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Gustavo Sánchez hat eine Mission: Jeder seiner hässlichen Zähne muss ersetzt werden. Glücklicherweise ist er Auktionator - der weltbeste Auktionator -, was ihm dabei hilft, Geld für die neuen Zähne zu sammeln. Dabei entdeckt er, dass es entscheidend ist, die Objekte, die er anbietet, mit Geschichten auszustatten. Das steigert ihren Wert immens. Auch wenn er noch ein paar andere Fähigkeiten besitzt, die ihm Geld verschaffen: Nach zwei Gläsern Rum kann er Janis Joplin imitieren, Glückskekse deuten und wie Christopher Kolumbus ein Hühnerei auf den Tisch stellen und beim Schwimmen den Toten Mann…mehr

Produktbeschreibung
Gustavo Sánchez hat eine Mission: Jeder seiner hässlichen Zähne muss ersetzt werden. Glücklicherweise ist er Auktionator - der weltbeste Auktionator -, was ihm dabei hilft, Geld für die neuen Zähne zu sammeln. Dabei entdeckt er, dass es entscheidend ist, die Objekte, die er anbietet, mit Geschichten auszustatten. Das steigert ihren Wert immens. Auch wenn er noch ein paar andere Fähigkeiten besitzt, die ihm Geld verschaffen: Nach zwei Gläsern Rum kann er Janis Joplin imitieren, Glückskekse deuten und wie Christopher Kolumbus ein Hühnerei auf den Tisch stellen und beim Schwimmen den Toten Mann machen. Das Geschichtenerzählen aber entwickelt er zur Meisterschaft. Und die Sammlung seiner Zähne berühmter Menschen kann sich sehen lassen: von Plato zu Plutarch, Michel de Montaigne, Virginia Woolf und Enrique Vila-Matas. Sanchez aber will die von Marilyn Monroe ... Valeria Luiselli hat mit der Geschichte meiner Zähne ein Buch über den kreativen Prozess, den Wert von Kunst, den Kult um literarische Berühmtheiten geschrieben, eine herrliche Mixtur aus Erinnerung, Erfindung und autobiografischer Reflexion, in deren Zentrum ein Mann mit einem »Mund voller Horror« steht. Eine exzentrische, ganz und gar außergewöhnliche Geschichte, die die Konvention der literarischen Genres sprengt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
  • Best.Nr. des Verlages: 14092
  • Seitenzahl: 190
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 2016. 192 S. 197 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 131mm x 22mm
  • Gewicht: 284g
  • ISBN-13: 9783956140921
  • ISBN-10: 3956140923
  • Best.Nr.: 44189776
Autorenporträt
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko City, schreibt für Magazine und Zeitungen wie Letras Libres und die New York Times. Sie arbeitet als Lektorin, Journalistin und Dozentin und lebt in Mexico City und New York.
Rezensionen
Besprechung von 14.07.2016
Ein Königreich für ein Gebiss
Valeria Luisellis "Geschichte meiner Zähne" erzählt sprachlich elegant und mit funkelnder Phantasie von einem Hochstapler aus Verzweiflung

Jede Zeit hat ihre Zahnkultur, jeder Mensch seine eigene Zahngeschichte, und beide sind bestimmt von Schmerz und Disziplin. Ob geklammert, gebohrt, verplombt, überbrückt, geschrubbt oder gebleicht - weiß müssen die Beißer sein und stramm in Reih und Glied stehen. Zähne sind mehr als nur ein Wohlstandsindikator, sie sind schmelzgewordener Personalausweis: Sag mir, wie du beißt, und ich sag dir, wer du bist. Das musste schon der Sonnenkönig, Ludwig XIV. schmerzvoll einsehen, der sich von seinem Hofarzt Daquin überzeugen ließ, dass es keinen gefährlicheren Infektionsherd gebe als die Zähne. Und dass es der Glorie eines Königs widersprechen würde, etwas so Vulgäres wie Zähne zu tragen. Alle wurden sie ihm gezogen. Und man munkelt, dass die nicht immer astreine Atmosphäre um Ihre Majestät etwas damit zu tun hatte, dass er sein Essen nur schlingen, nicht mehr kauen konnte.

