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Die Schattenseite der Moderne
Um 1900 entsteht ein neues Leitbild: die vitale Persönlichkeit. Es ist der Anfang einer radikalen Mobilmachung, welche die ganze Gesellschaft erfasst. Rilke unterzieht sich einer Kräftigungstherapie: gymnastische Übungen, kalte Bäder, Waldlauf; sogar Holzhacken steht auf dem Programm. Auch Kafka sieht sich unter Zugzwang. In der Naturheilanstalt "Jungborn" klettert er auf Bäume, pflückt Kirschen und nimmt - zu seinem Entsetzen - nackt auf einer Wiese Luftbäder. Thomas Mann bekämpft derweil seine Trägheit im Züricher Sanatorium Bircher-Benner. Und selbst…mehr

Produktbeschreibung
Die Schattenseite der Moderne

Um 1900 entsteht ein neues Leitbild: die vitale Persönlichkeit. Es ist der Anfang einer radikalen Mobilmachung, welche die ganze Gesellschaft erfasst. Rilke unterzieht sich einer Kräftigungstherapie: gymnastische Übungen, kalte Bäder, Waldlauf; sogar Holzhacken steht auf dem Programm. Auch Kafka sieht sich unter Zugzwang. In der Naturheilanstalt "Jungborn" klettert er auf Bäume, pflückt Kirschen und nimmt - zu seinem Entsetzen - nackt auf einer Wiese Luftbäder. Thomas Mann bekämpft derweil seine Trägheit im Züricher Sanatorium Bircher-Benner. Und selbst Bismarck, der ein "großartiger Fresser und Säufer" (Kafka) war, versucht es zur Abwechslung mal mit Obst und frischer Luft.
Doch sosehr man die Gifte und Reize der Zivilisation abzuwehren sucht, der Mensch ist dem neuen Leben nicht gewachsen. Das Gespenst der Erschöpfung geht um, Untergangsbilder kursieren, Europa scheint am Ende. Unter den Neurotikern, Nervösen, Magenkranken und Depressiven wächst die Sehnsucht nach Erlösung und neuer Kraft, nach Seelenführern, Gesundheitsaposteln, Trainern und Ernährungsberatern. Auch für sie schlägt um 1900 die Stunde.
Auf der Grundlage zahlreicher, teilweise bislang unbekannter Dokumente entwirft Wolfgang Martynkewicz ein provokantes Epochenbild, das Einblick in die Innenwelt einer von Überforderung und Erschöpfung geprägten Moderne gibt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 641/13547
  • Seitenzahl: 427
  • Erscheinungstermin: 9. September 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 136mm x 40mm
  • Gewicht: 606g
  • ISBN-13: 9783351035471
  • ISBN-10: 3351035470
  • Artikelnr.: 38084443
Autorenporträt
Martynkewicz, Wolfgang
Wolfgang Martynkewicz ist freier Autor und Dozent für Literaturwissenschaft an den Universitäten Bamberg und Bayreuth; zahlreiche Veröffentlichungen zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und zur Geschichte der Psychoanalyse; u.a. über Jane Austen, Edgar Allan Poe, Arno Schmidt, Sabina Spielrein, C. G. Jung und Georg Groddeck. 2009 gelang ihm mit "Salon Deutschland. Kunst und Macht 1900-1945" ein Erfolg bei Presse und Publikum.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Franz Viohl pflichtet dem Autor bei: Die Moderne und ihre Erschöpfungs-Metapher haben nie aufgehört beziehungsweise an Bedeutung verloren. Die Parallelen zwischen der Epoche um 1900 und unserer Zeit, die Wolfgang Martynkewicz höchst "kenntnisreich" aufzuzeigen vermag, findet der Rezensenten durchaus überraschend. Gestört hat Viohl sich nur an den vielen kuriosen Details. Bismarcks Essgewohnheiten etwa tragen wenig zu einem Epochenbild bei, meint er. Das Fazit, auf das ihn der Autor bis zum Schluss warten lässt, fällt dann auch nicht so bahnbrechend aus. Dass die Moderne den Homo oeconomicus erschaffen hat, wusste er bereits.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 14.10.2013

Wenn Zeitvergeudung Sünde ist
Wir Überforderten: Wolfgang Martynkewicz schildert das Zeitalter der Erschöpfung
Misst man den Fortschritt der Gesellschaft an der Zeit, die sie braucht, um auf Neues zu reagieren, dann hat sie es ziemlich weit gebracht. Zwischen Ereignis und medialer Reaktion liegen heute Sekunden, an der Börse geht es noch schneller. Noch bevor es eine Nachricht auf die Website einer Zeitung, geschweige denn in den Druck schafft, zirkuliert sie in einer immer wachen Online-Öffentlichkeit. In Mexiko-Stadt etwa ist der Bürgermeister der erste, der via Twitter vor einem Erdbeben warnt.
