Chamfort - Arnaud, Claude

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Autorenporträt
In Claude Arnaud findet Chamfort einen kongenialen Biographen, der für das vorliegende Buch unter anderem den Prix de l¿essai de l¿Académie Française erhielt. Er belegt mit neuem Material - darunter auch wiederentdeckte Originalmanuskripte -, wie der zwischen den Klassen und Zeiten stehende Chamfort das paradigmatische Schicksal eines Intellektuellen durchlebt und gestaltet hat. Arnauds Stil und Darstellungskunst ist es zu verdanken, daß zugleich auch zwei Epochen Frankreichs - das Ancien Régime und die Revolutionszeit - mit ihren zahlreichen Protagonisten vor den Augen der Leser lebendig und anschaulich wiedererstehen. 2006 wurde Claude Arnaud mit dem Prix Femina de l Essai ausgezeichnet
Rezensionen
Besprechung von 14.05.2007
Das Ich fällt, wie die Bastille
Im Abseits der Revolution: Nicolas de Chamfort
   Unter den französischen Moralisten nimmt dieser, von Nietzsche anerkannt und gewürdigt, eine Sonderstellung ein. Statt über den Dingen im abgeklärten Abseits stand Chamfort mitten drin, mit einem Bein in den letzten Genüssen des Ancien Régime, mit dem anderen schon in den Turbulenzen der Revolution. Er war ein wortsprudelnder Misanthrop, jedoch zu brillant, um ein „Werk” zu hinterlassen. So bleiben uns die gesammelten Gedanken, Maximen Anekdoten. Für die Liebe war er zu sprunghaft – was ist sie anderes, fragte er, als „ein Austausch zweier Launen, die Berührung zweier Körper”? Und zum Glücklichsein war er zu intelligent. Das Rosenbett der Pariser Aristokratengesellschaft machte er zu seinem Dornenlager, wie Sainte-Beuve später sagte. Ein solcher Mann verlangt nach dem biographischen Schliff, um in den Texten heller zu glänzen.
   Ein gewissenhaft nur Zeugnisse und Daten sammelnder Biograph würde an ihm aber abblitzen. So ein Biograph ist der Schriftsteller Claude Arnaud nicht. Bei ihm quirlen Geist, Anekdote, Apropos, dass die Daten manchmal davonschwimmen. Unser Luftschnappen und Ausgreifen nach soliden Fakten inmitten der Abschweifungs- und Anspielungswirbel wird aber belohnt durch Passagen von magistral entfalteter Literatur- und Geistesgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts.
Was im Namen Nicolas de Chamfort nach französischem Hochadel klingt, ist in Wahrheit ein Pseudonym, das der 1740 in Clermont-Ferrand geborene. außerehelich von einer Provinzadeligen und einem Domherren gezeugte, bei einem Krämer aufgewachsene Sébastien Roch Nicolas sich selber zulegte. Die Phase von Geburt und Kindheit, bis zur Abreise des Zehnjährigen an ein Pariser Internat, erledigt der Biograph auf sechs Seiten, von insgesamt über vierhundert – nicht nur, weil wenig bekannt ist davon, sondern auch, um Chamforts eigene Abstreifbewegung der Herkunft nachzuvollziehen. Immer neu habe er von früh an versucht, mit seiner Vergangenheit zu brechen, schreibt Arnaud: „Das Ich sollte wie die Bastille fallen”. Und weil die französische Spätaristokratie solche Brüche zuließ, konnte der Bastard Chamfort, so Arnaud, überhaupt das werden, was er wurde: ein Mann von Welt, statt einer jener einsamen Weltheiligen und Außenseiter, wie das neunzehnte Jahrhundert mit Nietzsche, Rimbaud, van Gogh sie schuf und das zwanzigste sie kanonisierte.
   Der Hochbegabte erfuhr gleich nach dem Schulabgang, was es bedeutete, ohne Geld und ohne Land beim Adel als Hauslehrer, Salonlöwe und Günstling von Mäzenen durchkommen zu müssen. Was ihm materiell abging, besaß er aber an Attraktivität der Erscheinung und an Redetalent – und dieses war so ausgiebig, dass es auch fürs Schreiben noch reichte. Sein Lustspiel „Die junge Indianerin” wurde 1764 an der Comédie-Française aufgeführt, der Vierundzwanzigjährige bekam Lob von Voltaire und Ermunterung von Rousseau.
