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Keine Erfindung des 20. Jahrhunderts hat die Welt so verändert wie das Auto. Sein erstaunlicher Triumphzug reicht weit über die Geschichte großartiger technischer Entwicklungen hinaus bis hin zur Entstehung einer hochgradig emotional besetzten Beziehung von Mensch und Maschine. Doch bislang fehlt die eine Geschichte, die den vielen Facetten dieser Jahrhunderterfindung gleichermaßen gerecht wird. Das Auto schrieb als Maschine Technikgeschichte, als Industrieprodukt Wirtschaftsgeschichte und als Transportmittel Verkehrsgeschichte. Es ist außerdem Gegenstand der Design-, Mode-und…mehr

Produktbeschreibung
Keine Erfindung des 20. Jahrhunderts hat die Welt so verändert wie das Auto. Sein erstaunlicher Triumphzug reicht weit über die Geschichte großartiger technischer Entwicklungen hinaus bis hin zur Entstehung einer hochgradig emotional besetzten Beziehung von Mensch und Maschine. Doch bislang fehlt die eine Geschichte, die den vielen Facetten dieser Jahrhunderterfindung gleichermaßen gerecht wird. Das Auto schrieb als Maschine Technikgeschichte, als Industrieprodukt Wirtschaftsgeschichte und als Transportmittel Verkehrsgeschichte. Es ist außerdem Gegenstand der Design-, Mode-und Mentalitätsgeschichte. Am Beginn dieser reich illustrierten Geschichte des Autos sehen wir kutschenähnliche Gefährte über holprige Wege rattern. Wir begegnen Erfindern, Abenteurern und Pionieren, verfolgen unglaubliche Geschichten wie den verbissenen Kampf um die Straße oder Rennen zwischen Flugzeug und Auto. Kurt Mösers Buc h öffnet den Blick für die oft überraschenden Wirkungen des Autos auf unsere Lebensbedingungen. Es wird deutlich, wie es vom bloßen Fahrzeug zum "Lebensgefährt" geworden ist. Gerade weil es so affektbesetzt ist, fährt es den Verfechtern vernunftorientierter Mobilitätskonzepte immer wieder davon.
Autorenporträt
Kurt Möser ist Konservator am Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim (zuständig für die Abteilung Verkehr mit Ausnahme Eisenbahn). Er lehrt an der dortigen Hochschule für Technik und Gestaltung Verkehrsgeschichte und ist wahrscheinlich der einzige Autohistoriker und Verkehrsexperte hierzulande, der es schafft, einen Benz "Velo" von 1893 in Gang zu kriegen und mit dessen Anforderungen fertig zu werden...
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.10.2002

Habe ich nicht auch so eine kuriose Kalesche besessen?
Kurt Mösers enzyklopädisches Autowissen / Von Niklas Maak

Der wichtigste Satz dieses Buches steht am Ende: Alle Überlegungen, "wie sich das Auto vernunftorientiert wieder zum Transportmittel machen lassen könnte, sind verfehlt, illusionär und naiv". Denn es geht, wie die "Geschichte des Autos" zeigt, nicht um Fortbewegung, sondern um Träume und Traumata, um Fluchtgedanken und Behausungswünsche: Im Stand ist der chromglänzende, hochmotorisierte Wagen das Versprechen des Aufbruchs in eine bessere, abenteuerliche Welt, in der es nur Fahrtwind im Haar, Küstenstraßen und einsame Wiesen gibt; in der Ferne ist das Auto ein tröstliches Stück Heimat, mit Ledersessel und Walnußholztäfelung - weswegen es nicht verwundert, daß Besitzer eines normalen Mittelklasseautos mehr Geld für die Lederausstattung ihres Wagens als für ihr Sofa daheim ausgeben und sogar das Handschuhfach noch für einen deftigen Aufpreis eine Zierkante aus Walnußholzsurrogat bekommt, als sei es das Nachtschränkchen neben dem Bett.

Autos sind das erfolgreichste und unvernünftigste Kulturprodukt der Moderne, und noch nie ging es bei ihnen um Fortbewegung allein. Es ging um Raserei, um das Gefühl individueller Freiheit und grenzenloser Verfügungsgewalt. Autofahrer der ersten Stunde empfanden beim Fahren ein asoziales Hochgefühl, das 1909 in der zufriedenen Bemerkung des Futuristen Marinetti gipfelt, die überfahrenen Hunde bögen sich "unter den heißgelaufenen Reifen wie Hemdkragen unter einem Bügeleisen".

Die meist weiblichen, halbnackten Kühlerfiguren auf der Haube stellten eine suggestive Verbindung zwischen Erotik und automobiler Enthemmung her, ein Glücksversprechen, das noch heute den Erfolg des Autos als Traummaschine garantiert: In Deutschland wird inzwischen pro Haushalt mehr Geld für Anschaffung und Unterhalt eines Autos als für Essen ausgegeben - das war noch in den sechziger Jahren anders. Mittlerweile arbeiten ganze Bataillone an Psychologen für die großen Autohersteller; allein Renault beschäftigt eine ganze Duft-Abteilung, in der die Wirkung von Lederduft und Plastikgeruch - jugendlich, edel, sportlich - optimiert wird. Das Autodesign ist längst jenseits aller rationalen Überlegungen mit Retro-Chic, Muscle-Cars und Blechbrüsten zur Hochburg symbolischer Formen geworden. Schon deswegen ist eine "Geschichte des Autos" nicht so langweilig, wie es der Titel und das räderlose Auto auf dem Buchcover suggerieren; sie zeigt die hemmungslose, unerklärliche Liebe und Mechanismen der Verführung zu einem Objekt, das letztlich überflüssig, umweltschädlich und asozial ist.