Doch es geht doch gar nicht um einen König in Valeria Luisellis "Die Geschichte meiner Zähne", könnte man einwenden, sondern um den gänzlich unbekannten Gustavo Sánchez Sánchez, der in Mexico City ein Schattendasein fristet. Das stimmt zwar, aber erstens steckt auch Gustavos Zahngeschichte voller Kuriositäten. Zweitens wird er mit Dentis connatis geboren. Das heißt, er kommt mit vier vollständig entwickelten Milchzähnen auf die Welt. Ein seltenes Schicksal, das man auch Ludwig XIV. zuschreibt (die Geburt mit damals sogenannten Hexenzähnen dürfte die Ängste seines Doktors befeuert haben). Und drittens regiert der Erzähler wie ein Alleinherrscher über seine romangewordene Autobiographie, was ihn dazu verführt, die Grenze zwischen Sein und Schein verschwimmen zu lassen.

Mit "Ich bin der beste Auktionator der Welt" läutet er seine Lebensgeschichte ein. Nicht von der Hand zu weisen, dass sein Spitzname "Carretera", die Autobahn, mit seiner Großspurigkeit in Verbindung stehen könnte. Zwischen der Tristesse des kleinen Mannes und erzählerischer Selbstroyalisierung bewegt sich die gesamte Dentographie. Gustavo ist eine Schattenmajestät, der im Gegensatz zum Sonnenkönig seine Zähne unbedingt loswerden möchte. Mit acht Jahren verfügt der Junge über den kompletten Satz zweiter Zähne: "Breit wie Paddel", zeigen sie "alle in eine andere Richtung". Was macht man mit solchen Zähnen? Man hält den Mund, versucht, nicht aufzufallen, und träumt von einer Komplettsanierung der Beißleiste. Ein Königreich für ein Gebiss.

Gustavo arbeitet sich geduldig vom Sicherheitsniemand zum Auktionator nach oben. Entgegen seiner früheren Schüchternheit entwickelt er ein außergewöhnliches Talent, Objekte jeder Art an den Mann zu bringen. Und eines Tages ersteigert - und man darf das nicht nur glauben, man muss das unbedingt glauben - er das Gebiss von Marilyn Monroe. Dass die Zähne leicht angegilbt sind, verstärkt nur ihre Aura. Gustavo lässt sich das Gebiss implantieren. Und siehe da, das Lächeln der Diva steht ihm perfekt. Manche Lügen haben lange Beine. Manche haben dazu noch volle Lippen. Und wenn die sich zu einem betörenden Lächeln öffnen, geben sie den Blick auf Monroesche Zahnreihen frei. Immer turbulenter geht es zu, bis alles in die Produktion und Versteigerung des finalen Kleinods mündet, das der große Auktionator Gustavo seinem Publikum anpreist: "Die Geschichte meiner Zähne" selbst. Daher strukturiert sich die Autobiographie auch nach den fünf Erfolgsrezepten des Auktionators, deren gemeinsamer Nenner sich auf die Formel bringen lässt: Hauptsache, exzentrisch.

Nach diesem Gesetz löst sich auch die Handlung auf. Als würde eine Seifenblase, wenn man sie zersticht, nicht etwa platzen, sondern sich zu Hunderten neuen Blasen formieren, aus denen sich aufs Neue Bläschen bilden. Als solche Miniaturen stehen absurd untertitelte Bilder, merkwürdige Sentenzen und befremdliche Anekdoten nebeneinander funkelnd im Roman: "Mario Levrero hatte einen miesen Monat hinter sich. Der September ging zu Ende, und er hatte keine einzige Lebensversicherung verkauft. Es war, als fürchte keiner mehr den Tod. Als er am Freitag sein Büro in der kleinen Firma ,Allzeit versichert' verließ, machte er sich zu der Baumschule von Don Alejandro Zamba Infantas auf und kaufte einen Bonsai. Er fühlte sich derart klein, dass er sich an einem Ast dieses winzigen Baumes erhängte. Er scheiterte nur knapp." Solche drastische Zärtlichkeit ist ein Charakteristikum der 33 Jahre alten Valeria Luiselli, die längst keine Unbekannte mehr ist. Ihr Romandebüt "Die Schwerelosen" avancierte zum internationalen Erfolg, was vor allem an der Erzählerin dieses in Mexico City und New York spielenden Romans liegt, die ein unbändiges Freiheitsgefühl ausstrahlt wie vor ihr vielleicht nur Holly Golightly in Truman Capotes "Breakfast at Tiffany's". Es soll Leser gegeben haben, die bereit waren, nach Mexiko zu reisen, um die Erzählerin zuerst aus den Fängen ihres eigentlich netten Ehemannes zu befreien, um dann auch nur eine Nacht mit ihr in ihr vorheriges Leben in New York einzutauchen. Diesem Luiselli-Sog kann sich auch Cees Noteboom nicht entziehen, wenn er im Nachwort zu Luisellis Erzählungen "Falsche Papiere" schwärmt, wie schön es sei, mit ihnen durch Venedig zu streifen. Wenn das Erzählte doch nur keine Fiktion wäre.