Zwischen den vorausblickenden Aufklärungsphilosophen und der erstarrenden Aristokratie konnte der junge Mann sich aber nie recht entscheiden. Chamfort tappte gleichsam rückwärts in die Adelssalons und erlangte schnell die Kunst des groben Schmeichelns, die darin bestand, den Großen mit ausgesuchter Derbheit schönzutun. Die Macht der Frauen in jenem Jahrhundert geschickt nutzend, begann er zugleich eine Verführer-Karriere.
   Anschaulich beschreibt der Biograph aber auch den schnell folgenden Verfall. Der Frauenheld steckte sich mit Syphilis an, wurde in seinem zweiten Theaterstück als Plagiatschreiber ertappt, zog sich gekränkt aus der Gesellschaft zurück und würzte seine Menschenverachtung mit Frauenhass.
„Sie haben in Versailles nicht wegen, sondern trotz Ihres Geistes gefallen”, soll einmal die Königin, Marie-Antoinette, zu ihm gesagt haben. Darin lagen sein Glück und sein persönliches Drama. Ein Schein klassisch überblendeter Hochliteratur strahlte zunächst aus allem, was er schrieb. Wie Claude Arnaud Chamfort als verjährten Tragödiendichter nach Voltaire beschreibt, als Repräsentanten einer literarisch verlorenen Generation zwischen Marivaux und Beaumarchais, das gehört zu den Glanzstücken dieser Biographie.
Bis zum vierzigsten Lebensjahr mühte der Dichter sich ab, die Sprache Racines weiter zu sprechen, bevor ihm klar wurde, dass sein Eintritt in die Literatur so misslungen war wie der in die Welt des Adels. Chamfort reagierte mit Geistesverhärtung. „Der Klassizismus ist strenger als sein Vorbild”, schreibt Arnaud dazu: Diderot verlangte, so zu malen, wie man es in Sparta tat, nicht in Athen; eine Flut von togenbedeckten Männern verdrängte die Nymphen Bouchers, die Möbel bekamen ein männliches Aussehen, das Rokoko unterlag den Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum – „zusammen mit Chamfort gibt eine ganze Generation ihr Zeitalter auf”.
Statt mit Salongeturtel verbrachte der Vierzigjährige fortan seine Tage spitzzüngig im Abseits, wo er mit der dreiundfünfzigjährigen Marthe-Anne Buffon die glücklichsten Monate seines Lebens genoss, bevor die Geliebte ihm 1783 in den Armen wegstarb. Statt klappernde Dichtung schrieb er nun als Zaungast des vorrevolutionär aristokratischen Festrauschs auf lose Zettel Maximen und Anekdoten. Und er entdeckte im Umgang mit Mirabeau sein Interesse für Politik.
   „Chamfort war zu früh oder zu spät geboren, um ein literarisches Werk zu schaffen: Er kommt zur richtigen Zeit, um die Welt zu verändern”, schreibt Claude Arnaud. Und er arbeitet subtil die paradoxe Logik heraus, nach der in den vier Jahren vor der Revolution beim Moralisten die Extreme und Widersprüche sich überlappen. Seit 1784 hatte dieser beschlossen, seine Maximen nie zu veröffentlichen, und verfiel in eine neue Phase von Misanthropie: Die Menschen seien von Natur aus schlecht, die Wahrheit nur eine Fiktion, die heruntergekommene Monarchie nicht reformierbar.
So groß war seine Verachtung, dass sie problemlos ins revolutionäre Projekt umschlagen konnte, „die Welt wieder bei Null beginnen zu lassen”. Gedanken an Vulkanausbruch und Sintflut waren dem Moralisten Chamfort nie fremd. Vor dem Hintergrund Nietzsches und Max Schelers arbeitet Arnaud feinsinnig die Zusammenhänge von Übermenschenvision und Ressentiment heraus: Nie rundet Arnaud seine Figur ab, stets schraffiert er die Brüche des „Wahr-Lügners”. Seine Diagnose: Er verneinte, was man liebte, liebte dann die Früchte dieser Negation und beanspruchte sie als Ideal.
