass sie erst mit dem Lager ihre "Lektion über die menschliche Natur wirklich gelernt" hatte; als äußerste Form der Einsicht, dass man eine Gemeinschaft erst wirklich kennt, wenn man in sie eintaucht und trotzdem die Distanz des nüchternen Blicks auf ihre Mechanismen übt.

Zum großen Teil aus den im Nachlass aufbewahrten Anläufen zu dieser nie erschienenen Darstellung hat Tzvetan Todorov vor sechs Jahren ein Buch zusammengestellt, das man als fragmentarische Autobiographie lesen kann. Jetzt sind diese "Fragments de vie" auch auf Deutsch erschienen, rechtzeitig zum symbolischen Einzug Germaine Tillions ins Panthéon.

Man kann an ihnen entscheidende Etappen auf dem Weg dieser eindrucksvollen Frau verfolgen, die Marcel Mauss zur Ethnographie gebracht hatte: von den jahrelangen Aufenthalten bei Berbergemeinschaften in Algerien von 1934 an zur Arbeit im Widerstand, die sie gleich nach dem deutschen Einmarsch im Sommer 1940 in Paris aufnimmt; von der Verhaftung aufgrund eines Verrats zwei Jahre später und der Deportation nach Ravensbrück zur Arbeit am Buch über das Lager und die Dokumentation der Deportationen; von ihrem Engagement im Rahmen der "Internationalen Kommission gegen das Konzentrationslagersystem" zu ihren neuerlichen Aufenthalten in Algerien ab Mitte der fünfziger Jahre, wo sie weitgehend vergeblich gegen die Verschärfung der kolonialen Konflikte ankämpft und sehen muss, wie sich im ausweglosen Algerien-Krieg Terror und Gegenterror aufschaukeln - und es nun zum Entsetzen der Patriotin ihre Landsleute sind, die foltern und Geiseln morden, während sie die Gegenwehr der Befreiungsfront an die Résistance gegen die deutsch

Es sind Schilderungen, die sich nie zum Pathos verführen lassen, nicht zu Theorien abheben, sondern allenfalls erfahrungsgesättigte Maximen anbieten, die aber dann umso mehr Gewicht haben: über das, was sich von Menschen erwarten lässt, im Guten wie im Bösen. Noch in den vierziger Jahren war Germaine Tillion wieder in Deutschland.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Geneviève de Gaulle-Anthonioz, wie sie selbst nach Ravensbrück deportiert, entlastete sie zwei Aufseherinnen des Lagers gegenüber falschen Vorwürfen von Häftlingen, die dann doch nicht zur Einvernehmung anreisten. Was Geneviéve de Gaulle-Anthonioz und sie selbst davor bewahrte, so formulierte es Tillion im Rückblick, "mit zwei echten Deportierten um das Leben von zwei echten Nazi-Furien kämpfen zu müssen". Man zweifelt nicht daran, dass sie es notfalls getan hätten, weil es nun einmal um die Wahrheit ging.

Am heutigen Mittwoch werden Germaine Tillion und Geneviève de Gaulle-Anthonioz, die sich nach 1945 große Verdienste im Einsatz für die Menschenrechte erwarb, als zweite und dritte Frau nach Marie Curie für ihr Lebenswerk mit der symbolischen Überführung ins Panthéon geehrt.

HELMUT MAYER.

Germaine Tillion: "Die gestohlene Unschuld". Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie.

Aus dem Französischen und mit einer Einführung von Mechthild Gilzmer. Auswahl und Nachwort von Tzvetan Todorov. Aviva Verlag, Berlin 2015. 330 S., geb., 22,- [Euro].

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