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Der Roman von Michael Roes führt den Leser nach New Leyden in Amerika und erzählt die Geschichte des Polizeipsychologen Thor Voelcker. Dieser soll das Täterprofil eines Mannes in Frauenkleidern entwerfen, der in einem Nachtclub den FBI-Agenten Van Couvering skalpiert hat. Bei den Nachforschungen wendet er sich an zwei mögliche Informanten: Er bittet die indianische Ethnologin Joan Bayou, ihr Wissen über ihr Volk (vor allem Rituale über den Geschlechterwechsel) aufzuschreiben, der Kleinbühnendiva Elektra überläßt er ein Tonband, damit sie ihre Erfahrungen als Drag Queen festhält. Als Joan Bayou…mehr

Produktbeschreibung
Der Roman von Michael Roes führt den Leser nach New Leyden in Amerika und erzählt die Geschichte des Polizeipsychologen Thor Voelcker. Dieser soll das Täterprofil eines Mannes in Frauenkleidern entwerfen, der in einem Nachtclub den FBI-Agenten Van Couvering skalpiert hat. Bei den Nachforschungen wendet er sich an zwei mögliche Informanten: Er bittet die indianische Ethnologin Joan Bayou, ihr Wissen über ihr Volk (vor allem Rituale über den Geschlechterwechsel) aufzuschreiben, der Kleinbühnendiva Elektra überläßt er ein Tonband, damit sie ihre Erfahrungen als Drag Queen festhält. Als Joan Bayou Voelcker besuchen will, wird sie in seiner Wohnung Zeugin eines Mordes. Voelcker selbst ist verschwunden. Joan Bayou und Elektra machen sich auf die Suche nach Voelcker und kommen dabei einer Verschwörung des FBI auf die Spur. Der Autor Michael Roes nutzt die Maske des Thrillers, um tiefergehenden Auseinandersetzungen Raum zu geben und die Frage nach möglichen Identitäten neu zu stellen.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.03.1999

Die Lokalkoloritis
Michael Roes schreibt einen Ethnokrimi / Von Thomas Steinfeld

Wenn die Helden des größten deutschen Abenteuerromans in den Orient ritten, stießen sie auf endlose Wüsten, kaum erreichbare Städte und kriegerische Beduinen. Wenn sie nach Westen ritten, dann zogen sich durch wilde Berge und endlose Graslandschaften, wo sie Messerwerfer und Indianer kennenlernten, räuberische Pistolenhelden und wackere Siedler. Am Heiligen Abend wurden hüben wie drüben die bekannten Lieder angestimmt, und sie klangen heimatlicher denn je. Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand hießen die beiden Gestalten, die Karl May in die Ferne schickte, und für das, was sie dort erlebten, haben die modernen Geisteswissenschaften eine Formel: Sie reden vom Fremden, das erst das Eigene hervorbringen soll. Karl May hätte dieses Verhältnis wiedererkannt, obwohl er ihm einen schlichteren Ausdruck gab. Man hört ihn, wenn ein deutlich vernehmbarer sächsischer Dialekt die Wüste oder die Prärie durchhallt. Auf diesen vertrauten Klang zielte der große deutsche Abenteuerroman.

Vor kurzem muß der deutsche Schriftsteller Michael Roes, ein weithin bekannter Fachmann für das Fremde, in der Metropole des Westens gewesen sein. Sein jüngster Roman, ein fast fünfhundert Seiten dickesmit dem rätselhaften Titel "Der Coup der Berdache", spielt in New Leyden, aber es fällt gar nicht schwer, hinter diesem Pseudonym die große Stadt New York zu erkennen, dunkel, schmutzig und voller zwielichtiger Gestalten. Der deutsche Schriftsteller muß ein aufgeklärter Tourist gewesen sein, und wie alle aufgeklärten Touristen macht er sich nichts vor und betrachtet die fremde Welt mit der teilnehmenden Distanz des Ethnologen: "Die Stadt ist müde", stellt er fest, "die Bewohner haben zu viel von diesem zu schnell gewachsenen, zu schnell gealterten und sich selbst verschlingenden Ungeheuer gefordert." So schonungslos ist sein Blick, daß er gar nichts Schönes, Erfreuliches oder auch nur Mildes wahrnimmt. "Wolken schieben sich wie Eisschollen aus Zement vor die Fenster. Alles rostet, bröckelt, blättert vor sich hin, aufgeplatzte Straßendecken, rußgeschwärzte Himmel. In der Küche wölbt sich das Linoleum." So muß sich Gotham City dem resignierten Auge Batmans dargeboten haben.