Kurt Möser, Konservator am Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, hat eine enzyklopädische Fleißarbeit vollbracht. In diesem Buch findet man von "Adorno" bis "Zweischachtelauto" fast alles im Register, was grob mit der Automobilgeschichte zusammengebracht werden kann. Zwar werden Liebhaber schneller Wagen und kulturgeschichtlich interessierte Leser einwenden, daß ein Autobuch mit mehr als 350 engbedruckten Seiten, in dessen Register "Alfa Romeo" und "Lamborghini" nicht zu finden sind, nicht ernsthaft gut sein könne - aber für diese Leser gibt es Ulf Poscharts sehr lesenswerte Kulturgeschichte des Sportwagens, erschienen unter dem Titel "Sportwagen" im Merve Verlag.

Anderswo liegt die Qualität von Mösers Buch: Es zeigt die Geschichte des Autos von den ersten Automobilen an, erzählt spannend von der "Entstehung eines Einheitstyps" - denn die alten De Dion-Boutons und die erfolgreichen Benz Velos, die immerhin zwölfhundertmal gebaut wurden und Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Idealtyp des Autos galten, hatten zwei gegenüberliegende Sitzbänke wie in einem Eisenbahnabteil; der Fahrer schaute den Fahrgästen ins Gesicht. Manchmal versperrten sie ihm auch den Blick. Aus heutiger Warte wirkt es unglaublich, daß man nicht gleich auf die Idee kam, die sich dann durchsetzte: Opel kaufte eine Lizenz des französischen Herstellers Darracq, der ein Auto erfunden hatte, in dem die Fahrgäste in zwei Reihen hintereinander, der Fahrer ganz vorne und alle in Fahrtrichtung saßen.

Weiter berichtet Möser von den Methoden, mit denen sich Automobilisten gegen steinewerfende Kinder und Bauern behaupteten; beim Versandhaus Stukenbrock konnte man Peitschen bestellen, mit denen sich aus dem fahrenden Auto heraus trödelnde Passanten und Querulanten vertreiben ließen; "Der Freiherr von Liebig fuhr nach einem Anschlag nur noch bewaffnet . . . Daß Tesching-Pistolen im wilhelminischen Deutschland frei verkauft wurden, trug zu den anarchischen Zuständen auf den Straßen bei."

Über den autogerechten Umbau der Verkehrswege reicht das Buch bis zur Massenmotorisierung durch Ford und Volkswagen, von der Vereinnahmung und Ästhetisierung des Autos durch die Nationalsozialisten über die Motorisierung des Wirtschaftswunders bis zur immer wichtiger werdenden Rolle des Designs; erzählt wird von Statussymbolen und Protestautos, Produktionsmethoden und Crashtests, Biodiesel und Bordcomputern, Werbung und Mystifizierung. Auf den letzten, glücklicherweise kurzen Teil des Buches, in dem die aktuelle Faszination für Autos erklärt werden soll, kann man allerdings getrost verzichten. "Wenn etwa ein solider Beamter ein tiefergelegtes koreanisches Sportcoupé oder ein Zuhälter einen Familienvan fährt", ist dort zu etwa lesen, "wird dies als vage nicht passend empfunden" - ohne das erklärt würde, wie diese Typen- und Markenimages entstanden sind.

Doch Mösers facettenreiche historische Aufarbeitung der ersten Jahre des Automobilgeschichte ist sehr lesenswert, ebenso die technikgeschichtliche Darstellung, und wem diese Ausführungen zu anstrengend sind, kann sich über die Autogedichte von Bertolt Brecht freuen, der die "singenden Steyrwägen" zu modernen Najaden machte: "Wir fahren dich so leicht hin / daß du glaubst, du mußt uns / mit deinem Daumen auf den Boden drücken und / so lautlos fahren wir dich / daß du glaubst du fährst / Deines Wagens Schatten."

Kurt Möser: "Die Geschichte des Autos". Campus Verlag, Frankfurt am Main 2002. 380 S., 203 Farb- u. S/W-Abb., geb., 51,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Kurt Mösers umfassende "Geschichte des Autos" hat den "uha" zeichnenden Rezensenten im Großen und Ganzen zufrieden gestellt. Neben technischen, wirtschaftlichen und ökologischen behandle der Autor auch sozialpsychologische Aspekte des automobilen Lebens, berichtet der Rezensent. Gerade weil das Auto ein libidinös besetztes Objekt ist, lassen sich die Menschen nach Möser nicht davon abhalten, Stunde um Stunde im Stau zu verbringen. Auch dem Einfluss der amerikanischen Industrie und der Verflechtungen mit Militär und Luftfahrt räume der Band viel Raum ein. Die am Ende eines jeden Kapitels angefügte kommentierte, weiterführende Bibliografie verstärkt für den Rezensenten den "handbuchartigen Charakter des bebilderten und sehr flott geschriebenen Bandes". Wenn der Autor allerdings von "Bedieneinfachheit", "Vorzeigereichweite" oder gar dem "nichtrationalen Auto" spricht, kritisiert der Rezensent, wähne man sich bisweilen in einer Automobilzeitschrift.

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