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Das jüdische Jahrhundert - Slezkine, Yuri
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Mit "Das jüdische Jahrhundert" hat Yuri Slezkine ein Meisterwerk der historischen Essayistik vorgelegt. Er verbindet historische und anthropologische Ansätze, indem er die Frage nach dem Verhältnis von Judentum und Moderne universalisiert. Dabei bezeichnet er den Habitus jüdischer Lebenswelten als "merkurianisch", den der agrarischen Bevölkerung als "apollonisch". Im Zuge der Moderne, so Slezkine, verwandelten sich immer mehr Menschen in Merkurianer, sie werden gleichsam zu "Juden". Von diesen Fragestellungen und Metaphorisierungen der Soziologie um 1900 ausgehend zeigt das Buch die…mehr

Produktbeschreibung
Mit "Das jüdische Jahrhundert" hat Yuri Slezkine ein Meisterwerk der historischen Essayistik vorgelegt. Er verbindet historische und anthropologische Ansätze, indem er die Frage nach dem Verhältnis von Judentum und Moderne universalisiert. Dabei bezeichnet er den Habitus jüdischer Lebenswelten als "merkurianisch", den der agrarischen Bevölkerung als "apollonisch". Im Zuge der Moderne, so Slezkine, verwandelten sich immer mehr Menschen in Merkurianer, sie werden gleichsam zu "Juden".
Von diesen Fragestellungen und Metaphorisierungen der Soziologie um 1900 ausgehend zeigt das Buch die Alternativen auf, die den Juden um diese Zeit offen standen. Dabei rückt das revolutionäre Russland in den Mittelpunkt der Analyse. Die große Leistung Slezkines ist es, in einer sowohl nüchternen als auch ironischen Weise die Präsenz von Juden in den zentralen Bereichen des Sowjetregimes zu erklären. Er verweist auf die Attribute ihrer Modernität, ohne dem antisemitischen Diskurs über Juden und Bolschewismus zu folgen.
Sozial-, Mentalitäts- und Literaturgeschichte verbindend gelingt es Slezkine, die paradigmatische jüdische Erfahrung im 20. Jahrhundert provokant und spannend nachzuzeichnen.
  • Produktdetails
  • Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur
  • Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 420
  • Erscheinungstermin: April 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 240mm
  • Gewicht: 825g
  • ISBN-13: 9783525362907
  • ISBN-10: 3525362900
  • Artikelnr.: 20833470
Autorenporträt
Yuri Slezkine ist Professor für Russische Geschichte an der University of Berkeley, California.
Rezensionen
Besprechung von 07.03.2012
Trotzki, der Gute
Chronik einer angekündigten Biographie

Es gibt einen naiven Häretiker-Bonus: Wäre nur dieser an die Macht gekommen anstatt jener! Hans Küng oder Eugen Drewermann statt Kardinal Ratzinger, Hildegard Hamm-Brücher statt Roman Herzog! Oder Leo Trotzki statt Josef Stalin! Die Welt sähe besser aus, toleranter, unblutiger und gerechter, sagt unser Herz. Die Macht an sich ist böse, und wer im Kampf um ihren Gewinn scheitert, muss der Gute sein.

Es ist das Verdienst der Trotzki-Biographie von Robert Service, die 2009 in englischer Sprache erschien, in einem Akt ausgleichender Ungerechtigkeit mit dieser optischen Täuschung aufgeräumt zu haben. Trotzki, geboren 1879 als Leib Bronstein, ermordet 1940 in Mexiko von einem Agenten der GPU, war nicht die Alternative zum Stalinismus, er war der gescheiterte Stalin. "Wäre Trotzki an Stalins Stelle der überragende Sowjetführer geworden, dann hätten sich die Risiken eines Blutbades in Europa drastisch erhöht", schreibt Robert Service in der Einleitung.

Und er kann es belegen. Trotzki als Oberbefehlshaber der Roten Armee führte im Bürgerkrieg die schlimmsten terroristischen Methoden ein, und er war es (nicht der nach Service vorsichtigere, aufs Staatsinteresse bedachte Stalin), der die abenteuerlichsten Gedanken hegte, was eine Intervention der Sowjetunion etwa bei Aufstandsversuchen der Kommunisten in der Weimarer Republik anging.

