Die Geographie der Literatur - Piatti, Barbara

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Konzepte einer künftigen Literaturgeographie, die literarische Schauplätze zum Ausgangspunkt der Textanalysen macht. Wo spielt Literatur? Die vermeintlich simple Frage eröffnet ein erst in Ansätzen etabliertes Forschungsgebiet mit neuen methodischen Zugängen unter dem Stichwort »Literaturgeographie«. Jede literarische Handlung ist irgendwo lokalisiert, wobei die Skala von gänzlich imaginären bis zu realistisch gezeichneten Schauplätzen mit hohem Wiedererkennungswert reicht. Die Literaturgeographie rückt die vielfältigen Bezugnahmen von Räumen der Fiktion auf den Realraum hin ins Zentrum der…mehr

Produktbeschreibung
Konzepte einer künftigen Literaturgeographie, die literarische Schauplätze zum Ausgangspunkt der Textanalysen macht. Wo spielt Literatur? Die vermeintlich simple Frage eröffnet ein erst in Ansätzen etabliertes Forschungsgebiet mit neuen methodischen Zugängen unter dem Stichwort »Literaturgeographie«. Jede literarische Handlung ist irgendwo lokalisiert, wobei die Skala von gänzlich imaginären bis zu realistisch gezeichneten Schauplätzen mit hohem Wiedererkennungswert reicht. Die Literaturgeographie rückt die vielfältigen Bezugnahmen von Räumen der Fiktion auf den Realraum hin ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Literatur weist eine spezifische Geographie auf, die ganz eigenen Regeln folgt. Denn fiktionale Räume sind niemals nur mimetische Abbilder der Realität, auch wenn sie sich auf existierende Landschaften und Städte beziehen. Vielmehr müssen die poetologischen Verfahren von Verfremdung, Überblendung, Neubenennung, die Kombinationsmöglichkeiten von realen Orten mit fiktiven Elementen in Visualisierungskonzepte und Deutungen der Textanalysen einfließen.Diese Theorie findet zunächst Anwendung auf eine an literarischen Schauplätzen überreiche Modellregion: auf den Vierwaldstättersee und das Gotthardmassiv in der Zentralschweiz. Im Anschluss wird der methodische Horizont für einen Literaturatlas aufgespannt und das Potenzial literatur geographischer Konzepte im Hinblick auf eine vergleichende europäische Literaturgeschichte aufgezeigt. 17 beigefügte Faltkarten ermöglichen die differenzierte Gegenüberstellung von fiktionalen und realen Landschaften.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 424
  • Erscheinungstermin: Oktober 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 229mm x 151mm x 36mm
  • Gewicht: 770g
  • ISBN-13: 9783835303294
  • ISBN-10: 3835303295
  • Artikelnr.: 23830772
Autorenporträt
Barbara Piatti, geb. 1973, Studium der Deutschen Philologie, Philosophie und Kunstgeschichte in Basel. Seit 2006 leitet sie am Institut für Kartografie, ETH Zürich, das international vernetzte und interdisziplinäre Forschungsprojekt »Ein literarischer Atlas Europas«.
Rezensionen
Besprechung von 12.02.2009
Reise zu den Hot Spots der Literatur

Warum der Gotthard auch der Gipfel der Weltliteratur ist und San Francisco an der Ostküste liegt: Barbara Piattis grundlegende Studie reist mit dem Kompass der Literatur durch die Welt und zeigt, dass Schauplätze als zusätzliche Protagonisten ernst genommen werden müssen.

Literatur ist selten utopisch im ursprünglichen Sinne des Wortes "utopos", Nichtort. Denn an irgendeinem Ort, und sei es Alices Wunderland, ist am Ende noch jede Geschichte angesiedelt. Welche Folgen das für reale Orte haben kann, lässt sich derzeit in Dresden beobachten. Immer neue Leser pilgern jetzt, Tellkamps "Turm" im Rucksack, zum Villenviertel Weißer Hirsch, vergleichen ihre Phantasie mit der Realität von heute, rätseln darüber, warum der Veilchenweg im Buch Astronautenweg heißt, und kaufen voller Andacht ihre Semmeln in der von nun an unsterblich gewordenen Bäckerei Walther. Vermutlich ist längst der erste Reiseführer zum Roman in Arbeit.