Luiselli hat in ihrem neuen Roman keinen Hauch ihrer sprachlichen Eleganz und keinen Funken ihrer überbordenden Phantasie verloren. Einzig ihr Ton wirkt im Vergleich mit der sanften Sehnsucht des Debüts eine Nuance distanzierter und härter. Ihr stilistisches Charisma besteht - dank der lakonisch treffenden Übersetzung von Dagmar Ploetz auch im Deutschen - darin, hochkomplexe Szenarien in einfache Sätzen zu binden.

Die triste Atmosphäre in Carreteras Elternhaus, die für die verletzliche Seite des Großsprechers verantwortlich ist, bündelt Luiselli in drei Sätzen und einer szenischen Miniatur: "Mutter war darin geübt, Dreck als Schicksal anzunehmen", lautet die nüchterne Ausgangssituation, die in zwei Kontraste übergeführt wird: Dreck und Waschen, Mutter und Vater. "Mutter wusch fremde Wäsche. Vater wusch sich nicht mal die eigenen Hände." Daraufhin sieht man den Vater, wie er sich seine Nägel abkaut, um sie - geschickt den Windzug des Ventilators nutzend - im hohen Bogen auf dem Hausaufgabenheft seines Sohnes landen zu lassen. Die abgründige Traurigkeit des späteren Auktionators ist in diese Beschreibung ebenso gefasst wie der Wille, sich mit Hilfe von Schwindelei, Übertreibung und Exzentrizität über sie zu erheben.

Anders als Felix Krull ist Carretera kein Hochstapler aus Gewohnheit, sondern aus tiefster Verletzlichkeit. Luisellis Erzählung schlägt vergnügliche Purzelbäume in der Luft, verfolgt zugleich aber ein nachhaltiges Erkenntnisinteresse. Es geht ihr um die Frage nach dem Wert der Dinge. Die Hochstapelei dient dem Mängelwesen Mensch, der sich mit Monroes Lächeln zum Prothesengott aufschwingt, dazu, sich wenigstens der eigenen Lebensgeschichte zu ermächtigen. Gustavo ist von der Selbstoptimierung getrieben. Deshalb passt auch der Beruf des Auktionators zu ihm. Geht es doch dort darum, den Wert der Dinge durch gekonntes Erzählen über die Warenqualität und den Gebrauchswert zu steigern.

Valeria Luiselli spielt die Wertfrage auf allen Ebenen ihres Textes und mit unterschiedlichen Techniken durch. Deshalb tragen ihre Figuren die Namen berühmter Dichter und Persönlichkeiten. Wenn beispielsweise Carreteras Sohn gegen die Lügen seines Vaters vorgeht, erhält sein Handeln eine andere Dimension, da er ausgerechnet den Namen Ratzinger trägt. Ökonomie und spielerisches Vergnügen kommen in dieser wunderbar exzentrischen Zahngeschichte zusammen.

CHRISTIAN METZ.

Valeria Luiselli: "Die Geschichte meiner Zähne". Roman.

Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Verlag Antje Kunstmann. München 2016. 191 S., geb., 18,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

