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Paul de Lagarde (1827-1891) war Professor für alte Sprachen - und ein Besessener. Parallel zu seinem wissenschaftlichen Werk verfolgte er den Versuch, eine bizarre deutsche Nationalreligion zu gründen, die auf aggressivem Antisemitismus fußte. Nietzsche und Wagner zählten zu de Lagardes ersten Lesern, im 20. Jahrhundert studierten Thomas Mann, Theodor Heuss und nicht zuletzt Adolf Hitler seine Schriften. Ulrich Sieg stellt in seiner Biografie den Gründervater des nationalsozialistischen Antisemitismus vor und führt ein in die geistige Ambivalenz des 19. Jahrhunderts. In den Abgründen dieser…mehr

Produktbeschreibung
Paul de Lagarde (1827-1891) war Professor für alte Sprachen - und ein Besessener. Parallel zu seinem wissenschaftlichen Werk verfolgte er den Versuch, eine bizarre deutsche Nationalreligion zu gründen, die auf aggressivem Antisemitismus fußte. Nietzsche und Wagner zählten zu de Lagardes ersten Lesern, im 20. Jahrhundert studierten Thomas Mann, Theodor Heuss und nicht zuletzt Adolf Hitler seine Schriften. Ulrich Sieg stellt in seiner Biografie den Gründervater des nationalsozialistischen Antisemitismus vor und führt ein in die geistige Ambivalenz des 19. Jahrhunderts. In den Abgründen dieser Epoche ahnt der Leser die Katastrophen des 20. Jahrhunderts voraus.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/20842
  • Seitenzahl: 415
  • Erscheinungstermin: 3. März 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 152mm x 32mm
  • Gewicht: 610g
  • ISBN-13: 9783446208421
  • ISBN-10: 3446208429
  • Artikelnr.: 20948017
Autorenporträt
Ulrich Sieg, geboren 1960 in Lübeck, ist Historiker und Publizist. Er hat an der Philipps-Universität Marburg eine außerordentliche Professur inne. Schwerpunkt seiner Forschungs- wie seiner publizistischen Tätigkeit sind die Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, die Politische Ideengeschichte seit 1800, die Geschichte des deutschen Judentums im Kaiserreich und der Weimarer Republik sowie die Geschichte des Antisemitismus. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg. Kriegserfahrungen, weltanschauliche Debatten und kulturelle Neuentwürfe (Berlin 2001), Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus (Hanser, München/Wien 2007) sowie Geist und Gewalt. Deutsche Philosophen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus (2013). Seine Forschungs- und Vortragstätigkeit führt ihn regelmäßig ins Ausland. www.staff.uni-marburg.de/~sieg/     
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.12.2008

Der Klassiker aus dem Giftschrank

"Lest Lagarde!" wollte Christian Morgenstern auf seinen Grabstein gesetzt sehen. Wer die deutsche Bildungswelt verstehen will, der lese Ulrich Sieg.

Als Franz Schnabel 1931 eine Rede zum hundertsten Todestag von Barthold Georg Niebuhr hielt, dem revolutionären Begründer der kritischen Geschichtsforschung, war das letzte Wort des Redners, der Abschluss seiner kritischen Auseinandersetzung mit der historischen Bildung seiner Gegenwart, ein Zitat von Paul de Lagarde. Schnabel war in der Historikerzunft einer der wenigen entschiedenen Verteidiger der Weimarer Republik. Der liberale Katholik analysierte den deutschen Nationalismus als politische Religion aus dem Geist haltsuchender romantischer Intellektualität. Der 1891 verstorbene Lagarde war einer der Propheten dieser Religion und hatte das schmutzigste Kapitel ihres Evangeliums geschrieben: Der Göttinger Ordinarius für Orientalistik war sozusagen der seriöseste Antisemit Deutschlands, lieh dem Judenhass das Prestige des weltberühmten Kenners der semitischen Sprachen und Editors der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen heiligen Schriften.