Politisch bedeutete dies, dass Chamfort 1789 die Forderung des dritten Standes nach angemessener Vertretung im Parlament unterstützte. In der Revolution war er als Journalist mit dabei, spendete in einem seltsamen Anflug von Solidarität sein Vermögen und kam schließlich selbst unter die Räder. Als Parasit des Ancien Régime und zugleich als Tyrann der neuen Ordnung wurde er im Sommer 1793 angezeigt. Die vorübergehende Haft blieb ihm in so schlechter Erinnerung, dass die Idee einer Rückkehr hinter Schloss und Riegel ihm unerträglich erschien, als ein paar Monate später die Gendarmen wieder vor der Tür standen. Chamfort leerte die Suppe, über der er gerade saß, zog sich unter Vorwand in einen Nebenraum zurück, drückte sich die Pistole auf die Schläfe, deren Kugel durch den Rückstoß aber ins rechte Auge ging. Mit dem Rasiermesser schnitt er sich daraufhin die Kehle durch, glitt ab und bohrte sich schließlich ein anderes Rasiermesser in Brust, Schenkel und Waden. Es war laut Arnaud „der brutalste und grausamste Selbstmord der Schreckenszeit”, den der Patient aber noch bis zum April des Folgejahres spottend überlebte.
   Ihn selbst überlebt kein Werk, sondern eine Sammlung denkwürdiger Maximen, Betrachtungen, Aphorismen, von denen dieser Band im Anhang ein paar Dutzend bisher unbekannte enthält. Eine „fragmentarische Genialität” sah Friedrich Schlegel in diesen Texten und Claude Arnaud präsentiert stolz die Reihe großer Chamfort-Leser – neben den schon Genannten auch Puschkin, Schopenhauer, die Goncourts, Paul Léautaud, Cioran. Fast möchte man den Biographen selbst in die Reihe stellen. Jedenfalls ist dies die feinsinnigste Gesamtdarstellung, die es über Chamfort je gab: in den anachronistischen Anspielungen bis hin zum Situationismus manchmal etwas freizügig, aber spannend von Anfang bis Ende. Und auch die Übersetzung Ulrich Kunzmanns hält die doppelte Stilanforderung Chamforts und seines Biographen souverän durch.JOSEPH HANIMANN
CLAUDE ARNAUD: Chamfort. Die Frauen, der Adel und die Revolution. Biographie. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2007. 526 Seiten, 39,80 Euro.
Der Hochbegabte erfuhr, was es bedeutete, ohne Geld und Land als Hauslehrer, Salonlöwe und Günstling durchkommen zu müssen
Das Rosenbett der Pariser Aristokratengesellschaft machte Chamfort zu seinem Dornenlager
Die Idee einer Rückkehr hinter Schloss und Riegel erschien ihm vollkommen unerträglich
Wortsprudelnder Misanthrop, zu klug zum Glücklichsein: Nicolas de Chamfort (1740-1794) bridgemanart.com
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Joseph Hanimann zollt Claude Arnaud, dem Biografen des Schriftstellers, Adelsgünstlings und Revolutionsjournalisten, höchsten Respekt und stellt ihn in eine Reihe mit anderen großen Chamfort-Lesern wie Schopenhauer oder Puschkin. Der französische Autor versucht sich in seiner Lebensbeschreibung gar nicht erst in einem dürren Zahlen- und Datengerüst, weil man der schillernden Gestalt Chamforts, der nie ein geschlossenes Werk, dafür aber zahlreiche Maximen, Aphorismen und Betrachtungen hinterlassen hat, so nicht beikommt, meint der Rezensent zustimmend. Er bewundert die kompromisslose Darstellung aller Brüche in der Figur Chamforts und lobt die Anschaulichkeit und Sensibilität, mit der Arnaud den Charakter seines Protagonisten zeichnet. Dass auch der Übersetzer Ulrich Kunzmann der zweifachen Beanspruchung durch Arnaud und Chamfort, von dem die Biografie im Anhang einige unbekannte Texte bietet, gewachsen ist, preist der ohnehin begeisterte Rezensent ebenfalls.

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