"Naseweis" nennt Judith von Sternburg Valeria Luisellis Geschichte von Gustavo Sánchez Sánchez, der, um sich seine eigenen Zähnen richten lassen zu können, die Gebisse großer Dichter und Denker versteigert. Aber Sternburg scheint das nicht negativ zu meinen, an anderer Stelle attestiert sie dem Anspielungsreichtum der Geschichte sogar eine "skrupellose Reichweite": Luiselli lässt in ihrem gewitzten Spiel um Geschäft, Geist und Kultur Mexiko zum Nabel der intellektuellen Geschichte werden, alle Figuren tragen die Namen berühmter Persönlichkeiten (Hegel, Sartre, Primo Levi), Fiktion und Ideengeschichte werden wie von kubanischen Tabakdreherinnen in eine einzige Erzählung gewickelt. Sternburg gefällt die Keckheit der Autorin. Kluge Ideen können doch auch einfal mal "aus reinem Jux" geboren werden, meint Sternburg und erkennt in Luiselli die Tochter von Fischli und Weiß.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 20.07.2016
Wenig zu beißen
In ihrem Roman „Die Geschichte meiner Zähne“ betreibt Valeria Luiselli offensives Recycling der Literatur aus der Arbeitswelt
Was macht die Relevanz einer Geschichte aus, was den Wert eines Kunstwerks? Im Vergleich zur bildenden Kunst hat die Literatur einen großen Vorteil: Als Kapitalanlage taugt sie nicht. Wofür aber dann? Die 1983 in Mexiko City geborene und in New York lebende Schriftstellerin Valeria Luiselli begibt sich mit ihrem neuen Buch auf eine Gratwanderung. Sie balanciert zwischen den Künsten und versucht, den unterschiedlichsten Anforderungen gerecht zu werden. Hoch bewusst und ästhetisch raffiniert ist ihr Buch ein Spiel mit der literarischen Tradition und zugleich eine Auftragsarbeit.
  Die in einem Vorort von Mexiko City gelegene Jumex-Galerie, deren Vermögen aus der Vermarktung von Fruchtsäften stammt, bat die Schriftstellerin vor drei Jahren um einen Beitrag für einen Ausstellungskatalog. Es sollte um „Brücken“ gehen, wie sie im Epilog ihres Buches schreibt, um Brücken zwischen Vorort und City, zwischen Fabrik und Galerie, der Welt der Arbeit und der Welt der Kunst. Man könnte auch sagen, zwischen einem Leben, das keine großen Sprünge erlaubt, und frei flottierendem Kapital.
  Valeria Luiselli wollte diejenigen beteiligen, die den Profit erwirtschaftet haben, aus dem die Sammlung entstanden ist. Also regte sie die Arbeiter an, aus ihrem Leben zu erzählen. Das mutet auf den ersten Blick wie eine lateinamerikanische Variante der Literatur der Arbeitswelt an, wie sie in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der Bundesrepublik praktiziert wurde.
  Aber wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Die Schriftstellerin musste nicht in den Betrieb, um sich dort anzuhören, was die Arbeiter auf dem Herzen haben. Sie ließ die Gespräche einfach aufnehmen, um die MP3-Datei am heimischen Schreibtisch in New York auszuwerten. Aus dem Material bastelte sie einen munteren Text und spickte ihn mit literarischen Anspielungen. Den schickte sie in wöchentlichen Lieferungen zurück nach Mexiko City, wo ihn sich die Arbeiter gegenseitig vorlasen. Was sie im Anschluss beredeten, wurde wiederum aufgezeichnet und in New York einer weiteren Bearbeitung zugeführt.
  Dagmar Ploetz hat „Die Geschichte meiner Zähne“ als drittes Buch der Autorin aus dem Spanischen in ein lebhaftes Deutsch gebracht. Der Leser hält also womöglich eine große Sache in Händen: eine Wiederbelebung des Fortsetzungsromans, wie ihn Balzac und Dickens prägten, mündlich vitalisiert durch die ebenfalls im 19. Jahrhundert ersonnene kubanische Tradition, den Arbeitern in den Tabakfabriken zur Unterhaltung vorzulesen. Aber merkt er das auch? Hat er beim stillen Lesen den Eindruck, am Vergnügen beteiligt zu sein, das Autorin und Arbeiter teilten? Oder kommt er sich vor wie das letzte Glied einer Verwertungskette?
  Tatsächlich betreibt Valeria Luiselli offensives Recycling. Das ist ihr ästhetisches Programm. Ihr Erzähler, der den Namen Gustavo Sánchez Sánchez und den Spitznamen Carretera (Straße) trägt, formuliert das folgendermaßen: „Ich bin so etwas wie ein Sucher im Müll. Aber mit Klasse. Ich siebe aus, entdecke. Ich aromatisiere, säubere und desinfiziere. Kurzum, ich recycle.“ Das hilft ihm gegen die „Angst vor der Irrelevanz“. Und es ist natürlich auch das Programm der fortgeschrittenen Moderne.