Seit Fritz Sterns Studie über die Politik des Kulturpessimismus von 1961 ist Lagarde als Unheilsbringer kanonisiert. Der Rang, der ihm bis 1945 von den Feinsinnigsten der Gebildeten zugeschrieben wurde, ist eines der seltsamsten Phänomene der neueren Geistesgeschichte. Ein Klassiker ist verschwunden. Denn Schnabel stand nicht allein mit der Hochschätzung eines Autors, der sich verdächtig gut zur buchkulturindustriellen Verwertung eignete: Die postumen Volksausgaben bestanden aus Zitatmontagen. Der wegen seiner jüdischen Vorfahren bedrängte Dichter Rudolf Borchardt zählte Lagarde wie selbstverständlich unter den echten Quellen des von den Nationalsozialisten verunreinigten deutschen Geistes auf. Ernst Troeltsch, der Heros der zur orientierenden Kulturwissenschaft verwandelten liberalen Theologie, widmete dem Andenken seines Göttinger Lehrers einen Band seiner Werke.

Christian Morgenstern hatte in einem bewegenden Gedicht die testamentarische Verfügung getroffen, ihn in dem Dorf Niblum auf der Insel Föhr unter dem kategorischen Imperativ der Kulturkritik beizusetzen, einem ewigen Aufruf zur Umkehr durch Lektüre: "Zu Niblum will ich mich rasten aus / Von aller Gegenwart. / Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus / Nur den Namen und: ,Lest Lagarde!' / Ja, nur die zwei Dinge klein und groß: / Diese Bitte und dann meinen Namen bloß. / Nur den Namen und: ,Lest Lagarde!'"

Ulrich Sieg nähert sich dem durch den Namen, der zur Losung wurde, bezeichneten Rätsel, indem er herausarbeitet, in wie naher persönlicher Berührung der 1827 als Paul Bötticher geborene Gelehrte mit der klassischen Epoche der deutschen Kultur stand. Sein Mentor in der Orientalistik war der in den Nachmärz hineinragende romantische Dichter Friedrich Rückert. Als kleiner Junge spielte er zu Füßen Schleiermachers. Durch Niebuhrs "Römische Geschichte" arbeitete er sich als Gymnasiast. Niebuhrs früherer Sekretär, der schillernde Universalhistoriker und spekulative Theologe Christian Karl Josias von Bunsen holte ihn als preußischer Botschafter zu Bibliotheksstudien nach London.

Er trat in Verbindung mit Jacob Grimm. Aber der Autor, der seine gesammelte politische Publizistik in Nachahmung von Grimms "Deutscher Mythologie" als "Deutsche Schriften" herausgab, war kein zu Genuss und Ausbau aufgelegter Erbe. Der Namenswechsel erscheint als der konstitutive Akt seines Lebens, als Urtat einer konservativen Revolution. Den Namen des verhassten Vaters, eines Gymnasialprofessors, der auch schon Pamphlete gegen "Die Herrschaft der Juden" drucken ließ, tauschte er gegen den einer Großtante ein. Dass Lagarde Bibliotheken mit rechtlichen Schritten drohte, die seine Frühwerke unter dem Namen Bötticher katalogisiert hatten, ist eine der zahllosen bizarren Marotten, aus denen sich in Siegs Schilderung die Lebensführung dieses hochgeehrten, aber fortwährend über Zurücksetzung klagenden Forschers zusammensetzt.

Die pathologische Deutung ist unabweislich: Das Unbehagen in der Kultur war in diesem Fall das Leiden eines Menschen, dem jedes Talent zum Glück abging. Es ist das Verdienst von Siegs eleganter und in vielfacher Hinsicht anregender Biographie, dass er mit diesem Befund die Akte nicht schließt. Er vergrößert nur das Rätsel der Wirkung, lagen doch die Selbstgerechtigkeit und Verstiegenheit Lagardes in seinen Schriften am Tage. Was den akademischen Teil des Werkes angeht, so verweist Sieg auf die schier unbegrenzte Toleranz für den Eigensinn von Ordinarien im klassischen Zeitalter der deutschen Universität. Die Subtilität der wissenssoziologischen Beobachtungen Siegs ist ein kapitales Nebenvergnügen der Lektüre.

