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Es kracht gewaltig zwischen den Generationen. Selbst oben am Hügel, wo die Villen im Herbstlicht erstrahlen und die Swimmingpools glitzern. Sex and drugs and rocknroll? Das waren die Ideale der Eltern. Heute ist alles anders. Ein starkes und sensibles Porträt der happy few die es immer zahlreicher gibt und die immer unglücklicher werden.…mehr

Produktbeschreibung
Es kracht gewaltig zwischen den Generationen. Selbst oben am Hügel, wo die Villen im Herbstlicht erstrahlen und die Swimmingpools glitzern. Sex and drugs and rocknroll? Das waren die Ideale der Eltern. Heute ist alles anders. Ein starkes und sensibles Porträt der happy few die es immer zahlreicher gibt und die immer unglücklicher werden.
  • Produktdetails
  • detebe Diogenes Taschenbücher Nr.23655
  • Verlag: Diogenes
  • Originaltitel: Impuretés
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 390
  • Erscheinungstermin: 11. Januar 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 181mm x 111mm x 27mm
  • Gewicht: 296g
  • ISBN-13: 9783257236552
  • ISBN-10: 3257236557
  • Artikelnr.: 22803417
Autorenporträt
Philippe Djian, geboren 1949 in Paris, ist viel herumgekommen. Er lebte in New York, Florenz, Bordeaux und Lausanne und wohnt heute in Biarritz und Paris. Auf einer Autobahnmautstelle, bei einem seiner Gelegenheitsjobs, tippte Philippe Djian sein erstes Manuskript. Sein dritter Roman, 'Betty Blue', wurde zum Kultbuch. 'Oh ...' erhielt 2012 den Prix Interallié und wurde mit Isabelle Huppert unter dem Titel 'Elle' verfilmt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.02.2007

Dröhnungsfeierlichkeiten
Wie der Herr, so 's Gescherr: Philippe Djians Eltern-Kinder-Projekt

Was machen eigentlich Kinder, die alles haben: Geistesgaben, Geld und dank geistig meist abwesender Eltern jede Menge Freiheit? Im Universum der "Frühreifen" - so der Titel von Philippe Djians neuem Roman - führt das, wie in der Realität meist auch, zum systematischen Ausloten von Risiken. Die Protagonisten sind allerdings nicht mehr in dem Alter, wo das Trinken von Weichspüler und Zerschlagen von Porzellanpuppen zur Unterhaltung ausreicht. Je verbotener, desto besser - denn nur dann besteht die Chance, die gegenüber der auf dekadente Weise toleranten Erwachsenenwelt fast unmögliche Provokation zu erreichen.

Die Gesellschaft sucht in solchen Fällen gerne die Schuld bei den Eltern. Das ist nachvollziehbar und überzeugt alle, die jemals mit verzogenen Kindern Kontakt hatten. Für Djian, der sich 1985 mit dem Bestseller "Betty Blue" zum Spezialisten für trostlose Vereinsamung profiliert hat, genügt das aber nicht. Bei ihm sind die Kinder genauso verantwortlich für ihre Taten wie die Eltern für die ihren. Das ist insofern stimmig, als ohnehin keine seiner Figuren Verantwortung für andere übernehmen möchte. Deshalb trinkt der vierzehnjährige Evy jeden Morgen alleine im Dunkeln seinen Kaffee, während die verkrachte Schauspielerin und der schriftstellernde Ex-Junkie, mit denen er aus nahezu unerklärlichen Gründen seine Gene teilt, an ihren Depressionen laborieren.

Zu Beginn der Geschichte scheint es, als habe es einen Punkt gegeben, an dem diese Familie auseinandergebrochen ist: den Tod von Evys älterer Schwester Lisa, die acht Monate zuvor unter nicht ganz geklärten Umständen bei Nacht aus einem Boot fiel und im See ertrank. Es wird jedoch immer klarer, dass schon zuvor Hysterie und Egoismus hohe Wellen schlugen; nicht nur in dieser Familie, sondern auch in ihrer gesamten Umgebung: Evy, der mit seiner Schwester in dem Boot war und über die Vorgänge der Nacht kein Wort verliert, wird halb bemitleidet, halb des Mordes verdächtigt.

