• Buch mit Papp-Einband

Jetzt bewerten

Moskau in einer nahen Zukunft. Animatoren haben die Gabe, die Seelen der Toten zum Leuchten zu bringen, indem sie deren Leben noch einmal Revue passieren lassen. Die Schicksale der Verstorbenen, Terroropfer und Täter, sie alle fügen sich zu einem grausamen und unerbittlichen Bild des russischen Lebens. Bis Sergej Barmin von einer Nachfolgeorganisation des KGB aufgefordert wird, auch lebende Menschen zu animieren und Kontrolle über ihre Bewusstsein zu erlangen ... Ein literarischer Thriller zwischen Science-Fiction und russischer Gegenwart.…mehr

Produktbeschreibung
Moskau in einer nahen Zukunft. Animatoren haben die Gabe, die Seelen der Toten zum Leuchten zu bringen, indem sie deren Leben noch einmal Revue passieren lassen. Die Schicksale der Verstorbenen, Terroropfer und Täter, sie alle fügen sich zu einem grausamen und unerbittlichen Bild des russischen Lebens. Bis Sergej Barmin von einer Nachfolgeorganisation des KGB aufgefordert wird, auch lebende Menschen zu animieren und Kontrolle über ihre Bewusstsein zu erlangen ... Ein literarischer Thriller zwischen Science-Fiction und russischer Gegenwart.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser, Carl
  • Artikelnr. des Verlages: 505/20827
  • Erscheinungstermin: 3. März 2007
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783446208278
  • ISBN-10: 3446208275
  • Artikelnr.: 20947742
Rezensionen
Besprechung von 13.03.2007
Das Licht der toten Seelen
Ein Roman über den Terror: „Der Animator” von Andrej Wolos
Animation ist hier nicht, was man normalerweise darunter versteht, sondern ein Zweig der Bestattungsindustrie: In Russland wurde ein neues Verfahren entwickelt, die Seelen der Verstorbenen sichtbar zu machen und auf ewig aufzubewahren. In einer Art Tempel, dem „Animazentrum”, wird das Verfahren von einem Fachmann – dem Animator – durchgeführt. Er besitzt die Fähigkeit, in die Seelen Verstorbener mental einzudringen und mit Hilfe eines physikalischen Effekts deren Abbild in Form des ewigen Lichts – der Nooluminiszenz – zu erzeugen, das sich dann in einem Kraft-Kolben entzündet. Während die Friedhöfe verfallen, avanciert die Animation zu einem gewinnträchtigen Geschäft.
Der Protagonist des gleichnamigen Romans von Andrej Wolos, der Animator Barmin lebt von seiner Gabe, eine besonders reine und scheinbar ununterbrochen leuchtende Flamme zu erzeugen. Doch trotz seiner paranormalen Fähigkeiten, die ihm zu Ruhm und Geld verhelfen, empfindet er sich als ein moralischer und seelischer Versager: Seine Tochter, die er im Kindesalter verlassen hat, hasst ihn; seine Geliebte verlässt ihn fluchtartig, weil er keine Kinder mit ihr haben will; und seine Arbeit setzt ihm psychisch zu. Denn er wird die „Anamnesen” der Verstorbenen, die im chaotischen und gewalttätigen Alltag des Landes ihr Leben lassen mussten, nicht mehr los. Wie ein Giftschleier liegt auf dem Land der Fluch des Tschetschenienkriegs: Sonderoperationen, Flüchtlingslager, in denen Selbstmordattentäter rekrutiert werden, Terrorakte auf den Moskauer Straßen. All das treibt die Handlung des Romans voran.
Für Andrej Wolos, der 1955 in Duschanbe in Tadschikistan geboren wurde, scheint der Bürgerkrieg in diesem postsowjetischen Staat ein lebenslanges Trauma geblieben zu sein. In seinem ersten und besten Buch „Churramobod” beschreibt er das Geschehen aus der Sicht der Russen, die zum ersten Mal in ihrer Geschichte in die Lage einer gefährdeten Minderheit geraten waren. Ohne Anhäufung grausamer Details zeichnet er eindrucksvoll den Untergang einer friedlichen Lebenswelt. Wolos hat ein sicheres Gespür für den „Orient” und ist dort in seinem Element. Auch in „Der Animator” gelingen ihm jene Episoden am besten, in denen der Terror ein Gesicht bekommt, etwa die Geschichte eines tschetschenischen Waisenkindes, das zum Selbstmordattentäter ausgebildet wird, oder die Episode, in der Terroristen bei einem russischen Offizier Munition kaufen, die dann bei der spektakulären Geiselnahme in einem Moskauer Theater verwendet wird.
Die russische Wirklichkeit erlaubt es Barnim nicht, seine seelischen Wunden zu heilen und den Ruf eines Animationskünstlers zu genießen. Er gerät ins Visier des Geheimdienstes, der ihn zur Animation der Lebenden einsetzen will. Durch das Verfahren des Gedankenlesens sollen potentielle Terroristen ausgekundschaftet werden. Mit der Entwicklung eines „parapsychologischen” Lügendetektors hatte der KGB schon in Sowjetzeiten eine spezielle Abteilung beschäftigt, über die viel gemutmaßt und geschrieben wurde. Wolos gelingt es nicht, dieses schon verbrauchte Sujet schlüssig wiederzubeleben. Barmin bleibt bei den Toten und erzeugt eine weitere Anamnese: die eines an einem Herzschlag gestorbenen Geheimdienstoffiziers, der eine fiktive Geiselnahme im Theater geplant haben soll, um die Fortsetzung des Tschetschenienkriegs zu legitimieren. Doch die Sonderoperation ging schief, wie das Leben des Animators. Barmin gerät mit seiner wiedergewonnen Liebe, die unterdessen eine Tochter von ihm zur Welt gebracht hat, in eben diese spektakuläre und opferreiche Geiselnahme hinein. Sie überlebt nicht. Die Beschreibung dessen, was im Theater geschieht, bleibt weit hinter den realen Berichten und Zeugenaussagen zu diesem Ereignis zurück.
Vor dem Hintergrund der russischen Gegenwartsliteratur, die sich in verschiedenen Genres intensiv sowohl mit Esoterik als auch mit dem Terror auseinandersetzt, wirkt das Panorama der Gesellschaft, das Wolos ausbreitet, wie ein Stück Publizistik mit einem Hang zum Irrealen. Wolos entpuppt sich als schwacher Animator: Das Leben liefert ihm schaurige Geschichten, doch die Flamme der Imagination, die er daraus schlägt, erlischt, noch bevor man ans Ende des Romans gelangt ist.SONJA MARGOLINA
ANDREJ WOLOS: Der Animator. Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Christiane Körner. Carl Hanser Verlag, München 2007. 288 Seiten, 21,50 Euro.
Der Schriftsteller Andrej Wolon Foto: Ekko von Schwichow
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
…mehr
Besprechung von 09.01.2008
Die Bestattungsindustrie