Der Versuchung, das Rätsel durch Übertragung der pathologischen Lesart auf die Rezipienten zu entsorgen, widersteht Sieg mit nüchterner Bravour. Zwar liegt auf der Hand, dass einen Leser wie Schnabel nicht nur die kompromisslose Bismarck-Kritik Lagardes anzog, sondern er sich in dem Außenseiter des Wissenschaftsbetriebs wiedererkannte, zu dem Lagarde sich stilisiert hatte. Die Passion des Autors, der als Lehrer ein Jahrzehnt lang auf den Ruf hatte warten müssen, beglaubigte die Kritik an der Stoffhuberei des Unterrichts und dem Aberglauben des Berechtigungswesens. Aber man macht es sich zu einfach, wenn man die Deutschtümelei der Kulturreligionsstifterzeit auf ein Kollektivseelenleiden zurückführt, gegen dessen Analoga unsereiner immun wäre. Diese unter den heutigen Historikern des deutschen Nationalstaats verbreitete Ideologie der geistigen Gesundheit ist philisterhaft.

Die Effekte von Lagardes Erweckungsrhetorik waren simpel. Ihr Echo ist nicht verständlich, wenn man nicht einen sachlichen Kern seiner Botschaft freilegt. Überzeugend bestimmt Sieg Lagardes Originalität als die Verbindung von konsequenter Bibelkritik im Wissenschaftlichen und prophetischem Gestus in der Zeitdiagnostik. Im Hausbuch der deutschen Geschichte unserer Tage, bei Heinrich August Winkler, liest man im Zusammenhang mit Lagarde: "Die bürgerliche Kultur Deutschlands war, sieht man von den überzeugten Liberalen ab, seit langem vom Antisemitismus durchtränkt." Aber die intellektuelle Voraussetzung von Lagardes geschichtsphilosophischem Antisemitismus war die Bibelkritik, und das heißt: ein radikaler Liberalismus, der überzeugt war von der Unrettbarkeit des Judentums, den sich der Idealismus als sein Gegenteil vorstellte wie heute die Islamkritik den Islam, als dem Buchstaben verfallene Gesetzesreligion. Gerne möchte man in der Erweckungsbereitschaft der Gebildeten um 1900 den Überhang einer noch nicht vollständig aufgeklärten Mentalität sehen. Wie wir selbst die Probe der Säkularisierung bestehen werden, steht freilich dahin. Wer die Modernität der Kultur des Kaiserreiches unterschätzt, wiegt sich in trügerischer Sicherheit.

PATRICK BAHNERS

Ulrich Sieg: "Deutschlands Prophet". Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus. Hanser Verlag, München 2007. 416 S., geb., 25,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.03.2007