Die deutsche Ausgabe "Trotzki - Eine Biographie" ist im Suhrkamp-Verlag angekündigt. "Erscheint in Kürze" heißt es auf der Website seit langem. Nun haben schon im Juli des vergangenen Jahres mehrere Historiker und andere Geisteswissenschaftler in einem offenen Brief an Ulla Unseld-Berkéwicz von "Verwunderung und Besorgnis" in der "Fachwelt" gesprochen. Das Ziel des Buches sei eine "Diskreditierung" Trotzkis. Inzwischen, so ist aus dem Verlag zu hören, habe man ein weiteres Gutachten angefordert. Besonders hingewiesen wird von den Autoren des Briefes auf die Diskussion von Trotzkis jüdischer Herkunft bei Service, die, wie es heißt, einen "befremdlichen Beiklang" habe.

Aber die starke Präsenz von glaubenslos gewordenen Juden im Parteiapparat der zwanziger Jahre wurde von Yuri Slezkine in seinem Buch "Das jüdische Jahrhundert" (Vandenhoeck & Ruprecht, 2006) ungleich massiver zum Thema gemacht. Slezkine, Direktor des Slawistischen Instituts an der University of California in Berkeley, sieht den frühen Bolschewismus geradezu als eine der großen Aufstiegschancen der russischen Juden, die unter dem Zarismus sehr am Fortkommen gehindert und zudem räumlich auf ein bestimmtes Siedlungsgebiet beschränkt waren. Und was die Dominanz jüdischer Intellektueller in der auf Trotzki zurückgehenden "Vierten Internationale" betrifft, so hat der deutsche Historiker Gerd Koenen in seiner Darstellung "Das rote Jahrzehnt" (Frankfurt 2002) die Dinge sachlich und kühl analysiert.

Deutlich werden bei Service die Gründe für Trotzkis Machtverlust nach Lenins Tod im Jahre 1924. Trotzki war spät zum eigentlichen Bolschewismus gekommen, erst 1917, als die Revolution vor der Tür stand; zuvor hatte er seine eigene Position im linksradikalen Meinungsspektrum Russlands vertreten. Die alten Kader fürchteten, von Trotzki zum Zwecke seines höheren Ruhms instrumentalisiert zu werden. Zeitweise traute man eher ihm als Stalin das Verlangen nach persönlicher Diktatur zu, als Chef des Militärs schien er für eine bonapartistische Rolle die Idealbesetzung. Der britische Philosoph Bertrand Russell, der ihm Anfang der zwanziger Jahre begegnete, sah in Trotzkis Habitus die "Eitelkeit eines Schauspielers oder Künstlers". Solche und ähnliche Stellen zitiert Service mit Gusto - und das kränkt manchen heute noch.

Fehler, an die der offene Brief mahnt, enthält dieses Buch tatsächlich. Man staunt, wenn Ferdinand Lassalle als "Marxist" bezeichnet wird - er war der Hauptkonkurrent von Marx um die Gunst der frühen Sozialdemokratie. Man staunt noch mehr, wenn André Breton als surrealistischer Maler gefeiert wird (einschließlich der Beschreibung seiner Bilder, die viel Mitgefühl für die Armen verrieten). Oder wenn es heißt, die Leiche von Rosa Luxemburg hätten ihre Mörder auf eine Berliner Straße geworfen - wo doch der Landwehrkanal jedem aus dem Geschichtsunterricht bekannt sein könnte. Aber solche Fehler ließen sich in der Übersetzung bequem korrigieren.

Wichtiger als Einzelprobleme ist ein anderer Mangel des Buches. Es ist ein technischer Fehler des Erzählers. Die Geschichte bleibt meist sehr nah an Trotzkis Kalender, sie ist actionbetont. Da fallen dann andere Züge heraus: breite panoramatische Schilderungen der historischen Hintergründe, der handelnden Charaktere. Es ist, als kenne Service nur eine einzige Kameraeinstellung. Da sind die Indianer, dort rückt schon die Kavallerie an. Spannend, packend! Aber die majestätische Gegend, die grandiosen Gebirgszüge kommen nicht so recht in den Blick. Dieses Buch ist etwas zu hektisch und zu wenig episch.

