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Der Zug nach Pakistan - Singh, Khushwant
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Das Grauen begann im Jahr 1947: Die Engländer waren gerade abgezogen, Indien und Pakistan wurden geteilt und Menschen ihrer Religionszugehörigkeit entsprechend umgesiedelt - mit verheerenden Folgen. Es kam zu einer der größten Vertreibungen der Geschichte, zehn Millionen Menschen waren auf der Flucht. Familien wurden getrennt, Frauen vergewaltigt, Hunderttausende getötet. Von diesem Trauma Indiens erzählt Khushwant Singh in seinem Roman.
Noch ist die Idylle in dem Dorf Mano Majra nahe der Grenze vollkommen. Muslime, Hindus und Sikhs leben hier friedlich miteinander, die Bewohner haben ihren
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Produktbeschreibung
Das Grauen begann im Jahr 1947: Die Engländer waren gerade abgezogen, Indien und Pakistan wurden geteilt und Menschen ihrer Religionszugehörigkeit entsprechend umgesiedelt - mit verheerenden Folgen. Es kam zu einer der größten Vertreibungen der Geschichte, zehn Millionen Menschen waren auf der Flucht. Familien wurden getrennt, Frauen vergewaltigt, Hunderttausende getötet. Von diesem Trauma Indiens erzählt Khushwant Singh in seinem Roman.

Noch ist die Idylle in dem Dorf Mano Majra nahe der Grenze vollkommen. Muslime, Hindus und Sikhs leben hier friedlich miteinander, die Bewohner haben ihren Alltag auf die vorbeifahrenden Züge abgestimmt. Für Aufregung sorgt nur hin und wieder Jaggat, der Dorfganove. Die Männer haben Respekt vor ihm, schon wegen seiner Statur, über die sie ehrfürchtig sprechen. Jaggat kommt immer wieder ins Gefängnis, sein Vater und sein Großvater wurden als Kriminelle sogar gehängt. Obwohl er selbst der Sikhreligion angehört, hat er eine heimliche Liebschaft miteinem muslimischen Mädchen.

Eines Tages hält zu einer ungewöhnlichen Zeit ein Zug in Mano Majra. Etwas Unheilvolles, etwas Gespenstisches geht von ihm aus: Der Zug ist voll mit Leichen ermordeter Sikhs. Das Grauen hat auch Mano Majra erreicht, jetzt zählt auch hier nur noch, wer welcher Religion angehört.

Der Roman erschien erstmals 1956, heute ist er in Indien ein Klassiker. Khushwant Singh erzählt anhand von zahlreichen Einzelschicksalen in erschütternder Weise von der größten politischen,, sozialen, menschlichen Katastrophe Indiens, vom abrupten Wandel einer friedlichen Welt in die Hölle des Krieges, der noch heute grausame Nachwirkungen zeigt: im Kaschmirkonflikt, in blutigen Ausschreitungen zwischen den Religionsgruppen, in der Zerstörung von Moscheen und Tempeln.
  • Produktdetails
  • Verlag: Insel Verlag
  • Seitenzahl: 234
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 234 S. 203 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 122mm x 23mm
  • Gewicht: 332g
  • ISBN-13: 9783458174004
  • ISBN-10: 3458174001
  • Best.Nr.: 23307973
Autorenporträt
Khushwant Singh, geb. 1913, ist Indiens bekanntester Schriftsteller und Kolumnist, war der Mitbegründer von Yojna und Redakteur der Illustrated Weekly of India, dem National Herald und der Hindustan Times. Von 1980-86 war er Mitglied des indischen Parlaments. Khushwant Singh lebt in Delhi.
Rezensionen
Besprechung von 09.06.2008
Flucht auf dem Zugdach
Khushwant Singh erzählt von der Teilung Indiens

Endlich erscheint dieser Klassiker der englisch-indischen Literatur auch in deutscher Übersetzung. "Der Zug nach Pakistan" gehört zur sogenannten Partition Literature Indiens, das heißt zur Literatur über die Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan im Jahr 1947, die von weitverbreiteter Gewalt zwischen Hindus und Muslimen gezeichnet war.