Vor allem Lisas beste Freundin trauert heftig und projiziert all ihre Bewunderung für sie und all ihre Wut über ihren Tod auf Evy - der davon äußerst peinlich berührt und genervt ist, es sich mit der Drogenhändlerin der jeunesse dorée aber auch nicht verderben will. Denn alles, was zur Betäubung und Flucht dient, spielt eine wichtige Rolle im Leben der Jugendlichen: "Und dann tobten sie sich in einer Höhe von sieben oder acht Metern über dem Erdboden total zugedröhnt auf einer Plattform aus, deren Geländer nicht höher als fünfzig Zentimeter war, so dass die Besorgnis mancher degenerierter Eltern objektiv gesehen nicht ganz unberechtigt war."

Zugedröhnt und degeneriert: So beschreibt Djian seine Charaktere, und er geht hart mit ihnen ins Gericht. Mitleid gibt es nicht, auch von Verachtung ist seine Erzählweise weit entfernt, aber sein nüchterner Fatalismus schlägt manchmal wuchtig zu. Mit wohlgesetzten Worten nimmt Djian einen Freund von Evy auseinander, der gegen die lesbische - und in dieser Umgebung geradezu unnatürlich harmonische - Beziehung seiner Mutter ist: "Seine Mutter Caroline Bethel-Burnis litt noch immer ein wenig darunter, obwohl ihre Lebensgefährtin Brigitte sie lebhaft ermunterte, den hundsmiserablen Charakter und den unergründlichen Egoismus dieses vierzehnjährigen Jungen zu ignorieren, der ebenso introvertiert war wie die meisten Hosenscheißer in seinem Alter." Das ist in diesem Roman, nicht völlig zu Unrecht, die gängige Meinung der Erwachsenen über ihre Kinder. Im Wesentlichen erwarten sie von ihnen, sich halbwegs ruhig zu verhalten, keine Gewalttaten zu begehen und bei Erreichen der Volljährigkeit zügig auszuziehen - und wer würde auch solche Kinder wollen? Wäre dies ein Horrorfilm, trüge er einen Namen wie "Höllenbrut" und würde die Zeugung der eigenartigen Kinder auf Außerirdische schieben.

Doch bei Djian werden die Jugendlichen als logische Fortführung der Krankheit und Verderbtheit ihrer Eltern dargestellt. Auf deren Ebene verläuft der zweite Erzählstrang, der sich nur selten mit dem der Kinder verbindet. Alleine daran zeigen sich die getrennten Welten, in denen es doch mehr oder weniger die gleichen Probleme in unterschiedlichen Ausprägungen gibt: Misstrauen, Drogenkonsum und Sex mit den falschen Leuten. Die Situation von Evys Eltern Laure und Richard lässt sich mit dem Begriff Ehekrise kaum ausreichend beschreiben, vielmehr steckt jeder für sich in einer existenziellen Notlage. Ob die auf die schlechte Ehe zurückzuführen ist oder umgekehrt, ist nicht festzustellen, doch ausgelebt werden die persönlichen und beruflichen Dramen hemmungslos innerhalb der Familie.

Weil aber selbst die konzertierte Amoralität irgendwann nur noch öde ist, muss ein neuer Kick her. Evy findet ihn in der Schulschönheit Gaby, die mit seiner Schwester ein Verhältnis hatte und ihre Heroinsucht mit Prostitution finanziert. In ihr sieht er einen Engel der Reinheit, nach der er sich sehnt und die er nicht durch Sex zerstören möchte. Das führt zu einer aberwitzigen Szene, als die beiden sich zum ersten Mal bei ihm treffen: Evy zerschlägt Glas zu Scherben und legt diese in seine Unterhose, um in einer selbstquälerischen Aktion das Aufwallen sexueller Gefühle zu unterdrücken. Dies ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen die Eltern überhaupt reagieren. Änderungen treten allerdings keine ein, weil sie als Künstler stolz auf ihre eigene Verschrobenheit sind und sich rasch damit abfinden, dass ihre Kinder in dieser Hinsicht ganz nach ihnen geraten.

