Der Tod des Tango-Königs - Charyn, Jerome
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Produktdetails
  • UT Nr.180
  • Verlag: Unionsverlag
  • 2000.
  • Seitenzahl: 253
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm
  • Gewicht: 258g
  • ISBN-13: 9783293201804
  • ISBN-10: 3293201806
  • Artikelnr.: 08963205
Autorenporträt
Charyn, Jerome
Jerome Charyn, geboren 1937 in der Bronx, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen US-amerikanischen Schriftsteller. Der Sidel-Zyklus, der New York City als gigantisches Stammesterritorium erzählt, gehört zu den Kernstücken der Kriminalliteratur. Ein weiterer Klassiker ist seine persönliche Geschichte von Hollywood, der Welterfolg Movieland. Jerome Charyn pendelt zwischen Brüssel, Paris und New York.

Bürger, Jürgen
Jürgen Bürger, geboren 1954 im Sauerland, studierte Volkswissenschaft, Politikwissenschaft und Geschichte. Er lebt in Köln und ist als literarischer Übersetzer u. a. von Larry Beinhart, Thomas Adcock, Jerry Oster und Jerome Charyn tätig.
Rezensionen
Besprechung von 26.03.2001
Mama wohnt in meinem Nacken
Jerome Charyns Romane über Muttermythen und Drogenbarone

Der Einfluß der Mütter auf die Literatur ist nicht zu unterschätzen. Der schlaue Milan Kundera hat in seinem Roman "Das Leben ist anderswo" die perverse Macht der Dichtermütter mit spitzer Feder karikiert. Sein Jaromil war ein von Mama gegängeltes Söhnchen, aber auch viele andere Dichter, Rimbaud und Lermontow etwa, seien zeitlebens mit einer unlösbaren Leine in ihrem Nacken herumgelaufen, der Fuchtel furioser Mütterlichkeit nie entkommen. Mütter haben nicht wenige Seiten der Weltliteratur auf dem Gewissen. Hätte es einen der großen Romanzyklen des zwanzigsten Jahrhunderts gegeben, wenn sich der kleine Marcel in Combray nicht so arg nach Mamans Gutenachtküßchen gesehnt hätte?

In das geheime Reich der New Yorker Bronx gerät der Leser mit Jerome Charyns autobiographischem Buch "Die dunkle Schöne aus Weißrußland". Auch im Großstadtdschungel stammelt hier einer mit leuchtenden Augen von seiner Mama. Der 1937 geborene Charyn ist vor allem als Autor von Kriminalromanen bekannt, doch mit diesen Erinnerungen hat er laut Interview sein "schmerzhaftestes" Buch geschrieben. Seine Heldin ist Faigele ("Vögelchen"), eine 1927 nach Amerika emigrierte weißrussische Jüdin. Sie ist mehr als eine Heldin: eine Mutter-Mythe, als "dunkle Schöne" angehimmelt von Jerome alias "Baby", dem fünfjährigen früherwachsenen Sohn, dem "eingefrorenen Kind", das nach der Schule lechzt und sich in der harten Welt der Bronx oft allein zurechtfinden muß: "Ich lernte, wie ein Waldtier, für mich selbst zu sorgen." Faigele spricht kaum Amerikanisch, Schreiben und Lesen kann sie nicht, sie wird es erst mit "Baby" zusammen lernen. Ihre gemeinsame Lektüre ist "Bambi". Mama ist oft in trübseliger Stimmung, etwa wenn sie auf einen Brief aus dem weißrussischen Mogiljow von ihrem Bruder Mordechai wartet, der die kleine Schwester aufzog und ihr die Eltern ersetzte.