Der einzige tiefe Mensch unter allen deutschen Antisemiten
Kein Außenseiter, kein Handlanger: Ulrich Sieg hat eine intellektuelle Biographie Paul de Lagardes geschrieben
Als Ulrich Sieg, Autor ideengeschichtlicher Standardwerke über den Marburger Neukantianismus und zu intellektuellen Debatten im Ersten Weltkrieg, vor einigen Jahren auf einer Tagung ankündigte über Paul de Lagarde eine Monographie verfassen zu wollen, erntete er Unverständnis. Das lohne sich nicht, habe doch Fritz Stern in seiner seit der Erstpublikation 1961 immer wieder aufgelegten Arbeit über den „Kulturpessimismus als politische Gefahr” alles nötige über den notorischen Antisemiten, Verschwörungstheoretiker, gefährlichen Misanthropen und bornierten Ideologen gesagt. War nicht die Wirkung des Orientalisten und Theologen Lagarde auf die Weltanschauung des Dritten Reiches bereits vielfach Thema der Forschung? Und hatte nicht schon die 1887 erschienene Abrechnung des Universalgelehrten David Kaufmann ein für allemal bewiesen, dass er ein Fälscher und bestenfalls oberflächlicher Kenner der so gern traktierten Religionsgeschichte war?
Nun liegt Siegs Studie über den 1827 geborenen Paul Bötticher vor, der sich seit der Adoption durch eine Großtante 1854 Lagarde nannte. Seine Arbeit bietet keine Revision des bisherigen Bildes, vielmehr zeichnet sie überhaupt erst eines. Die intellektuelle Biographie fordert zu nichts weniger als einer Revision der bisherigen Sichtweise auf, weil Sieg nicht den Selbststilisierungen des Göttinger Ordinarius auf den Leim geht, denen die Literatur gerne folgte. Doch Lagarde war kein Außenseiter, kein naiver Handlanger der wie Pilze aus den Boden schießenden antisemitischen Bewegungen, vor allem aber kein über ein halbwegs stringentes Weltbild verfügender Nationalchauvinist.
Fundament der Neubewertung ist der riesige Nachlass in Göttingen, der bislang kaum genutzt wurde. Sichtbar wird in Tausenden von Briefen, Manuskripten, Buchplänen und Skizzen die Entwicklungsgeschichte eines Hochintelligenten, von dem noch 1938 Martin Buber meinte sagen zu können, er sei der „einzige tiefe Mensch unter allen deutschen Antisemiten” gewesen.
Lagarde wusste früh um sein Schwanken zwischen Lehrenwollen und Missionieren. Dass der Vielsprachige weder das Pfarramt anstrebte noch als Privatdozent im gehassten Schuldienst verkümmern wollte, war die eine Seite. Er wollte wirken, weil er früh zu erkennen glaubte, dass sich die Orientalistik und die Theologie gleichermaßen in den Händen mittelmäßiger Angepasster befand. Parallel dazu entwickelte er politische Ambitionen, gespeist aus einem Elitebewusstsein, das ihn gegen jede demokratische Bestrebung agitieren ließ. Seine vielgelesenen zweibändigen „Deutschen Schriften” (1878/81) dokumentieren die immer neuen Anläufe, die metaphysischen Dimensionen politischer Begriffe zum Maßstab für die Beurteilung der Wirklichkeit zu machen. Das letztere dabei schlecht abschnitt und der verkündete Weg zum Eigentlichen des Deutschseins noch weit war, verwundert nicht. Hier ist nicht von einem verletzten Seelchen die Rede, das in Weltflucht und angelernter Genialität sich eine Sonderwelt zusammensetzt. Diesen Typus gab es im 19. Jahrhundert zuhauf. Lagarde war aus anderem Holz geschnitzt. Seine wissenschaftlichen Arbeiten zeigen neben aller Verbissenheit ein präzises Sensorium für philologische Konfliktlagen.
Während seines langen Frondienstes in verschiedenen Schulen verfasste er 16 Bücher. Lagarde publizierte im Selbstverlag, was nicht ungewöhnlich war. Doch im Lauf der Zeit verstärkte es das Gefühl, ein Solitär zu sein. Dazu trat ein Verfolgungswahn, der gleichwohl nicht als Schrulle abzutun ist. Der intellektuelle Antisemit Eugen Dühring etwa setzte in jedes seiner Bücher eine eigenhändige Unterschrift, die die Echtheit des Gedruckten bestätigen sollte.