Bei Charles Baudelaire findet sich die Vorstellung, die Verbrecher in der großen Stadt seien in Wahrheit die europäischen Indianer. "Apachen" nannte er diese haltlosen Gestalten. Oswald Spengler spricht davon, daß sich am Ende der westlichen Zivilisation, kurz vor dem "Untergang des Abendlandes" die Bewohner der Metropolen in Nomaden zurückverwandelten. Mit dieser Idee spielt Michael Roes, aber sie verliert bei ihm ihren spekulativen Reiz, und leider fehlt seiner Sprache die Magie der großen Vorbilder. "Wenn ich mit irgendeinem wilden Tier in Schwierigkeiten geraten sollte", läßt er seinen Indianer sagen, "müsse ich ihm klarmachen, daß ich es wahrgenommen und seine Absichten verstanden habe und ihm unnachsichtigen Widerstand leisten werde." Winnetou pflegte sich eleganter auszudrücken. Es ist, als glaube der Autor, die Entscheidung für den spektakulären Stoff habe ihm die Mühe des Formulierens abgenommen.

Vor gut zwei Jahren veröffentlichte Michael Roes eine Art Reisebericht aus dem Jemen unter dem Titel "Rub' Al-Khali. Leeres Viertel. Invention über das Spiel". Lange geisterte die Behauptung durch die Feuilletons, dieses Werk sei nicht nur als Roman erschienen, sondern werde noch an irgendeinem ethnologischen Institut als Habilitationsschrift eingereicht. Man weiß nicht, was der Autor noch mit dem "Coup der Berdache" vorhat, aber eine akademische Qualifikation scheint daraus nichtentstehen zu können - zu sehr ähneln die Phantome von New Leyden den Lehren aus Jemens leeren Vierteln. Wieder wird vom Stamm als der eigentlichen Form des sozialen Lebens erzählt, wieder kreist die Erzählung um Figuren, die keinem Geschlecht zugeordnet werden sollen, und wieder geistern die sexualpathologischen Vorstellungen des Freiherrn von Krafft-Ebing oder von Otto Weiniger durch die Geschichte. Es ist ein wenig wie bei Karl May, bei dem sich die Abenteuer der Wüste auch mit den Abenteuern der Prärie verwechseln ließen - abgesehen von den komplizierten Namen, der Geographie und ein wenig Lokalkolorit.

Einen Unterschied allerdings gibt es: "Der Coup der Berdache" wird als Thriller angekündigt, und dagegen hätten sich die Manierismen in der Erzählweise des "Leeren Viertels" gesperrt. Allerdings ist es im neuen Buch mit dem Thriller nicht weit her. Gewiß, es geschieht gleich zu Beginn ein Verbrechen, denn ein Polizist wird skalpiert. Wie furchtbar so etwas ist, läßt sich bei Sam Hawkins nachlesen, aus dem Karl May, womöglich aus gutem Grund, eine komische Figur gemacht hat. Aber kaum ist der erste Halbtote da, wird die Handlung durch ausschweifende Erläuterungen über Geschichte und Kultur der Indianer unterbrochen. Wer gerne Thriller liest, haßt solche belehrenden Zwangspausen, und das Buch enthält viele dieser Art.