  Die Grundpfeiler des Plots sind schlicht, aber witzig. Carretera hat scheußliche Zähne, krumm und breit wie Paddel. Und da er mit seiner ersten Ehefrau nicht zufrieden ist, braucht er ein neues Gebiss, um wieder auf Brautschau zu gehen. Doch wie soll er es bezahlen? Zunächst will er ein Buch schreiben. Er hat gehört, das sei lukrativ. Doch dann erfährt er, dass ein Kollege aus der Saftfabrik, für die er seit Jahren arbeitet, als Auktionator reich geworden ist. Also tut er es ihm nach. Von Bratislava bis Tokio verscherbelt er Gegenstände, seine Verkaufsmethoden bildet er rhetorischen Figuren nach. Bald hat er sich ein neues Gebiss erwirtschaftet. Und es ist nicht irgendein Gebiss: Es stammt aus dem Mund von Marilyn Monroe.
  Seine Arbeit als Wachmann in der Saftfabrik scheint vor allem aus dem Absolvie-ren von Kursen zu bestehen. Von Erster Hilfe über die Kontrolle von Angstzuständen bis hin zu Seminaren über Neurolinguistisches Programmieren hat er alle durchlaufen. In einem Tanzseminar lernte er seine erste Frau kennen und gleich auch drei weitere Frauen, die er eine nach der anderen heiratet. Sein Sohn aus erster Ehe heißt Ratzinger. Kaum ist er erwachsen, foltert er den Vater mit einer Multimedia-Performance. In Endlosschleife führt er ihm Clownsbilder vor und befeuert dessen größte Angst: zum gedemütigten Clown zu werden, den keiner mehr ernst nimmt.
  Valeria Luiselli würzt ihren Plot mit bekannten Eigennamen, von Euripides und Plinius bis zu Daniil Charms, Dostojewski und Ludwig Wittgenstein. Mit den historischen Personen haben sie allerdings nichts gemein. Gerne firmieren sie als Onkel des Erzählers oder als Nachbar (wie „Julio Cortázar“), als Fotograf und Hilfspolizist (wie „Winifredo G. Sebald“) oder gar als entlassener Kassierer der Spar-Apotheke, der ausgerechnet den Namen „Primo Levi“ erhält. Die Komik dieses Eigennamen-Potpourris wirkt arg forciert. Erstaunlicherweise bekommen die Namen gerade durch das Fehlen der Referenz etwas seltsam Degoutantes: Sie werden zu Gesten literarischer Aufwertung. Die Versteigerung von Philosophen-Gebissen in einem Altersheim hat dagegen echten Witz. Denn die Porträtierten bleiben kenntlich, etwa Montaigne im Kontrast von sprachlicher Raffinesse und Ungeschicklichkeit in Alltagsdingen.
  „Die Geschichte meiner Zähne“ ist ein Spektakel des Fake. Während sie ihren komischen Kauz über Attraktivität, Vitalität, Sexualität und Erzählen sinnieren lässt, bedient sich Valeria Luiselli nicht nur bei Jorge Luis Borges und Lewis Carroll, sondern auch beim Hyperrealismus eines Jean Baudrillard. Am Ende hofft man, auch die Einladung der Galerie Jumex möge ein Fake sein. Dann wäre der Ernst, mit dem sie in ihrem Epilog von einem „Produkt der Zusammenarbeit“ spricht, eine Persiflage auf das obszöne Zusammenspiel von Kunst- und Finanzmarkt.
  Wahrscheinlich aber ist der Epilog wahrhaftig und damit ein weiteres Indiz dafür, dass der Diskurs, der sich um Kunstwerke bildet, immer mehr zu gedanklicher Willkür tendiert. Bekannte Namen, künstlerische Verfahren, kritische Posen, Theorien – alles kann gemixt werden, wenn es nur dem Ziel dient, Kunst als Geldanlage aufzuwerten. Für die Schriftstellerin, die das durchschaut, mag die Sache aufgegangen sein. Der Leser aber fühlt sich betrogen: als habe man ihm einen schweren Brocken zum Kauen hingeworfen, der sich als heiße Luft erweist.
MEIKE FESSMANN
Valeria Luiselli: Die Geschichte meiner Zähne. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Verlag Antje Kunstmann, München 2016. 192 Seiten, 18,95 Euro. E-Book 16,99 Euro.
Alles ist Fake in diesem Buch,
nur sich selbst scheint es dabei
erstaunlich ernst zu nehmen
Valeria Luiselli, geboren 1983, lebt als Lektorin, Journalistin und Dozentin in Mexico City und New York. Ihr Romandebüt „Die Schwerelosen“ wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Foto: fourandsixty
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