Das Verschwinden der Väter - Zoja, Luigi
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Warum wachsen heute so viele Kinder ohne Vater auf und was bedeutet das sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft? Ein faszinierendes Buch zur Rolle der Väter, das die komplexen psychologischen Hintergründe für deren heutige Identitätskrise äußerst kompetent darstellt.

Produktbeschreibung
Warum wachsen heute so viele Kinder ohne Vater auf und was bedeutet das sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft? Ein faszinierendes Buch zur Rolle der Väter, das die komplexen psychologischen Hintergründe für deren heutige Identitätskrise äußerst kompetent darstellt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Patmos Verlag / Walter-Verlag
  • Seitenzahl: 294
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 470g
  • ISBN-13: 9783530401387
  • ISBN-10: 3530401382
  • Artikelnr.: 10744397
Rezensionen
Besprechung von 28.04.2003
Unvorstellbar ungeheuerlich
Hans-Joachim Maaz und Luigi Zoja deuten Väter und Mütter aus

Zweimal ein Anti-Ödipus. Hans-Joachim Maaz sieht im Mythos der Lilith die andere Seite der Weiblichkeit repräsentiert. Der Mann hat Eva bekommen. Aus seiner Rippe geschaffen, ist sie ihm unterworfen, Objekt seiner Lust, Betreuerin seiner Kinder. Ihr Wunsch nach Gleichberechtigung und ihr Unmut über die Mutterpflichten wurden verleugnet. Abgespalten jedoch und ins Dämonische übersteigert, leben sie im Bilde Liliths als lüsterne Verführerin und grausame Kindsmörderin fort. Luigi Zoja erinnert an Hektors Geste - so der Titel des italienischen Originals. Von der Schlacht heimkehrend, will Hektor seinen Sohn begrüßen. Doch im Panzer der Männlichkeit befangen, vergißt er, den Helm abzunehmen, und sein Sohn fürchtet sich. Dann nimmt er den Helm ab, hebt seinen Sohn in die Höhe und bittet die Götter, daß es später heiße: Der ist viel besser als sein Vater.

Anti-ödipal sind beide Untersuchungen darin, daß sie Freuds Konzeption von Analyse überschreiten. Maaz möchte zu einer "multimodalen tiefenpsychologischen Therapiepraxis" voranschreiten. Die Verletzungen frühester Kindheit seien nicht im Gespräch aufzuklären, erst Imaginationen in Bildern und Musik gewährten einen Zugang zum präverbalen Unbewußten, auch der Körperkontakt scheint zu den neuen Methoden zu gehören. Zoja ist ein prominenter Jungianer, der in seinem Buch die Entwicklung archetypischer Vaterbilder über die Antike und die Menschenaffen hinaus bis ins Reich der ersten Säugetiere verfolgt. Hier soll umgekehrt die Kenntnis der kollektiven Geschichte dem Individuum zu Selbsttransparenz verhelfen.

Anti-ödipal sind sie vor allem darin, daß sie den Quell psychischen Leids anders verorten. Die Mutter, die sich ihre Lilith-Anteile nicht eingesteht, wird dem Kind durch kleine Gesten immerfort zu verstehen geben, daß es ungewollt ist. Das Kind wird sich dann als lästig und störend empfinden. Und da die Mutter zugleich immer auch fürsorglich, möglicherweise aus schlechtem Gewissen überfürsorglich ist, wird das Kind glauben, am Unglück oder den Launen der Mutter die Schuld zu tragen. Vielleicht etwas ungeordnet führt Maaz fallbeispielreich vor, welche Deformationen die vielleicht etwas dramatisch präsentierten "unvorstellbaren Ungeheuerlichkeiten" der normalen Kindheit erzeugen. Grundsätzlich kennt er dabei drei Typen. Kinder unzufriedener Mütter fühlen sich überflüssig, unfähig und machen sich oft bewußt eklig, um ihr Selbstbild zu bestätigen. Unterversorgte Kinder neigen zu Süchten (Essen, Trinken, Sex, Arbeit, Geld). Verwöhnte Kinder werden zickig, allürenhaft, labil.

Väter, die Hektor nicht folgen, gibt es zweierlei. Solche, die den Helm nicht abnehmen, und solche, die ihn gar nicht erst aufsetzen. Die ersten erschrecken ihre Kinder, die anderen sind ihnen kein Vorbild mehr. Vaterschaft ist für Zoja anders als die Mutterschaft nichts wesentlich Biologisches. Der Vater muß ausdrücklich die Verantwortung übernehmen für das Kind. Dann kann er das Kind in die Vermittlung zwischen Natur und Kultur, Familie und Gesellschaft einüben. Die modernen Väter aber regredieren immer mehr zu bloßen Erzeugern, die später ihren Kindern bestenfalls gute Freunde sein wollen. Die Kinder wenden sich dann, wie bei Alexander Mitscherlich wirkungsmächtig analysiert, auf der Suche nach Autorität der peer-group zu oder bleiben - als treibende Mitglieder der Konsumgesellschaft - auf die Ebene der primären Bedürfnisse fixiert.

