Camilla im Callcenterland - Murgia, Michela
Marktplatzangebote
Ein Angebot für € 5,50 €

    Broschiertes Buch

Ehe Michela Murgia zur gefeierten Romanautorin (Accabadora: 40.000 verkaufte Exemplare) wurde, verschlug es sie unter anderem in ein Callcenter, wo sie am Telefon überrumpelten Hausfrauen Kirby-Staubsauger verkaufen sollte. Dass Callcenter zu den prekärsten Arbeitsplätzen gehören, ist bekannt ? Murgia beschreibt ihren sadistischen Alltag aber aus eigener Erfahrung: die stereotypen Telefonsätze, die halbseidenen Werbestrategien, die Hierarchien innerhalb der Firma und die billigen Motivationstechniken, mit denen zuerst die jungen Telefonistinnen und dann die möglichen Kundinnen der Firma auf…mehr

Produktbeschreibung
Ehe Michela Murgia zur gefeierten Romanautorin (Accabadora: 40.000 verkaufte
Exemplare) wurde, verschlug es sie unter anderem in ein Callcenter, wo
sie am Telefon überrumpelten Hausfrauen Kirby-Staubsauger verkaufen sollte.
Dass Callcenter zu den prekärsten Arbeitsplätzen gehören, ist bekannt ? Murgia
beschreibt ihren sadistischen Alltag aber aus eigener Erfahrung: die stereotypen
Telefonsätze, die halbseidenen Werbestrategien, die Hierarchien innerhalb
der Firma und die billigen Motivationstechniken, mit denen zuerst die
jungen Telefonistinnen und dann die möglichen Kundinnen der Firma auf den
Leim gehen sollen.
Alles höchst amüsant ? freilich fügt Murgia in einem Nachwort hinzu, dass sie
selbst kein bisschen darüber lachen kann. Ihr Buch sei aus der Wut über diese
unwürdigen Arbeitsverhältnisse entstanden, und als Zeugnis dieser Wut möchte
sie es verstanden wissen: eigentlich kein Roman, sondern ein Exorzismus.
  • Produktdetails
  • Wagenbachs andere Taschenbücher (WAT) Nr.667
  • Verlag: Wagenbach
  • Seitenzahl: 144
  • Erscheinungstermin: 23. August 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 119mm x 14mm
  • Gewicht: 186g
  • ISBN-13: 9783803126672
  • ISBN-10: 3803126673
  • Artikelnr.: 33357005
Autorenporträt
Michela Murgia, geboren 1972 in Cabras (Oristano), studierte Theologie und unterrichtete Religion. 2006 arbeitete sie einige Zeit in einem Callcenter. Nach mehreren Jahren in Mailand lebt sie nun wieder in Sardinien. 2010 erhielt sie den Premio Campiello für ihren Roman »Accabadora«, der im gleichen Jahr bei Wagenbach auf Deutsch erschien. Julika Brandestini erhielt 2010 den Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis für »Accabadora«.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 20.06.2012

Fluch aus der Ohrmuschel

Bekannt wurde Michela Murgia mit ihrem archaischen Sardinienroman "Accabadora". Ihr Bericht aus einem Callcenter führt nun in die Hypermoderne.

Wie sieht ein "Kirby" aus? Angeblich hat er ein futuristisches Design, tatsächlich erinnert er an "die guten alten Poliermaschinen von früher". Was kann er? "Zum Beispiel saugt er Staub. Aber er kann auch Nacken massieren, Waschbecken reinigen, Wände streichen, Hund und Katze desinfizieren." Wer braucht ihn? Niemand. Camilla wird jedoch dafür bezahlt, den Leuten Kirby anzudrehen. Sie kontaktiert Hausfrauen, bietet kostenlose Sofa-Reinigung an, und als Gegenleistung wird nur eine Meinung erwartet. Am Ende hat sie das klobige, laute Ding tatsächlich für 3000 Euro verkauft.