Wie die Holocaust-Literatur in Europa erst Jahrzehnte später einsetzte, als sich die Lähmung der Zeugen gelöst hatte und das Unbeschreibbare in den Bereich des Nennbaren rückte, so hat auch die bedeutende Literatur zur indischen Landesteilung erst spät eingesetzt. Zwei bekannte Ausnahmen sind zu nennen: Saadat Hassan Manto, der 1955 in Pakistan starb, und eben Singhs Roman "Der Zug nach Pakistan", schon 1956 erschienen. Außer Manto und Singh ist auf Deutsch nur noch Bhisham Sahnis berühmter Partition-Roman "Tamas" greifbar. Dabei gibt es durchaus gewisse Parallelen zwischen Holocaust und Partition, wie die indische literatur- und geschichtswissenschaftliche Komparatistik erst seit einigen Jahren erkennt.

Khushwant Singh, mittlerweile dreiundneunzig Jahre alt, ist der Doyen der englisch-indischen Literatur und der einzige noch lebende Vertreter seiner Generation. An seinem Leben lässt sich die bewegte Geschichte des Subkontinents ablesen. In Hadali im heutigen Pakistan geboren, war er Diplomat, Akademiker, Journalist und Herausgeber. Ihm ist die zweibändige, noch immer gültige Geschichte des Sikhismus zu verdanken. Bis heute kommentiert er unverdrossen in einer wöchentlichen Kolumne das soziale und politische Leben seines Landes. In Deutschland ist er jedoch bisher nur durch seinen Roman "Delhi" bekannt geworden.

"Der Zug nach Pakistan" versammelt mit beachtlichem handwerklichen Geschick die authentischen Elemente der sozialen und politischen Situation um 1947 und verwebt sie zu einer typischen, straff erzählten Geschichte. Es geht um das Los der muslimischen Bevölkerung, deren Angehörige von Indien nach Paki-stan fliehen, sich in die Züge zwängen und auf die Zugdächer klettern, um den drohenden Massakern in Indien zu entkommen. Das gesamte Personal der damaligen Zeit ist vorhanden: gleichgültige oder feige Inder, die ihren muslimischen Nachbarn nicht helfen, korrupte Bürokraten, die einzig ihren Vorteil in der Lust und in der Machtausübung suchen, intellektuelle Idealisten, das Lumpenproletariat, das aus dem Chaos, der Angst und Gewalt so viel Profit wie möglich schlägt. Dann auch verzweifelte und in ihrer Not über sich hinauswachsende, einfache Frauen und eben der eine beherzte Mann, der durch sein Opfer die muslimischen Flüchtlinge vor dem Tod bewahrt.

Singh gelingt mit diesem Buch kein großer Wurf; dafür mangelt es dem Roman an glaubhaft gezeichneten, persönlichen Schicksalen. Doch wer den Geist der Zeit verstehen, wer das hämische Spiel der Mächtigen und der Schwachen mit der Gewalt erfassen will, wird diesen Roman mit Schaudern und mit Gewinn lesen.

MARTIN KÄMPCHEN.

Khushwant Singh: "Der Zug nach Pakistan".

Roman. Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen von Axel Monte. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2008. 235 S., geb., 19,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 26.07.2008