Was ein Mann, eine Frau, ein Vater, eine Mutter, was eine Familie ist, muß immer wieder neu bestimmt werden. Psychologie und Soziologie sind dabei eine wichtige Hilfe, indem sie uns aufklären, wo das Übliche liegt und welche Verwerfungen es erzeugt. Zumindest im Bürgertum mag für lange Zeit die ödipale Situation die Regel gewesen sein. Zwischen der Poesie der Intimität und der Prosa des Berufslebens galt es einen Ausgleich zu finden. Vielleicht hat sich das geändert, zumindest in den Kreisen, aus der die Klientel der Therapeuten stammt. Das Leitbild der selbstbestimmten Frau macht den Müttern, ob sie nun berufstätig sind oder gerade nicht, auf ganz neue Weise ein schlechtes Gewissen. Und die Lockerung der familiären Bande schwächt in Konflikten die Position des Vaters. Maaz wie Zoja wollen aus diesen Befunden ausdrücklich keine konservativen Konsequenzen gezogen sehen. Es komme vielmehr darauf an, daß die Mütter sich ihren Unmut bewußt machen und die Väter ihre Verantwortung. Die Übersetzung von Zojas Buch aus dem Italienischen ist übrigens sehr angenehm zu lesen.

GUSTAV FALKE

Hans-Joachim Maaz: "Der Lilith-Komplex". Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit. C. H. Beck Verlag, München 2003. 201 S., br., 14,90 [Euro].

Luigi Zoja: "Das Verschwinden der Väter". Aus dem Italienischen von Rita Seuß. Walter Verlag, Düsseldorf, Zürich 2002. 294 S., 21 Abb., geb., 28,- [Euro].