Bei allen Handicaps ist Mutter Faigele in den Augen von "Baby" Jerome ein Monument an Unerschrockenheit und Lebenstüchtigkeit. Ihr Silberfuchsmantel - natürlich Schmuggelware - ist ebenso ein Fetisch ihrer Größe wie ihr rotes Kleid und ihre "Kriegsbemalung" bei besonderen Anlässen. Wie erwartet spielt der Vater, "Sergeant Sam", eine eher blasse Rolle, er ist Vorarbeiter in einer Pelzwerkstatt in Manhattan, die gefütterte Westen für die Navy herstellt, und außerdem Luftschutzwart in der Bronx. Es ist das Jahr 1942, New York fürchtet einen Luftangriff. Bei seinen Runden durch die Bronx bekommt Dad oft Prügel von Tunichtguten, schleppt sich wund nach Hause, und Baby muß für Mercurochrom und Whiskey sorgen. Beim Streit zwischen Mama und Papa fliegen öfter die Teller. Nach einem Unfall ist Sergeant Sam arbeitslos und dämmert vor sich hin.

Der wahre Mann in der Familie ist in dieser kindlich-fiebrigen Phantasie der fünfjährige Sohn. Noch als Erwachsener versteht er blumig von seiner "dunklen Schönen" zu sprechen: "Sie war ein Held, so raubgierig wie die Männer um sie herum, und ihre Schönheit war wie eine Infektion, gegen die sich niemand schützen konnte. Was ich an Gaben habe, an großen oder nicht so großen, habe ich von ihr. Sie teilte meine Geheimnisse, ich war ihr dunkler kleiner Mann, und zwischen uns gab es Liebe und Haß."

Der Vater ist also überflüssig, aber "Mam" hat zwei wichtige Verehrer, die der von Armut gebeutelten Familie aus dem Schlamassel helfen. Beide sind gewiefte Schwarzhändler. "Onkel" Chick Eisenstadt fährt einen Cadillac, und Faigele arbeitet als "Kamel" für ihn, verschiebt Schmuggelware zum Klienten. Für dessen Rivalen, den Zahnarzt Darcy Staples, arbeitet Mama als Kartengeberin beim Poker. Aber alle Männer sind verrückt nach Faigele, sobald sie nur aufkreuzt. Die permanente Mutter-Adoration eines fünfjährigen Bronx-Bengels oder sechzigjährigen Romanciers mag etwas Rührendes haben, für den Leser ist sie auf die Dauer auch enervierend. Doch die Bronx ist demokratisch, und Roosevelt will gerade zum vierten Mal wiedergewählt werden. Die beiden Schwarzhändler-Onkels werden Opfer einer politischen Intrige. Der Zahnarzt stirbt im Gefängnis, und Onkel Chick muß untertauchen. Aber dieser fuchsschlaue Unternehmer macht sich, wenn's sein muß, sogar zum Brezelverkäufer, um der ewig verehrten Faigele näher zu sein, die inzwischen mit Familie in die East Bronx umgezogen ist und dort in einer Süßwarenfabrik ihr Tagwerk lang Kirschen in die Schokolade tunkt. Der Sohnemann im Bewunderungsexzeß über die Superlativ-Mutter: "Sie war die beste Kirschentunkerin der Stadt."

Einen neuen Freund findet Baby Jerome in Haines, einem Schwarzen, dem Hausverwalter des Wohnblocks. Er ist auch ein hochherziger Beschützer Faigeles, bis ihm bei einer Abrechnung von Ganoven eine Todesschwadron ins Haus geschickt wird. Der superstarke Held überlebt zwar seine Exekution, doch mit lädiertem Schädel, worauf er schwachsinnig in seinem Kohlekeller als Kind seiner Kinder fortvegetiert. Das letzte Bild von Faigele: wie sie betrunken einen ganzen Troß von italienischen Kriegsgefangenen herzt, jeden einzelnen in den "seidigen Pelz ihres Mantels" drückt und zwischen die Augen küßt. Faigeles famose Herzenswärme gehört eben zum Monument dieser Mutter Courage.

