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Im hintersten Winkel der lappischen Fjällandschaft wird Impi Agafina geboren. Sie kompensiert den Mangel an angeborener Schönheit durch atemberaubende Untenehmungslust und Intelligenz und erobert sich im Stil einer finnischen Pippi Langstrumpf die Welt. Dabei geht sie keinem aktuellen Heilsversprechen und keiner obsoleten Irrlehre des zwanzigsten Jahrhunderts aus dem Weg - stets fest entschlossen, nicht auf irgendeinem Scheiterhaufen zu enden. Wie aus der glühenden Patriotin eine Heldin der sozialistischen Arbeit wird, wie sie dann den amerikanischen Plastik-Traum träumt und schließlich wieder…mehr

Produktbeschreibung
Im hintersten Winkel der lappischen Fjällandschaft wird Impi Agafina geboren. Sie kompensiert den Mangel an angeborener Schönheit durch atemberaubende Untenehmungslust und Intelligenz und erobert sich im Stil einer finnischen Pippi Langstrumpf die Welt. Dabei geht sie keinem aktuellen Heilsversprechen und keiner obsoleten Irrlehre des zwanzigsten Jahrhunderts aus dem Weg - stets fest entschlossen, nicht auf irgendeinem Scheiterhaufen zu enden. Wie aus der glühenden Patriotin eine Heldin der sozialistischen Arbeit wird, wie sie dann den amerikanischen Plastik-Traum träumt und schließlich wieder in die "stinkende Idylle" Lapplands eintaucht - das erzählt dieser unkonventionelle Abenteuerroman.
  • Produktdetails
  • Verlag: Eichborn
  • Seitenzahl: 309
  • Abmessung: 30mm x 134mm x 218mm
  • Gewicht: 468g
  • ISBN-13: 9783821805719
  • ISBN-10: 3821805714
  • Artikelnr.: 23969283
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 03.07.1999

Finnisches Schweigen
Rosa Liksoms Roman "Crazeland"

"Crazeland" ist ein Entwicklungsroman ohne Entwicklung. Und eine Parallelbiographie von einem ungleichen Paar. "Crazeland" ist die Geschichte eines Gelobten Landes (Elvis Presleys Graceland), das den Inbegriff der Verrücktheit in sich birgt (crazy land). Crazeland ist das Land der Sehnsucht, des Ursprungs, wohin alle Pfade zurückführen. Crazeland ist, nach dem finnischen Originaltitel ("Kreisland"), der wandernde Horizont, der die Erdoberfläche umschließt. Rosa Liksoms Erstlingsroman ist eine Allegorie von Finnlands Weg in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts und von der Geschichte Europas, das die Ursprungsmythen durch Fortschrittsmythen ersetzte.

Crazeland entstand in einer Unendlichkeit: Am ersten Tag erhob sich der Sternenhimmel aus dem Wasser und endloses Moorland rund um die bewaldeten Hügel. Am zweiten stieg aus dem See ein helles Licht auf, das die Wolken grün anmalte. Am dritten sprang ein Ren aus dem Gewässer. Und am siebten Tag erschien ein Mensch, grobschlächtig, mit gewaltiger Kraft. Die Menschen, die die Wildnis bewohnten, waren halbmythische Figuren, wie Mikri Vuoma, ein von Gott gesalbter Mann, der den Schnaps nicht anrührte, oder Regriina, die Wolfsmutter von Juho Gabriel und Ristiina, die tagelang versuchte, auf einer Saunapritsche Impi-Agafiina zu gebären, was ihr auch gelang.

Nachdem die vaterlosen Kinder das Licht der Welt erblickt haben, werden sie zu Menschen erzogen. Der Pfarrer sagt: "Ein Kind ist nicht Gottes Ebenbild, bevor es nicht getauft wird. Es ist nicht besser als ein Frischling oder ein Rentierkalb . . ." Erst die Kultur macht den Menschen. Impi-Agafiina ("Jungfrau" Agafiina) gerät unter den Einfluß großbürgerlicher Rituale, deren Segnungen ihr der Reeder Wallenius zuteil werden läßt. Juho Gabriel wird von seinem Onkel zu einem Mann gebildet, der weiß, wie man sich als Bauer in der Natur zurechtfindet.

Impi-Agafiina wächst in das europäische Erbe hinein, liest Baudelaire, debattiert mit einem Pfarrer über Descartes, bewundert mit fünf Jahren Cäsar und Peter den Großen. Juho, ihre Zwillingsseele, wächst in die Geborgenheit der Natur und des Jahreslaufs hinein, der von Heiligengedenktagen und Festen gegliedert wird. Juho erzählt: "Wie wir den Laurentiusbrei essen, da meint der Onkel, daß am Anfang von der Welt die Seen voll gewesen sind mit Milch, und das Fleisch ist auf den Bäumen gewachsen, aber dann ist der Mensch in die Welt gekommen und hat angefangen, mehr zu hamstern, wie er gebraucht hat, und deswegen ist Gott böse geworden und hat aus dem Paradies die Hölle gemacht."