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Besprechung von 21.10.2002
Untergang des Vaterlandes
Luigi Zoja diagnostiziert das Verschwinden der Väter
Also wie jetzt? Jahrzehntelang hieß es, die Patriarchen seien schuld am Niedergang, den Kriegen, dem Zwang und der Kälte in der Welt. Adorno hoffte 1960, „ohne Leitbild” werde eine befreite Welt einst besser dastehen. Kaum aber sind die strengen Väter weg, wird alles nur noch schlimmer. Eine Patientin des Mailänder Psychoanalytikers Luigi Zoja bringt das Problem auf den Punkt, wenn sie in ihrer Therapiestunde sagt: „Die Väter früher, das waren Bauern und Tyrannen. Aber es waren immerhin noch Väter. Die heutigen Väter sind Arbeiter. Aber sie sind nur noch Kretins, die vor dem Fernseher sitzen.”
Die Figur des Vaters ist verschwunden. Sicher, allerorten setzen Männer mit ihren Frauen Kinder in die Welt. Aber, so die Diagnose von Luigi Zojas Untersuchung „Das Verschwinden der Väter”, die Männer schaffen es heute nicht mehr, ihren Kindern souveräne Väter zu sein. Die Arbeit und der rasende Fortschritt bestimmen das Leben des Einzelnen so sehr, dass ihm die Zeit fehlt, seinen Kindern Freund oder Ratgeber zu sein. Zum einen verbringt er die meiste Zeit außerhalb des Hauses, zum anderen ändern sich die Verhältnisse so schnell, dass der Vater seinen pubertierenden Kindern als lebensunfähiges Auslaufmodell erscheinen muss, kennt er doch all die Techniken und Codes nicht mehr, mit denen sie spielend umzugehen wissen.
Dem Jungianer Zoja geht es aber um mehr als nur eine zeitkritische Diagnose: Er will die „Idee” des Vaters herausschälen, den urwesentlichen Archetyp Vater, der sich über Jahrhunderttausende herausgebildet hat. Dieses Vatersein als „psychisches Prinzip” ist erst mit der Kultur entstanden, vorher gab es männliche Wesen, die kopulierend durch die Gegend liefen, sich aber nicht um den Nachwuchs scherten. Die Figur des Vaters ist im Gegensatz zu der der Mutter eine Konstruktion, ein Programm. Die Männer mussten erst lernen, Verantwortung für Frau und Kinder zu übernehmen. Was man aber lernt, kann man auch wieder verlernen: In der Postmoderne verschwindet in Zojas Augen der Vater aus der Welt.Was er zu vermelden hat, klingt nach Entropie im Endzustand: Er spricht vom „Kollaps” und vom „Aussterben”, der Erosion und dem Zusammenbruch des Vaterbildes. Kein Wunder, dass immer mehr Männer den Weg in Zojas Praxis finden, Männer, die die Familie als austauschbaren Konsumartikel ansehen und das Gesetz der Vaterschaft wieder abschütteln wollen: „Die konsumistische Promiskuität bedroht die Monogamie und damit die Existenz des Vaters, der diese Monogamie erfunden hat.”
Zojas Diagnose vom Zerfall der Familien und seine Beschreibung der Unmöglichkeit, in Zeiten globalisierter Arbeitszusammenhänge die Rolle eines pater familias auszufüllen, wirkt beängstigend und konzise. Problematisch wird seine Studie aber, wenn es an das Große & Ganze geht. Aber als Psychotherapeut überblickt man vielleicht größere Zeiträume als unsereins.
Freud sagte einmal, es lägen stets drei Wesen auf seiner Couch, ein Krokodil, ein Pferd, und ein Mensch, und seine Aufgabe sei es, diese drei Wesen miteinander in Einklang zu bringen. Der Jungianer Zoja beginnt seine Studie tatsächlich bei den Krokodilen: „Die Reptilien übernehmen im Allgemeinen keine elterlichen Aufgaben”. Er geht die Evolutionsgeschichte vom Kambrium bis zum Homo sapiens durch, um zu zeigen, wo sich in dieser Entwicklungskette der Vater herausgemendelt hat. Seine Thesen über die menschliche Frühgeschichte trägt er vor, als hätte er das intime Tagebuch des Australopithecus-Weibchen Lucy gefunden und besitze explizite Polaroids aus dem Paläolithikum: „Das Männchen wechselte von der raschen zur verzögerten Ejakulation. Als die Mutter die revolutionäre Bedeutung des Vaters zu verstehen begann, erfand sie eine Haltung des Willkommenheißens, die erstmals einem anderen Erwachsenen gegenüber praktiziert wurde: das, was die Männer heute noch ,Weiblichkeit‘ nennen.”
Es spenglert gehörig in Zojas Verfallsgeschichte, die vom Beginn des Christentums bis heute reicht: Früher war dem Vater die Achtung seiner Kinder sicher, war er doch ein Stellvertreter Gottes auf Erden. Seit dem Tod Gottes im 19. Jahrhundert aber schrumpfte er zur „materiellen Tatsache” und kann auch nur noch materielle Fürsorge leisten: Er verdient die Miete und gibt dem Kind Geld. Die Achtung, die ihm entgegengebracht wird, bemisst sich einzig nach den Regeln des Marktes. So müssen die Väter in einen Konkurrenzkampf treten – und rauben einander so die Autorität. Zoja vergleicht diesen Wettbewerb mit dem „archaischsten aller Verbrechen, dem Mord des Achilles an Hektor. Nach Hektors Tod überlebt einzig der auf Rivalität ausgerichtete, vorväterliche Mann.”
Apropos Hektor: Zoja liest einige der antiken Epen unter dem Gesichtspunkt der Vaterrolle neu. Seine Interpretationen exemplarischer Vatergestalten – insbesondere die des homerischen Hektors und des Aeneas von Vergil – gehören zum Stärksten an diesem Buch, machen aber auch dessen Schwäche sichtbar: Als kreative Textinterpretation sind Zojas historische Ausführungen sehr anregend, als Welterklärungsmodell aber haben sie etwas unangenehm Metaphysisches, Letztwahrheitliches.
ALEX RÜHLE
LUIGI ZOJA: Das Verschwinden der Väter. Aus dem Italienischen von Rita Seuß. Walter-Verlag Düsseldorf. 280 Seiten, 24,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Luigi Zoja, "prominenter Jungianer", wie wir von Rezensent Gustav Falke erfahren, verfolgt in diesem Buch, in Falkes Worten, "die Entwicklung archetypischer Vaterbilder über die Antike und die Menschenaffen hinaus bis ins Reich der ersten Säugetiere". Vaterschaft sei für Zoja, anders als Mutterschaft, so erfahren wir weiter, "nichts wesentlich Biologisches". Der Vater müsse für das Kind gleichsam die Gesellschaft vertreten. Moderne Väter, so Zojas Kernthese, erfüllten diese Funktion immer weniger. Darum wendeten sich Kinder auf der Suche nach Autorität immer stärker "peer-groups" zu - oder verblieben gleich auf der Ebene primärer Bedürfnisse fixiert. Die Übersetzung aus dem Italienischen sei "sehr angenehm zu lesen", erfahren wir schließlich noch von Falke. Leider enthält er sich jeder weiteren Bewertung des Buches.

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