LORENZ JÄGER

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 10.01.2007
Merkur in Moskau
Polemisch, brillant: Yuri Slezkines „jüdisches Jahrhundert”
Der russisch-amerikanische Literaturwissenschaftler Yuri Slezkine hat ein Buch geschrieben, das im Angelsächsischen teils begeistert, teils argwöhnisch diskutiert wird. Es interpretiert die jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts brillant und polemisch aus ungewohnter Perspektive. Als „jüdisches Jahrhundert” ist laut Slezkine das zwanzigste durch drei jüdische Massenwanderungen und die Negation aller Wanderung, KZ und Genozid, definiert: Jene sind die Einwanderung nach Nordamerika, nach Palästina und vom Land in die Städte der Sowjetunion. Es ist gerade diese letzte Migration mit ihren sozialen Umbrüchen, die bislang selten zur Diskussion kam und nun im Zentrum von Slezkines jüdischer Kulturgeschichte steht.
Für diese lange Zurückhaltung gibt es vor allem drei Gründe. Der erste ist die fehlende ethno-religiöse Identität der Sowjet-Juden, die spätestens nach 1945 nicht in das gängige westliche und vor allem amerikanische Deutungsmuster von Judentum passte; der zweite war die Nazi-Propaganda gegen den „jüdischen Bolschewismus”, die das Thema bei Wissenschaftlern tabuisierte; und der dritte Grund ist die zumeist wenig artikulierte Jüdischkeit der russischen Juden selbst, die sich wenig mit ihrer eigenen, oft verleugneten Geschichte befassten. Es ist eine Geschichte von Unterdrückung und Misere im zaristischen Russland und von der Explosion jüdischer Vitalität und Kreativität nach der Oktoberrevolution – einer Entwicklung im Schnellraffer also, für die das deutsche Judentum das ganze 19. Jahrhundert gebraucht hat –, und diese Erfolgsgeschichte breitet Slezkine breit und mit Behagen aus.
Obwohl er sich auch mit dem amerikanischen Judentum und Israel befasst, ist diese sowjetisch-russische Geschichte die empirische Basis des Buches, das freilich vom Begriffspaar der (nichtjüdischen) „apollonischen” und der (jüdischen) „merkurianischen” Lebensstile durchzogen ist. Apollonisch sind die, die das Land bestellen, Tiere halten, Kriege führen. Die Merkurier aber sind nicht primär Produzenten: Sie vermitteln Waren und leisten Dienste; ihre Primärresource sind Menschen, nicht Naturresourcen, ihre Expertise liegt im Knüpfen von (Außen-)Beziehungen. So ist Hermes/Merkur der „Schutzpatron der Regelverletzer, der Grenzgänger und Vermittler—der Menschen also, die aufgrund ihres Verstandes, ihrer Fertigkeit und ihrer Kunst und Geschicklichkeit leben.” Dies bezieht sich nicht auf die Juden allein, sondern auf alle „Dienstleistungsnomaden”. Slezkine bringt eine lange Liste von derlei Gruppen in Korea, Sibirien, Äthiopien, von „Zigeunern” und Fahrenden in Europa oder den Armeniern und Assyrern und Juden im Nahen Osten.
Slezkines Universalismus wird gleich zu Anfang offenkundig. Das Zeitalter der Moderne ist das jüdische Zeitalter, in dem alle Menschen städtisch, mobil, verschriftlicht, intellektuell und beruflich flexibel werden: Nicht Herden und Felder werden gehalten oder bestellt, „sondern Menschen und Symbole”—Modernisierung handelt also davon, dass alle Menschen zu Juden werden, „und doch ist niemand besser im Jüdischsein als die Juden selbst”. Ähnliches haben wir schon in Karl Marx’ jüdischen Essays gelesen, auf die Slezkine auch hinweist.
Slezkine beschreibt, wie attraktiv die Russische Revolution und die Bolschewiki für Juden waren. Grob geschätzt waren etwa ein Viertel der Führungselite jüdischer Herkunft: „Im Regierungsbüro des Petrograder Sowjets im Jahre 1917 waren über 40 Prozent Juden; führende Revolutionäre: Trotzki, Sinowjew, Kamenjew, Swerdlow, Kagan und Tschudnowski waren es ebenfalls, und viele Juden, bis zu 50 Prozent, fanden sich in den höheren Positionen der Armee, der Tscheka und des späteren NKWD.” Juden haben in diesen Positionen, so Slezkine, massiv an den Säuberungen mitgewirkt, auch an der Erschießung der Zarenfamilie. Dafür entwickelte sich die Idee einer jüdischen Kollektivverantwortung für die Verbrechen, eine Idee, mit der Slezkine zu kokettieren scheint, die er am Ende freilich zurückweist.