Neben die Eigenwahrnehmung, ein Prophet zu sein, gesellen sich wiederum hochfliegende Pläne. Darunter findet sich eine Eingabe an den preußischen König Wilhelm I. Nicht weniger als eine kritische Edition der Septuaginta schwebte Lagarde vor und er fand Gehör. Zwar wird sie nie das Licht der Welt erblicken, doch die gleichzeitig geforderte Professur verleiht man ihm. Am 27. Februar 1869 wird Lagarde zum Ordinarius für Orientalistik in Göttingen ernannt. Fortan verbarrikadiert sich der freiwillige Einzelgänger in seinem festungsartigen Haus. Sieg schildert eindrücklich, wie Lagarde alles auf seinen großen Plan hin ausrichtete. Sein Arbeitszimmer bestand aus vier Pulten, um mehrere Manuskripte gleichzeitig vergleichend bearbeiten zu können. Brauchte er dabei Unterhaltung, so konnte er seine Ehefrau über ein Sprachrohrsystem erreichen.
Draußen hingegen begann ein Kampf um Lagarde. Radikale Antisemiten versuchten ihn als Unterstützer zu gewinnen, Wagnerianer und andere Modernegegner hätten ihn gerne als Referenz aufgeführt. Doch Lagarde war auch hier wählerisch. Zwar beteiligte er sich als Gutachter an einem Prozess, in dem über den Talmud als Grundlage für Weltherrschaft und Christentumsbeschimpfung verhandelt wurde. Allerdings hatte er ein feines Gespür für die Grenzen seiner Judenfeindschaft. Wie Sieg zeigen kann, gab es neben der brutalen Rhetorik einen sich in religionshistorischen Reflexionen wissenschaftlich gebenden Antisemitismus. Einige dieser Denkfiguren werden offengelegt und damit die von These Peggy Cosmanns unterstützt, dass die Antisemitismusforschung bis heute die intellektuelle Raffinesse ihrer Protagonisten aus dem 19. Jahrhundert unterschätzt habe.
Als Lagarde 1891 an einem Krebsleiden starb, war er längst ein Prophet und gescheiterter Wissenschaftler geworden. Letzterer wurde fast vollständig vergessen, der völkische Prediger hingegen machte Karriere. Sieg, der erstmals Hitlers ausführliche Lektüren von Lagardes Werken umfassend vorstellt, räumt der Rezeption denn auch einen breiten Raum ein. Seine Studie führt die vielen Irrwege und Obsessionen Lagardes anschaulich und analytisch zumeist überzeugend vor Augen. Das Buch zwingt den Blick konsequent aufs 19. Jahrhundert zurück, das den Quellgrund des Künftigen geschickt zu verbergen wusste. THOMAS MEYER
Ulrich Sieg
Deutschlands Prophet
Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus
Carl Hanser Verlag, München 2007. 416 Seiten, 24,90 Euro.
Paul de Lagarde (1827-1891) Foto: Knorr + Hirth
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Als "gründlichst recherchiert und spannend geschrieben" lobt Rezensent Michael Brenner diese "erste umfassende" Biografie des Wegbereiters des modernen Antisemitismus. Denn hiermit sieht Brenner nun zum ersten Mal den Blick auf diesen schillernden Göttinger Orientalisten freigelegt, der Figuren wie Thomas Mann, Alfred Rosenberg, Christian Morgenstern und Adolf Hitler gleichermaßen faszinierte. Ulrich Sieg zeichne das Bild eines "Misanthropen der unangenehmsten Sorte" und eigentlich hätte diese Biografie für Brenner sogar das Zeug zur Komödie, hätte der als Paul Bötticher geborene de Lagarde bloß den Antisemitismus und das Deutschtum nicht so schrecklich ernst genommen und die Juden im Zuge dessen als "wertlose Schlacke" ohne Existenzberechtigung verachtet und diese Verachtung auch noch pseudowissenschaftlich zu untermauern versucht. Am Ende fragt sich der Rezensent, wie es nur kommen konnte, dass so ein schrulliger, menschenfeindlicher Charakter wie de Lagarde einer ganzen Generation zum deutschtümelnden Vorbild werden konnte.

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