Solche Phänomene des Literaturtourismus entzünden sich, erfährt man aus Barbara Piattis erhellender Studie, weil der Schauplatz eines Werks, so er nicht gänzlich erfunden ist wie Tolkiens Mittelerde, als eine Art Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion fungiert. Und man als Leser am vorgeblichen Ort des Geschehens für kostbare Augenblicke ganz in die imaginative Welt des Autors eintauchen zu können glaubt. Die Gefahr der Enttäuschung ist dabei groß, zumal für naive Leser - wie jenen Schiller-Liebhaber, der 1831, seinen "Tell" unterm Arm, durch die Schweiz wanderte und in der Hohlen Gasse frustriert notierte, "dass entweder damals Alles hier anders gewesen ist oder kein Tell hier gestanden hat". Dabei war gerade Schiller um äußerste Exaktheit bemüht, ist sein Stück doch - mit über 150 Ortsangaben - das seltene Beispiel eines topographischen Dramas. Und das, obwohl der Weimarer all sein Wissen nur aus Reiseführern und Kartenmaterial bezog. Während manche Autoren selbst zu gänzlich imaginären Räumen eigene detaillierte Karten anfertigen wie William Faulkner zu seinem Yoknapatawpha County, zeichnen sich andere eher durch geographische Gelassenheit aus: Kafka waren im "Verschollenen" die realen Vereinigten Staaten so gleichgültig, dass er Brooklyn mit Boston verwechselte und San Francisco an die Ostküste verlegte, was Max Brod dann posthum korrigierte.

Literaturgeographie ist, wie Piattis kenntnisreiches und vorzüglich lesbares Grundlagenwerk zeigt, ein ungemein faszinierendes Forschungsgebiet, so vielfältig sind die Beziehungen zwischen Raum und Fiktion. Zwischen bloßer, letztlich austauschbarer Kulisse, die nach dem Ready-made-Verfahren mit Hilfe von Toponymen abgerufen wird, und einem Schauplatz, der wie ein zusätzlicher Protagonist in die Handlung eingreift, besteht ein weites Spektrum.

Der gemeinsame Nenner Handlungsraum ermöglicht es, Werke der Welt- mit denen der Trivialliteratur zu vergleichen oder Texte unterschiedlicher Epochen - etwa Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre" mit Hemingways "A Farewell to Arms", die beide am Lago Maggiore spielen. Literaturgeographie lässt also gleichsam Figuren aus verschiedenen Werken einander begegnen. Der in Zürich, Prag und Göttingen entstehende literarische Atlas Europas (www.literaturatlas.eu), quasi eine wissenschaftliche Version des F.A.Z.-Romanatlas im Internet, wird in seiner digitalen Form die literarischen hot spots ebenso zeigen wie die "weißen Flecken" auf der literarischen Landkarte.

Wie und warum Autoren Schauplätze importieren, transformieren oder remodellieren und auf welche Weise der reale Raum auf das Entstehen von Literatur zurückwirkt, zeigt Piatti eindrucksvoll an ihrer exemplarischen Untersuchung zum "literarischen Metaraum" Gotthardmassiv und Vierwaldstättersee in der Schweiz - einem der "Hauptorte auf der europäischen Landkarte der Literatur", so viele Autoren haben schon über diesen spektakulären Schauplatz geschrieben: von eher unbekannten Regionaldichtern bis zu Vertretern der Weltliteratur wie Hölderlin, Tolstoi, Gottfried Keller, Elias Canetti, Mary Shelley oder Henry James.

OLIVER PFOHLMANN

Barbara Piatti: "Die Geographie der Literatur". Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 424 S., geb., 34,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Barbara Piattis Erkundungen in der "Geografie der Literatur" hat Manfred Koch mit viel Interesse verfolgt. Die "Literaturgeografie", deren Begriff bereits 1907 geprägt wurde, hat bisher vor allem die geografischen Hintergründe der Autoren ins Auge gefasst. Nachdem sich die Autorin eingehend der Geschichte dieser Disziplin gewidmet hat, konzentriert sie sich allerdings auf Handlungsräume literarischer Werke, erklärt der Rezensent. Piattis Fokus liegt auf den Regionen um den Vierwaldstättersee und das Gotthardmassiv, die sie nicht nur in 150 zwischen 1477 und 2004 entstandenen literarischen Texten und in fünf Einzelanalysen quasi kartografiere, sondern zudem in siebzehn Faltkarten anschaulich mache, so Koch. Für ihn stellt dieses Buch eine "vorzügliche Modellstudie" dar, die Hoffnung auf einen von der Autorin angestrebten "literarischen Atlas Europas" macht, wie er bekräftigt.

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