Wo Segen ist, ist der Fluch nicht weit. „Bergleute verschüttet: flüchtige Rührung. Ein Kind mißhandelt: kurze Entrüstung. Für die Erwägung, das Erinnern, das Nachklingen bleibt keine Zeit.“ Je kürzer die Reaktion, desto größer die Abstumpfung. Was klingt wie eine Klage über mediale Hybris, hat jedoch mit sozialen Netzwerken und Breaking News nichts zu tun. Der Kommentar stammt von Walther Rathenau, aus dem Jahr 1912.
  Die Welt um die Jahrhundertwende war vielen Zeitgenossen zu schnell geworden. Der wissenschaftlich-technische Aufbruch hatte eine Kehrseite, die Schriftsteller und Mediziner gleichermaßen diagnostizierten: Der moderne Mensch leidet an einer chronischen Überforderung, an Reizbarkeit und Nervosität. Ausgehend von diesem Befund porträtiert der Literaturwissenschaftler Wolfgang Martynkewicz die Epoche um 1900 nun als „Zeitalter der Erschöpfung“. Nur hat dieses Zeitalter nie aufgehört. Die alte Malaise lebt in Depression, Stress und Burn-out fort.
  Bücher wie „Müdigkeitsgesellschaft“ (Byung-Chul Han) oder „Beschleunigung und Entfremdung“ (Hartmut Rosa) sind, argumentiert Martynkewicz, die Neuauflage jenes Unbehagens, das bereits die anbrechende Moderne ergriff. „Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten“, schreibt Nietzsche 1878. Doch wen der Kranke verachtet, den bewundern die anderen. Unter dem Leitbild der „vita activa“, schreibt Martynkewicz, galt nur der Tätige als Mensch im vollen Sinne, der Unternehmer oder Wissenschaftler. Max Weber sah in der Arbeit einen „Selbstzweck des Lebens“, in der Zeitvergeudung eine schwere Sünde. Müde wird man trotzdem.
  Woher die Erschöpfung kam, war umstritten. Georg Simmel machte die „Reize der Großstadt“ für die Lethargie verantwortlich, mit der die Widerstandskraft des Individuums nicht mehr Schritt halten könne. Der Arzt Max Bircher-Benner, der auch Hermann Hesse behandelte, warnte hingegen vor der Fettleibigkeit und propagierte Rohkost als „Ordnungstherapie“. „Viele Männer sehen aus wie gemästete Hunde“, schreibt der Lebensreformer Hans
Paasche über das Deutschland des Jahres 1912.
  Was also tut der Erschöpfte? Dasselbe wie heute: Er diszipliniert sich, geht zur Kur, macht eine Diät oder treibt Sport – um danach umso mehr leisten zu können. Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und Franz Kafka berichten von Besuchen in Heilanstalten und von körperlichen Ertüchtigungen. Nichts war so weit verbreitet wie die Furcht vor der Trägheit, bei der es sich, da waren sich die Chronisten der Décadence einig, um eine gesellschaftliche Pathologie handelte.
  In diese Zeit fällt auch die Geburt des
Vegetarismus als politische Bewegung. Und die Erstausgabe der Zeitschrift Die Schönheit, Vorläufer aller Frauen- und Männermagazine. Dem Übermaß setzt man die Entsagung entgegen. Rilke schwört öffentlich dem Alkohol ab, damit „nur meine Säfte reden und rauschen sollen, wie in Kindern und Thieren, tief aus sich selbst“.