Leben und Tod in vollen Zügen
Von Fußnoten, Massakern und großer Hoffnung: Khushwant Singhs zorniger Roman über das Indien des Jahres 1947
Indien und Pakistan, diese siamesischen Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden, haben sich davon bis heute nicht erholt. Immer kehren sie zu jenem 15. August 1947 zurück, als aus der erledigten britischen Kolonialherrschaft mit einem Schlag zwei neue Staaten hervorgingen und ihre Grenzen gegeneinander mit einem Blutbad definierten, in dem Millionen Menschen – man weiß bis heute nicht, wie viele – ums Leben kamen. Muslime gingen auf Hindus los, Sikhs auf Muslime, und allein die Hijras von Chandanagar kamen ungeschoren davon. Hijras? „*Eunuchen und Transsexuelle; Hermaphroditen”, merkt der Übersetzer von Khushwant Singhs Roman „Der Zug nach Pakistan” an. Der europäische Leser fühlt sich nicht sehr erleuchtet. Wie haben sie das angestellt? Sie entziehen sich der obligatorischen Vorhaut-Kontrolle, die den Massakern stets vorausgeht (denn nur Muslime werden beschnitten, und hier massakriert man gewissenhaft), indem sie so schnell herumwirbelnd tanzen, dass ihre Röcke hoch in die Luft fliegen, und fordern ihre Peiniger dann auf, zu entscheiden, was sie gesehen hätten. Da beginnt der Mob zu lachen, und die Lage ist gerettet.
Des Realismus fremde Fracht
„,Das ist noch nicht alles. Die Sikhs zückten ihre Kirpans* *Kirpan: das Schwert der Sikhs] und bedrohten sie. ,Dieses Mal lassen wir euch davonkommen, aber ihr müsst aus Chandanagar verschwinden, oder wir werden euch töten.‘ Eine der Hijras klatschte wieder in die Hände, stieß dem Sikh einen Finger in den Bart und fragte: ,Warum, werdet ihr alle wie wir werden und keine Kinder mehr bekommen?‘** **die Hijras tanzten traditionell bei Geburten und Hochzeiten] Da mussten selbst die Sikhs lachen.‘ ,Das war ein guter Witz‘, sagte Hukum Chand.”
Wo ist hier der Witz? Der nichtindische Leser beginnt nun doch Frustration zu verspüren. Witze mit Fußnoten funktionieren nicht. Witze aber sind ein Prüfstein; wer die Witze einer Gesellschaft nicht begreift, der darf ziemlich sicher sein, dass er von ihr überhaupt nichts begriffen hat. Man kann nicht sagen, dass der Insel Verlag es uns hier leicht macht. Er stellt dem schon 1956 publizierten Roman von Khushwant Singh, den hierzulande die wenigsten kennen dürften, keine Einführung, kein Nachwort und keinen Kommentar bei und bürdet alles dem Übersetzer Axel Monte auf, dessen Arbeit vor lauter Fußnoten, die er machen muss, oft kaum noch Luft kriegt.
Das wichtigste geistige Erbe, das die abgezogenen europäischen Kolonialherren den nunmehr befreiten Nationen hinterlassen haben, war der realistische Roman, dieses Allzweck-Fahrzeug mit Vierradantrieb, das ohne gebahnte Straße auch auf dem steinigsten Gelände durchkommt und dank seiner Unverwüstlichkeit die Verständigung der sich neu formierenden Gesellschaften mit sich selbst und mit der Welt ermöglicht. Es transportiert auch sehr fremde Fracht, und wir sollten ihm dankbar dafür sein; das Fremde, das so zu uns kommt, ist ein wahrer Schatz. Aber man muss Geduld aufbringen. Man muss sich langsam einhören in dieses „Toba! Toba!”, von dem man noch wenig weiß, wenn die Fußnote verrät, es sei „Ausdruck der Missbilligung und Abwehr”. Der fälschlich Verdächtigte spricht es aus, indem er mit den Händen an die Ohren greift und die Zunge herausstreckt; aber auch die Frau, die sich von der Potenz des Mannes überansprucht fühlt (wie der Mann behauptet). Man muss die Information verarbeiten, dass es sich bei „Lambardara” um den Vokativ von „Lambardar” handelt, und das wiederum der Steuereinnehmer eines indischen Dorfs ist, keineswegs aber mit einem Bürgermeister verwechselt werden darf, dessen Amt in diesem hochverwickelten Gemeinwesen unbekannt ist; und noch viele andere Dinge.
Das indische Dorf, um das es geht, heißt Mano Majra und liegt an der Bahnlinie unmittelbar vor der pakistanischen Grenze. Bislang ist es hier, wo Sikhs und Muslims seit Jahrhunderten zusammenleben, friedlich geblieben. Da kommt eines Tages ein Geisterzug über die Brücke gefahren, ohne Licht, ohne Signale, der, als er hält, sofort von Polizisten abgeschirmt wird. Die Einwohner erhalten die Anweisung, alles Holz und Kerosin, das sie haben, herbeizuholen, sie bekämen es bezahlt. In der Nacht dann weht der grässliche Gestank von verbranntem Fleisch herüber. Tausend tote Sikhs und Hindus aus Pakistan, vielleicht auch viel mehr, werden heimlich eingeäschert. Sie waren die Passagiere.