Djian hat einen zerfallenden Mikrokosmos charakterisiert, dessen erfahrungsresistente Protagonisten sich mit wehenden Fahnen in die Selbstzerstörung stürzen. Mit einer Sprache, die sich vor allem durch große Deutlichkeit auszeichnet, und harschen Urteilen über seine Figuren schafft er eine Distanz, die den Leser die Vorgänge wie durch eine Glasscheibe betrachten lässt. Zwar vermag das menschliche Elend zu fesseln, aber es bleibt fremd und irritierend. Zusätzlich mutet das sporadische Auftauchen einer Erzählerfigur ungewöhnlich an, deren Notwendigkeit und Rolle sich nicht erschließen; zumal die Perspektive eigentlich eine auktoriale ist und sich stets mit der Frage abzuplagen scheint, wer den größeren Haschmich hat: die Generation von Laure und Richard, die sich von ihrer Elternrolle partout nicht von ihrem Egozentrismus abbringen lassen wollen, oder die von Evy, die doch dank all dieser abschreckenden Beispiele alleine durch Ausschlussprinzip bessere Wege einschlagen könnte. Eine Antwort darauf bleibt Djian allerdings schuldig. Sagen wir unentschieden.

JULIA BÄHR

Philippe Djian: "Die Frühreifen". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Uli Wittmann. Diogenes Verlag, Zürich 2006. 391 S., geb., 21,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.01.2007

