Die Enttäuschung der Moderne - Pfabigan, Alfred

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  • Verlag: Sonderzahl / Sonderzahl Verlagsges.
  • Seitenzahl: 192
  • 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 134mm x 17mm
  • Gewicht: 247g
  • ISBN-13: 9783854491668
  • ISBN-10: 3854491662
  • Best.Nr.: 27516933
Rezensionen
Besprechung von 25.04.2001
Im Kampf gegen Untergang
Alfred Pfabigan beweist, dass Sozialismus immer von gestern war
Im Streit um die Postmoderne sind alle Argumente geltend gemacht worden, nun kommt es nur noch auf die historischen Befunde an. Eines zumindest, betont der Wiener Philosoph Alfred Pfabigan, ist uns inzwischen freilich abhanden gekommen – die „emotionale Intensität”, die politischen Leidenschaften. Die Moderne, die sich im Hinblick auf die traditionellen Kulturbestände selbst als gigantisches Enttäuschungs- und Zerstörungsprojekt begriff, hat sich selbst als extrem enttäuschungsanfällig erwiesen. Dass wir heute die diversen Avantgarden historisch betrachten (können), hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass wir den Glauben an die großen Erzählungen eingebüßt haben. Dem italienischen Futurismus kommt dabei eine Sonderrolle zu, weil der nicht mit der Idee des moralischen Fortschritts verbunden gewesen ist. Das rückt ihn in die Nähe heutiger, „moralfreier” Bio- und Computer- Phantasien, die sich nicht selten als Selbstfeiern des technisch Möglichen – erweisen.
Dass der Futurismus die Idee der Moral höhnisch von sich weist, trennt ihn vom linken politisch-ästhetischen Avantegardediskurs. Im Rückblick nimmt er sich wie eine Affirmation aggressiver technoider Männerphantasien aus: Geschwindigkeit und kalte Zerstörung sind die Eigenschaften eines Typus von Über-Mann, dem scheinbar keine Grenzen, vor allem keine moralischen, gesetzt sind. Das Kraft- und Intensitätsgefühl ist echt, ebenso die Erfahrung des Krieges als „technoromantisches Abenteuer”. Aber andere Grenzen stellen sich ein und so kann die Enttäuschung am Ende doch nicht ausbleiben: der Faschismus, das politische Bezugssystem des Futurismus, lässt die verhassten Monumente stehen. statt die permanente ästhetische und politische Revolution zu verkünden, baut er klassizistisch neue und übertrifft dabei den „Passatismus” der liberalen Ära.
Weil der Futurismus mit Nietzsche jedwede humanistische Moral verabschiedete, konnte er die radikalen Bestrebungen auf der Linken übertrumpfen. Deren Kultur sah auf einmal ziemlich alt aus. Das gilt nicht zuletzt für die Sozialdemokratie, speziell für die österreichische. Pfabigan, einer der profundesten Kenner des Austromarxismus, zerstört den Nimbus, den diese vermeintlich radikale Variante des demokratischen Sozialismus bis heute besitzt, dementiert entschieden die Möglichkeit, diesen historisch zu reaktualisieren. Die Gründe liegen nicht allein in dem heute penetrant anmutenden Diskurs von Sozialdarwinismus und Rassenhygiene („Euthanasie für alle”), dem Bauer und Adler unterlagen, sondern sind strukturell bedingt. Der Austromarxismus (miss)verstand die Arbeiterbewegung als eine idyllische Gegenwelt zum Kapitalismus, ignorierte geflissentlich die dramatischen Veränderungen – moderne Mobilität und Kommunikation.
Sein Kulturbegriff wurzelte ganz im Bürgertum des 19.Jahrhunderts. „Diszipliniertes Sichfügen” wird zur Voraussetzung des Glücks „kultivierter Persönlichkeit”. Damit einher geht eine ausgesprochen paternalistisch- bevormundende Pädagogik. Der universelle Intellektuelle – Ingenieur, Forscher, Arzt und Schriftsteller – avanciert zum Helden der großen Erzählung des Fortschritts. Ihm kommt die Rolle des väterlichen Erziehers zu, der sein Kind, das Proletariat, auf den Ernst des Lebens vorbereitet – eine verschleierte autoritäre Mentalität, die Pfabigan nicht zuletzt für das Desaster der österreichischen Sozialdemokratie im Februar 1934 verantwortlich macht. Zur Lebenslüge der demokratischen Linken nicht bloß in Österreich gehört, dass sie der Frage ausweicht, warum sie in den 20-er und 30-er Jahren fast überall – Deutschland, Spanien und eben Österreich – der radikalen Rechten nicht standgehalten hat. Pfabigans Antwort ist niederschmetternd: weil die Sozialdemokratie ideologisch und organisatorisch nicht auf der Höhe der Zeit war. So verstanden sich Austromarxismus und Psychoanalyse als „Selbstordnungsversuche” der Moderne – in beiden Fällen geht es darum, das Chaos zu bändigen und unter Kontrolle zu bringen: die Selbstläufigkeit der Ökonomie und den Wildwuchs des natürlich-unbewussten Es. Freud zeigte sich gegenüber Nietzsche nicht nur aus „Einflussangst” (Bloom) reserviert, sondern weil er dessen „Wahnsinn” hasste: „Freud-Nietzsche ist auch ein Kampf zwischen Kohärenz und Beliebigkeit von Ideen.”
Ausdrücklich widerspricht Pfabigan dem Konzept, Freud nahtlos mit der Wiener Avantgarde um 1900 zu verknüpfen. Zwar ist sich Freud des Neuen, das er unternimmt, bewusst. Ganz im Geist seiner Zeit sieht er die Literatur als zentrales Medium der Psychoanalyse, in seinem Bildungskonzept aber blieb er ein Bewohner der Goethe-Welt. Gerade weil er sich zwischen der prekären Alternative „Weltuntergang” vs „Welterneuerung” durchmanövrierte, erscheint Freud noch immer als ein Zeitgenosse – ein Schutzschild gegen die Enttäuschungen der Moderne.
WOLFGANG MÜLLER-FUNK
ALFRED PFABIGAN: Die Enttäuschung der Moderne. Sonderzahl Verlag, Wien 2000. 192 Seiten, 34 Mark.
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