Produktdetails
  • Verlag: DuMont Buchverlag
  • ISBN-13: 9783832160029
  • ISBN-10: 3832160027
  • Artikelnr.: 10311805
Rezensionen
Besprechung von 01.06.2002
Pitbull-Chat
Carlo Lucarelli erwischt einen
Kampfhund im Internet
Man wird nicht als Kampfhund geboren, man wird dazu gemacht. Ohne zu viel zu verraten: Am Ende ist es die Erziehung und nicht die Veranlagung, die für Vittorio, den Berufskiller mit dem Decknamen „Pitbull”, zum entscheidenden Karrierefaktor wurde. Wie bereits in sei-nem Roman „Der grüne Leguan” beobachtet Carlo Lucarelli auch in „Der Kampfhund” das seelische Innenleben eines Killers, der irgendwann zur menschlichen Bestie mutiert zu sein scheint.
Als angeblicher Schmuckvertreter verbringt Vittorio seine Freizeit zwischen den Morden auf der Autobahn und im Chatroom, wo man ihm seine Aufträge zukommen lässt. Dort wird der Student Alessandro, Besitzer eines harmlosen American Staffordshire und „virtueller Portier” bei einem Internet- Provider in Bologna, auf ihn aufmerksam. Bei der routinemäßigen Pädophilie- Kontrolle des Chatrooms hört er Gespräche, die anfangs nach Hundehandel klingen; zusammen mit seiner Kollegin verfolgt Alessandro die Geschichte weiter, was die beiden teuer bezahlen müssen. Die sorgfältig ausgelegten Zeichen, die wie Duftmarken auf die Existenz des Pitbulls hinweisen, rufen die Inspektorin Grazia Negro auf den Plan – Lucarelli-Lesern ist sie als weibliche Gegenfigur im männlich dominierten Polizistenkosmos vertraut. Ein bekanntes Muster liegt auch der Figur des Killers zugrunde: Indem er wie ein Chamäleon sein Äußeres verändert, ähnelt er sowohl dem italienischen Comic-Helden Diabolik, der sich Gesichter wie Masken überstülpt, wie dem Verwandlungsspezialisten im „Grünen Leguan”.
Die Handlungsstränge verwickeln sich zu einer spannenden Spurensuche, die sich immer stärker auf die Vergangenheit des Pitbulls konzentriert. Der Roman zehrt dabei von verschiedenen Parallelwelten und Zeichensystemen, die leise an die – ebenfalls in Bologna beheimatete – Semiotik Umberto Ecos erinnern. Neben dem World Wide Web und dem Netzwerk der Autobahn setzen die Musik und die Beschreibung von Tönen und Geräuschen den Kampfhund auf neue Wahrnehmungsfährten. Das geht nicht immer gut, denn die Versuche, verschiedene Arten der Stille oder eine Musikerstimme zu charakterisieren, fallen ziemlich ungelenk aus. Doch die Welt der Datennetze, die Authentizität simulierenden Sprachrituale des Chatroom-Slangs sind genau getroffen – Lucarellis Roman macht den Cyberspace zum Büro eines Killers, dessen Geheimnis man durch maximales Lesetempo aufdecken will. Und mehr braucht ein guter Krimi womöglich nicht zu leisten.
JUTTA PERSON
CARLO LUCARELLI: Der Kampfhund. Roman. Aus dem Italienischen von Peter Klöss. DuMont Verlag, Köln 2002, 301 Seiten, 17, 90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Während die Mehrzahl der Krimiautoren zu "stilistischen Konservatismus" neigt, ist Carlo Lucarelli für Rezensent Robert Brack einer der wenigen "kühnen" Erzähler des Genres. Wie Brack ausführt, handelt es sich bei Lucarellis neuen Kriminalroman "Der Kampfhund" daher auch nur vordergründig um einen Thriller über die Jagd nach einem Profikiller der Mafia. Tatsächlich aber sei der Roman eine Collage aus Bildern, Monologen, dialogischen Szenen, Aktionen, Assoziationen, Abschweifungen, die nicht direkt mit dem Kriminalfall verbunden sind. Brack hebt lobend hervor, wie Lucarelli den Handlungsfaden abspult, "nämlich mit Knoten, Schleifen, toten Enden, Verhedderungen und Zerfaserungen versehen". Die diversen Erzählperspektiven, aus denen Lucarelli das Geschehen erzählt, betrachtet Brack nicht als "Spielerei". Sie dokumentieren laut Brack vielmehr "die Relativität von persönlicher Wahrnehmung, die Fragwürdigkeit von Empfindungen, die Banalität von auf Zufällen basierender Sinnstiftung". Auch wenn Lucarelli manchmal über das Ziel hinausschießt, wie Brack zugesteht, besticht der "Der Kampfhund" nach Ansicht Bracks durch seine unkonventionelle Art und seine Experimentierfreude.

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