Überhaupt kann man die These wagen, daß es im Erzählerischen keinen größeren Widerspruch gibt als den zwischen einem ethnologischen Werk und einem Thriller. Denn ein Thriller ist bis ins Mark analytisch. Er ist um ein Geheimnis herum geschrieben, das die Ereignisse steuert, ohne selbst durchschaut zu werden, und nur sehr allmählich aufgedeckt werden darf. Ein Thriller rast dahin, die Neugier auf das Ende ist so groß, daß er selbst große Mengen Stoff durchschießt, um am Ende, um Atem ringend, die wahre, einfache Geschichte in der Hand zu halten. Ein Ethnologe hingegen darf keine Eile kennen, bei ihm ist alles Beobachtung, und das Geheimnis kennt er nur als Ritus. Dieser Widerspruch zieht sich durch das ganze Buch von Michael Roes. Schon nach ein paar Seiten gleicht das Werk einem Kastanienmännchen, bei dem die dicke Kugel des ethnologischen Traktats auf den Streichholzbeinchen einer Kriminalgeschichte dahinwackelt.

Der Autor hätte eine Erklärung für diesen Gegensatz. "Das Denken in Gegensätzen schärft das Verständnis für die Widersprüchlichkeit dessen, was wir Identität nennen", erläutert er, und nur ein Schelm käme auf die Idee, dieses Glaubensbekenntnis für eine doppelte Tautologie zu halten. Michael Roes aber gibt ihm allegorische Gestalt, indem er seine Geschichte von drei Personen erzählen läßt, in denen jeweils mindestens zwei Kulturen vereint sind. Da ist eine Indianerin, die manchmal ein Indianer ist und an einem College über "Berdache" oder "Halbmänner-Halbfrauen" doziert. Da ist ein schwarzer Polizeipsychologe, der eines Tages den Transvestiten in sich selbst entdeckt, und schließlich ist da ein echter Transvestit, der in einem früheren Leben Griechisch und Latein unterrichtete - kurz: Das Personal spiegelt die beiden Lieblingsphantome der amerikanisch inspirierten Geisteswissenschaften aus den frühen neunziger Jahren, nämlich "race" und "gender", "Rasse" und "Geschlecht". Alle Figuren leiden zudem am Elend der allegorischen Form. Sie lernen nichts dazu, sie dozieren bloß.

In Karl Mays "Der Schatz im Silbersee" gibt es einen Transvestiten. Es ist "Tante Droll", ein legendärer "Westmann", der unter einer alten Flatusenhaube auftritt. "Dergleichen Erscheinungen sind im Westen gar nicht etwa selten", erläutert Karl May, und auch damit hat er eine Wahrheit der Ethnologie, so wie sie von Michael Roes vertreten wird, ausgeplaudert: "Eine Rothaut bleibt eine Rothaut, mag sie auch getauft sein", heißt es in seinem Buch. Es ist beileibe nicht nur eine fiktive Gestalt, die so spricht, denn niemand mischt sich ein, und das Gegenstück, das Urteil über die weißen Amerikaner, lautet nach den Gesetzen derselben plumpen Völkerpsychologie: "unsichere, schuldbewußte und aus diesem Grunde wohl grausame Kinder". Nun versteht man, warum die Ethnologie in den achtziger Jahren die Pädagogik als weltanschauliches Fach abgelöst hat: Hier gibt es nichts mehr zu verbessern, geschweige denn am Menschen, hier kann man nur noch tatenlos staunen.

Was aber ist mit der Entdeckung des Eigenen im Fremden, was ist mit dem heimatlichen Ton? Er ist leicht zu finden, denn er lautet etwa so: "Diese Bar ist die finale Epiphanie des amerikanischen Traums." Oder so: "Bodenständige Werte und der amerikanische Traum finden in dieser Lokalität ihr treffendes Epitheton." Oder gar so: "Menschen sind voller Widersprüche, Singh. Das macht sie noch nicht zu Ungeheuern. Stell dir einmal folgendes Gedankenexperiment vor." Nun erkennt man, was das Fremde wirklich ist: Es ist das Exotische, das den Gaffer nicht beirrt, sondern in dem bestärkt, was er ohnehin schon zu wissen meint. Für diese Erfahrung gab es bei Karl May den sächsischen Dialekt, der die Prärie durchhallte. Hundert Jahre danach hat sich nur die Tonlage geändert: In den Wüsten, in den Städten, überall kennt man den Jargon eines deutschen Hauptseminars.

Michael Roes: "Der Coup der Berdache". Roman. Berlin Verlag, Berlin 1999. 492 S., geb. 44,- DM.

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