Wozu erst sterben, wenn man doch wiederaufersteht? Andrej Wolos hat einen Roman über tote Seelen geschrieben, die wir so nur aus Zombie-Filmen kennen.

Die Idee zu seinem zweiten Roman, "Der Animator", hat Andrej Wolos geklaut, und er steht dazu. Sie stammt von dem christlich orientierten russischen Philosophen Nikolaj Fjodorowitsch Fjodorow (1828 bis 1903), der für eine "lebendige" Religion eintrat. Er schrieb nachts auf Zetteln, die er in großen Säcken sammelte, veröffentlichte aber aus moralischen Gründen nichts zu Lebzeiten. Als Bibliothekar pries er das Lebendige auch für den musealen Raum: Im "Museums-Gotteshaus" habe man die Aufgabe der Erziehung ernst zu nehmen, zu diskutieren und nicht nur zu sammeln. Ein Teil seiner Gedanken fiel jedoch etwas aus dem Rahmen. Der Tod, meinte Fjodorow wegwerfend, sei ein Fehler der Natur. Wenn doch ohnehin vor dem Jüngsten Gericht "auferstanden" werde, warum dann vorher noch sterben? Alle Anstrengung der Wissenschaft müsse darauf ausgerichtet werden, die Toten wenigstens schnellstmöglich wiederzuerwecken. Das sei gar nicht so schwierig - enthalte doch jedes Atom einen Abdruck der irdischen Existenz.

Bis heute hat sich Fjodorows Forderung nach dem Aufmarsch der Toten nur in Zombiefilmen verwirklicht. Aber seine Ideen zur Errettung der Menschheit durch Versöhnung aller Gegensätze hatte durchaus Anhänger - Schriftsteller wie Tolstoj, Dostojewski, Platonow bewunderten ihn.

Andrej Wolos musste die Idee nur ein bisschen weiterspinnen, um die Plattform für einen etwas verwirrenden Roman über eine von Terror bedrohte Welt zu konstruieren, in der von Versöhnung nichts zu spüren ist: Seine Animatoren können zwar immer noch nicht so recht reanimieren, aber sie bringen mit ihrer offenbar angeborenen "Gabe" der Imagination immerhin die Seele der Toten durch eine Art ewige Flamme in einem Kolben zum Erglimmen. Auf Gräbern sieht das hübsch aus, und außerdem ist es hübsch teuer, weshalb das in allen Materialien lieferbare Produkt zugleich als Statussymbol gilt und den Neid der Nachbarn erweckt. Der Animator ist ein hervorragender Geschichtenerzähler und die Animation ein ertragreicher Zweig der Bestattungsindustrie. Die Physik hilft: Dank "Winke-Effekt" und "Noolumineszenz" blüht das Geschäft mit der ewigen Flamme seit dreißig Jahren.