Slezkine spricht hier freudianisch vom „jüdischen Vatermord”. Gemeint ist die radikale Abkehr von den frommen Vorfahren und die begeisterte, kompromisslose Aufnahme alles Russischen; die weitverbreitete Russifizierung jüdischer Namen, von Trotzki (Bronstein) und Kamenjew (Rosenfeld) bis zur 13-jährigen Esther Ulanowskaja, die sich Nadeschda (Hoffnung) nannte und später als Geheimagentin in China, Europa und den USA Karriere machte. Es fragt sich, inwieweit Verbrechen von diesen Personen als Juden begangen wurden, obgleich sie sich vom Judentum, auch ihren eigenen Familien radikal abgewandt hatten und sich zudem eifrig mit nichtjüdischen Partnern liierten: Innerhalb von nur zwölf Jahren, bis 1936, nahm die Mischehenrate von 17 auf 42 Prozent zu. Auch russischerseits hieß es, „so lasst uns unser Blut mischen”; die Aufnahme „jüdischen Blutes ist wie köstlicher 1000 Jahre alter Wein” (Lunatscharski); so erfolgte auch eine Verwandlung jüdischer Merkurianer in „merkurische Apollonier”.
So wie Slezkine eine jüdische Verantwortung für die Verbrechen des bolschewistischen Regimes ablehnt, stellt er auch die Verfolgung von Juden in der Sowjetunion in Perspektive: Wo Juden liquidiert wurden, geschah es wegen ihrer prominenten Stellung und ihres imaginierten Abweichlertums. In der Zeit des stalinistischen Großen Schreckens, 1937/1938, waren die Juden als Minorität die einzige Gruppe, die nicht als solche verfolgt wurde, anders etwa als Polen oder Letten. Erst mit der späteren russischen Ethnisierungswelle Ende der dreißiger Jahre wurden auch die Juden zu fremdländischen Feinden. Nun wurden sie von den Liquidationen doch noch eingeholt, und die Gründung Israels intensivierte dies. Von seiner russisch-sowjetischen Warte aus blickt Slezkine auch auf andere Judentümer, vor allem in den USA, und sieht Parallelen: der Russifizierung entspreche die Protestantisierung der amerikanischen Juden und ihr sozialer Aufstieg. Antisemitismus und Schoah führten zur stärkeren Ethnisierung der Juden in beiden Ländern, „Dienstleistungsnomaden” sind sie in beiden Ländern geblieben.
Was fangen wir nun an mit der Idee des Merkurianismus, die an Georg Simmels „Fremden” erinnert? So anregend sie aufgrund ihres universalistischen Ansatzes ist (trotz der pauschalisierenden Zweiteilung der Menschheit in Bauern/Soldaten und Intellektuelle), so lenkt sie doch ab von einer soziologischen Analyse der Rolle des Vermittlers. Ideelle und materielle Güter werden vermittelt – aber woher stammen sie und auf welchen Märkten werden sie getauscht, auf welche soziale Klassen beziehen sich die Merkurianer, und welche politische Rolle haben sie inne? Slezkine lässt diese wichtigen Fragen offen. Und doch ist dieses große Werk für das Verständnis des nicht nur tragischen „jüdischen Jahrhunderts” unentbehrlich. Y. MICHAL BODEMANN
YURI SLEZKINE: Das jüdische Jahrhundert. Aus dem Englischen von Michael Adrian, Bettina Engels und Nikolaus Gramm. Mit einem Vorwort von Dan Diner. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2006. 422 Seiten, 29,90 Euro.
Im Zentrum des Buches steht die tabuisierte Frage, wie jüdisch der Bolschewismus war
Modernisierung, sagt Iuri Slezkine, handelt davon, dass alle Menschen zu Juden werden
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Staunenswert plump sei Yuri Slezkines kulturgeschichtliche Gleichsetzung von Modernismus mit Judentum, kritisiert Rezensent Daniel Jütte. Der Autor schramme nur knapp vorbei an antisemitischen Charakterisierungen, wie der besonderen Intelligenz von Juden oder deren generellem Hang zum Kommunismus. Nur der Nationalismus habe Slezkine zufolge verhindert, dass das zwanzigste Jahrhundert zum Jahrhundert der Juden werden konnte, weshalb diese prompt Marxismus und Kommunismus erfunden hätten, als supranationale Ersatzreligionen. Eine weitere Variante sei der Zionismus als im Grunde antiintellektuelles Konzept gewesen, das aus "Dienstleistern" wieder Ackerbauern machen wollte. Differenzierter kommt aus Sicht des Rezensenten nur die jüdische Geschichte in der Sowjetunion weg, wobei Yuri Slezkine für die heutige Situation wieder zu seinem Banalrezept greife, dass die Russen lernen müssten, statt Bauern Juden zu sein, um den Anforderungen der Moderne gerecht zu werden. Weiteren "holzschnittartigen" Theorien des Autors begegnet der Rezensent mit dem Hinweis auf neuere Forschungen über keineswegs immer separiert existierende jüdischen Lebenswelten seit der Renaissance.

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