  Andere dachten laut über Eugenik zur „Herstellung sozialer Gesundheit“ nach, wieder andere schwärmten von der kräftesteigernden Wirkung des Kokains, die man bei Indianern in den Anden beobachtet hatte. Doch die Erschöpfung blieb. Das lag vor allem daran, dass die Intellektuellen nicht die Unruhe, sondern die Ruhe bekämpften. Triebunterdrückung und noch mehr Arbeit war auch Nietzsches Antwort auf die Krankheit. Weil sich Fitness (die auch damals schon so hieß) und Enthaltsamkeit als unwirksam erwiesen, wurde manchem klar, dass die Erschöpfung kein körperliches, sondern ein kulturelles Phänomen war. Ihm war wissenschaftlich nicht beizukommen. „Modern ist ein Leiden, das sich von den Ursachen getrennt hat“, stellt Martynkewicz fest. Das im 19. Jahrhundert so unerschütterliche Ich konnte sich stets auf seine Vernunft verlassen. Nun ist es mit „transzendentaler Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) geschlagen. Der Depressive muss die „Illusion ertragen, dass ihm alles möglich ist“, schreibt der Soziologe Alain Ehrenberg hundert Jahre später.
  Die Futuristen wollten in die Klagen nicht einstimmen. Überzeugt von den Verheißungen der technischen Moderne,
entwarfen sie den „Menschen als Maschine“, der keine Erschöpfung kannte. Anpassung an die Umwelt hieß jetzt Anpassung an die Technik. Die Imperative Flexibilität und Fitness erhielten ihre heutige Bedeutung.
  Wolfgang Martynkewicz erzählt all dies äußerst kenntnisreich, wie schon in seiner viel beachteten Darstellung des „Salon Deutschland“ (2009). Allerdings lässt er häufig zu viel Raum für Details, die sich weniger zu einem Epochenbild als zu einem Kuriositätenkabinett versammeln, etwa wenn er über mehrere Seiten die Essgewohnheiten Bismarcks schildert.
  Zu einem Fazit kommt er erst im Nachwort: Die Moderne habe die Arbeit zum Ziel des menschlichen Lebens schlechthin gemacht, der Sieger der Geschichte sei der Homo oeconomicus. Martynkewicz nennt ihn mit Hannah Arendt „animal laborans“. Die Feststellung ist nicht neu, aber auch nicht falsch. Der Kapitalismus macht für das Scheitern seiner Versprechen den Einzelnen verantwortlich. Das Individuum muss sich immunisieren gegen eine unwirtliche Welt, früher in der Heilanstalt, heute im Wellness-Center.
  Bei aller Skepsis, die ein kulturhistorischer Vergleich gebietet, zeigt Martynkewicz’ Buch doch ungeahnte Parallelen auf. Erschöpfung ist mehr als nur eine Metapher für eigene Unzulänglichkeit. Als Befund ebenso wie als Klage gehört sie zu einer Moderne, die nie zu Ende ging. Wenn der Informatiker David Gelernter schreibt, das Ich sei „genauso wirklich wie das Bild, das aus Pixeln besteht“, dann überträgt er dessen Scheitern nur ins digitale Zeitalter. Der Traum vom Menschen als Maschine ist der Traum vom Menschen als Computer.
FRANZ VIOHL
Georg Simmel machte die
„Reize der Großstadt“ für die
Lethargie verantwortlich
Die Imperative Flexibilität
und Fitness erhielten
ihre heutige Bedeutung
  
  
Wolfgang Martynkewicz:
Das Zeitalter der
Erschöpfung. Die
Überforderung des
Menschen durch die
Moderne. Aufbau Verlag, Berlin 2013.
427 S., 26,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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"Martynkewicz weist - unterhaltsam - anhand vieler Beispiele, vieler biografischer Skizzen und zugleich wissenschaftlich fundiert nach, dass (...) die Moderne ein "ungeliebtes Projekt" war." Eva Prase Freie Presse 20140117