Was wie Sciencefiction klingt, hat vor allem erzähltechnische Vorteile. Bevor der Leser über den tieferen symbolischen Sinn der Animation nachdenken kann, hat man schon praktische Beispiele erhalten. "Anamnesen" nennt Wolos die neun Kapitel, welche die eigenen Gedanken seines ständig erschöpften Hauptanimators namens Barmin unterbrechen. Barmin arbeitet viel. Die Menschen verehren ihn als Zauberer und Magier. Von Lug und Trug wollen sie gar nichts hören. Lieber glauben sie, dass in der "Animabox" die letzten Gedanken vor dem Eintritt des Todes fixiert werden. Nichts anderes gibt Barmin vor zu tun. Und Wolos, sein Autor, 1955 in der Hauptstadt Tadschikistans, Dushanbe (ehemals Stalinobod), geboren, reicht ihm die Toten seiner gegenwärtigen Welt: vom Fabrikarbeiter, der die Waffen schmiedet, über den in Gedanken an letzte Dinge versunkenen Physiker Rebrow, den kurz darauf die Bombe eines Selbstmordattentäters im Bus zerfetzt, von der Einweisung desselben im Ausbildungslager bis hin zu den obersten Etagen des russischen Geheimdiensts, in denen man darüber nachdenkt, Animatoren auf Lebende anzusetzen, um Informationen von Terroristen zu beschaffen. In alle Rollen, Täter wie Opfer, die ihrerseits zu Tätern werden, schlüpft Barmin, schlüpft Wolos. Kunstvoll greift er bis in Details den typischen Sprachduktus aller Figuren auf und versetzt die Szenen mit zahlreichen Anspielungen auf aktuelles Zeitgeschehen.

Ein spannender Thriller wird das trotzdem nicht. Eher die haarkleine Innenansicht auf eine auch für den wohlwollenden Leser über lange Strecken undurchsichtig bleibende Maschinerie des Terrors, der weniger von klaren Zielen, sondern von Zufällen und persönlichen Schicksalen diktiert wird. Die Einsicht, dass die Welt nicht schwarzweiß zu malen ist, hat Wolos bereits in seinem ersten Roman die Feder geführt: "Churramobod - Stadt der Freude" (2000) erzählt ohne moralischen Zeigefinger vom schwierigen Verhältnis zwischen Russen und Tadschiken. Man hat an der Prosa den komplexen Bau gelobt.

Jetzt stößt man an die Grenzen multiperspektivischer Finesse, denn es bleibt kaum Zeit, sich auf die Figuren wirklich einzulassen. Ihre Wege kreuzen sich immer nur rückblickend. Dann erst hat jeder mit jedem zu tun, und es lässt sich der Kosmos erahnen, an dem Wolos hier so unermüdlich strickt, der aber beim Lesen doch eher überfordert als bewegt: In einer durch unkontrollierbaren Terror in Schrecken versetzten Welt, in der selbst diejenigen eine zwielichtige Rolle spielen, die vor Angriffen schützen sollen, erwächst die Animation aus der Sehnsucht der Überlebenden als eine Art gigantische Trauma-Abwehr-Fabrik.

Hier läge auch das Potential des Romans, der ein Zwitterding bleibt: im Unterbau Kulturkritik mit einem Schlag Esoterik, im Oberbau Intrigen- und Spionagegeschichte. Der Zusammenhang beider Teile verschwimmt und wird auch nicht deutlicher in der Leitgeschichte Barmins, der am Ende in eine an das Jahr 2002 erinnernde Geiselnahme am Theater gerät und dem Tod selbst in die Augen blickt. Mit seinen Themen liegt Andrej Wolos aber zweifellos im Trend russischer Gegenwartsliteratur.

ANJA HIRSCH.

Andrej Wolos: "Der Animator". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Christine Körner. Hanser Verlag, München 2007. 288 S., geb., 21,50 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Wurde Andrej Wolos für die Vielschichtigkeit seines ersten Romans noch ausgiebig gelobt, fühlt sich Rezensentin Anja Hirsch von der komplexen Vielstimmigkeit seines zweiten Buches überfordert. Es geht um den "Animator" Barmin, der vorgeblich die letzten Gedanken Verstorbener in einer "Animabox" konservieren kann und die Seele der Toten als ewige Flamme bewahrt, erklärt die Rezensentin. Der tadschikische Autor schiebt zwischen die Gedanken der Hauptfigur immer wieder die mit viel Gespür für sprachliche Charakteristika geschilderten Geschichten von Terroristen und ihren Opfern, die die Erzählwelt des Romans dominieren, und spielt wiederholt auf aktuelles Zeitgeschehen an, meint Hirsch durchaus interessiert. Sie bedauert allerdings, dass die Motive der Terroristen undurchsichtig und, wie es scheint, dem Zufall überlassen bleiben. Sie findet es schwierig, sich bei der Vielzahl der Figuren auf Einzelne richtig "einzulassen". Der Roman bleibt ein Zwischending zwischen mit "Esoterik" gewürzter "Kulturkritik" und Thriller und kann gerade wegen dieser Unentschiedenheit die Rezensentin nicht überzeugen.

© Perlentaucher Medien GmbH