Eine Sammlung von Selbstgesprächen wälzt sich durch "Crazeland". Die Figuren schwadronieren, und ein Gespräch kommt kaum zustande. Dieses innere Schwadronieren kompensiert die finnische Schweigsamkeit. Der innere Monolog ist ein Dialog, in dem sich ein Finne telepathisch mit allen anderen Finnen unterhält. Es gibt ironisch-satirische Episoden wie die Geschichte vom Tod des Onkels und seiner Beerdigung. Mikri Vuoma erzählt: "Die Beerdigung war prächtig. Wir ertränkten die Trauer so gründlich, daß ich meinte, ich sterb' am Schnaps. Der Pfarrer predigte artig für ein paar vergammelte Plötzen, und wir machten schön einen drauf. Wie wir vier Tage getrunken hatten, sagte der Pfarrer, daß seine Gesundheit so eine Trauer nicht aushält, und ging."

Agafiina träumt: Sie sieht Finnenland bis zu den Brudervölkern hinter dem Ural reichen. Also zieht sie in den Krieg gegen die "Tataren". Trotz der Heldentaten Impis verlieren die Finnen den Krieg gegen die Russen und ihr geliebtes Karelien. Im Rachefeldzug führt Agafiina ihre Truppe bis vor Murmansk und Leningrad und tötet alle Russen, die ihr begegnen. Doch nützt ihr der Patriotismus nicht. Sie muß sich als Kriegsverbrecherin verantworten. Ihre tränenreiche Reue erweicht die Staatsanwältin, und Agafiina kann sich ins klassenlose Friedensreich aufmachen, um sich zu einer Heldin der Arbeit zu mausern. Impis Seele erfüllt eine Utopie, verwirklicht durch die starken Arme der Arbeiterklasse und Stalins stählernen Willen. Zuerst muß der Eiserne Vorhang mit Hilfe einer Eisensäge weg. "Eine Kleinigkeit war das nicht, die Erfindung der Russen war knapp dreißig Zentimeter dick. Zwei ganze Tage gingen für das Sägen drauf."

Im Reich des Sozialismus, in dem ihre Kameraden im Zuge von Säuberungen verschwinden, macht Agafiina Karriere. Das Erwachen kommt kurz vor dem Tode Stalins: Agafiina entdeckt in Moskau, in welchem Elend der Verantwortungslosigkeit, Desorganisation und Kleinkriminalität der Sowjetsozialismus versinkt und wie die Früchte der Zwangskollektivierung schmecken. Sie wandert aus nach Amerika, ins Gelobte Land. Am Fuß eines Pittsburgher Stahlwerks, in einer Armensiedlung, findet sie Unterschlupf bei einer Emigrantin, ernährt sich von Tabletten und versinkt in einem drei Jahre anhaltenden Konsumrausch, in dem sie sich von Werbung ernährt. Nichts bringt sie vom Fernseher weg.

Am 4. Oktober 1957 "kippt ihr Amerika plötzlich um". Es ist der Tag des Sputnikstarts. Es fällt ihr wie Schuppen von den Augen. "Wenn Schnelligkeit und Licht mich nach Amerika gelockt hatten, wie war es dann möglich, daß die langsame Sowjetunion in der Lage war, eine Weltraumrakete zu entwickeln, die schneller als der Schall flog? Und zwar früher als Amerika?" Sie erkennt ihre Lethargie als Effekt der amerikanischen Utopie, die den Willen mit vergänglichen Gütern und leeren Versprechungen lähmt. Sie flieht zurück zu den Ursprüngen und baut sich eine Hütte. Agafiina ist schwanger. Wie die Jungfrau ist sie zu ihrem Kind gekommen. Der Leser hat davon nichts mitbekommen. Das Schweigen der Autorin legt nahe, daß es sich um ein Kind Amerikas, eine unbefleckte Empfängnis, handelt. Es bekommt den Namen Elvis, "weil das die einzige Erinnerung war", die Agafiina von Amerika behalten wollte.

Agafiina taucht in das Idyll der finnischen Wälder und Seen, füttert ihre Schafe und begegnet Juho Gabriel, ihrer Zwillingsseele. "Ich sagte, ich hätte schon ein Kind fix und fertig, ans Bespringen bräuchte er schon mal nicht mehr zu denken . . . Wir lebten wie drei Himmelskörper. Tag für Tag kreisten wir umeinander, aber störten einander nicht."

Nach den Ideologien kam das Idyll. Die Zukunft liegt im Einklang mit der Natur und im Paradies im kleinen. Agafiina lacht über sich. Auch über uns, die wir ihr gebannt gefolgt sind.

LORENZO RAVAGLI

Rosa Liksom: "Crazeland". Aus dem Finnischen übersetzt von Stefan Moster. Eichborn-Verlag, Frankfurt 1999. 309 S., 38,- DM.

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