Von Charyns sentimentalem Bronx-Märchen kann der Leser flugs zu den Kokain-Baronen nach Kolumbien gelangen, denn gleichzeitig erscheint auf deutsch sein Roman "Der Tod des Tango-Königs". Auch hier wird geballert und getanzt, und die Puzzleteile sind fast immer die gleichen. Die dunkle Schöne heißt jetzt Yolanda. Sie ist eine richtige Gangsterbraut und sitzt wegen Bankraubs in einem New Yorker Gefängnis ein. Wie alle dunklen Schönen hat sie einen fünfjährigen Jungen, Baby Benjamin, den sie unbedingt wiedersehen will. Ein umweltschützerischer Geheimdienstmann bringt sie aus den Fängen gieriger Gefängnislesben heraus, doch das hat seinen Preis. Sie muß als Lockvögelchen herhalten, um den Kokain-Baron Ruben Falcone aus seinem kolumbianischen Regenwald hervorzuködern, wo der sich verschanzt hat.

In diesem auf Schritt und Tritt mit lateinamerikanischen Vokabeln kokettierenden Romänchen zeigt Charyn, der auch Comics getextet hat (was man jeder Seite anmerkt), ein sonderbar geschöntes Märchenreich der Halb- und Unterwelt. Eine rabiate Vorstadtkindergang gehört ebenso zum obligaten Personal wie Geheimagenten und Todesschwadronen. Eine Prise urtümlichen Tanzrituals wird vom Tango-König Guillermo Gaudí beigesteuert, ein bißchen Urweltmystik von einem Indiostamm, der auf Kondorfedern durch die Urwaldlüfte schwebt. Kolumbiens Präsident ist der Romancier Bailen (ein Zwitter aus García Márquez und Vargas Llosa), und der schlimme Koka-Baron Falcone ist letztlich bloß ein rechtgläubiger Grüner und militanter Naturschützer. Wem der modische Mix dieses grellgrünen Koka-Kohle-Comic-Romans zu abstrus ist, sollte sich doch lieber an Faigele und die rührselige Kindheit in der Bronx halten.

RALPH DUTLI

Jerome Charyn: "Die dunkle Schöne aus Weißrußland". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eike Schönfeld. Alexander Fest Verlag, Berlin 2000. 145 S., geb., 29,80 DM.

Jerome Charyn: "Der Tod des Tango-Königs". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen Bürger. Unionsverlag, Zürich 2000. 254 S., br., 18,90 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

"In einer Doppelrezension bespricht Jörg Häntzschel zwei Bücher von Jerome Charyn. Zwar sei das eine autobiografisch, das andere ein Roman, verbindend bleibe allerdings die Struktur, nach welcher die Geschichten aus "Gerüchten und Anekdoten, Melodramen und Komödien" zusammengesetzt sind.
1.) Jerome Charyn: "Die dunkle Schöne aus Weißrussland" (Alexander Fest)
Die Kindheitserinnerungen an die New Yorker Bronx zeichnet laut Häntzschel eine "Sensibilität" aus, die mit "europäischer Melancholie und sehr viel Tragikomik" vermischt ist. Es sei der Blick eines Kindes, das sich in einer Welt bewegt, die aus verschiedensten Mosaiken zusammengesetzt ist. Dem Autor gelinge es einerseits ein idealisiertes "wunderbar rundes Porträt" seiner Mutter zu zeichnen, und trotzdem die naheliegenden "Mafia-Klischees" der Bronx zuverlässig zu vermeiden, rühmt Häntzschel und verspricht, dass Charyns Protagonisten "witziger und tragischer" sind, als alle "De Niros" die wir Leser kennen.2.) ders: " Der Tod des Tangokönigs" (Unionsverlag)
Weitaus weniger gelungen findet Häntzschel diesen Roman, in dem eine "Gangsterbraut" von New York nach Kolumbien geschickt wird, wo sie im Auftrag der Regierung spionieren muss. Dort verliert sie sich - wie nicht anders zu erwarten, Häntzschel meint - selbst in den üblichen Netzen von "Verschwörungen, Machtkämpfen und Romanzen". Die Figuren haben zwar alle "mehrere Gesichter", und die Grenzen zwischen "Wahrem und Erfundenem" verschwimmen, so richtig in Gang kommt der Roman aber nicht, klagt der Rezensent. Er Rezensent meint, dass Charyn wohl so etwas wie Thomas Pynchons "paranoides Weltgemälde" vorgeschwebt hat, doch sei sein "Atem" dafür zu kurz.

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