Dieser Durst nach Entbehrung und klaren Verboten
Philippe Djians Roman „Die Frühreifen” erzählt vom Ennui und der Leere derer, denen es zu gut geht
Ein paar Dinge, welche die Generationen der Fünfzehn- und der Fünfundvierzigjährigen miteinander verbinden, gibt es noch. Drogen zum Beispiel. Philippe Djian müsste das eigentlich wissen. Seit dreißig Jahren gehören Crack, Coke und Valium, neben Sex und Whisky, zum Lebensalltag seiner Figuren. Und er weiß es ja auch. Nur wird in diesem Roman das Thema über alles Verbindende hinweg mehr unter dem Gesichtspunkt des kalten Kriegs der Generationen behandelt.
Handlungsort ist ein nicht näher lokalisierter Villenhügel, eine Art Zauberberg für Neureiche und ihre besonderen Sorgen. Ein Musikerpaar wagt sich da zum Beispiel, seit es mit einem Hautausschlag vom Seychellen-Urlaub zurückgekehrt ist, nicht mehr in den Swimmingpool. Geschiedene Frauen erreichen durch Bettgeschichten mit dem Privatschuldirektor, dass ihre schwierigen Sprösslinge in der Klasse bleiben dürfen, können dann aber manchmal deren Selbstmord doch nicht verhindern. Und für die Trendels – Richard: ein Erfolgsschriftsteller im Abstieg seiner Inspiration, Laure: eine verblassende Kinoschönheit, die sich durch den Deal mit einem viagragedopten Produzenten eine zweite Karriere erhofft – ist das Leben in der Mitte des Lebens auch kein Zuckerschlecken. Ihre Tochter Lisa ist vor acht Monaten im See ertrunken und ihr vierzehnjähriger Sohn Evy, der Einzige, der beim Vorfall dabei war, hüllt sich in störrisches Schweigen. Das Lebensglück einer doch so befreiten Generation, die sich in der Mitte der achtziger Jahre auf diesem Hügel unter ihresgleichen eingekauft hat, verrutscht zum Desaster, das nicht einmal mehr Ehekrach, Drama, Türschlagen und zartbittere Trauer mehr zulässt, sondern nur noch den einsamen Griff zur Bierdose im Kühlschrank oder zur Valiumpackung, die tapfere Augenblicksablenkung vor dem Flachbildschirm oder am Steuer des Porsche.
Man darf sich auf Philippe Djian verlassen: Solche Realität versteht er, manchmal quer durchs Klischee, mit schrägen Situationen, grell knisternder Umgangssprache und dunklem Humor vorzüglich in Szene zu setzen. Praktisch zum ersten Mal bei diesem Autor wird hier in der Perspektive der dritten Person erzählt, abgesehen von fünf oder sechs Stellen, wo doch ein konturloses Beobachter-Ich in den Text huscht. Auch ist die direkte Rede diesmal weitgehend in Beschreibung aufgelöst. Der unterkühlte Ton Djians funktioniert weiter. Er hält sich hart an die Ereignisse, vermeidet alles Analysieren. Darin liegt seit dem Erfolgsroman „Betty Blue” eine Stärke dieses Autors. Auch eine Schwäche, wie gerade dieser immerhin fast vierhundert Seiten umfassende Roman zeigt.
Die Schweigsamkeit des vierzehnjährigen Evy hätte auf eine Spannung hinführen können, zu einem Ort, an dem die Figuren Profil erhalten. Dazu hätte das Schweigen und das Geheimnis um den Tod der von Evy verehrten Lisa aber genährt, gehortet, in Ansätzen gelüftet werden müssen. Djian spielt dagegen seine Figuren durch immer neue Szeneneinfälle permanent an die Wand und fährt ihnen bei der direkten wie bei der indirekten Rede fortwährend mit Stimmungsbeschreibung übers Maul. Die Erinnerung der im See versunkenen Lisa geht in der Episodenfolge des Romans bald verloren. Die fünf dunkelblauen Blechtruhen, die Richard mit den Habseligkeiten der verstorbenen Tochter im Keller verstaut, und die Erinnerungsstücke, die Evy in einer Tupperware-Dose hoch oben in seiner Baumhütte versteckt, bleiben dort sinnlos liegen.
Wir glauben ja gern, wie verloren die Teenager in die komfortgesättigte, tabuentrümpelte Toleranzoase des ganzen Hügels hineinwachsen und wie sehr sie nach Entbehrung, harten Lebensprüfungen, absoluten Verboten dürsten. Wenn Evy zum ersten Rendezvous mit der schönen Gaby sich Glasscherben in die Unterhose legt, um nur ja keinen Falschen hochzukriegen, erkauft er sich seinen hohen Reinheitstraum – der Originaltitel des Romans heißt „Impuretés” – mit reichlich über die Schenkel strömendem Blut. Die „völlig surrealistische Szene”, wie es dem Jungen vorkommt, wenn seine Mutter Laure ihn eines Tages unvermittelt in den Arm nimmt und einen Kuss verlangt, wirft den Vierzehnjährigen kurz aus der Bahn. Hatte er richtig gehört? Hatte sie etwas zu sich genommen? „Er starrte auf die glimmenden Dioden der Alarmanlage, die ab und zu an der Wand aufblinkten, und reagierte nicht”. Er reagiert auch auf vieles andere nicht, wie die übrigen Figuren. Das ziellose Aneinandervorbeileben ist auch ziellos beschrieben. Der Roman, von Uli Wittmann hervorragend übersetzt, führt in ein etwas zu ungenaues Nichts.      JOSEPH HANIMANN
PHILIPPE DJIAN: Die Frühreifen. Roman. Aus dem Französischen von Uli Wittmann. Diogenes Verlag, Zürich 2006. 391 Seiten, 21,90 Euro.
Philippe Djian Foto: Damien Meyer/AFP
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Julia Bär lässt es zwar nicht kalt, was Philippe Djian über die Verlorenheit und Verzweiflung seiner Protagonisten erzählt, aber der Stil des Romans "Die Frühreifen" ist nicht dazu angetan, die Einfühlung der Leser zu befördern, findet sie. Der französische Autor erzählt über egoistische Eltern, die auf die immer riskanteren Eskapaden ihrer jugendlichen Kinder gar nicht mehr reagieren, weil sie viel zu sehr in die eigene Misere verstrickt sind, erklärt die Rezensentin. Die mitunter drastischen Beschreibungen und die kühle Beurteilung der Protagonisten durch einen immer mal wieder auftretenden auktorialen Erzähler, den Bär zudem nicht recht plausibel findet, halten eine Distanz zum Geschehen und den Figuren aufrecht und lassen die Rezensentin nicht recht mit dem Roman warm werden.

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