Was die italienische Schriftstellerin Michela Murgia in ihrem Erfahrungsbericht "Camilla im Callcenterland" erzählt, klingt schrecklich. Den "schweizerischen GULag" beschreibt sie mit aberwitziger Rage, in einem knallig-satirischen Tonfall, der Bauchfell und Tränendrüse zugleich strapaziert. Täglich arbeitet sie vier Stunden und telefoniert in der Zeit mit hundert Personen; das Soll sind drei Termine pro Stunde. Der Festlohn ist gering, es gibt aber Prämien; die Telefonistin kann auf 700 Euro monatlich kommen - ohne die geringste Absicherung, denn es handelt sich um einen projektgebundenen Vertrag, wie ihn die Arbeitsmarktreformen Silvio Berlusconis geschaffen haben. Wirklich perfide ist das Motivationssystem: Die Telefonistin wird morgens um acht per SMS daran erinnert, dass sie ein "Erfolgsmensch" ist, und in wöchentlichen "Motivationsmeetings" werden Lob und Sachprämien wie ein Schlüsselanhänger verteilt, der ihr von Firmenchef "Bill-Gaits" überreicht wird. Die Logik ist perfide: "Leute, die woanders keine Anerkennung bekommen", erhalten sie hier. Vor allem erfolglose Mitarbeiter werden auf diese Weise abgestraft: "Indem man einen lobt, macht man all die anderen mental zur Schnecke." Wird das Soll zu oft nicht erreicht, wird gekündigt.

Michela Murgia ist uns durch ihren archaischen Sardinienroman "Accabadora" ein Begriff. Ihr ins Deutsche übersetzter Erfahrungsbericht hingegen kommt aus der Hypermoderne: Es ist eine Zusammenstellung von Blogeinträgen, die sie während ihrer Telefonistinnentätigkeit 2006 anonym ins Netz gestellt hat. Auch stilistisch kommt der überraschte Leser vom Tag in die Nacht: Die nüchterne Schönheit des Romans weicht ätzender Ironie, die "Stimme des Zorns" grollt lautstark. Murgias kritische Überlegungen haben sie in Italien eine Zeitlang zur Sprecherin des Prekariats werden lassen.

Man kann ihr folgen, Absurdität und Menschenverachtung des Systems sind offensichtlich. Problematisch ist dagegen, was Murgia selbst im Nachwort benennt: Der Kirby-Vertrieb wird als sektenhaft beschrieben, gleichzeitig wird der Leser "mit vielversprechenden Aussichten auf Erlösung gefüttert, die ihn abschließende Befreiungsszenarien herbeisehnen lassen". Die Wirklichkeit aber gibt das nicht her: Murgia wirft den Bettel hin, weil sie es nicht aushält; keine Sekunde lang ist sie Sand im Getriebe. Die Enthüllung hat trotzdem ihren Nutzen: Der Leser lernt einiges, auch für den Umgang mit Anrufern, die damit rechnen, dass Menschen zu höflich sind, um sich Belästigung zu verbitten. Murgias transkribierte Gespräche sind unglaublich komisch und lehrreich. Ihre "Teufelsaustreibung" scheitert zwar an der Banalität der Ausbeutung - die Satire jedoch trifft tief ins Schwarze.

NIKLAS BENDER.

Michela Murgia: "Camilla im Callcenterland".

Aus dem Italienischen von Julika Brandestini. Wagenbach Verlag, Berlin 2011. 140 S., geb., 9,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Nach ihrem archaischen Sardinien-Roman hat die italienische Autorin Michela Murgia nun einen Bericht aus der modernen Arbeitswelt des Callcenters (dem "schweizerischen Gulag") vorgelegt, der den Rezensenten Niklas Bender zum Lachen wie zum Weinen brachte. Murgia hat dort vor einigen Jahren tatsächlich gearbeitet, sie sollte eine staubsaugende, Nacken massierenden und Waschbecken reinigende Poliermaschine verkaufen. Ätzende Ironie attestiert der Rezensent der Autorin, grollenden Zorn auch, weswegen er das Buch sehr empfehlen kann. Nur dass sie Sand im Getriebe gewesen sei, das mag er ihr nicht bescheinigen, hat sie doch selbst das Putzmonstrum eine Zeit lang mitverkauft.

© Perlentaucher Medien GmbH