Plötzlich tauchen viele Fremde auf, Flüchtlinge, aber auch Agitatoren. Der Druck auf die Dorfgemeinschaft von Mano Majra wächst: auf die Sikhs, die Muslime zur Vergeltung abzuschlachten; auf die Muslime, zu fliehen. Sie wollen alle beide nicht. Sind sie nicht seit Jahrhunderten gute Nachbarn und Freunde gewesen? Sie geben einander Beteuerungen ihrer unverbrüchlichen Treue – und wissen doch, dass alles nichts helfen wird und die Trennung bevorsteht, vielleicht Schlimmeres.
Das Buch gewinnt zum Ende hin an Fahrt und Kraft. Wer will und kann es verhindern, dass zur Vergeltung nunmehr die Insassen des nächsten Zugs in die Gegenrichtung abgeschlachtet werden? Die Erzählung, die zu schweifen schien, und der Erzähler, der sich bislang bedeckt gehalten hat: Jetzt erst werden sie in ihren Absichten deutlich. In Wahrheit hat Khushwant Singh sein Personal die ganze Zeit über nur entfaltet, um dessen Tauglichkeit zum großen Einspruch zu prüfen. Wird der Politiker Hukum Chand einschreiten? Er ist kein schlechter Mensch, nicht einmal im engeren Sinn korrupt, aber er resigniert, trinkt Whiskey und nimmt ein junges Mädchen mit aufs Zimmer, neben dem er prompt einschläft. Die Vorsteher der beiden religiösen Gemeinschaften im Ort verlieren ihre altbewährte harmonisierende Autorität, als die jungen höhnenden Heißsporne von außerhalb auftreten.
Das gekappte Seil der Rache
Die eigentliche Geringschätzung des Autors aber gilt der europäisch gebildeten politischen Klasse. Ihr Vertreter ist Iqbal Singh, ein „Sozialarbeiter”, der die Weltrevolution predigen möchte und, als die Konflikte sich entlang gänzlich anderer als der von ihm gewünschten Klassengrenzen entwickeln, froh ist, unter Opferung seiner persönlichen Ambitionen als der Sikh, der zu sein er verschmäht hatte, verschont zu werden. Spät lernt man die Gesinnung Khushwanth Singhs kennen, einen zornerfüllten Humanismus, der die Trägheit, Heuchelei und falsche liebedienerische Sanftmut seiner Heimat glühend hasst – besonders aber den Dandy Pandit Nehru, den die Europäerinnen auf der Galerie so toll finden.
Zum Schluss ist es der unwahrscheinlichste aller Helden, der das Rache-Massaker am Zug in der Gegenrichtung stoppt, ein Badmash namens Jagga (was ein Badmash ist, hat man inzwischen herausgefunden: ein Bandit, der sein altehrloses Gewerbe vom Vater und Großvater gelernt hat). Man ahnt es eher, als dass man es zweifelsfrei erfährt, dass es dieser Riese ist, den man nur als Umriss im Mondlicht gewahr wird, welcher im letzten Moment das Stahlseil kappt, das den Zug hätte aus dem Gleis werfen sollen. Noch während er es tut, wird er abgeschossen – aber getan ist es doch, wie bei der stummen Kattrin aus Brechts Mutter Courage, die trommelnd und sterbend eine ganze Stadt rettet. Es spricht aus diesem Schluss eine große Verzweiflung und eine große Hoffnung. BURKHARD MÜLLER
KHUSHWANT SINGH: Der Zug nach Pakistan. Roman. Aus dem indischen Englisch von Axel Monte. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2008. 235 Seiten, 19,80 Euro.
Dieses Foto machte 1947 oder 1948 Henri Cartier-Bresson. Es zeigt den Oberbefehlshaber der indischen Truppen in Kaschmir, General Thimaya, mit Entourage beim Besuch der umkämpften Front am Bergpass von Tithwall in Kaschmir. Die Einnahme des Passes durch die indischen Truppen war wichtig, um die muslimischen Truppen zurückzudrängen. Kaschmir ist bis heute zwischen Indien und Pakistan umstritten. Foto: Magnum Photos/Agentur Focus
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Mit einer ganzen Menge historisch-länderkundlichem Kannitverstan sieht sich Burkhard Müller beim Einstieg in die Lektüre dieses erstmals 1957 erschienenen Romans konfrontiert. Zwar gebe es viele, sehr viele Fußnoten, die manches Detail und manchen Hindi-Ausdruck erläutern. Hilfreich freilich, findet Müller, wenn nicht notwendig, wären eine Einführung und/oder ein Nachwort gewesen. Er hat sich dann aber doch hineingewühlt in diese Geschichte eines Dorfes an der indisch-pakistanischen Grenze, in dem sich die große Trennungsgeschichte spiegelt. Oder auch nicht: denn die Dorfbewohner unterschiedlicher Religion leben lange schon als friedliche Nachbarn und wollen sich dem um sie tobenden Morden nicht recht anschließen. Wie es dann doch dazu kommt, beinahe jedenfalls, schildert Singhs Roman, den Müller, je länger er dauert, mit wachsender Spannung gelesen hat.

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